Zwei Tage danach und spät abends klopfte Porterhouse an die mittlere Zimmertür, um Spike abzuholen. Spike war froh drüber, denn das Verhältnis zu Buffy hatte sich nicht entspannt, ganz im Gegenteil. Er wollte eigentlich nur raus hier und einen saufen gehen. Porterhouse wollte auch Gwydion sehen. Seltsam, dass dieser wilde Punk, der Frauen überhaupt keine Liebe entgegenbrachte, sondern sie nur bumsen wollte, solche Zuneigung zu Gwydion empfand. Zu einem sieben Monate alten sabbernden Baby, das unfähig war, seine Glieder koordiniert zu bewegen, das seinen Speichel nicht unter Kontrolle hatte, geschweige denn seine Schließmuskeln. Eben zu einem Baby. Aber Porterhouse fühlt sich in Gwydions Gegenwart einfach besser als sonst.
„Du kennst Porterhouse noch nicht?“, stellte Spike eher fest als dass er Buffy fragte.
„Nein. Hallo.“ sagte Buffy wortkarg zu dem kurzgeschorenen Punk, der zwar aufgeblickt hatte, sie aber mit Missachtung strafte und sich sofort wieder über Gwydions Bettchen beugte.
„Meine Güte“, sagte er verwundert und irgendwie zärtlich. „Der ist aber groß geworden.“
„Er wächst wie Unkraut“, sagte Spike, und auch seine Stimme klang zärtlich.
Porterhouse badete einige Augenblicke in der friedvollen Aura des Kleinen, wie er es schon vor Monaten getan hatte, als Lilah noch lebte. Zu der er übrigens am Anfang um keinen Deut freundlicher gewesen war als jetzt zu Buffy. Dann riss er sich los. „Wir wollten doch immer schon ins Cops gehen“, sagte er vieldeutig zu Spike.
„Wollten wir das?“ Irgendwas war heute, und Spike hatte es fast vergessen. Verdammt noch mal, nur wegen Buffy hatte er es fast vergessen: Heute war der Tag der Rache an W&H, dieser Verbrecherbande! Er blickte Buffy fragend an. Natürlich nicht, um sie um Erlaubnis zu bitten, ausgehen zu dürfen, aber irgendwer musste ja auf die Kinder achten.
Buffy zuckte mit den Schultern und ging wortlos in ihr Zimmer. Sie war schon sauer genug, um sich noch mehr aufregen zu können. Er war ja jeden Abend weg. Wenn nicht mit seinen Bandmitgliedern, dann mit blonden Schwedinnen. Und wer weiß, was er noch so alles trieb. Und dieser Porterhouse war ja... Wirklich, er war ätzend!
Spike interpretierte das Schulterzucken und das daraufhin folgende in ihr Zimmer gehen als Einwilligung, auf die Kinder zu achten. Wenn sie Langeweile hat, kann sie sich ja Angel als Gesellschaft dazu holen, überlegte er grimmig, verdrängte aber diesen Gedanken erfolgreich, zog sich seine Fliegerjacke über und verließ mit Porterhouse das Hotel und eine überaus muffige Buffy.
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Das Cops erwies sich beim ersten Anblick als ziemlich enttäuschend, mal abgesehen von der kühlen Einrichtung, die ganz aus Plexiglas und Aluminium bestand.
Es war ziemlich klein, lag im Kellergeschoss und hatte ein ziemlich kleines Fenster. Bei einem unter Platzangst Leidenden würde wohl schnell Panik ausbrechen.
Aber unter Platzangst litten Spike und Porterhouse nicht. Außerdem hatte das Cops durchaus seine Vorteile. Die schärfsten Bräute der Punkszene verkehrten hier. Die Musik war ultrascharf. Die Videos auch. Und es gab hier die größten Sambucas der westlichen Hemisphäre ...
Der Grund, warum die Sambucas so groß waren, lag allein in der Tatsache begründet, dass dafür immer die gleichen Gläser benutzt wurden, und zwar recht große. Für andere Sachen wie Schnaps oder Bier nahm das Personal immer verschieden große und von der Form her total unterschiedliche Gläser aus dem riesigen Regal für... na ja, unterschiedliche Gläser.
Das konnte dazu führen, das ein spendabler Typ, der eine Runde für fünf Leute ausgeben wollte, fünf verschiedenförmige und vor allen verschieden große Gläser bekam, in denen natürlich auch fünf sehr unterschiedliche Mengen an Bier, Schnaps und so weiter enthalten waren. Wenn man Glück hatte, erwischte man ein Halbliter-Einmachglas. Wenn man Pech hatte nur ein 4 cl kleines Schnapsglas*. Aber diese Benachteiligungen glichen sich bei der nächsten Bestellung wieder aus.
Beim Sambuca herrschten diese Gesetze des Zufalls nicht. Sambuca wurde vielleicht durch kosmische Bestimmung oder durch die Laune des Chefs immer in gleich großen Behältnissen serviert, und zwar in zwanzig cl Gläsern. Also fünffach so groß wie die handelsüblichen Gebinde*. So was gibt es nicht? Doch! Einst hatte sie jemand - es war ein Glasbläser - in die richtige Form und Größe geblasen. Zuerst nur für den privaten Gebrauch, dann für den Chef des Cops. Und der hatte sich in die Gläser verliebt und sie aufbewahrt für gute Kunden, die auch Sambucaliebhaber waren.
Bei den ersten drei Sambucas kaute Spike noch vorschriftsmäßig die traditionell mit servierten Kaffeebohnen. Immer drei an der Zahl, bis er sie in den Zähnen stecken hatte und sie nicht mehr loswerden konnte. Am Anfang versuchte die Bedienung auch noch, den Sambuca traditionell anzuzünden, was Spike sich dann energisch verbat, denn der kostbare Alkohol durfte nicht verkokelt werden, auch wenn's noch so schön aussah.
Nach drei Gläsern hatte die Bedienung es endlich kapiert: Keine Kaffeebohnen und kein Anzünden!
Nach einer Stunde erhob sich Spike wankend und setzte sich auf den Barhocker vor dem Videogerät.
„Die haben hier die geilsten Dinger“, rief Porterhouse ihm nach.
Das musste Spike nachprüfen. Whow, die Achtziger! Wunderbar. Seine Musik, Seine Gruppen. Joy Division, New Order, die Krupps ... Wunderbar, einfach wunderbar. Dead Kennedys!
„Gib mir noch so ein süßes Ding“, wandte er sich mit schon leicht unsicherer Zunge an die Bedienung.
Something always goes wrong when things are going right
You've swallowed your pride to quell the pain inside
someone captured your heart.Like a thief in the night.
and squeezed all the juice out - until il ran dry.
Ja schau man einer an, The The ... Spike musste ein wenig mitsingen, natürlich nur ganz leise, das war kein Lied zum Mitgrölen, nein. Es war traurig. So traurig. Leicht schwankend auf seinem Barhocker starrte er auf den Monitor und murmelte in sich hinein: Der Schmerz? Ja. Mein Herz? Tot. Du? Wo? Ich vermisse dich!
Auf einmal fühlte er, wie ihn das Verlangen nach einer Zigarette überkam. Der Alkohol machte ihn schwach, so schwach. Er hatte gewusst wie schwer es werden würde. Zwölf Monate oder so ähnlich hatte er nicht mehr geraucht, und ausgerechnet hier durfte man rauchen, es war fast ein Privatclub, und es roch so verdammt anregend nach Zigarettenqualm. Spike war leider noch nicht in das Stadium gelangt, in dem der Zigarettenqualm ekelhaft riechen würde.
Nein und noch mal nein! Nicht wieder anfangen! Das ist genau wie mit der Liebe, sie bringt nichts Gutes. Nein, ich will nicht. Als Kind war ich doch auch glücklich, und ich habe nicht geraucht. Nur ist das schon so lange her. Eigentlich kann mich gar nicht mehr dran erinnern ...
Nein. Ich will nicht. Es gibt auch ein Leben nach dem Rauchen. Ja toll, nur kommt es einem so verdammt lang vor, es fehlt der Zeitmesser, die Zigarette als Uhr, vielleicht jede halbe Stunde eine, und man kontrolliert die Zeit. Und jetzt stehe ich ohne da und habe keinen Bezugspunkt mehr wie... ja vielleicht in einer Black Box. Ich kann die Zeit nur messen, indem ich trinke, mit langsamen Schlucken dieses süße Zeugs saufe, bis mir die Zähne im Mund verfaulen ...
Sich mit diesen Sprüchen aufbauend, gewann Spike allmählich wieder die Gewalt über sich selber – oder über den Dämon in sich, der unbedingt nach Zigaretten verlangte.
Er setzte sich wieder zu Porterhouse an die Theke. Viel Auswahl zum Sitzen hatte man hier nicht, außer den paar Barhockern gab es drei kleine Tische, natürlich aus Alublech mit passenden Stühlen aus Plexiglas.
Die Bedienung wollte Spike anbaggern. Spike war das etwas peinlich, aber er war jetzt so besoffen, dass er tatsächlich ein wenig mit der Bedienung flirtete.
„Du bist nicht schwul“, meinte die Bedienung schließlich enttäuscht. „Ich sehe es in deinen Augen.“
„Ach schade! Wär' vielleicht 'ne Alternative,“ sagte Spike enttäuscht. „Und der?“ Er wies mit dem Zeigefinger auf seinen Kumpel Porterhouse. „Ist der schwul?“
„Der? Nie im Leben. Der hat so kalte Augen.“
„Na dann woll'n wir da mal einen drauf trinken!“
„Gibst du denn einen aus?“, fragte eine weibliche Stimme neben ihm.
Arrgh, jetzt kamen auch noch die Weiber dazu! Jetzt musste man nicht nur gegen seine Nikotinsucht ankämpfen, sondern auch gegen den Drang, irgendein Weib zu begatten. Es war schon so lange her. Wie lange? Ooohh, so lange nun auch wieder nicht. Wann war es? Ach ja, Mitte November war das liebe Buffylein in seinem Hotel erschienen. Und ... Leider war er so besoffen gewesen, dass er fast alles vergessen hatte, aber es musste schlimm gewesen sein. Und geil. Und dafür schämte er sich.
Jetzt hatte er nämlich zwei Ehefrauen, denen er treu sein musste, und zwar seine verstorbene Ehefrau Lilah und seine jetzige Ehefrau Buffy, wobei er die erste schon mit der zweiten betrogen hatte, zwar nach ihrem Tode betrogen hatte, aber Betrug ist Betrug ...
„Mach mir mal 'nen Espresso, aber einen richtig großen...“,wandte er sich an die Bedienung. „Und mach ihr 'nen Sambuca.“ Er wies mit dem linken Daumen auf die auffällige Erscheinung neben sich. Damit meinte er ein Mädel mit pechschwarzen Haaren und roten Strähnen darin, ein Mädel mit üppigem Busen, die nur durch eine Art schwarzes Netz verhüllt waren, nein, verhüllt konnte man nicht sagen, sie wurden dadurch eher betont, sozusagen hervorgehoben, so dass Spikes Augen ihn schwer hinunterzogen zu diesen ... Ach was, es war genug. Er riss sich los von dem faszinierenden Anblick und wandte sich wieder seinem Sambuca zu. Im gleichen Augenblick wurde ihm ein dampfender Espresso in einer riesigen Kaffeetasse serviert.
Es war ein eindrucksvoller Moment, als der geil machende Sambuca mit dem belebenden Espresso zusammenprallte und die Normalität wieder herstellte. Fast wieder herstellte.
„Hatten wir nicht noch was vor?“, fragte er Porterhouse, zwar immer noch mit ein wenig stockender Stimme, aber doch schon ernüchtert.
„Ich ruf ihn jetzt an“, sagte Porterhouse, schob die Braut beiseite, die sich auf seinem Schoß niedergelassen hatte und wählte eine Nummer auf seinem Handy. „Wir sind hier im Cops. Kannst du uns nach Hause fahren?“ Porterhouse grinste bei diesen Worten.
Spike grinste auch. Obwohl er sich gegen das Mädel wehren musste, das sich immer näher an ihn drängte und ihm dann ins Ohr flüsterte: „Was ist, Bill? Hast du auch ein big bad thing?“ Sie kannte ihn, realisierte Spike durch die restlichen Alkoholschwaden, die sein Gehirn durchzogen. Kannte ihn von der Band. Er hatte ihr den Namen 'THE BIG BAD THING' gegeben, abgekürzt TBBT, weil er sich früher mal als BIG Bad bezeichnete, als er noch ein gnadenloser Vampir war. Die Antwort auf die Frage wäre... schwierig. Vielleicht ja, vielleicht nein, aber mit Sicherheit nicht für diese Braut. Also gab er ihr keine Antwort, sondern bestellte noch einen Sambuca für sie und grinste vor sich hin.
Er grinste immer noch, als nach einer viertel Stunde Snikkers ins Cops kam, um seine Freunde und Bandmitglieder mit seinem Taxi abzuholen. Nachdem er sie vorher ermahnt hatte, doch ihre Zeche zu zahlen, was sie wohl vergessen hatten.
Snikkers hatte auch die Baseballschläger, die Gesichtsmasken und die Handschuhe besorgt. Ein fein ausgeklügelter Plan. Keiner würde sie verdächtigen, weil sie erst im Cops gewesen waren - ohne erkennbare Baseballschläger oder andere Zerstörungsmittel - und dann ein Taxi bestellt hatten. Außerdem hatten sie vor - wenn es hart auf hart kommen würde - sich gegenseitig ein Alibi zu geben. Nämlich vom Bandmitglied Casio, dem Meister des Synthesizers.
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Das Haus war dunkel, sie hatten ausspioniert, dass es seit Halloween im letzten Jahr nicht mehr bewohnt worden war. Die Haustür hing nicht mehr schief in den Angeln, sondern war repariert worden. Auch das zerbrochene Fensterglas hatte man ersetzt.
Wer hatte das getan, wunderte sich Spike. Waren sie immer noch da? Lauerten sie im Hintergrund, um sich die Kinder anzueignen? Diese verdammten Wichser!
Spike wies Snikkers an, die Scheinwerfer auszumachen und zu wenden, um bei drohender Gefahr gleich losfahren zu können.
Dann ging er mit Porterhouse um das Haus herum, um über die Terrasse in den Wintergarten zu gelangen, was mit den Baseballschlägern hervorragend klappte. Das Glas brach und kreischte auf unter den Schlägen. Sie machten kein Licht an, denn möglicherweise waren die Überwachungskameras noch aktiv.
Snikkers im Taxi lauschte andächtig den Geräuschen, die kurz darauf aus dem Inneren des Hauses drangen. Er lächelte.
Es war ein alberner und kindischer Akt der Barbarei. Es war bescheuert und gesetzeswidrig, aber es war sehr befriedigend, alles im Haus, was sich irgendwie in Stücke hauen ließ, in Stücke zu hauen. Dem Gasherd widmete Spike besonders viel Aufmerksamkeit mit dem Baseballschläger, obwohl objektiv betrachtet, der arme Gasherd gar nicht wusste, was er letztes Jahr angerichtet hatte. Er war ja nur manipuliert worden und hatte eine verheerende Implosion ausgelöst - in deren Folge Lilah starb.
Spike musste seine Tränen unterdrücken. Und seine Erinnerungen auch. Doch trotzdem sah er sie immer noch: Sie lag an der Wand gegenüber des Gasherds. Und sie lächelte. Obwohl ihr Körper zerschmettert war. Nein, nein, nicht mehr dran denken, Spike! Nicht mehr dran denken! Tränen standen in seinen Augen, als er wild auf den Gasherd einschlug. Es war ein alberner und kindischer Akt der Barbarei, aber er war befriedigend. Er war sogar total befriedigend! Spike wusste nun, dass er alles in Los Angeles erledigt hatte. Na ja, fast alles ...
*4 cl Schnapsglas in den USA üblich