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BLUTZOLL

Schauriges · Kurzgeschichten
Sie war gefangen. Und verloren. Die Mauern des Drudenhauses konnte selbst sie nicht durchdringen. Und sie war nicht die Einzige hier. Sie hatte die verzweifelten Schreie der Frauen gehört, als man sie in ihre Zelle geführt hatte. Schreie und Flüche. Weinen und Betteln. Verzweiflung und Ohnmacht. Sie waren alle unschuldig. Nicht eine von ihnen hatte dem Fürsten gedient. Dabei war Bambergs Hexenkommissar, der schon 400 Frauen hinrichten ließ, blutdürstiger und unmenschlicher, als all die Frauen, die er der Hexenschaft bezichtigte. Anna Hansen seufzte. Auch sie würde sterben. Das wußte sie. Aber sie würde wiederkommen. Das machte ihr alles leichter. Sie hatten sie gefoltert. Hatten das Geständnis aus ihr herausgepreßt. Ihre Achselhöhlen schmerzten unerträglich. Dort wo man sie gebrandmarkt hatte. Aber nicht nur dort. Auch ihre Brüste waren nicht von den glühenden Zangen verschont geblieben. Anna schloß die Augen, lehnte sich entkräftet an die kalte Steinwand ihrer Zelle und rutschte haltlos daran hinab. Sie blieb auf dem feuchtkalten Boden sitzen und gab sich dem Schmerz hin. Im Morgengrauen würde man sie auf den Scheiterhaufen führen. Sie den züngelnden Flammen des Feuers übergeben. Aber sie würde wiederkehren. Ihre Seele konnten sie ihr nicht nehmen. Die würde neugeboren werden. In einer anderen Frau.. Anna lächelte entrückt. Sie lächelte noch, als sich einige Stunden später die Feuerzungen durch ihr Fleisch fraßen und ihren Geist endgültig auslöschten...

Waleah wurde abrupt in die Wirklichkeit zurückversetzt. Sie erwachte durch ihren Schrei, der wie ein Messer die Stille der Nacht durchschnitt. Benommen setze sie sich auf und tastete nach dem Schalter der Nachttischlampe. Doch das Licht, das wenig später aufflackerte, schenkte ihr keinen Schutz. Selbst in einem Kreis durchtrainierter Leibwächter hätte sie sich nicht sicher gefühlt. Schuld daran war der Traum, der sie jede Nacht heimsuchte. Und das seit Wochen.
Sie wußte nicht einmal mehr, wann genau es begonnen hatte. Als dieser regelmäßige Alptraum dann allmählich zur Gewohnheit wurde, hoffte sie, daß er dadurch an Bedrohlichkeit verlor. Aber so war es nicht. Ganz im Gegenteil. Er ängstigte sie immer mehr. Damit nicht genug. Er ließ sie auch - wenn die Sonne aufging - nicht los. Schickte ihr verwirrende Tagträume. Und eine Stimme, die nicht hinter ihre Stirn gehörte, die sich aber nicht vertreiben ließ. Die, unaufhaltsam auf sie einsäuselte. Nicht wohltuend oder gütig. Nein, fordernd und höhnisch.
Das verunsicherte sie.
Waleah hatte nicht nur einen ungewöhnlichen Namen, sie war auch eine außergewöhnliche Frau. Sie stand mit beiden Beinen im Leben. War durch nichts zu erschüttern. Durch fast nichts. Sie war schon immer wißbegierig gewesen. Wollte schon immer an Grenzen stoßen. Sich und die Welt hinterfragen. Sobald sie lesen konnte, nutzte sie die Welt der Bücher, um ihre blühende Phantasie auf Reisen zu schicken. In fremde Welten, Kulturen oder unbekannte Völkern einzutauchen. Sie las seit sie ihrer frühesten Kindheit. So viel, daß sie den Großteil ihrer Bücher an ihre Freunde weitergab. Die Trudenzeitung war das einzige Dokument, das sie wie ein Heiligtum hütete. Das Nachrichtenblatt des 16. Jahrhunderts, das sie in einer alten Bibliothek erstöbert hatte, dokumentierte die Hexenverfolgung in Bamberg in all ihren blutigen Einzelheiten. Mehr noch; sie verleitete Waleah das erste Mal in ihrem Leben etwas Unrechtes zu tun. Sie stahl das alte Dokument. Ohne den Hauch von Reue. Als wisse sie, daß die Zeitung nur auf sie gewartet hatte. Jeder Satz, jedes Wort, jede Zeichnung saß in Waleahs Kopf fest. Sie wußte nicht wie oft sie sie gelesen hatte. Aber wenn sie mitgezählt hätte, wäre sie spielend auf eine dreistellige Zahl gekommen. Was sie besonders beschäftigte war eine - von wem auch immer - angekreuzte Stelle, die besagte, daß man durch Alpträume zu einer Hexe werden konnte. Doch daran wollte sie nicht so recht glauben. Auch wenn sie mit ihren zunehmenden Träumen eine Veränderung in sich verspürte. Sie nahm ihr Umfeld deutlicher wahr. Es trieb sie nachts häufiger aus dem Haus. Hinaus in den angrenzenden Park. Sie, die der Natur nie sonderlich Beachtung geschenkt hatte, liebte es plötzlich nachts den Wind in ihrem offenen Haar zu spüren. Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, legte sie sogar ihre Kleidung ab und überließ sich so der kühlen Nachtluft und dem Mondlicht.
Sie war eine moderne Stadthexe geworden. Ohne ihr Zutun. Zuerst ablehnend, dann immer freudiger. Immer begieriger, ihre neuen Möglichkeiten auskostend. Auch wenn sie nach dem alten Glauben dadurch mehr und mehr eine Verbündete des Dunklen Fürsten wurde. Aber das war ihr nicht bewußt.
Bis zum nächsten Traum.

Der Boden erzitterte. Als galoppiere eine in Panik versetzte Wildpferdeherde auf sie zu. Schnauben erfüllte die Luft. Ohrenbetäubende Flüche hallten in ihren Ohren. Wildes Hundegebell begleitet die Geräuschwand, die sich auf Waleah zubewegte. Sie erstarrte. Panik machte sich in ihr breit. Sie stand ihm schutzlos ausgeliefert.
Dem Wilden Heer.
Peitschenknallen kündigte sie, ebenso wie derbes Gelächter an. Waleahs angsterfüllter Schrei ging darin unter. Sie wußte wie blutrünstig sie waren. Die nächtlichen Reiter. Es war die Horde, vor der sich alle fürchteten. Die mit teuflischer Macht Unheil über die Welt brachte. Die aus der Vorhölle entsprungen war. Wo die Reiter auftauchten blieb ein Heer der Verwüstung zurück. Entwurzelte Bäume und Büsche. Verstümmelte Opfer, die den Hufen der Pferde und Gebissen der Hunde nicht entgehen konnten. Schon in den Geschichtsbüchern war festgehalten worden, daß die Horde teuflische Mächte repräsentierte.
Waleah taumelte bei dem Gedanken.
Stimmen wurden laut. Stimmen, die eindeutig heller waren und nicht zu dem Wilden Heer gehörten. Dann waren sie heran. Die Todesreiter. Auf schwarzen Pferden mit stolzgebogenen Hälsen und wallenden Mähnen. Die dunklen Umhänge der Reiter wehten wie Flaggen einer Todeschwadron hinter ihnen her.
Und dann sah Waleah sie.
Die Kinder.
Mit eingefallenen Gesichtern und aufgerissenen Augen, aus dunkelumrandeten Höhlen.

Waleah schrie noch als sie erwachte.
Es stimmte. Es stimmte alles. Das Wilde Heer und die vor der Taufe verstorbenen Kinder. Es gab sie. Es gab sie wirklich. Alles worüber sie gelesen in der Trudenzeitung gelesen hatte war wahr. Und sie wußte, was es bedeutete, wenn einem die Todesreiter im Traum erschienen. Mit den ungetauften Kindern.
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Kommentare  

Wieder einmal eine der Geschichten, die angefangen aber nie beendet werden. Danke fürs Reingelegtwerden.

Stefan Steinmetz (05.06.2006)

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