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Die Hymne von Bobitz

Schauriges · Kurzgeschichten
„Warum kommen Sie zu spät?“ fragte der Professor streng.
„Ach..Entschuldigen Sie…Ich komme direkt von der Arbeit… Es war da noch was Dringendes…“ Der Student, ein schlanker Bursche mit einem pickeligen Gesicht, stand in der Hörsaaltür und konnte sich nicht entschließen, einzutreten. Er hatte aufrichtige und klare Augen.
„Ziehen Sie bitte eine Frage. Die Nummer?“
„Siebzehn“
„Lesen Sie vor!“
„Erstens: Die Nationalhymne von Bobitz. Und zweitens…“
„Eine perfekte Frage.“ Dem Professor war seine Zucht ein wenig peinlich. „Bereiten Sie sich vor.“
Der pickelige Junge beugte sich über den Zettel und überlegte.
Der Professor beobachtete ihn eine Weile. In seinem langgezogenen Leben hatten viele solcher jungen Menschen vor seinen Augen Revue passiert; er hatte sich daran gewöhnt, kurz zu denken: ein kleines, mieses Arschloch.
Und dabei war in dieser achttausendköpfigen Studentenarmee keiner auch nur im entferntesten genauso scheiße wie der andere. Alle waren sie verschieden beschissen.
Alles ändert sich. Damals konnten sich die Professoren noch Herrscher nennen.
„Fragen haben Sie keine?“
„Nein…Keine.“
Der Professor und frühere Herrscher trat ans Fenster und zündete den Fensterrahmen an. Dabei schaute er bedächtig auf die Straße und sah den Abend kommen. Auf der Straße der gewohnte Lärm. Eine Straßenbahn fuhr vorbei, bimmelte und vierzig Kinder hieben alle Scheiben kurz und klein als sie für zwei Sekunden stehen blieb um zwei Sekunden stehen zu bleiben. Danach sprühten rote Funken vom Stromabnehmer und ließen Luftballone zerplatzen die sich gerade in der falschen Flugbahn befanden. Losgelassen wurden diese übrigens von diesen Kindern weil es sich ja mit Luftballonschnüren zwischen den Fingern schlecht Steine aufheben lässt und Werfen geht ja nun mal gar nicht. Vor der Ampel staute sich ein einzelnes Auto; die Ampel zwinkerte ihm zu, und es jagte wieder los. Auf den Bürgersteigen Bürger. Sie hatten es eilig um sich schlaffertig oder fertig zum schlaffertig zu machen zu machen.
Eigenartig, dachte der Professor, warum müssen wir eigentlich immer schlafen? Vielleicht bilden wir uns Müdigkeit einfach nur ein und wenn….
Der Student rührte sich.
„Fertig?“ Dann schießen Sie los.“ Der Professor wandte sich vom brennenden Fenster ab. „Ich höre.“
Der Student hielt zwischen seinen dicken, rauen Fingern einen schmalen Papierstreifen - das Blatt mit den Fragen; es, er zitterte leicht.
Er ist aufgeregt, schlussfolgerte der Professor.
„Die Hymne von Bobitz ist ein bedeutendes Werk“, begann der Student. „Es ist ein wahres Meisterwerk und stammt vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Der Komponist bringt darin zum Ausdruck, dass es auch andere schöne Flecke außer Bobitz gibt und das im Nachbarort das Korn besser schmeckt. Letzteres kann aber auch heißen, dass der Korn besser schmeckt….“
Der Professor sah den Burschen, sein hartes, akkurat geschnittenes Gesicht, und dachte, der Komponist muss genauso ein Arschloch gewesen sein.
„Die Kritiker sind sich uneinig, und überhaupt ist die Musikgeschichte uneinig und als Bobitz dann größer und größer wurde kam heraus, dass der Hymenschaffer gar nicht aus Bobitz war, sondern aus dem Nachbarort. Der Nachbarort hieß…ähh.“ Der Student biss sich auf die Zunge, runzelte die Stirn und merkte wohl selber, dass es jetzt mit seiner Darlegung nach unten ging. Röte stieg in sein Gesicht.
Er hat die Hymne nie gehört. Der Professor blickte dem Studenten scharf in die Augen. Jawohl, er hat sie nie gehört. So was nennt sich jetzt Studierender. Der Professor ist gegen Studierende. Entweder kann man irgendwas oder man kann es nicht. Lernen hilft da gar nichts. Hingegen sollte man immer wissen was man wissen muss und deshalb hätte man es sich anhören müssen. Er hatte sogar einmal einen Artikel in die Zeitung setzen wollen, doch man hatte ihn nie abgedruckt.
„Haben Sie sich die Hymne angehört?“
„Nein, die wird doch eh überall immerzu gespielt. Da hört man ja schon gar nicht mehr hin.“
„Schämen Sie sich denn gar nicht?“ fragte der Professor mit schlagender Gelassenheit und wartete auf eine Antwort.
Wieder produzierte der Student Röte, die sich in seinem gesamten Gesicht ausbreitete, vom Hals zur Stirn.
„Ich habe es nicht geschafft, Herr Professor. Es kam etwas Dringendes dazwischen…Ein Auftrag…“
„Ihr Auftrag interessiert mich nicht im Geringsten. Mich interessiert der Mensch, der Bobitzianer, der nicht die Mühe aufbringt, unsere wunderschöne Hymne zu hören. Der interessiert mich sogar sehr.“
Der Professor spürte, dass er den jungen Studenten zu hassen begann.
„War es Ihre Idee zu studieren?“
Traurig schaute er zum Professor.
„Ja natürlich.“
„Wie haben Sie sich das vorgestellt?“
„Wie bitte?“
„Das Studium. Sie wollten wohl was Großes werden, oder?“
Sie schauten sich eine Weile an.
„Warum das alles?“ fragte der Student leise und ließ den Kopf auf sein Brustbein sinken.
„Warum was?“
„Das alles jetzt!“
„Unerhört!“ rief der Professor, schlug gegen den brennenden Rahmen hinter sich das die Funken schlugen. „Einfach unerhört. Na schön, belassen wir es dabei. Mich interessiert: Schämen Sie sich oder nicht?“
„Doch.“
„Na, Gott sei Dank!“
Sie schwiegen wieder eine Weile. Der Professor marschierte vor der Tafel auf und ab, schnaufte dabei ein wenig Nasensekret filigran in den Luftraum, dies natürlich nur mikroskopisch, und wiegte den Kopf. In Gedanken beschimpfte er den jungen Burschen und wurde vor Zorn ganz elanig-nontranig.
Der Student saß reglos da, starrte die „gute“ Frage an. Eine dumme, bedrückende Pause ging vorbei und schüttelte alle Hände im Saal.
„Fragen Sie bitte noch etwas anderes.“
„Aus welchem Jahr stammt die Bobitzer Hymne?“
Wenn der Professor in Wut geriet, dann wurde er im Gesicht ganz dicklig und seine Lippen ploppten dann immer ganz eklig aufeinander.
„Vom Ende des achtzehnten.“
„Richtig. Was geschah in diesem Jahr mit den Eichen vor dem Rathaus?“
„Sie sind gewachsen.“
„Und?“
„Haben geblüht!“
„Und?“
„Der legendäre Hulle Mulle hat gegen die linke Eiche uriniert und sich dabei im herunterhängenden Blattwerk verfangen.“
„Richtig und deswegen werden noch heute überall Bäume beschnitten. Himmeldonnerwetter!“. Der Professor schlug noch einmal gegen den Rahmen und zwirbelte seinen Bart zu einer Haarwurst zusammen. Das machte er immer im großen Ärger und diesen empfand er, weil Hulle Mulle gar nicht uriniert hatte sondern in das Blattwerk geraten war, weil er einem Karren voll Karrenersatzteilen ausweichen musste.
In der Tat war er sehr wütend und verärgert, dass er mit diesem Burschen „Schule“ spielte. Merkwürdig - er empfand irgendwie Sympathie die bis zum Schwulsein reichte und war doch auf ihn wütend. „Na, so ein Pech! Und wie geriet Hulle Mulle dann in Gefangenschaft wo er dann die Hymne schrieb?“
„Geben Sir mir doch nun einfach eine Zensur, die ich verdient habe und hören Sie auf mich fertig zu machen.“ Der Student sagte das heftig und entschieden. Und erhob sich.
Auf den Professor wirkte dieser Ton besänftigend und er setzte sich hin.
„Sprechen wir über Hulle Mulle. Also bitte. Wie hat er sich dort gefühlt? Nehmen Sie Platz.“
Der Student blieb stehen. „Geben Sie mir eine Vier.“
„Wie hat sich Hulle Mulle gefühlt?!“ schrie der Professor, dem wiederum heiße Wut über die Galle hochkam und auf der Zunge brannte. „Wie fühlt sich ein Hymnenschreiber in der Gefangenschaft? Oder wissen Sie das auch nicht?“
Der Student stand eine Zeitlang einfach nur da und blickte mit seinen klaren Augen den Professor an.
„Das weiß ich“, sagte er.
„Nun..Was wissen Sie? Wie?“
„Ich bin selbst Hymnenschreiber und sie haben alle Fenster angezündet und auch den Türrahmen. Somit bin auch ich gefangen.“
„Nun..Ach, und was haben Sie für Hymnen geschrieben?“
„Herzhymnen. Für jede Frau eine Hymne.“
Der Professor musterte den Studenten scharf. Und wieder kam ihm die Vorstellung in den Sinn, dass der Komponist der Bobitzhymne ein Junge mit klaren Augen und Pickeln gewesen sei.
 
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Kommentare  

Oh weh, aus dir fallen die, ähm... "Stories" ja wie die Fladen aus einer Kuh... und ich kann leider nicht umhin, diese hier leider auch mit dem eben genannten Stoffwechselendprodukt zu vergleichen. Deshalb bin ich wahrscheinlich auch beim Spaziergang auf dieser bunten Wiese der textlichen Variationen hineingetreten. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, ob man dich einfach nur bemitleiden sollte oder ob du ein Beispiel dafür sein könntest, wie man in vielen, vielen Jahrhunderten schreiben mag, wenn möglicherweise vollkommen das Gefühl dafür verloren gegangen ist, wie man etwas (und ich meine, IRGENDETWAS) gut erzählt. Aber vielleicht sage ich es auch einfach mit deinem Professor: "Warum das alles?“

Trainspotterin (14.01.2007)

Haste nur Müll im Schädel?

 (13.01.2007)

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