13


3 Seiten

Zu Hause in Deutschland - ihr seid gefragt

Aktuelles und Alltägliches · Kurzgeschichten
Zu Hause in Deutschland
(Aufsatz für den Deutschunterricht)
Wenn mich jemand fragen würde, wie ich mich als Deutsche fühle, könnte ich keine Antwort geben. Ich weiß keine und so sehr ich auch überlege, mir fällt keine ein. Ich kann nicht sagen, dass Deutschland meine Heimat ist, auch wenn ich hier geboren wurde.
Da ich noch nie wirklich über dieses Thema nachgedacht habe, fragte ich einige meiner Freunde und mir wurde klar, dass der größte Teil von ihnen ganz ähnliche Ansichten hat wie ich. Die meisten wollen später ins Ausland gehen, auf jeden Fall sehen sie in Deutschland keine Zukunft.
Deutsche Kultur ist ein Wort, unter dem wir uns nichts vorstellen können. Wir denken unwillkürlich an Dirndl und Spätzle, aber ansonsten sind wir ratlos. Den Nationalfeiertag bemerkten wir erst, als wir irgendwo eine einsame Fahne aus einem Fenster hängen sahen. Bei der Nationalhymne, die wir mal im Geschichtsunterricht durchnahmen, verdrehten wir die Augen. Wir mögen unser zu Hause, aber Deutschland bedeutet uns nichts. Vielleicht ist das die neue Generation.
Wie die meisten Jugendlichen in meiner Umgebung bin ich aufgewachsen mit dem Wissen über die Vergangenheit Deutschlands. Da wurde nix schön geredet aber auch nichts überdramatisiert. Wir hatten halt mit der Vergangenheit zu leben und fertig. Die Vorstellung, dass meine Urgroßväter in eines der dunkelsten Kapitel der Geschichte verstrickt sein könnten, ließ die Illusion von dem schönen deutschen Vaterland gar nicht erst entstehen. Natürlich gibt es Dinge, die ich an Deutschland mag. Die Wälder zum Beispiel. Aber mehr fällt mir partout nicht ein.
Manchmal sieht man im Fernsehen, wie Menschen inbrünstig ihre Nationalhymne singen. Sie sind stolz auf ihr Land und sie lieben es. Ich weiß nicht, worauf ich stolz sein sollte. Ich habe genug zu gesehen, um zu wissen, dass die Politik Deutschlands und meine eigenen Grundsätze und moralischen Ansprüche nicht einmal zu 30% übereinstimmen. Mit einem „deutschen Volk“ kann ich mich nicht identifizieren. Darunter kann ich mir einfach nichts vorstellen. Ich bin froh, dass ich nicht in einer Diktatur lebe, aber das ist auch alles.
Manchmal gibt es Momente, da bin ich optimistisch. Ich denke: Die Nazi-Zeit ist vorbei, man hat daraus gelernt. Aber dann kommt es wieder in den Nachrichten: rassistische Übergriffe auf mehrere ausländische Jugendliche. Mit jedem Tag hört man furchtbare Dinge über das Land in dem man lebt. Ein Mann ist ins Koma geprügelt worden. Andere saufen sich lieber ins Koma. Ich kann’s verstehen.
Ich denke an den Spruch: Die Regierung drückt gerne das rechte Auge zu. Meistens aber drückt sie wohl beide Augen zu. Denn auf was kann man sich noch verlassen, wenn eine Klassenkameradin von ihren Eltern zurück in ihr Heimatland geschickt wird und jeder weiß, dass sie dort zwangsverheiratet wird? Und wenn man versucht, etwas dagegen zu unternehmen, aber alle hohen Tiere vornehm wegschauen, weil es ja nicht in ihren Aufgabenbereich fällt? Wenn man nur die Antwort hört: „Da können wir leider nichts unternehmen, die Rechtslage...“
Worauf können wir vertrauen? Recht und Freiheit? Ist es ein Wunder, dass ich mich nicht zugehörig fühlen will? Würde ich mich zu diesem Staat bekennen, müsste ich dann nicht auch seine Taten rechtfertigen oder zumindest tolerieren können? Aber leider kann ich das nicht. Ich brauche nur auf die Straße zu gehen, und schon springt mir etwas ins Auge, über das ich mich bis zur Weißglut ärgere. Das Wahlplakat der NPD, mit dieser Frage von blauäugigen blonden Kindern: „Wir oder Einwanderung?“ Ich sehe es an und bereue, dass ich meine straffreie Gelegenheit mit vierzehn Jahren einfach verstreichen ließ, und nicht ein paar von diesen Plakaten hinuntergerissen habe – für den eigenen Seelenfrieden. In der Schule war ein ganzer Tisch mit Judenwitzen vollgeschmiert. Ich las sie und kam mir vor, wie in einem falschen Film. Ich fragte mich, wie man alle Probleme auf das Bildungsniveau abschieben kann. Schließlich war ich auf einem Gymnasium. Irgendwas war wohl nicht in Ordnung, irgendwas konnte nicht stimmen, dass es Generationen nach dem zweiten Weltkrieg solche Jugendlichen auf einem Gymnasium gab – das dämmerte mir zu diesem Zeitpunkt. Nach diesem Vorfall verschwand bei mir jeder Hauch von Patriotismus, denn ich begann nachzudenken – über die Menschen, über das Land, über Handlungsweisen, Motive, Politik.
Würde kein Land eine Armee besitzen, wer würde dann noch Kriege führen?

Brecht sagte: „Es geht auch anders – doch so geht es auch“
Das Ende der Vaterlandsliebe ist die entscheidende Frage: „Warum bleibt das Land, in dem wir leben so, wie es ist?“ Und man stößt auf die Kollektiv-Schuld. Allein kann man nichts ändern, aber allein ist man trotzdem schuldig. Die Bequemlichkeit kommt halt vor der Moral.
Es gibt kein heiliges Vaterland für mich, denn ich sehe nur ein Heer aus Egoisten – mich selbst mit eingeschlossen. Egoisten, von denen jeder versucht, an der Spitze zu stehen, die sich gegenseitig niedertreten, nur um nach oben zu kommen, die froh sind, wenn einer ihrer Gegner ausscheidet – ein Konkurrent weniger auf dem Arbeitsmarkt. Den Aufbau einer Heimat stelle ich mir vor wie die Konstruktion einer Menschenpyramide. Man muss sich an den Händen halten und sich aufeinander stützen können. Doch das, was ich in der Realität sehe, ist ein unorganisierter Mob, der sich mit unverbesserlichem Stumpfsinn über den Haufen schießt. So kann man nichts errichten. Erst Recht kein „Vaterland“.
Wie kann man sich in einem mörderischen Daseinskampf denn noch zu Hause fühlen?
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Noch keine Kommentare.

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor

Keine weiteren Stories gefunden.

Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
www.gratis-besucherzaehler.de

Counter Web De