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5 Seiten

Preis der Lust/Kapitel 9

Romane/Serien · Erotisches
© rosmarin
9. Kapitel
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Alles ging seinen sozialistische Gang, wie man in der verflossenen DDR gesagt hätte. Auf jeden Fall war das Leben damals leichter, beschwingter. Ohne Sorgen. Ohne Drogen, Videokameras, Pornofilme oder bizarre Pornospielchen. Auch wenn einem äußere Grenzen gesetzt waren, die Fantasie konnte dennoch ihre Flügel ausbreiten. Und Arbeit und Bildung war für jeden zugänglich. Sogar für mich, das abgelegte Findelkind. Die Behörden konnten nie herausfinden, wer meine genetische Familie war. Die Nonnen fanden mich eines schönes Septembertages, eingewickelt in feinstes Linnen, in einem Kräuterbeet des Klostergartens. In einem Rosmarinbeet.

So verbrachte ich meine ersten Jahre im Kloster, umgeben von der Liebe und Fürsorge der Nonnen, bis mich kurz vor der Einschulung eine kinderreiche Familie adoptierte, die zu meiner richtigen Familie wurde.
Ein halbes Jahr nach dem Abitur, ich hatte gerade mit dem Lehrerstudium begonnen, begegnete ich Zappi. Wir waren unsterblich ineinander verliebt und heirateten schon nach kurzer Zeit. Schade war nur, dass es mit dem Kinderwunsch nicht klappte. Ich tröstete mich mit den Kindern meiner Schulklassen.
Kurz nach der Wende bekam ich plötzlich einen Rappel, nachdem mich ein Regisseur, den ich auf einer Party kennengelernt hatte, für eine kleine Filmrolle verpflichtete.
Ich hängte sozusagen meine sichere berufliche Existenz an den berühmten Nagel, allmählich auch Zappi, der mir immer langweiliger erschien mit seinem starren Normverhalten, und tingelte durch die Künstlerwelt, die eine Offenbarung für mich war.
Und dann begegnete mir Gigan. Und der Albtraum begann und hatte mich hierher geführt. In dieses Kellerloch.

Am Anfang schien alles in Ordnung zu sein. Wir lebten uns allmählich ein. Gigan ging arbeiten, ich las die Stellenanzeigen in den Zeitungen. Es würde sich schon etwas Passendes finden. Doch immer, wenn sich etwas zu finden schien, redete Gigan es mir aus.
„Das ist unter deinem Niveau“, sagte er jedes Mal, wenn ich mich euphorisch bewerben wollte, „du findest bestimmt etwas Besseres, ganz abgesehen davon, dass du nicht zu arbeiten brauchst. Ich verdiene genug für uns beide.“
„Klar“, erwiderte ich und bemühte mich nicht mehr.

Eine unerklärliche Melancholie nahm immer mehr Besitz von mir. Ich wurde trauriger und trauriger. Von meinem ehemals so gutem Appetit war nichts mehr zu spüren. Ich hatte auch keine Lust mehr, auszugehen, denn sogar mein Blick für die Schönheit des Herbstes trübte sich mehr und mehr. Achtlos schlich ich durch die Anlagen, vorüber an den Geschäften, den Menschen.
Ich rief niemanden mehr an. Ging nicht mehr ins Kino. Las nicht mehr. Blieb einfach im Keller auf der Matratze hocken, starrte vor mich hin, grübelte und wartete auf Gigan.
Erst, wenn er da war, spürte ich wieder Leben in mir. Auf dieser Matratze. In diesem verdammten Kellerloch. Ich begehrte nur noch eins: Gigan sollte mich lieben. Verrückt lieben. Unersättlich lieben. Pervers lieben. Ich wollte meine Grenzen spüren. Und ich spürte sie nur beim Sex.
„Wir müssen die Grenze überschreiten“, bettelte ich Gigan an, während er über mir keuchte.
Was ich in Berlin in dem Liebesnest so verabscheute, forderte ich jetzt. Genoss es. Gigan musste immer neue Liebesspiele erfinden. Er hatte ja die Mittel dazu, guckte sich sogar Pornofilme bei einem Kollegen an. Ich hatte natürlich keine Ahnung, was ein Pornofilm war. Besser, ich hatte noch keinen gesehen.

Eines Tages kam Gigan mit einer nagelneuen Kamera und Malutensilien an.
„Ich werde uns in all unseren Verzückungen und Ekstasen filmen und malen“, versprach er und küsste mich, „es wird dir gefallen.“

Klar gefiel es mir. Die Angst vor dem roten Auge war längst verschwunden. Ich hatte alle Hemmungen fallen lassen, posierte schamlos vor Kamera und Pinselstrichen.
„Du bist so wunderschön, so einmalig in deiner Lust Marie“, spornte mich Gigan verzückt an, wenn ich nach einem Liebesakt nackt auf der Matratze lag, er an seiner Staffelei stand, „richte dich etwas auf, leg deine Haare über die Brüste, deine Hände zwischen die Schenkel. Ja, so. So ist es wundervoll, du schönste aller wilden Blumen. Ich liebe dich abgöttisch Marie.“

Gigan setzte sich zu mir, reichte mir ein Glas Wein. Und natürlich hatte er ihn wieder mit dem weißen Pülverchen veredelt, was er noch immer bestritt. Doch ich wusste es. Ich hatte ihn heimlich beobachtet, als er in der Kochnische das weiße Pulver in die Flasche schüttete. Mir war es recht, denn die Leichtigkeit, die Körper und Hirn durchströmte, ließ alle Unannehmlichkeiten vergessen. Das weiße Pulver im Wein machte mich lieb und willig und schien mich wie auf Wolken dahinschweben zu lassen.
„Hast du wieder was in den Wein getan?“, neckte ich.
„Wie könnte ich“, lachte Gigan.
„Ich habe es gesehen.“
„So? Hast du?“ Gigan küsste mich, „man muss immer up to date sein“, scherzte er.
„Hat das weiße Pülverchen auch einen Namen“, wollte ich wissen.
„Hat es.“
„Und?“
„Das ist mein Geheimnis.“ Gigan drückte mich auf die Matratze. „Frag nicht so viel“, er vergrub seinen Kopf in meinem Schoß, „genieße lieber“, stöhnte er, „wie ich das liebe. Diesen Duft. Diese Lust. Du gehörst mir. Nur mir. Meine wilde Blume.“
Was es war, das Gigan immer in den Wein schüttete, habe ich erst viel später erfahren.

*

Solche Szenen spielten sich nun wochenlang ab. Ich saß in meinem freiwilligen Gefängnis und wartete. Wartete auf Gigan, der auch das Abendbrot mitbrachte, denn ausgehen wollte ich ja nicht mehr und selbst kochen erst recht nicht.

Eines Tages brachte mir Gigan wieder ein Geschenk mit. Ein Päckchen, goldbandverschnürt, mit einer roten Rose am Griff. Die Rosensträuße waren längst Vergangenheit, sonst wäre ich wohl schon verduftet, gebettet in ein schönes Rosengrab.
„Öffne es bitte“, bat Gigan mit seinem frivolen Lächeln, „es ist etwas gegen deine Langeweile drin.“

Gegen meine Langeweile? Da war ich aber gespannt. Neugierig löste ich die Verschnürung.

„Was soll ich damit?“, sagte ich enttäuscht, „in diesen Dingern kann ich doch nicht laufen?“ Wütend warf ich die Schuhe auf die Fliesen. „Soll ich damit hier im Keller rumstolzieren?“, fragte ich vorwurfsvoll und fischte ein Paar halterlose schwarze Strümpfe aus dem Päckchen. „Schwarze Strümpfe! Ich hasse schwarze Strümpfe. Oder soll ich Trauer tragen, weil du mich hier gefangen hältst?“ Ich schmiss die Strümpfe zu den Schuhen. „Trag sie doch selbst“, wütete ich weiter, „sie würden dir bestimmt gutstehen.“
Gigan lächelte unbeeindruckt, hob beides auf, drückte mich an die kalte Fliesenwand. „Das sind High Heels meine Liebe“, klärte er mich auf und fesselte meine Hände. „Nur ein Spielchen zur Abwechslung“, flüsterte er, „du musst nichts tun. Nur stillhalten.“
„Mach sofort die Dinger ab!“, schrie ich, „bist du total verrückt geworden?“
„Das weißt du doch“, lachte Gigan lüstern, „nach dir bin ich verrückt. Nach deinem Wahnsinnskörper.“

Alles war klar. Es war wieder so weit. Die wilde Blume musste sich fügen, wenn sie nicht das Tier aus Gigans Unterbewusstsein locken wollte. Danach war mir nun wirklich nicht. Ich hatte genug von seinen Spielchen. Sehnte mich nach einer ganz normalen zärtlichen Beziehung. Einer Beziehung wie mit Zappi. Ach Zappi. Unerwartet überkam mich große Sehnsucht nach ihm. Er hatte nichts mehr von sich hören lassen. Wie auch. Er wusste ja nicht einmal, dass ich in diesem Kellerloch hauste und mich versauten Spielchen fügte. Was war nur aus seinem kleinen Mädchen geworden?

*

Gigan hatte sich entkleidet. Splitternackt stand er vor mir. High Heels und Strümpfe lagen auf den Bodenfliesen neben ihm.
Mit ruhigen Bewegungen streifte er mir die Schuhe von den Füßen, zog den Rock über die Hüften, den Pulli über meinen Kopf, küsste meine gefesselten Hände, öffnete den Verschluss meines BHs.
Nur im roten Slip stand ich da. Wütend und erregt. Verflixter Kerl. Wie machte er das nur? Am meistens ärgerte mich, dass er seine sexuelle Macht über mich kannte und sie schamlos ausnutzte.
„Ich spiele mit“, sagte ich, um ihn nicht zu reizen, „aber sei nicht so grob.“
„Das kann ich nicht versprechen.“ Gigan starrte mich kalt an. „Du weißt, dass ich manchmal die Kontrolle verliere. Also jammere nicht. Bleib unbeweglich. Dann passiert dir nichts.“
Er sank zu meinen Füßen, streifte mir die schwarzen Strümpfe über die Beine, steckte die mindestens zwanzig Zentimeter hohen High Heels an meine Füße, eine Hand in meinen Slip. „Ich spüre deine Lust“, sagte er zufrieden. Ich wagte nicht, mich zu rühren. „Und nun spielen wir ein Spielchen, das ich auf Video gesehen habe.“ Er trug mich auf die Matratze. „Und du sagst keinen Ton und bewegst dich nicht.“

*

Am nächsten Morgen war die Tür wieder zugesperrt. Der Zweitschlüssel verschwunden. Ich gefangen. Etwas nicht Greifbares legte sich schwer auf meine Brust. Eine immer bedrohlicher werdende Hilflosigkeit breitete sich in mir aus, stieß mich unweigerlich in eine Dunkelheit, vor der mich grauste, der zu entfliehen unmöglich war.
Wochenlang döste ich vor mich hin. Ich hatte keine Ahnung von der genauen Urzeit, richtete mich nach dem Lichteinfall in den Keller und Gigans Kommen, das aber immer öfter variierte. Bestimmt musste er Überstunden machen oder war bei seinem Kollegen Pornos gucken. Wir hatten nicht einmal einen Fernseher.
Ich wusste nicht welcher Tag wann war. Es war mir egal. Und auch, dass sich der Keller allmählich in ein Mini - SM - Studio verwandelte. Willenlos wie eine Marionette ließ ich Gigans Gelüste über mich ergehen. Jegliche Regung in mir schien erloschen. Ihn schien das nicht im geringsten zu stören. Wenn ich leblos in den Fesseln hing, erregte ihn das weit mehr, als meine ehemalige Aktivität. Die roten High Heels und die schwarzen Strümpfe taten das ihrige. Ich war sein Fass ohne Boden. Und als er ein Peitschensortiment mitbrachte, akzeptierte ich auch dieses als Teil eines neuen Spielchens.

Eines Tages ließ ich mich doch überreden, mal wieder unter Menschen zu gehen. Hand in Hand saßen wir in einem lauschigen Weinlokal und ich fühlte mich nach langer Zeit der Abgeschiedenheit einigermaßen wohl, lachte und scherzte mit Gigan. Vielleicht würde doch noch alles gut.
Doch plötzlich, als Gigan dringend das Örtchen besuchen musste, kam mir ein verwegener Einfall. Abrupt sprang ich auf, lief zur Theke, riss den Telefonhörer aus der Halterung, wählte mit zittrigen Fingern meine eigene Telefonnummer.
Zappi nahm ab. „Komm bitte morgen, Wagengasse drei.“
Hastig legte ich auf. Gigan kam direkt auf mich zu.
„Wo willst du denn hin?“, fragte er misstrauisch.
„Dahin, woher du gerade kommst.“
„Beeil dich aber. Wir haben noch viel vor heute Nacht.“
„Zu Befehl mein Herr und Gebieter. Immer zu Ihren Diensten“, spottete ich.

In dieser Nacht spürte ich zum ersten Mal seit meiner Kellerkarriere so etwas wie den Hauch eines neuen Lebens.

***


Fortsetzung folgt
 
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Kommentare  

Packend geschrieben. Man bangt richtig mit, mit deiner armen Protagonistin.

Else08 (10.01.2013)

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