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Des Vampirs erstes Abendmahl

Trauriges · Kurzgeschichten
Nachdem Wanja mir die Narben auf ihren Pulsadern gezeigt hatte, wusste ich, sie würde meine erste menschliche Mahlzeit werden.
„Soll ich dir helfen?“, fragte ich anteilnehmend.
Sie nickte schüchtern und senkte ihr Haupt. Was für eine Anmut, wie sie in dieser Art vor mir stand. Den Rücken an der Reling des Ausflugschiffes, meinen Körper ganz nah vor sich. Wenn sie tief einatmete, berührten ihre Brustwarzen mich ganz seicht. Die junge Frau wirkte so verloren. So wunderbar zerbrechlich.

Ihr Hang zur Traurigkeit zog mich stark an.
Wanja fühlte sich als ein Opfer der Gesellschaft und malte sich die Zukunft eher schwarz. Mit ihren heruntergezogenen Augen- und Mundwinkeln sah sie wie das personifizierte Leiden aus. Diese Todessehnsucht war ein gutes Pendant zu meinem Bedürfnis nach Töten. Vielleicht verstanden wir uns deswegen sofort. Mit einer großen Zufriedenheit schaute ich auf das Mädchen vor mir.
Wanjas Gesicht war eher schmal, die Haut glatt und rein. Die Ohren lagen eng an und wurden von schwarzen Ohrhängern verziert. Sieben Zentimeter lang. Ihr ornamentreiches Design und die funkelnden Acrylsteine zogen nicht nur meinen Blick auf sich.
Sie wirkten umso mehr, da die achtzehnjährige Frau eine raffinierte und kontrastreich geschnittene Kurzhaarfrisur trug. An den Seiten und im Nacken fast ausrasiert, jedoch mit einem üppigen Pony, das zu Spitzen gestylt von rechts oben bis zum linken Auge reichte.
Und dann diese Augen. Ein Blau, wie ich es noch nie gesehen hatte. Fast künstlich. Trotzdem beteuerte die Kleine, keine Kontaktlinsen zu tragen.

Wanja war heute hier auf dem Schiff eine reine Augenweide. Das kurze strohblonde Haar kombiniert mit dem weiten Ausschnitt ihres Shirts präsentierte mir ihren langen Hals. Wem wundert es, dass mir bei diesem Anblick das Wasser im Munde zusammen lief. In diesem Moment fühlte ich mich als Glückspilz, dieses Girl aussaugen zu dürfen. Bei der Vorstellung, dass Wanja sich sogar freiwillig in meine Gewalt geben würde, wurde ich sehr euphorisch.
Lange schon hatte ich genug davon, immer nur Schwänen, Gänsen oder Hasen den Lebenssaft auszusaugen. Seit Wochen hörte ich immer wieder die Worte meines Großvaters, dass das Blut von Menschen ausgezeichnet schmecken würde – besonders von Frauen beim Orgasmus. Dann bekäme es für einen Vampir einen scharfen Geschmack nach Minze.
Irgendwie spürte ich in mir, jetzt, mit neunzehn Jahren war ich reif für den Wandel bei meiner Nahrungsaufnahme. Wenn auch noch ungeübt in der Verführung meiner Opfer, war der Wille eindeutig da, es auszuprobieren. Diese junge blonde Frau vom Mädcheninternat lief mir somit zur richtigen Zeit über den Weg.

Meine Hände umklammerten den Stahl der Reling. Ich hatte an Wanjas Seiten vorbei gegriffen. Als sie sich jetzt vor mir um einhundertundachtzig Grad drehte, berührten ihre Hüften und ihr Bauch meine Unterarme. Aber Wanja fühlte sich in meiner Umkesselung nicht gefangen, sondern behütet.
Gemeinsam schauten wir jetzt geradeaus. Den Dieksee hatten wir fast bis zum Ende durchquert. Das Schiff fuhr jetzt ein in die kleine bucht vor Malente, dem Ziel unserer Fünf-Seen-Fahrt. Mein Körper lag dabei eng an dem der jungen Frau an. Ihr runder, praller Po drückte gegen meine Oberschenkel und streifte meinen Unterleib. Dazu der lange, weiße Hals. Direkt vor mir. Verführerisch schön zum Hineinbeißen. Wären wir alleine an Deck, ich hätte meine scharfe Begleitung anstandslos von hinten überfallen.

Nur leider waren um uns herum viele Touristen. Sie plapperten viel, ihre Handys und Fotoapparate surrten. Andenken von der Stadt im Sonnenlicht oder den Lachmöwen wurden gemacht. Diese kreischenden Vögel, die unser Boot begleiteten und die von den Kindern aufgeworfenen Brotkrümel noch in der Luft auffingen.
Wanja legte ihren Hinterkopf gegen mein Schlüsselbein. Ihr aromatischer Duft vertrieb den Geruch des Sees. Es fühlte sich gut an, wie sie ihr Gesicht zu mir drehte, mich mit großem Augenaufschlag ansah und unsicher fragte: „Versprochen?“
„Ja, mein Schatz“, raunte ich ihr mit tiefer Stimme ins Ohr. Sie klang beruhigend und bedrohlich zugleich. „Heute oder morgen?“
„Morgen passt mir besser.“ Ihre Azure guckten mich liebevoll und herausfordernd an. Dabei rieb sie sanft ihre Wange an meiner Schulter. Ich war überwältigt von einer dermaßen reichhaltigen Hingabe. Anderseits beschlich mich die Angst, sie könnte es sich bis morgen anders überlegen. Deshalb fragte ich vorsichtig nach: „Ist dafür nicht ein Tag wie der andere?“ Das dafür stand für das Wort „Sterben“. Natürlich sprach ich es nicht aus. Die Wahrheit hätte auf unsere morbide Romantik wie ein Sprung ins Eiswasser wirken können. Ich wollte aber nicht, dass Wanja aus ihren Suizid-Wunschträumen erwachen sollte.
„Hab keine Angst“, analysierte die exzellente Frau messerscharf meine Befürchtungen, „ich werde meine Meinung nicht über Nacht ändern. Schließlich bin ich froh, dich gefunden zu haben. Mit deiner Hilfe wird mir gelingen, woran ich bisher gescheitert bin.“ Eine große Zärtlichkeit lag in Wanjas Blick. Aber dieses holde Gefühl galt nicht mir. Sie schaute weit in die Ferne. Eine romantisch verklärte Sehnsucht erfüllte ihr ganzes Wesen. Sehr zu meinem Glück. Auch wenn die Internatsschülerin das Wort Sterben ebenso vermied wie ich, galt ihr ganzes Gehabe nur diesem einen Ziel. Ich sollte Simon zum Dank ein kleines Geschenk machen, weil er Wanja vor zwei Wochen Hals über Kopf verlassen und sie durch diese Tat für mich vorbereitet hatte. Vor meinem geistigen Auge sah ich Simon in meine Küche treten, ein großes goldenes Tablett in der Hand. Darauf wand sich in tranceähnlicher Opferbereitschaft Wanja. Völlig nackt.
Sie reckte ihre Hände mir entgegen, streichelte mir die Wangen, den Hals und die Lippen, um meinen Mund heißhungrig an ihre Halsschlagader zu ziehen. Was für himmlische Vorstellungen.

Auf der Rückfahrt nach Plön, zum Anleger bei der Fegetasche, saßen wir eng aneinander auf der Bank. Meinen Arm um ihre Hüfte geschlungen, lauschte ich den Träumen und Hoffnungen der Frau mit dem kurzen Haar. Wir sprachen nicht mehr über das Morgen und hatten dennoch nur dieses Finale im Kopf. Ich spürte bei Wanja eine tiefe Verbundenheit und eine Art Erlösung aufgrund unserer getroffenen Vereinbarung.
Von der Fegetasche nahmen wir den Stadtbus bis zum Markt. Über die kleinen Gassen mit dem runden Kopfsteinpflaster erreichten wir das Schloss. Oben blickten wir auf den Großen Plöner See heraus. Ähnlich wie auf dem Ausflugschiff stand Wanja wieder vor mir. Leicht hatte ich meine Arme um sie geschlossen. Den Schlossberg wieder hinab, unter den alten Bäumen am Bolzplatz entlang, erreichten wir nach einiger Zeit das Prinzenhaus - die Unterkunft der Internatsschülerinnen.
Vor dem roten Backsteingebäude baute mein Mädchen sich vor mir auf und schaute mir ernst ins Gesicht. „Aber nicht kneifen, Frederik“, warnte sie mich mit erhobenem Zeigefinger.
Ich strich ihr mit meinen Fingerrücken über die Wange und gestand ihr, den nächsten Tag fast nicht mehr erwarten zu können.
Ein schwaches Lächeln huschte über das reine, schlanke Gesicht meiner Begleitung. Dann gab sie mir einen Kuss auf die Wange und eilte hinfort. Ich hatte den Eindruck, Wanja zwang sich dazu, sich nicht in mich zu verlieben. Das hätte ihr Steine in den Weg gelegt. Hätte ihr die Kraft geraubt, morgen das Tor vom Leben in den Tod aufzustoßen.

Ich war baff, als ich Wanja am nächsten Tag vorm Prinzenhaus in die Arme nahm. Sie hatte sich richtig hübsch gemacht. Frisch gewaschenes Haar, dezent geschminkte Augen, etwas Rouge auf den Wangen und ein Lippenstift in Rosé. Zusätzlich roch ihr ganzer Körper nach Limone und Eisenhut. Zum Anbeißen appetitlich. Auch gab die Bodylotion ihrer Haut einen feinen Glanz, den ich allerdings erst später wirklich bewundern sollte.
Ehrfurchtsvoll durchschritten wir die schöne Allee, passierten den ehemaligen Marschstall mit seiner davorliegenden, jetzt als Fußballplatz umfunktionierten große Reitarena, bogen am Ende des alten Gebäudes nach links, stiegen den kleinen Weg hinab zur Hamburger Straße und auf der anderen Seite den Fußweg hinauf zur Biberhöhe.
Ich fragte Wanja nicht, warum sie sich diesen Platz zum Sterben ausgesucht hatte. Die Absicht war eindeutig genug. Ein großes Holzkreuz zierte die Höhe, hier war sie Gott von vornherein nah. Zudem konnten wir von hier oben die schöne Aussicht über den Kleinen Plöner See sowie den Stadtsee genießen und im Hintergrund die leichte Erhebung des Appelwaders.

Oben angelangt, setzten wir uns auf eine Bank. Der Sekt perlte in unsere Gläser. Zur Feier des Tages hatte ich eine besonders teure Marke ausgesucht. Wanja schaute mir tief in die Augen, als sie mit mir anstieß. Unser Beisammensein hatte etwas Erhabenes. Beide wussten wir von der überaus besonderen Bedeutung dieser Stunden.
Wie schon gestern plauderten wir viel. Mich wundert es noch heute, wenn ich daran zurückdenke. Ich kann mir es nur in der Art erklären, dass sich zwei sich gegenseitig bedingende Pole gefunden hatten. Wie sonst konnten wir zwei so schnell vertraut miteinander geworden sein. Besonders die Fünf-Seen-Fahrt hatte uns aneinander geschweißt.
„Magst du in deinem letzten Glas Sekt ein paar Tropfen nehmen“, fragte ich meine Todessehnsüchtige, nachdem ich intuitiv gespürt hatte, jetzt den eigentlichen Akt unseres Besuches hier droben einzuleiten.
„Was ist das?“ Wanja nahm mir die kleine Phiole aus der Hand und drehte sie vor der Sonne, um sich am Funkeln des Glases zu erfreuen.
„KO-Tropfen“, erklärte ich lapidar.
„Damit ich die Schmerzen nicht so spüre?“ Bei diesen Worten konnte Wanja ihre Aufregung nicht mehr zurückhalten. „Du hast aber wirklich an alles gedacht, Frederik.“
Kumpelhaft legte sie ihren Arm um meine Schulter und zog mich ganz fest zu sich heran. „Herrje, ich bin nervös wie bei meinem ersten Schultag“, gestand sie mir unter Kichern und reichte mir ihr Glas.

Gemeinsam zählten wir die Tropfen. Mit einem zeremoniellen Gestus trank sie ihr Glas leer. Anschließend schaute sie mich verheißungsvoll an. Ich musste mich zügeln, sie nicht mit einem Schlag zu töten. Zu sehr waren all meine Hormone in Unordnung geraten. Ich spürte Hunger und Liebe; das Bedürfnis nach Sex und Mord ebenso wie einen starken Drang des Beschützens. Keine Frage, ich hatte mich in Wanja verliebt und Vieles in mir sagte, unser verrücktes Theater jetzt abzubrechen und sie geradewegs zu fragen, ob sie mit mir gehen wolle.
In diesem Moment des Zweifelns hielt mir die Frau mit dem strohblonden Haar ihre Unterarme hin. Die Ärmel des blau-weiß-gestreiften, bretonischen Fischerhemdes mit dem weiten Halsausschnitt hatte sie hochgeschoben. Ich hörte das Blut in ihren Adern rauschen und war betört von ihrer grenzenlosen Selbstaufopferung.

„Wie willst du es machen, Frederik? Soll ich auf der Bank sitzen bleiben?“ Ganz auf Sachlichkeit bedacht konnte ich in dem Gemüt des Mädchens nirgends einen Zweifel finden an dem Vorhaben, das sie von mir verlangte. Wie ein unschuldiges Mädchen rückte sie mit dem Hintern ganz an die Rückenlehne der Parkbank und legte ihre Unterarme mit den Pulsadern nach oben auf ihre blütenweiße Jeans.
„So nicht, Wanja“, schnarrte meine Stimme. Sie kam mir vor wie eine uralte Eichentür, deren rostige Angeln beim Öffnen laut knirschten. „Deine saubere Hose wollen wir nicht besudeln. Der Kies ist sauber, lege dich bitte auf den Boden.“
Mit erwartungsvollen Augen streckte sich Wanja lang auf der Erde aus. Ich kniete mich ihr zur Seite und streichelte ihren Bauch. Auf dem Fischershirt.
„Du kommst doch jetzt nicht auf andere Gedanken?“, fragte sie mich ängstlich.

Fast hätte ich losgebrüllt vor Lachen, so urkomisch war ihre Frage in dieser Situation. Denn in dem Moment, wo ich mich entschlossen hatte, ihren Körper streichelnd zu erkunden war auch die Entscheidung gefallen, ihr keinen Heiratsantrag zu stellen. Alles in mir lechzte in diesen Minuten nach ihrem Blut. Dennoch blieb ich feierlich ernst. So wie Wanja es von mir erwartete. Hätte ich sie lauthals verspottet, unser Rendezvous wäre sofort zu einem Ende gelangt.
„Entspann dich, Wanja“, erwiderte ich in der Manier eines liebenswürdigen Arztes, „das alles gehört zur Zeremonie. Mit dem Streicheln werde ich dein Blut in Wallung bringen. Wir wollen doch beide, dass es schnell durch deinen Körper fließt.“
„Ja“, seufzte die hübsche junge Frau auf und hatte nichts mehr dagegen, dass ich mit meiner linken Hand ihren Kopf etwas anhob, damit sie mit ihren tollen blauen Augen meine Hand verfolgen konnte, die nun all ihre Rundungen abmaß. Ich streichelte Wanjas Bauch, ihre Brüste, ihre Oberschenkel. Außen maß ich die Formen ihres prallen Beckens ab, innen versuchte ich unter dem dünnen Jeansstoff die Konturen ihrer Schamlippen zu fühlen.

Wanjas Atem ging schneller. Freiwillig grätschte sie etwas ihre Beine.
„Das gefällt dir, nicht wahr?“ Meine Stimme hatte einen süffisanten Unterton. Zufrieden registrierte ich die bejahende Kopfbewegung meines Mädchens. Meine Berührungen hatten mittlerweile viel Lust in ihr entfacht. Eine etwas derbere Sprache und eine aufdringlichere Handlung schreckten sie nicht mehr ab.
Ich bettete ihren Kopf in den Kies, nahm ihre rechte Hand in meine linke, führte sie an meinen Mund und strich lediglich mit den Lippen über ihre Haut. Meine andere schob ich indes unter ihr Shirt. Warm, glatt und jugendlich fest bebte ihr Fleisch unter mir, als ich langsam aufwärts fuhr, um ihre Brüste in Besitz zu nehmen. Sanft streichelte ich die Hübsche dort und auf ihrem warmen Bauch.
Als ich meinen Handteller sanft drehte, bis meine Fingerspitzen zu ihrer Hose zeigten, nahm das Vibrieren in Wanjas Körper zu. Langsam tastete ich mich vor. Der Blondschopf hielt den Atem an und zog seinen Bauch ein. Mit Leichtigkeit glitt ich unter den Bund des Höschens. Gleich darauf trafen meine Finger auf ihr krauses und dichtes Schamhaar. Fasziniert kraulte ich mein Girl an der Stelle mit meinen Fingernägeln. Es war das erste Mal, dass ich eine Frau an dieser Stelle berührte. Diesen Moment wollte ich auskosten.
„Gib dich mir voll und ganz hin, Wanja.“ Ich sprach diese Worte nur zur Beruhigung aus. Allerdings war ich mir dabei nicht sicher, wem ich die Nervosität nehmen wollte. Ihr, die sich von mir so sehr erhoffte, ihre Pulsadern tief und lang aufgeschnitten zu bekommen; oder mir selber, dessen Hände vor Verlangen zitterten bei der Vorstellung, gleich das Geschlecht einer Frau zu berühren.

„Du willst doch nicht mit mir schlafen, Frederik?“, mahnte mich meine Schöne und bat gleichzeitig um einen Beweis, unsere eigentliche Absprache nicht zu vernachlässigen. „Du darfst deine Hand erst weiter schieben, wenn du es getan hast“, fügte sie mit fester, mutiger Stimme hinzu und hob ihren Oberkörper empor.
Ich kramte aus dem Rucksack mein Taschenmesser hervor. Die scharfe Klinge funkelte im Abendlicht der Sonne. Ein Strahlen entstand in den blauen Augen Wanjas. Auffordernd hielt sie mir ihren Unterarm unter die Nase und ballte eine Faust, damit die Adern deutlich zu sehen waren. Vortrefflich. So konnte ich meinen ersten Schnitt exakt neben die Ader setzen. Kurz und nicht tief. Wie erwartet, gelang mein Ablenkungsmanöver. Wanja sah das rote Blut aus ihrer Haut treten und legte sich mit einem erlösenden Lächeln zurück auf den Boden. Mit einer großen Genugtuung sah sie mir zu, wie ich die Wunde an meinen Mund brachte und ihren Lebenssaft in mich sog.

„Frederik, du bist ja ein kleiner Vampir“, ermahnte sie mich scherzend. „Sauge mich aus - mich, deine scharfe Braut.“ Dabei kullerte der Blonden eine Träne des Glücks aus dem Auge. Oder entsprang sie der tiefsitzenden Trauer über ihr ganzes Leid, das in diesem Moment der Verletzung wieder an ihre Oberfläche brach? Mir war es einerlei.
Ich wusste, der Schnitt war nicht lebensgefährlich, legte in Wanjas Kopf aber den gewünschten Kinofilm auf.
„Ja, du bist meine heiße Braut“, bestätigte ich, was die Todeswillige zu hören verlangte. „Und wenn ich nun wirklich ein Nosferatu wäre“, fragte ich geheimniskrämerisch nach.
„Wäre es noch aufregender, Frederik. Komm, spiele den Vampir. Mir zur Liebe.“
Ich schaute sie fragend an.
„Leg dich auf mich und beiße mir in den Hals“, klärte mich Wanja über ihre Wünsche auf. „Wenn ein Vampir eine Frau tötet, hat es immer etwas mit Erotik zu tun.“
Vor dieser geballten Nähe fürchtete ich mich. Sie könnte in meiner Seele das Gefühl befreien, das ich an kalte, feuchte Sandsteinmauern gekettet hatte: Liebe.
Zum anderen wollte ich ihre nackte Haut ertasten, ihr Geschlecht. Deshalb versprach ich ihr, eine andere Form zu wählen, um ihre Sexualhormone in Wallung zu bringen und klärte sie nebenbei auf, dass ein durch Lustgefühle aufgewühltes Blut für einen Vampir nach Pfefferminz schmecken würde.
Wanja amüsierte sich über meinen Ideenreichtum, stimmte zu, mir behilflich zu sein, und lüpfte mit der unverletzten Hand ihre Jeans, damit ich zu ihrem Heiligtum vordringen konnte.
Mein Herz raste. Vor Aufregung vergaß ich, an ihrem Arm zu nuckeln. Dabei schmeckte ihr Blut schon jetzt ausgezeichnet. So lecker hatte ich mir das rote Elixier der Menschen nicht vorgestellt. Es war rein und ehrlich. Roch weder nach Algen oder brakigem Wasser, noch nach Heu und Löwenzahnblumen.
Doch in meinem Kopf raste ein anderer Film.

Zu sehr war ich gefangen von den neuen Gefühlen an meiner Hand. Warme, weiche Schamlippen schmiegten sich an mich an. Ich konnte sie mit meinen Fingern schließen und öffnen. Was für ein sensationelles Spielzeug, vor allem, weil es gewisse Wohllaute aus Wanja heraussprudeln ließ.
Achtsam brachte ich das Blut der jungen Frau in Aufruhr. Je lauter ihr Atem wurde, desto stärker wurde meine Gier nach ihrem roten Lebenselixier. Fast schon verzweifelt saugte ich an der kleinen Wunde. Dabei schaute ich besonnen auf ihren weißen, schlanken Bauch, der durch die Bodylotion noch immer glänzte. Ich schob ihr das Fischerhemd bis zur Brust hoch und weidete mich an dem erotischen Bild. Wanja war die reinste Unschuld.
Neben der Frau mit dem schlanken Gesicht und den kurzen Haaren lag noch immer mein aufgeklapptes Messer. Der Gedanke war da, es ein zweites Mal zu benutzen. Die Tat wurde aufgeschoben. Noch.
Ich fühlte, wie der Unterleib der Hübschen von ersten, kleinen Krämpfen geschüttelt wurde. In meine Nase drang das Aroma ihres erregten Geschlechts, auf meine Zunge legte sich ein Geschmack von Menthol. Mein Großvater hatte wirklich recht, stellte ich mit großer Genugtuung fest.
Im nächsten Moment verkrampfte sich Wanja. Nur um sogleich vor mir wie ein Fisch auf dem Trockenen zu zucken. Ich wartete ab, bis sich ihr Gesichtsausdruck entspannte.
Dann packte ich erneut mein Messer.

Mit einem Auge schielte das melancholische Kurzhaar nach oben, als ich in ihren Unterarm einen zweiten Schnitt setzte. Tief, lang und mitten in die Ader.
Dankbarkeit lag in den Augen der Internatsschülerin, während ich schmatzend ihr jetzt stark strömendes Blut in mich hinein schlürfte.
Anfangs feuerte sie mich noch an, doch allmählich verloren Wanjas Augen ihren Glanz. Ein letztes Lächeln legte sich um ihre Mundwinkel, bevor sie das Bewusstsein verlor. Zu sehr geschwächt aufgrund des großen Blutverlustes.
In Ruhe trank ich zu ende.
Darauf legte ich meine tote Freundin auf die Bank. Penibel achtete ich darauf, sie feierlich herzurichten. Es gelang mir, kein Blut auf ihre weiße Kleidung tropfen zu lassen.
Eine viertel Stunde lang stand ich vor Wanja und ließ dieses Bild der Zufriedenheit auf mich wirken. So einfach hatte ich es mir nicht vorgestellt, ein erwachsener Vampir zu werden. Ich fühlte mich um Jahre gereift und wusste, fortan keine Schwäne, Enten und Kaninchen mehr zu jagen. Wanja hatte mir geholfen, das Tor aufzustoßen. Ab heute würde ich meinen Blutdurst immer mit meiner Fleischeslust kombinieren.
Ich schloss meinem Girl die Augen und gab ihr einen Abschiedskuss auf die schweißbedeckte Stirn. All ihren Unkenrufen zum Trotz hatte der Todeskampf ihr doch Angst eingejagt. Nun war es vorbei. Die arme Seele war erlöst, sagte ich mir in dem Moment, wo mich Stimmen hochschrecken ließen.
Menschen kamen von der Prinzenstraße her die Serpentinen zum Kreuz hinauf. Ich nahm meine Beine in die Hand und floh in die andere Richtung.
 
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