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4 Seiten

Wahre BerlinGeschichten/3/Der nackte Hintern und der Schock

Poetisches · Amüsantes/Satirisches
© rosmarin
Wahre BerlinGeschichten 3

Der nackte Hintern und der Schock

Jeder, der Berlin kennt, kennt die U 8. Die U 8 ist eine der gefährlichsten U-Bahnen überhaupt. Aber auch eine der interessantesten und widersprüchlichsten. Diese U- Bahn ist immer voll. Man kann schon sagen übervoll. Menschen aus aller Welt sitzen sich hier gegenüber. Oder sie stehen Schulter an Schulter. Oft auch Gesicht an Gesicht. So, als wollten sie sich jeden Moment umarmen oder gar küssen. Oder umbringen. Ein Glück, dass wir jetzt die Maskenzeit haben und nicht jeder jedem seinen Atem ins Gesicht blasen oder seine Husten – und Niesetröpfchen in der gesamten Umgebung verteilen kann. Nein, jeder behält für sich, was ihm gehört. Wie oft habe ich mich schon gefragt, wie es vor der Maskenzeit möglich war, mit dem eben gesagten Eigentum der lieben Mitmenschen zu leben. Jedenfalls finde ich es viel entspannender, wenn jeder Seins behält.
Also, wo war ich schreiben geblieben? Ach ja, es ist ein sich immer wiederholendes Gehen, Stehen, Sitzen. An jeder Haltestelle öffnen und schließen sich die Türen automatisch. Man muss ständig auf der Hut sein, nicht eingeklemmt zu werden oder gar, nicht aussteigen zu können, wenn man zu langsam war, weil es kaum ein Durchkommen durch die Menschenmassen gibt. Da hilft nur, sich schon eine Station vor seiner Haltestelle auf den Weg zu machen.
Manchmal bleibt die Bahn auf offener Strecke stehen, weil irgendetwas passiert ist und die Polizei erst Klarheit schaffen muss. Das in der U- Bahn Gefangensein auf offener Strecke, so tief unter der Erde, bei absoluter Dunkelheit, eingeklemmt von rechts und links nur erahnten Wänden, manchmal etwas erhellt durch die Handys, an denen fast jeder Fahrgast herumfummelt, nur unterbrochen durch eine stockende Durchsage: „Werte Fahrgäste bleiben Sie bitte ruhig. Es besteht kein Grund zur Panik. Gleich geht es weiter.“
Der Durchsager hat gut reden. Bleiben Sie ruhig. Natürlich bleiben die Menschen ruhig. Was sollten sie auch anderes machen? Aussteigen können sie ja nicht. Und durchdrehen? Das hätte auch keinen Sinn. Sie stecken ja so und so fest. Ein Glück, dass es die Handy gibt. So können die Fahrgäste ihre Angst, ihre Panik, ihre unguten Gefühle in den Handys vergraben. Oder besser begraben.
Glücklicherweise ging es meistens bald weiter. Keinen Grund zur Panik haben zu sollen, ist allerdings, psychologisch gesehen, nicht möglich. Der Mensch muss Angst haben. Die Angst schützt ihn vor unüberlegtem Tun. Der Mensch braucht die Angst, die akute Angst meine ich, um überleben zu können. Und die akute Panik schützt ihn vor der chronischen, mit der er womöglich ein Leben lang leben müsste.
Also, auch wenn man es nicht will, kriecht die Panik hoch. Es ist ein so beängstigendes Gefühl, dass man es gar nicht so richtig beschreiben kann. Ich bin nicht gerade ein besonders ängstlicher Mensch. Meistens gelingt es mir, die Dinge mit einem naiven schwarzen Humor zu nehmen. Das heißt, wenn sie nicht zu tragisch sind und mehr den Verstand als das Gefühl ansprechen.
Doch neulich habe ich dieses grausame Gefühl wieder auf erschreckende Weise erlebt.

Es fing schon gut an. Irgendwie sah der U-Bahneingang schmuddeliger aus als sonst. In einer Ecke des Treppenabsatzes schlief ein Mensch in einem zerlumpten Schlafsack. Daneben lagen zerbrochene Bier – und Schnapsflaschen. Und ein bräunliches Rinnsal verlief sich bis zu den Treppen. Bestimmt hatte hier des Nachts niemand sauber gemacht. Auf dem Bahnsteig saßen auf der dritten Bank drei Penner, die sich ineinander verhakt hatten, so dass ich nicht unterscheiden konnte, welche Gliedmaßen zu welcher Person gehörten. Vor der Bank lagen, wie schon oben, eine Menge zerschlagener Flaschen zwischen Zigarettenstummel und weggeworfenen Masken. Den ganzen Bahnsteig umhüllte ein unangenehmer Geruch. So eine Mischung aus Pisse, Rauch und Keimen. Irgendwie krank.
„He! Du! Hast du mal een Eurochen“, sprach mich ein Dreiermund an, als ich gerade weitergehen wollte.
„Klar“, erwiderte ich und blieb stehen. Umständlich kramte ich in meiner Handtasche nach dem Beutel mit den Euros, die ich immer für den Fall der Fälle dabei habe. „Hier, habt ihr“, sagte ich und gab dem Sprecher drei Euros. „Für jeden einen.“
„Danke, danke“, freuten sich jetzt drei Münder. „Corona soll dich verschonen.“
„Bestimmt“, sagte ich und ging weiter. Ich wunderte mich nur, dass die anderen Leute so teilnahmslos herumstanden und sich nicht wunderten. Sie schienen sich auch nicht zu wundern, dass die Bahn mal wieder ewig nicht kam und der Bahnsteig immer voller wurde. Sie standen einfach da und spielten mit ihren Handys. Oder telefonierten lautstark. So, als wären sie allein auf dem Bahnsteig.
Mit zwanzig Minuten Verspätung kam dann die Bahn. Nur mit Mühe konnte ich mich noch hinein zwängen. Und dann geschah das Befürchtete. Nach kurzer Zeit blieb die Bahn stehen. Niemand sagte ein Wort. Für einen Augenblick waren alle wie erstarrt. Dann senkten sich die Köpfe wieder auf die Handys. So, als wäre das Gefangensein in der Tiefe und Schwärze der Erde das Normalste der Welt. Doch ich spürte sie. Die Angst. Die unheilvolle. Die Angst vor sich selbst. Wie lange halte ich das aus? Wie lange hält mein Handy das aus? Ich spürte diese Angst in der Dunkelheit. Der muffig schwarz getränkten, staubgeschwängerten NieselLuft tief unter der Erde. Wie in einer Gruft. Doch es war nicht meine Angst. Es war die Angst der Fahrgäste. Und diese geballte Fahrgastangst drang tief in mein Inneres. In meine Seele, umhüllte sie wie ein Kokon die Raupe, bis sie sich in einem einzigen tiefen Seufzer entlud. Und, als wäre dieser Seufzer das Signal, riss mich eine angenehme Stimme aus meinen Gedanken in die Realität:
„Werte Fahrgäste, danke für Ihre Geduld und Disziplin. Das Problem ist gelöst. Wir wünschen Ihnen eine gute Weiterfahrt.“
Ohne Vorkommnisse fuhr die Bahn weiter. Allmählich wurde das Abteil leerer. Nach der Hermannstraße wurde es fast gemütlich. Ich hatte einen Sitzplatz und lehnte mich entspannt zurück nach der Anspannung. Doch plötzlich sprang der Mann mir gegenüber von seinem Platz. Er stolperte fast über die langen Beine meines Nachbarn, riss sich die Maske vom Gesicht, stellte sich in den Gang und zog sich die verschlissenen Jeans runter, während er kurze unverständliche Laute grunzte. Dann pisste er doch wahrhaftig auf den Boden des Abteils. Doch damit nicht genug, ging er in die Knie und zeigte seinen nackten Hintern in alle Richtungen, bevor er sich wieder aufrichtete. Mit einem hilflosen Ausdruck in seinem ausgemergelten Gesicht starrte er die Menschen an, die ihn vorwurfsvoll anstarrten. Dann setzte er sich, ohne Hose, die lag noch im Gang wie ein schmutziger Fleck, wieder auf seinen Platz mir gegenüber.
‚Der hat bestimmt einen Schock‘, dachte ich schockiert.
„Hast du mal einen Euro“, fragte der mutmaßlich Schockierte nach einiger Zeit.
„Klar“, sagte ich, "hab ich."
Ich gab ihm die letzten fünf Euro, die ich bei mir hatte.
Plötzlich drängten sich drei weitere ärmliche Gestalten zwischen unsere Sitzbänke. „Für mich auch. Für mich auch“, forderten sie energisch.
„Nun ist aber Schluss“, sagte ich. Auch energisch. "Ich bin doch nicht Rockefeller.“
Zum Glück hielt die Bahn. Schnell stieg ich aus. Obwohl es nicht meine Haltestelle war.

***

RM
16.09.2021
 
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