Die Frage der Freiheit, der Selbstbestimmung, es ist eine zweischneidige Angelegenheit. Niemand weiß so recht, was das eigentlich ist. Manchmal, in der Aufbruchsstimmung, da glaubt man sie zu fühlen, wenn man der einen oder anderen Bedrückung entledigt ist, dann fühlt man sich frei, zumindest für einen Moment, bevor die Zwänge des Alltags einen wieder eingefangen haben. Der Mensch ist frei geboren, so Rousseau, und doch liege er in Ketten. Durch den Gesellschaftsvertrag, unter dem weder er noch sonst jemand seine Unterschrift gesetzt hat, gibt er Stück für Stück seine Freiheit auf. Und, so wieder Rousseau, sei anzustreben, dass dem Staate vieles und dem Einzelnen wenig gehöre, womit Rousseau, der unermüdliche Verkünder der Freiheit, sich ein wenig in Widersprüche verwickelt...
Die Freiheit, sie ist ein Ideal, sie ist ein hervorragendes Lippenbekenntnis, ein jeder hält sie hoch, jeder preist sie an als den allerhöchsten aller anzupreisenden Werte und doch, wie leichtfertig gibt man sie preis, wie unbedacht lässt man sich entmündigen, wie voreilig fügt man sich in die Rolle des Untertanen. Ist es nicht bequemer, anstatt handelndes Subjekt, einfach nur Verfügungsmasse zu sein, andere werden einem schon sagen, was zu tun ist, dann braucht man sich selbst auch keinerlei Gedanken darüber machen, was und wohin man eigentlich will, die Last der Verantwortung, die nämlich untrennbar mit dem freien Willen verknüpft ist, diese wirft man nämlich allzu gerne ab und den freien Willen gleich mit…
Die Freiheit, die hätte man vielleicht gerne noch gehabt, aber sie ist anstrengend, sie stellt einen Tag für Tag vor neue Herausforderungen und das ist auf Dauer zu mühsam. In diesem Fall müsste man selbst wissen, was man eigentlich will, wo es für einen hingeht. Man müsste für jeden Aspekt des eigenen Daseins Experte sein, um die Folgen des eigenen Handelns einschätzen können. Sich orientieren können in einer Welt, in der die Orientierung nicht so ganz einfach ist. Den Einflüsterern widerstehen, nicht irgendwelchen Scharlatanen auf den Leim gehen.
Es ist bequemer, wenn jemand einem definitiv sagt, was zu tun ist. Das macht die Attraktivität autoritärer Gesellschaftssysteme aus. Es gibt eine Obrigkeit, an der man sich orientieren kann, mit der man sich identifiziert, zu der man aufschaut. Um bestimmte Dinge muss man sich keinerlei Gedanken machen. Das Dasein wird bequemer, die Orientierung erleichtert. Und später, wenn etwas schiefgegangen ist, kann man sich herausreden, lediglich die Weisungen befolgt zu haben. Die Verantwortung für das Schiefgehen abwälzen, nicht geradestehen zu müssen...
Freiheit, das ist Unabhängigkeit, doch wer ist schon in Wahrheit unabhängig? Als Kind ist man das nicht, im Alter aufgrund der schwindenden Kraft irgendwann nicht mehr. Und die Zeit dazwischen, auch da befindet man sich in Abhängigkeitsverhältnissen. Oft hält man den Mund, um nicht das Wohlwollen derer zu verspielen, mit denen man sich vertragen sollte, auch wenn man das nicht wirklich will. Oftmals macht man gute Miene zum bösen Spiel, hält man den Mund, wo man ihn lieber aufmachen würde, verbringt seine Zeit mit Tätigkeiten, die man verabscheut, weil man ja von irgendetwas leben muss…
Man muss irgendwo leben, man muss sich ernähren, man sollte seine sozialen Beziehungen pflegen, man hat seine materiellen wie auch emotionalen Bedürfnisse. Als Ausgestoßener frei unter der Brücke, als Einsiedler frei in der Einöde, ein befriedigender Zustand ist das wahrscheinlich nicht. Eine gewisse Freiheit erreicht man vielleicht durch Bedürfnislosigkeit, wenn man vieler Dinge nicht bedarf, von denen einem eingeredet wird, sie seien notwendig.
Als Extrembeispiel dient Diogenes, in einem Fass lebend, sich nicht um die Bewunderung und der Verachtung Anderer scherend. Allerdings, in der heutigen Zeit, ein leeres Fass als Wohnstätte, die Heizungsverordnung und die Anmeldepflicht und die Genehmigungspflicht für das Aufstellen eines Weinfasses auf öffentlichem Grund zu Wohnzwecken würden eine solche Lebensweise verunmöglichen.
Schließlich ist ein Diogenes niemand, der zum Bruttosozialprodukt beiträgt, kein Steuerzahler, er geht keiner geregelten Arbeit nach, er fügt sich nicht ein in das Getriebe der Welt. Für die heiligen Kühe der Moderne hat er nur Hohn und Spott übrig. Diese verbieten ihm, sich dem Rattenrennen um die begehrten Hamsterräder zu verweigern.
Immerhin, Diogenes würde heute wohl seinen Spott ergießen über die Selbstversklavung des modernen Menschen. Darüber, dass die Sklaven von heute die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Konsumartikeln frei wählen zu können, mit Freiheit verwechseln. Es sind Freiheiten, die man hat oder nicht, je nach Wirtschaftssystem und nach Geldbeutel. Manchmal auch nach dem Grad der Repression, die Freiheit „Nein!“ zu sagen, wo ein „Jawohl!“ erwartet wird. Vielleicht hat man nicht einmal die Idee, dass man auch „Nein!“ sagen könnte, wenn alle mitmachen, wenn es zum guten Ton gehört, dabei zu sein…
Ein Diogenes, der sich dann vergeblich in sein Weinfass zurückzuziehen versuchen würde, welches die Stadtreinigung inzwischen weggerollt hat...
Wie frei will man eigentlich sein? Und wie stellt man fest, ob man frei ist oder nicht? Ob man sich nicht in einem mentalen Gefängnis befindet…? Solange man eine ideologische Behausung nicht verlässt, so lange wird man gar nicht feststellen, dass man sich in einer solchen befindet. Die Konditionierung ist einem so selbstverständlich geworden wie die Luft zum Atmen.
Hier gibt es den Gegensatz zwischen der mentalen Sicherheit, die ein Glaubensgebäude ermöglicht, insbesondere, wenn es von der Umgebung geteilt wird und der Möglichkeit, alleine dazustehen mit Erkenntnissen, die dem widersprechen könnten, was allgemein geglaubt wird.
Die Freiheit, sich von der Umgebung zu entfremden, nicht mehr die gleiche Luft zu atmen wie die Anderen. Keine Gemeinsamkeit mehr zu kennen, nicht mehr Teil von dem zu sein, was man als Irrtum erkannt hat. Steht man alleine da mit dieser Erkenntnis, dann ist das Dasein ein dorniger Weg. Deswegen gibt es eine gewisse Scheu davor, die Welt mit eigenen Augen zu betrachten und nicht mit denen der Anderen. Oder man sieht die Diskrepanz zwischen der vermittelten Wirklichkeit und der eigenen Sicht, man findet mit denen zusammen, die eine andere Sicht haben und sieht dann die Welt mit den Augen der anderen Anderen…
Was wieder eine Falle darstellen kann, die Entlarvung einer Unwahrheit kann in andere Unwahrheiten führen, ein neues Weltbild kann auch den Weg vom Regen in die Traufe darstellen. Neue Besen kehren gut, doch nach kurzer Zeit sehen sie nicht weniger schäbig aus als die alten. Für den Konvertiten sieht das neue Weltbild wie eine universale Lösung aus, wie der Weg in die Freiheit. Doch entpuppt es sich zumeist als eine neue Gefängniszelle mit neuem Mobilar.
Zumeist lebt man mit der Illusion von Freiheit. Man hat kleine Freiheiten, die Auswahl zwischen verschiedenen Konsumartikeln, im prosperierenden Zeiten eine größere Auswahl zwischen verschiedenen Möglichkeiten, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, eine bessere Verhandlungspositionen. In Zeiten der Rezession, des Schrumpfens, heißt es dann wieder: „Friss oder stirb!“.
Eine Philosophie der Freiheit gedeiht in Zeiten des Wachstums, der Aufbruchstimmung. Ansonsten gilt es, die Beschränkungen zu begründen, Verzicht zu predigen, das Unausweichliche zu akzeptieren.
Bei jemandem, der nicht so recht weiß, was er will, mündet unbegrenzte Freiheit in der Antriebslosigkeit, im Dahinvegetieren ohne Sinn, in der Langeweile. Man könnte womöglich sein ganzes Dasein vertrödeln und unzufrieden darüber sein, dass nichts geschieht. Das Dasein als Made im Speck, frei von irgendwelchen Zwängen.
Es gab mal eine Studie über die Intelligenzentwicklung bei Eseln, die im Gehege aufwuchsen und Wildeseln. Die Wildesel mussten sich ihre Nahrung selbst suchen, sie mussten sich um ihr Dasein kümmern, die Hausesel bekamen ihr Futter vorgesetzt. Die einen hatten den täglichen Daseinsdruck, die anderen lebten in einer für sie vorbereiteten Welt. Wie zu erwarten war, die Esel, die sich ihr Futter selbst suchen mussten, waren intelligenter, dem Daseinsdruck mehr gewachsen.
Man kann daraus schließen, dass, je mehr die Verhältnisse geregelt sind, im gleichen Maße die Fähigkeit sinkt, mit Herausforderungen fertig zu werden, da bestimmte Areale des Gehirns gar nicht erst aktiviert werden. Wer im goldenen Käfig aufwächst, entwickelt nicht den Antrieb, den Käfig zu verlassen, selbst wenn dieser sich irgendwann als weniger golden herausstellt als angenommen. Die eben erwähnte Made im Speck entwickelt nicht die Fähigkeit, über das Madendasein hinauszuwachsen.
Die Intelligenz wächst mit den Herausforderungen. Das Erlernen der Muttersprache, die Orientierung in der physischen Welt. In diesem Fall ist eine komplexe Sprache der Intelligenzentwicklung zuträglicher als ein reduzierter Wortschatz und eine vereinfachte Grammatik. Die täglichen Wege selber zurücklegen ist für den Orientierungssinn vorteilhafter als das ständige Gefahrenwerden.
Je komfortabler das Dasein ist, desto größer die Gefahr der Degression. Und damit sinkt die Fähigkeit, mit der Freiheit überhaupt umzugehen. Man hat nicht gelernt, sich zu behaupten, sich zu orientieren, das Leben außerhalb des oftmals goldenen Käfigs zu bewältigen.
Die Orientierung nehmen einem Andere ab, mit klaren Weisungen, mit dem sogenannten „nudging“, der mehr oder weniger subtilen Einflussnahme ohne offenen Zwang und Verbote. Im Idealfall hält man die Unterwerfung für Freiheit, da man nicht fähig ist, über einen vorgegebenen Rahmen hinauszudenken. Die in langen Jahren erlernte Hilflosigkeit macht Repressionen überflüssig.
Schon die Freiheit des Wortes, es gibt sie in den meisten Fällen, zumeist verzichtet man um des lieben Friedens willen darauf, sie wirklich in Anspruch zu nehmen. Unerwünschte Einsichten will keiner hören, es scheint völlig nutzlos, sie auszusprechen. Das Geschwätz von einem heruntergekommenen Weinfassbewohner am Straßenrand, man ist zu beschäftigt, es überhaupt wahrzunehmen. Und außerdem, man will ja nicht riskieren, mit den falschen Leuten gesehen zu werden.
Schließlich sollen die kollektiven Illusionen gewahrt bleiben. Etwa, dass wir frei sind, tun und lassen können, was wir wollen, sagen können, was wir wollen. Und wollen können, was wir wollen. Wobei Letzteres laut Schopenhauer ein Ding der Unmöglichkeit ist…
Die Freiheit des Willens, gibt es sie oder gibt es sie nicht? Im juristischen Sinn muss es sie geben, sonst hätte das Strafrecht als solches keinerlei Sinn. Aber gibt es sie wirklich? Sind wir Gefangene unserer Genetik und der Umstände, die uns zu dem gemacht haben, was wir sind? Hätten wir aus freiem Willen etwas Anderes werden können?
Oder ist alles mehr oder weniger vorprogrammiert, nach der Devise, wer A sagt, muss auch B sagen und C und D, bis man an dem Punkt angelangt ist, an dem man steht…?
In bestimmten Zweigen der Theologie, in der Prädestinationslehre, ist es nach allerhöchstem Ratschluss vorherbestimmt, ob man erlöst wird oder in der ewigen Verdammnis landet, das Individuum habe keinerlei Einfluss auf das Schicksal. Die Freiheit, zu wählen, ob man Heiliger werde oder Schwerverbrecher, die gäbe es nicht. Man sei eben erwählt oder auch nicht.
Der eine wird belohnt für etwas, zu dem er nichts beigetragen hat, der Andere bestraft für etwas, für das er nichts kann. In diesem Fall läge die Verantwortung nicht beim fehlenden Individuum, sondern bei der Vorsehung, also beim Hersteller des Universums. Die Schuld läge folgerichtig bei diesem.
An diesem Punkt verbietet man sich das Weiterdenken und das Schlussfolgern. Lieber postuliert man eine Freiheit, die es vielleicht gibt, vielleicht auch nicht. Über diese Frage streiten sich die Gelehrten, die einen beweisen das Eine, die Anderen beweisen das Gegenteil. Wir wissen es nicht wirklich, sondern kaschieren unser Unwissen mit wiederholt vorgetragenen Glaubenssätzen. Das Sein schafft das Bewusstsein, das Bewusstsein schafft das Sein. Der Mensch ist ein Untier mit einem hauchdünnen kulturellen Firnis. Der Mensch ist von Grund auf gut oder von Grund auf schlecht. Der Mensch ist seines Glückes Schmied. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.
Man repetiert diese Sätze, wieder und wieder, als Mantra, als Suggestion. Hat man sich aus freien Stücken für diese Glaubenssätze entschieden? Oder ist man, wie eine rollende Kugel, ohne eigenes Zutun zu dem Weltbild gekommen, das man für sein eigenes hält…?