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5 Seiten

Die Welt als Willkür und Hirngespinst

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Warum gibt es die Welt, warum gibt es uns, warum gibt es überhaupt etwas und warum gibt es nicht nichts? Und warum gibt es das, was es gibt und nicht irgend etwas anderes? Und warum gibt es den Lauf der Zeit, die Zeit, die wir zu nutzen glauben und die wir oftmals mit unserer Geschäftigkeit nur totzuschlagen versuchen? Weswegen sind wir das, was wir sind und weswegen verbringen wir einen größeren Teil der Zeit unseres Daseins damit, mit der Sinnhaftigkeit des Daseins zu hadern. Oder man verbietet sich die Frage, der Alltag ist aufreibend genug.

In der Wissenschaft gibt es das Tabu, nach dem „Warum“ zu fragen. Sie kann noch einigermaßen plausibel das „Wie?“ erklären, wie soll unsere Welt, wie sollen wir entstanden sein, die Karriere vom Wurm zum Menschen in einer Milliarde Jahren, (zur temporären Rückabwicklung der Evolutionsgeschichte vom Menschen zum Wurm braucht es nur ein wenig Übermacht der Autoritäten). Die Entstehung des Universums mit einem großen Knall aus einem kleinen Punkt, aus einem Nichts von unendlicher Dichte, so die derzeit gültige Lehrmeinung.
Warum es diesen Knall überhaupt gegeben haben soll, warum erst den Wurm und dann den Saurier, den Affen und zu guter Letzt den Menschen, darüber schweigt die Wissenschaft.
Sie findet allenfalls heraus, dass es den uns bekanntes Naturgesetzen gemäß das Universum eigentlich gar nicht geben dürfte. Dass es eigentlich hätte wieder in sich zusammenfallen müssen, kaum dass es entstanden war.

Das Warum, die Frage, ob unser Dasein, ob dem Universum eine Sinnhaftigkeit innewohnt oder ob es sich lediglich um eine Verkettung von Zufällen handelt, es ist eher eine Frage der persönlichen Neigungen und Glaubenssätze und der Frage, inwieweit man sich mit einer fundamentalen Ungewissheit arrangieren kann. Die Astronomie lehrt uns, die Erde ist ein bedeutungsloses Stäubchen in der Unendlichkeit des Weltalls, unsere Sonne nur ein Stern unter Milliarden alleine in unserer Galaxie, von der es wiederum Milliarden gibt. Man könnte daraus schlussfolgern, dass unser persönliches Sein ebenso bedeutungslos sein muss, zumindest im Zusammenhang mit den Größenverhältnissen in unserer materiellen Welt.

Ist es überhaupt das einzige Universum? Oder nur eines von unzähligen…? Wir haben die drei Raumdimensionen und als vierte noch die Zeit. Gibt es noch ein paar weitere? Gibt es noch andere Versionen unseres Universums…? Gibt es die eigene Person noch in anderen Versionen?

Ist diese Frage überhaupt von Bedeutung, ist unser Alltag doch von ganz anderen Dingen bestimmt, von den zerrütteten Beziehungen, von den unbezahlten Rechnungen, von der Steuerbelastung, die kein Mensch mehr zahlen kann…?
Hier wäre die Vorstellung tröstlich, die Welt ist eine Illusion. Es gibt die Welt nicht und damit keine Rechnungen und schon gar nicht ein Finanzamt. Im Augenblick des Ablebens streift man seine Illusionsbrille ab und stellt fest, es war alles nur ein Traum gewesen, ein saublöder sogar…
Doch gibt es einige Stimmen, zumeist mit gnostischem Hintergrund, die sagen, der Übergang in ein Jenseits sei kein Aufwachen, sondern lediglich eine andere Phase des Tiefschlafes. Der Lichttunnel, der in unzähligen Nahtoderlebnissen beschrieben ist, eine Art Staubsaugerrohr, ein Seelenstaubsauger, eine Falle, man wird in einen neuen Biosack (im Volksmund Körper genannt) hineingezwungen und das alte Spiel beginnt wieder von neuem.. Gelernt hat man natürlich nichts oder das Gelernte wieder vergessen, was auf das Gleiche hinausläuft.

Die Welt ist Maya, sie eine Illusion, ein Traumgebilde, oder in heutigen Begriffen ausgedrückt, eine computergenerierte Matrix? Schaut man in die Strukturen der Materie hinein, so finden sich Moleküle, Atome, Protonen, Elektronen, Neutronen und immer kleinere Elementarteilchen und irgendwann vielleicht Pixel.
Im Alltag kommen wir mit einem rudimentären Verständnis der Physik eines Isaac Newton zurecht, in der Physik der kleinsten Teilchen oder im Weltall gibt es Phänomene wie die der Raum- und Zeitverzerrung, die nach gänzlich anderen Gesetzmäßigkeiten verlaufen. Photonen verhalten sich mal als Welle, mal als Teilchen, abhängig von der Position des Beobachters.
Was auf Dauer auch unser gewohntes Weltbild, die philosophischen Grundlagen desselben, in Frage stellten muss. Sind die Dinge einfach so da, oder gibt es sie nur, wenn jemand hinschaut? Löst sich das Universum auf, wenn es niemand mehr beachtet?

Unser Wissen steht auf wesentlich unsicherem Grund, als wie gemeinhin annehmen, wir wissen im Grunde genommen ziemlich wenig und reden uns ein, wir wüssten Bescheid. Wissen ist in erster Linie Glaubenssache, wir eignen uns das an, was in das eigene Weltbild hineinpasst, was sich als plausibel in die bestehende Weltsicht integrieren kann und ignorieren den Rest.

Was bedeutet, Gläubige finden wieder und wieder Beweise für die Existenz Gottes, für die Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz, Atheisten hingegen Beweise, dass es unmöglich einen Schöpfergott geben kann. Beide Seiten sind in der Lage, ihre Ansichten einigermaßen überzeugend darzulegen, da sie selbst davon überzeugt sind und Überzeugungen ansteckend wirken. Der Versuch der Orientierung im Dasein gleicht einem Blick ins Kaleidoskop, dem Blick in ein Spiegelkabinett, der Spiegelungen und der Spiegelung der Spiegelungen, welche sich weiterhin spiegeln, bis ins Unendliche spiegelt es sich, die Frage, was ist wirklich und was sind Trugbilder, die ist nicht letztgültig zu beantworten.
Ist das Universum ein Hirngespinst? Die Realität eine Illusion, wenn auch eine besonders hartnäckige? Den Gerichtsvollzieher wird es sicher sehr beeindrucken, wenn ich ihm beweise, dass er nicht existiert...

Nun wird gesagt, ein höheres Wesen habe diese Welt erschaffen, zu dessen Belustigung. Ist die Ewigkeit nicht lustig genug? Braucht es Milliarden und Abermilliarden von Sternen, nur um dieses eine Staubkorn namens Erde zu beleuchten. Mussten unzählige Tierarten auftreten und wieder verschwinden, wenn es doch angeblich einzig und alleine auf den Menschen angekommen sei?
Man erhält sein Leben, indem man anderes Leben zerstört. Ist das Dasein ein universeller Vernichtungskampf? Die Welt eine Kampfarena?
Und diese soll ein liebender Gott erschaffen haben? Der an unsereins die Forderung stellt, dieses Spiel nach s e i n e n Regeln zu spielen? Und wer das nicht tut oder auch nur zu wenig, wer seinen Ansprüchen nicht genügt, der findet sich in einer Welt wieder, die noch um einiges schlimmer sein soll als das Gebilde, das er für uns geschaffen hat.

Ein See aus brennendem Schwefel, in dem man sich für unzählige Jahrmillionen aufhält, als Bestrafung für ein paar Jahrzehnte des Ungehorsams oder vielleicht auch nur Nachlässigkeit? Oder weil man die falschen Fragen gestellt hat. Fragen wie diese...

Fragen sollte man nicht stellen. Wer zu viel fragt, untergräbt die Fundamente seiner Glaubensgebäude. Nicht nur den Glauben an einen alten, bärtigen Mann irgendwo hoch oben über den Wolken. Auch unser weltliches Dasein basiert auf Glauben. Und wenn es nur der Glaube ist, das, woran wir gewohnt sind, mit dem werde es seine Richtigkeit haben.
Dieser Anschein besteht so lange, so lange man nicht allzu genau hinschaut.

Wir haben Münzen und Scheine in der Hand, bezahlten mit den aktuellen Währungseinheiten in digitaler Form. Und das geht so lange gut, solange wir glauben, die bunten Papierchen, die Metallscheiben, die Nullen und Einsen auf dem Konto seien etwas wert. Eine Glaubenskrise auf dem Gebiet der Währungen hat in der Regel explodierende Preise zur Folge, was den Glauben weiter erodieren lässt, irgendwann muss man sich andere Papierchen ausdenken, andere Nullen und Einsen, eine andere Illusion…
Wir glauben zu wissen. Die Nachrichten informieren uns, wir meinen Bescheid zu wissen. Doch was wissen wir wirklich? Hat man uns nicht wieder und wieder einen Bären aufgebunden?
Fragen stellt man besser nicht. Man schaut auch besser nicht allzu genau hin. Ansonsten könnte ein Kartenhaus aus Lügen und Selbsttäuschungen in sich zusammenfallen.

Darwin hatte sich geirrt. Der Mensch stammt nicht vom Affen ab, sondern vom Papagei. Er plappert alles, nach, was ihm vorgebetet wird. Das Märchen einer lebendigen Demokratie, dass es eine kollektive Selbstbestimmung gibt. Das Märchen von der Souveränität der Staaten. Dass es von den Ergebnissen der Wahlen abhinge, was geschieht. Oder von der Willkür eines Machthabers.

Mitunter erleben wir ganz großes Kino. Irgendein Volk in einem fernen Lande erhebt sich gegen einen Despoten. Große Hoffnungen, die armen, geknechteten Menschen würden endlich ihre langersehnte Freiheit erlangen.
Und anschließend stellte sich regelmäßig heraus, dass die Revolution noch tiefer in die Knechtschaft geführt hatte, dass nichts gewonnen wurde, als die verhasste Gestalt an der Spitze endlich verjagt worden war. Und schaut man genauer hin, dann waren es gerade diejenigen Machthaber, die nicht gefügig gewesen waren gegenüber den mächtigsten Kapitalsammelbecken dieser Welt. Wenn ein Ölstaat seine schwarze Brühe gegen eine andere Währung verkaufte, als den Dollar, das konnte schon das Todesurteil gegen den einen oder anderen Staatschef bedeuten. Aber davon erfahren wir natürlich nichts in der Tagesschau.
Wir bekommen zu hören, dass der Postkartenmaler aus Braunau wieder auferstanden sei und auf dem Regierungssessel in Bagdad, Belgrad, Tripolis sitze, dass er von Moskau aus die ganze Welt unterwerfen wolle, dass wir alle in allergrößter Gefahr seien, unsere Freiheit zu verlieren, wenn wir sie nicht bereitwillig zugunsten der Sicherheit aufgäben.

Also in den Krieg ziehen, um den Krieg zu verhindern. Uns lückenlos überwachen zu lassen, um nicht in einer Welt zu landen, in der man keinen Schritt machen kann, ohne dass der große Bruder das sieht. Die Politik betet es vor, die Papageien beten es nach.
Hinterher ist man vielleicht klüger. Wenn alles schiefgegangen ist. Wenn der Bürger für die Illusionen der Staatsmacht hat bürgen müssen. Wenn einem gewahr wird, welcher Schimäre man nachgelaufen ist. Dann stürzt man die Kadaver der einstmals Mächtigen vom Sockel und meint, von nun an würde alles anders. Vielleicht macht man ein wenig Lärm, stürmt das Parlamentsgebäude. Vielleicht auch nicht, denn das Betreten des Rasens vor dem Reichstag ist ja strengstens untersagt. Und diejenigen, die man aus ihren Ämtern vertreiben will, die haben womöglich niemals wirklich etwas zu sagen gehabt.

Der Tanz der Lemminge geht weiter. Mit der Illusion der Macht, wie auch mit derjenigen der Ohnmacht. Mit der Wut, mit der geballten Faust in der Tasche. Mit dem wachsweichen Hinnehmen der Dinge. Mit dem Fatalismus des Untertanen, mit dem Warten auf Erlösung irgendwelcher Art. Mit dem Opium der trügerischen Hoffnungen.

Warum gibt es etwas und warum gibt es nicht nichts? Warum gibt es vom Falschen so viel und vom vermeintlich Richtigen so wenig? Und eine solche Welt soll ein gütiger Gott geschaffen haben?

Warum…?
 
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