Eigentlich sollten wir ja allesamt schon längst gestorben sein, längst verhungert, eigentlich schon längst verglüht, wenn man den überall verkündeten Prognosen Glauben schenken würde, eigentlich müssten wir lange schon als abgelebte Schatten durch die Ruinen einer lange schon nicht mehr existierenden Welt geistern. Aber, wir leben noch, wenn auch seit Beginn der Welt im Wartesaal der Apokalypse! Alles haben wir überlebt, die Endzeit wurde auf morgen und übermorgen verschoben, allen Unkenrufen zum Trotz kommt immer noch das Öl aus der Erde, ist der Wald immer noch nicht gestorben, ist das Ozonloch mittlerweile wieder aus den Schlagzeilen verschwunden. Es sind weder die Niederlande, Berlin und das Matterhorn im Ozean versunken. Der Rinderwahnsinn fast vergessen, von den Prionen, die uns alle eigentlich ins Kreutzfeld-Jakob-Nirwana hätten befördern sollen, spricht heute kein Mensch mehr. Die Apokalypsen kommen und gehen, die Panik bleibt.
Warum auch nicht? Sie ist sehr lukrativ…
Im globalen Maßstab ist die Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten gestiegen, sie liegt derzeit bei 74 Jahren, ein Wert, den die westlichen Industriestaaten erst um 1980 erreicht hatten. Manche der ehemaligen Hungergebiete blühen auf, sie erfreuen sich einer prosperierenden Ökonomie. Die Atolle im Pazifik sind nicht versunken, einige sind sogar gewachsen. Die Sahelzone, die vor fünfzig Jahren weitgehend ausgetrocknet war, ist an vielen Stellen mittlerweile mit Gras und Sträuchern bewachsen. Trotz Bevölkerungswachstum ist der Anteil derer, die hungern müssen, gesunken.
Die Leibeigenschaft konnte man abschaffen, nachdem die Dampfmaschine erfunden wurde. Ein toter Apparat nimmt uns die Sklavenarbeit ab, er ermöglicht uns, idealisierte Vorstellungen eines Daseins frei von Unterdrückung zumindest halbwegs umzusetzen. Allerdings um den Preis von Umweltschäden. Als Jäger und Sammler würden im deutschsprachigem Raum vielleicht einige Hunderttausende überleben, unter mehr als erbärmlichen Bedingungen. Aus Basis mittelalterlicher Technologie vielleicht 15 Millionen. Die hundert Millionen, die wir jetzt haben, wohl einzig und alleine deshalb, weil wir über Industrie, Welthandel und Hochtechnologie verfügen.
Die Wirklichkeit hat sich anders entwickelt, als es der Club of Rome vorhergesagt hatte. Das Erdöl, das längst hätte versiegt sein müssen, es sprudelt immer noch. Es gab zwar reichlich Probleme, es gab auch den Wettlauf um Lösungen. Manches stellte sich als Irrweg heraus, es gab und gibt auch Erfolgsgeschichten. Diese werden allerdings gerne unter den Tisch fallen gelassen von denjenigen, die um jeden Preis die Panik aufrechterhalten wollen. Afrika ist nicht mehr der Hungerkontinent, der er vor einem halben Jahrhundert gewesen ist, Indien nicht mehr die Brutstätte des Massenelends. Probleme gibt es dort noch zur Genüge, allerdings auch Inseln der Prosperität und wirtschaftlicher Aufstieg. Wo früher windschiefe Hütten standen, da schießen heute Wolkenkratzer in die Höhe.
Was natürlich bedeutet, unsere bisherige erste Welt hat ernsthafte Konkurrenz bekommen. Auch Andere können etwas.
Womöglich würde unsereins große Augen bekommen, wüssten wir, was anderswo möglich ist. Wir sind in unserer Blase des Niedergangs gefangen, manche der ehemaligen Hungerleider ziehen an Europa vorbei, kommen vielleicht mal zu Besuch, wundern sich über die vergammelte Infrastruktur und auch darüber, wie viel schlechtes Benehmen hierzulande toleriert wird. Belehrungen aus Europa, wie Andere zu leben hätten, die führen zu herzhaften Gelächter, wohl kaum ein Bewohner einer asiatischen Metropole legt Wert auf den bei uns alltäglich gewordenen Müll auf den Straßen und auf die Schmierereien an den Gebäuden.
Womöglich ist der Aufstieg ehemaliger Hungerleider nicht mal eine gute Nachricht, wird uns doch Tag für Tag, wird uns rund um die Uhr, von einer Heerschar gutmeinender Meinungsmacher, eingeredet, wir Menschen seien nichts weiter als Schädlinge, Ungeziefer, das eigentlich ausgerottet werden sollte. Ja, der ökologische Schuhlaufflächenabdruck, was immer das auch sein soll, der sei zu groß, der Erde ginge es wesentlich besser, gäbe es unsereins nicht, weder die ehemals erste noch die ehemals dritte Welt. So etwas nennt man Willkommenskultur, man tritt in dieses Leben ein und bekommt sogleich gesagt, dass es doch besser wäre, es gäbe einen nicht und schickt man sich an, wieder zu gehen, so ist es auch nicht recht...
Der Mensch sei ein Untier, so die Litanei der Weltrettungsbeauftragten, ein Unfall der Evolution, eine unnötige Belastung des Erdbodens. Die Natur sei gut, das Großhirn von Übel, der Mensch sei böse. Wobei die Natur, betrachtet man sie ein wenig genauer, alles andere als ein Idyll darstellt. Die Natur ist grausamer, als es jede Ellenbogengesellschaft sein könnte. Ein jedes Lebewesen existiert auf die Kosten anderer, es erhält sich alleine dadurch, dass es seine Konkurrenten auffrisst, sie verdaut und wieder von sich gibt. So dürfte es eigentlich am besten nichts als das Nichts geben, man solle den Urknall schleunigst rückabwickeln...
Die Natur ist weder Paradies noch ist sie Sozialstaat, ein jedes Geschöpf lebt in permanenter Sorge um seine Existenz, der Mensch musste, da es in rein körperlicher Hinsicht um dessen Überlebensfähigkeit ohne Hilfsmittel nicht zum Besten bestellt ist, seine Intelligenz nutzen, um das Überleben zu sichern. Aber, so wird dem Menschen eingeredet, seine Intelligenz sei etwas Suspektes, etwas, das eine ehemals heile Welt zugrunde richte. Prometheus hatte den Menschen den Umgang mit dem Feuer gelehrt und wurde dafür zur Strafe an einen Felsen geschmiedet. Dem Erfinder des Rades ist es wahrscheinlich nicht besser ergangen.
Laut der Bibel war die Frucht vom Baum der Erkenntnis der erste Schritt in das Unheil. Die Augen gingen auf, man sah die Lage ungetrübt, man hatte nichts zum Anziehen, zum Essen nur einen Apfel und das Ganze musste Paradies genannt werden, (so ein alter Witz aus der ehemaligen Sowjetunion), es war die Ursünde, dass einem die Augen aufgingen und der Istzustand ungetrübt gesehen wurde. Das Erkennen, das Denken, das geplante Handeln, das ist das, was den Menschen von der Natur scheidet, man lebt durch die Anstrengung des Geistes, durch den Wunsch, eine bestehende Misere hinter sich zu lassen, das Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen. Der schaffende Mensch, derjenige, der aufgrund seiner Erkenntnisfähigkeit es wagt, gegen den Strom zu schwimmen, nach neuen Horizonten zu greifen und der unentwegt versucht, einer Misere zu entkommen.
Das lösungsorientierte Denken, mit der Nebenwirkung, dass jeder Lösung das Potential anhaftet, neue Probleme zu schaffen, die wiederum gelöst werden müssen, ein endloses Spiel mit Chancen und Risiken.
Was wäre die Alternative gewesen? Das Aussterben, das Verbleiben in der Altsteinzeit?
Was ist heute die Alternative? Angesichts einer Bevölkerungsdichte, die ein Vielfaches der vorindustriellen Zeit ausmacht? Sicher wird es nicht das Überbordwerfen der Fähigkeiten sein, die uns bislang das Überleben gesichert haben.
Allerdings spielen im Wartesaal der Apokalypse rationale Argumente keinerlei Rolle. Es handelt sich um ein quasireligiöses Phänomen, um die sich perpetuierende Radikalisierung religiöser Eiferer. Je mehr eine Ideologie mit der Realität kollidiert, desto mehr wächst der Fanatismus. Die damit verbundenen Kollateralschäden, die sozialen Verwerfungen, die Massenarbeitslosigkeit, die Zunahme von Obdachlosigkeit und Unruhen, die führen keineswegs dazu, getroffene Maßnahmen zu überdenken, sondern zu einem „jetzt erst recht!“, dazu, mit Repression, ohne Rücksicht auf Verluste, durchzugreifen. Das drohende Weltende wird mit umso mehr Lärm beschworen, je weniger rationalen Gründe es dafür geben kann.
Man sieht die Welt zumeist nicht mit den eigenen Augen, sondern mit denen des jeweiligen Umfelds. Ist dieses einem Wahn aufgesessen, so ist es schier unmöglich, sich diesem zu entziehen. Und die jeweilige Weltsicht ist mehr von Emotion bestimmt als von rationaler Überlegung. Wer sich der allgemeinen Panik, der kollektiven Emotion entzieht, wer rationale Überlegung anmahnt, wer die Gegenposition auch noch so gut belegen kann, der läuft Gefahr, Ziel kollektiver Empörung zu werden. In Zeiten des Wahns braucht man ein schnelles Pferd.
Gerade dann, wenn die Emotion aufgepeitscht ist, da wäre es vonnöten, einen Schritt zurückzutreten und die Faktenlage zu betrachten. Wie groß ist das Umweltproblem tatsächlich? Stimmen die präsentierten Zahlen, auf welche Weise wurden die Statistiken erstellt? Welches Institut hat in welcher Zeit welche Vorhersagen gemacht, sind diese inzwischen eingetroffen oder nicht? Und falls die Prognosen von damals nicht Wirklichkeit geworden sind, weshalb? Auf Grund getroffener Maßnahmen, oder weil ihnen fehlerhaftes Datenmaterial zugrunde lagen? Weil die Massenpsychologie wieder einmal die Rationalität ausgestochen hatte?
Ein Verbleiben in der Emotion, mit der permanenten Steigerung derselben, kann den Gang in eine weitere finstere Epoche der Weltgeschichte bedeuten. Die Suche nach einem Sündenbock, mal die Hexen, mal eine religiöse Minderheit, mal diejenigen, die ein Auto zu viel besitzen, irgendjemand wird schon an der Misere schuld sein. Ob die Misere tatsächlich eine Misere ist oder ob die Urheberschaft derselben zweifelsfrei geklärt ist, diese Frage stellt man besser nicht. Ein Sakrileg, in Zeiten aufgewühlter Emotionen kühlen Kopf zu bewahren...
Angesichts eines tatsächlichen oder fiktiven Bedrohungsszenarios sind Zweifel verboten, die Kritikfähigkeit wird außer Kraft gesetzt. Es gilt, die Kräfte zu vereinen und keine Zeit mit Zögern zu verlieren. Nur dumm, wenn man mit vereinten Kräften einer Schimäre aufgesessen ist, sich billionenschwere Fehlinvestitionen leistet und irgendwann wie ein begossener Pudel dasteht ...
Früher gab es einmal die Erbsünde, man ist schuldig alleine schon durch die Tatsache der Existenz, heute sind wir schuldig an der menschengemachten Apokalypse, selbst wenn das seit Jahrzehnten unentwegt angekündigte ökologische Armageddon bisher ausgeblieben ist. Das Leben als Bußritual, kennen wir das nicht aus einigen Verirrungen des Christentums? Früher war es das Apfelessen irgendwelcher Vorfahren, heute ist es das Dasein überhaupt, das einen mit einer untilgbaren Schuld belädt. Wie wird man also seine Tage verbringen, in ewigen Schuldgefühlen, in verkniffener Pflichterfüllung, die Tugend umso größer, je freudloser das Dasein ist...?
Im Grunde genommen wurde die Religion lediglich umetikettiert, die Klimaangst ersetzt die düsteren Visionen der Johannesoffenbarung, die Sprachregelungen der political correctness sind der Exorzismus der Postmoderne. Früher hatte man Angst vor dem Teufel, heute wird mit dieser Rolle der russische Präsident betraut. Hier wird wie schon so oft ausgeblendet, wie sich die aktuelle Situation entwickelt, welche Seite welchen Anteil daran hatte. Wir haben es ja mit dem Teufel zu tun...
Auch in den Zeiten, als das Christentum das Abendland dominierte, da gab es auch innerhalb diesem den Streit zwischen Lebensbejahung und Lebensverneinung, zwischen der Akzeptanz der Tatsache, in dieser Welt zu leben und dem Abschweifen in dogmatische Rigorosität. Die reine Lehre ohne jegliche Rücksicht auf den Istzustand. Folgt auf das frivole Zeitalter von gestern gerade ein neuer Puritanismus, dem Hedonismus der Tugendterror?
Wir können nicht unsere Ideale erfüllen. Das konnten wir noch nie. Wir werden auch in Zukunft hinter unseren moralischen Ansprüchen zurückstehen müssen. Wir können vielleicht noch auf das Schnitzel verzichten, auf die Kartoffel aber nicht. Auch deren Leben endet spätestens dann, wenn wir sie gekocht haben. Die Tatsache des Daseins stellt einen vor das Dilemma zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit. Diese ist nicht schwarz oder weiß, sondern sie bietet eine Palette von Graustufen. Das betrifft die Umweltproblematik, das betrifft auch die politische Situation.
Alles oder nichts, Ökotopia oder Apokalypse, Klimadiktatur oder Tod, Weltregierung oder Weltkrieg, das Leben stellt uns nicht vor diese Wahl, es ist der moralische Rigorismus, der uns glauben macht, es gäbe nur diese beiden Alternativen. Das Leben geht weiter, auch wenn es nicht ideal ist. Die Apokalypse wird sich über kurz oder lang als Schimäre entpuppen, schlimmstenfalls hat die Angst zeitweise jeglichen moralischen Kompass abhandenkommen lassen. Der Zweck hat dann wieder mal die Mittel geheiligt..
Das Geschäft mit der Angst ist äußerst lukrativ. Es ist Teil des Klassenkampfes elitärer Kreise gegen die weniger Privilegierten, es lenkt die Finanzströme in die richtigen Taschen, es garantiert den Erhalt oligarchischer Strukturen. Gewinne werden privatisiert, die Folgekosten der Allgemeinheit aufgebürdet, Maßnahmen, die der Allgemeinheit die Butter vom Brot nehmen, werden mit der vermeintlichen Alternativlosigkeit rechtfertigt. Wer mag angesichts des unmittelbar drohenden Weltunterganges noch danach fragen, ob sein Gehalt noch bis Monatsende reicht? Ob den Steuersätzen eine entsprechende Gegenleistung gegenübersteht? Ob die propagierten Maßnahmen überhaupt dazu geeignet sind, Abhilfe zu schaffen?
Würden solcherlei Fragen gestellt werden, so manches Untergangsszenario könnte wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Das denkende Individuum ist Sand im Getriebe der Angstindustrie. Das Ausscheren aus der panisch in eine Richtung laufenden Herde eine Notwendigkeit. Vor allem, wenn es sich um eine Herde von Lemmingen handelt...