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3 Seiten

Lena - Stumme Schreie

Trauriges · Kurzgeschichten
Krachend fällt die schwere Tür ins Schloss, dumpf ist der Wiederhall.
Für Lena ist dieser Ton, der nur langsam in ihren Kopf gelangt, ein Zeichen der Erlösung, der kurz ihr die Freiheit verheißt.
Zusammengekauert hockt sie, unbeweglich wie ein Stein, nackt auf dem großen kalten Bett. Nur von Zeit zur Zeit erfassen eisige Wogen den zierlichen Körper und lassen ihn zitternd erschauern.
Ihre langen Arme umschlingen fest die angehockten Beine wie Fesseln, denen sie noch nicht zu entfliehen vermochte.
Ihre großen, braunen Augen sind leblos und leer. Keiner Träne gelingt es mehr ihnen zu entweichen. Sie schauen ins Nichts, in das unendliche Dunkel um sie herum. Lenas Seele schreit wortlos die kahlen Wände an, doch ihr Ruf hallt zurück, durchdringt die dicken Mauern nicht, die sie umgeben und stirbt ungehört in sich selbst.
Langsam erwacht Lena aus ihrer Starre, rutscht zur Bettkante hin und setzt vorsichtig ein Bein auf den Boden. Dann das zweite. Sie erhebt sich. Bei jedem Schritt stechen Messer in ihr wundes Fleisch. Tiefer und tiefer. Doch Lena will nichts spüren. In ihrem Kopf dreht sich alles und zieht einen grauen Schleier mit sich, der ihren Blick trübt. Der goldene Ring am Finger schmerzt und umklammert ihr Herz, hält ihre Seele gefangen, nimmt ihr die Luft zum Atmen, die sie so sehnlich begehrt. Er hat sich eingebrannt in die Haut, steckt tief in dem blutenden Fleisch und lässt sich nicht abstreifen.
Im grellen Neonlicht verrät ihr der gnadenlose Spiegel, was sie selbst ohnehin schon weiß. Er zeigt die dick geschwollenen Lippen, die schon lange kein Lächeln mehr umspielt, die dem heftigen Schlag nicht stand halten konnten und schmerzend platztend sich ergaben. Er zeigt das Blut, welches sich von dort aus bis auf ihre Brust hin verschmierte und nun eine Kruste gebildet hat.
Das lange, blonde Haar, das sonst so sorgsam von einer silbernen Spange gehalten wurde, hängt zerzaust an ihrem Leib herab und bedeckt als schützendes Pflaster die Abdrücke, die seine Hände auf ihren Armen hinterließen.
Lena stützt sich auf das Becken vorm Spiegel. Langsam gleitet sie an der kalten Keramik herunter, unfähig sich noch länger auf den Beinen zu halten.
All ihre Kraft hatte sie verbraucht in einem ungleichen Kampf, in dem sie nur der Verlierer sein konnte, die nun schweigende Beute, das Tier im Käfig, dessen Willen er gebrochen hatte.
Lena kriecht am Boden entlang wie ein Wurm, so wie er sie haben wollte, greift nach dem silbernen Knauf, zieht sich empor zum Wannenrand und gleitet hinein.
Heiß plätschernd, dampfend wie ein heilsamer Quell umhüllt das Wasser ihren Leib, wischt Ekel, Leid und Hilflosigkeit hinfort, verbirgt die unzähligen Male, die ihr junger Körper mit sich trägt, unter Bergen von Schaum.
Hinter ihnen im Nebel des Vergessens liegt Lenas Welt, die ganz ihr Eigen ist. In der sie jung ist und schön, in der sie das ganze Leben noch vor sich hat.
Seidige Tücher hüllen ihren makellosen weißen, unberührten Leib. Sie erhebt sich, umgeben von dem berauschenden Duft des Jasmins. Lena geht zum großen Fenster und öffnet es mit beiden Händen weit, um hinaus auf die hölzerne Terrasse zu treten. Sehnsuchtsvolle Blicke wandern auf das endlos weite Meer, in das gerade die glutrote Abendsonne taucht. Gierig füllen sich die Lungen mit reiner, klarer Luft, die in jede Zelle ihres Körper vordringt, ihn belebt und mit Glück erfüllt emporhebt. Einem unendlichen, tiefen Glück, dass ihr Tränen der Freude wie heiße Ströme über die Wangen laufen lässt. Die Stufen zum Strand steigt Lena langsam hinab, um alles, was sie umgibt in sich aufzunehmen und es in ihrem Herzen zu bewahren. Der feine weiße Sand unter den nackten Füßen ist noch ganz warm von der Hitze des Tages. Ihr Blick wandert zu endlosen Weiten. Hier ist sie allein, geborgen und beschützt. Der Abendwind erfasst Lenas glänzendes Haar, spielt mit ihm, streichelt sanft ihre weiche Haut. Als Dank erhält er ihr seidiges Kleid, was er sogleich mit sich fort trägt. Weit weg, bis hinter den Horizont. Dem rastlos schäumenden Meer vertraut sie ihren Körper an. Es liebkost ihn mit unendlich vielen Küssen. Schritt für Schritt gibt sie sich ihm hin.
Die Wellen rufen Lenas Namen mit murmelndem Raunen, einer Weise, die nur sie versteht. Sie ziehen sie zu sich, bis wahre Liebe ihr Herz umfängt. Ein vollkommenes, reines, großes Gefühl, in das sie ganz hineintaucht, sich in ihm wie im Tanze dreht, das sie in den Arm nimmt und sie schützend zärtlich umgibt, in dem sie immer verweilen will, bis in alle Ewigkeit hinein, bis...

... eine Tür erbarmungslos krachend ins Schloss fällt und ihr Wiederhall Lena zurückzerrt und sie zitternd erwachen lässt in dieser ihrer kalten Welt.
 
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Kommentare  

Sieht es so in einer geschlagenen Frau aus?
Gruselig!
Der Mittelteil zeigt deutlich, dass es unsere Phantasie ist, die uns davor bewahrt, am Leben zu verzweifeln oder gar wahnsinnig zu werden. Ich weiß nicht, ob diese Erkenntnis deine Absicht war, aber so ist es...


Stefan Steinmetz (23.01.2004)

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