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3 Seiten

Der ernsthafte Literat

Aktuelles und Alltägliches · Kurzgeschichten
© ThiloS
Es gibt für den ernsthaften Literaten zwei Arten von Menschen: diejenigen, die schon ein Buch veröffentlicht haben – also „verlegt“ wurden, so, wie der ernsthafte Literat – und diejenigen, die kein Buch veröffentlicht haben. Also keine ernsthaften Literaten.

Das Problem des ernsthaften Literaten hierbei ist: er weiß nicht, ob andere ein Buch veröffentlicht haben, aber, was noch viel schlimmer ist, die anderen wissen auch nicht, dass ER ein Buch veröffentlicht hat. Bücher haben nämlich die unangenehme Eigenschaft, dass man sie sich nicht einfach wie einen Orden an die Brust heften kann. Deswegen steht der ernsthafte Literat vor der Herausforderung, dass er sich entweder einen Ansteckbutton mit der Aufschrift „ich habe schon einmal ein Buch veröffentlicht“ an die Joppe nagelt, was als proletarisch und furchtbar verpönt gilt, oder aber er schleicht sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit an Literaturzirkel und deren Organisatoren heran und raunzt ein „ich habe schon ein Buch veröffentlicht“ in die Runde.

Der Witz dabei ist, ähnlich wie bei einem Döner, man weiß ja nicht, was in dem Buch drin ist. Hochwertige Literatur oder schnödes Buchstabengammelfleisch. Würde man den Literaten himself fragen, dann hätte nur ein grausames Schicksal verhindert, dass er den letzten Literaturnobelpreis bekam, selbst wenn sein Buch von der Entwicklung der Brillenfassungen von 1639 bis in die Neuzeit handelt.

Das ist das größte Problem des ernsthaften Literaten.

Das zweitgrößte Problem ist, dass keine Sau sein Buch lesen will. Weil es schlicht schlecht ist. Weil es scheißelangweilig geschrieben ist, ein uninteressantes oder hochspezialisiertes Thema hat und weil das zweitwichtigste Buch nach der Bibel eigentlich von der UN-Menschenrechtskonvention als akustische Folter verboten gehört.

Den ernsthaften Literaten indes ficht dies nicht an. Er möchte die ganze Welt an den Ausgüssen einer selbst mitfinanzierten Auflage teilhaben lassen. Und wo gelesen wird, da lässt er sich nieder, und dabei interessiert es ihn einen Scheißdreck, ob die Menschen da Lieder haben oder nicht. Er hat nämlich DAS BUCH.

Beispielsweise Poetry-Slam. Dichterschlacht. Da kommt der ernsthafte Literat auch hin. Da wird gelesen, da isser dabei, das ist prima. Er setzt sich, rückt die Brille zurecht, schaut wie ein Studienrat ins Publikum, vergewissert sich, dass er die Aufmerksamkeit seiner Opfer hat und leitet seine Lesung dann mit Sätzen wie „ich lese jetzt aus meinem BUCH, das den Titel „Ernsthafte Betrachtungen über Essays der Moderne von Kant über Brecht bis zur MIR“ trägt, die Kapitel 1, 2, 33 und 48, danach eine kurze Abfolge von Lyrik aus MEINER 20-bändigen Gedichtreihe „Vom Reihern und Sterben“ vor, danach folgt etwas Prosa und wenn ICH dann noch Lust habe, dann gebe ich auch Autogramme in MEIN BUCH, das Sie bei mir zum Spottpreis von 30,- € erwerben können und im „Regalblei“-Verlag erschienen ist“.

Und während das anwesende Auditorium sich mit Dingen wie Nasebohren, Fußnägel schneiden, Kartenspielen und SMS-Schreiben die Zeit vertreibt, liest der ernsthafte Literat. Und zwar vor. Aus seinem wichtigen BUCH. Das veröffentlicht worden ist. Er setzt ein kurzes Glanzlicht, als er das anwesende Wasserglas beim Blättern umschmeißt, schreckt das Publikum kurz auf, als Band 18 der Gedichtreihe mit einem lauten Knall auf den Boden klatscht.

Als sein zäh dahin fließender Wortbrei durch den Zwischenruf „gibt’s das Ding auch in Tablettenform, dann kann ich mir in Zukunft die Tranquilizer sparen“ jäh gestoppt wird, packt der ernsthafte Literat zornig seine Gedichtreihe und DAS BUCH zusammen und verlässt mit hochrotem Kopf das Podium.

Natürlich wird er sich hinterher beschweren. Beim Publikum. Das war schlecht und hat IHN nicht verstanden. Beim Veranstalter. Denn da waren andere Vorleser, bei denen hat das Publikum, diese degenerierte Drecksbande, gelacht. Und wenn das Publikum lacht, dann kann das keine Literatur sein, sondern nur Comedy. Wie eklig. Wahrscheinlich hat der schmierige Komödiant nicht einmal EIN BUCH veröffentlicht. So ja nicht. Das hat ja wohl nichts mit ernsthafter Literatur zu tun. Denn eines weiß der ernsthafte Literat genau: bei Literatur hat gefälligst nicht gelacht zu werden. Literatur ist ein ernstzunehmendes Thema. So wie sein Thema eben auch. Alles ernst. Ein Stoff, der in Frage stellt. Den Leser. Den Verleger. Vielleicht sogar den Geisteszustand seines Autoren.

Der einzige, der nicht in Frage gestellt wird vom ernsthaften Literaten ist der Literat selbst. Dafür ist er nämlich zu eitel. Und aus diesem Grunde wird der ernsthafte Literat auch wieder bei der nächsten freien Lesung anzutreffen sein. Schließlich muss das verdammte Publikum irgendwann einmal begreifen, dass vor ihm ein Weltklasseautor sitzt.

Und so liest er weiter. Und weiter. Und weiter. Und ich weiß: sollte ich je in die Hölle kommen, dann wird da der ernsthafte Literat sitzen. Und laut lesen. Aus seinem Buch.
 
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Kommentare  

Hallo ThiloS,

auf Wiedersehen in der Hölle! Denn irgendwie strebt doch jeder danach, veröffentlicht zu werden - oder etwa nicht?
Natürlich gebe ich Dir Recht, dass man die Jagd nach dem eigenen Buch auch übertreiben kann.
Aber schließlich lebt ja eine ganze Branche von Bezahlverlagen davon - und das nicht schlecht!

Ich hatte schon so manches Buch in der Hand, dass nach meiner Meinung besser nicht erschienen wäre.
Andererseits habe ich ein Buch von mir schon auf "amazon.de" als Billig-Angebot zum Weiterverkauf entdeckt.
Das ist die Hölle - in der wir uns (wie eingangs angekündigt) sicher wiedertreffen werden.
Viel Erfolg für Deine Veröffentlichungen (und sei's bei "webstories") wünscht Dir


Wolfgang Reuter (20.09.2007)

hehe... ich werde nie ein BUCH veröffentlichen! eine gelungene satire auf eine nervige stereotype.
Ich glaube aber nicht, das es leute wie DEN ERNSTHAFTEN LITERAT wirklich gibt. oder bin ich da zu optimistisch?


Killing Joke (16.09.2007)

Hallo ThiloS,

klingt fast so, als wärst Du beim Poetry Slam dabei gewesen! Dieser ironisch-kritische Beitrag hat mir gut gefallen...
lg


Nicolas van Bruenen (03.09.2007)

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