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Der Sammler

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Ich bin Sammler von Emotions-Kuriositäten und Jäger seltener Augenblicke, raren Momenten und einzigartigen Gesten. Wie ein Schwamm sauge ich all dies auf und packe es dann in die Regionen meines Kopfes, wo sich Ordnung mit Freude mischt. Das dabei entstehende Gefühl ist alleine schon eine Seltenheit, die ich aber leider nicht sammeln darf. Ich sammele keine eigenen Gefühlsausbrüche. Würde ich damit anfangen könnte, ich nie wieder aufhören. Wahrscheinlich würde ich mich selbst betrügen und Augenblicke schauspielern, damit ich ganz viel zu sammeln habe.
Angefangen hat alles schon in meiner frühsten Jugend. Ab dem 7. Lebensjahr habe ich ständig Menschen erschreckt, weil sie dabei so herrlich aus der Haut fuhren und ein ehrliches, wenn auch unschönes Gesicht machten. Ihre Ausbrüche brachten mir dann eigene Ausbrüche. Meistens große Freude.
Noch heute kann ich auf diese damals gewonnenen Eindrücke zurückgreifen und die einzelnen Personen vor den imaginären Augen drehen und wenden. Schrecken sammeln war ziemlich einfach. Weil die Gefühlsausbrüche ja direkt von mir ausgingen oder besser gesagt, weil ich sie provozierte. Bald merkte ich jedoch, dass es mir keinen Spaß mehr machte. Es schien, als hätte ich alle Gesichter schon gesehen. Das resultierende Erschrecken aus meinem Erschrecken war abgegrast. Ich freute mich nur noch lau.
Deshalb experimentierte ich weiter und kam mit 12 Jahren zur köstlichen Scham. Ich habe keine Ahnung, wieviele Menschen sich wegen mir in Grund und Boden schämten, aber es müssen eine Menge gewesen sein. Hauptleidtragende waren meine Eltern. Bald gewöhnten sie sich sogar daran, dass ich sie beim Akt im Schlafzimmer störte und so musste ich mir was anderes einfallen. Als ich jedoch einmal ein Foto meiner Großeltern als Plakat durch die Tür kommen ließ, erntete ich keine Scham, sondern Ärger.
Gefühle sind wie Farben. Sie können sich mischen, umkippen oder springen von einem Ton zum anderen. Und in diesem Dschungel der Emotionen eine Spur zu finden war mein Begehr, mein Sport und wenig später auch mein Fetisch. In der Pubertät entdeckte ich die Liebe, Freude, Lust, den Zorn, Enttäuschung und Sperma. Letzteres konnte ich perfekt benutzen, um Ekel zu produzieren. Damals entschied ich mich, Gefühlsforscher zu werden und bin es heute. Ohne Bezahlung, versteht sich. Ich bin Vorreiter dieses Berufes. Otto Lilienthal hat ja auch nicht als Flugkapitän sein Geld verdient, sondern als Hundefriseur und Sargträger. Manchmal hat er auch beides gleichzeitig gemacht. Hund auf den Sarg geknallt und immer wenn Pause war: schnipp, schnapp. Wir kennen ihn aber nur als Flugpionier.
Mein Umfeld kennt mich auch nur als Arbeitslosen. Dabei habe ich alles andere als freie Zeit. Mittlerweile provoziere ich längst nicht mehr zu Gefühlsausbrüchen. Ich habe gelernt, dass echte Augenblicke viel mehr wert sind. Ein Freudenschrei mit Luftsprung, weil jemand etwas gewonnen hat, ist soviel wert wie die Emotionsspitzen von 30 Menschen, die ich beschenkt habe.
Das bedeutet, dass ich suchen muss. Dass ich in großen Kaufhäusern bei Verlosungen dastehe und hoffe, dass jemand der gewinnt, dem das nicht so egal ist. Oder ich sitze auf meinem Lieblingsbaum auf dem Friedhof und schaue den Leuten beim Beerdigen zu. Das berührt mich irgendwie. Übrigens sehe ich da neben Trauer auch immer sehr viel Ärger. Ich kann Gefühle mittlerweile ja viel besser spüren. Ich bin wie so ein Geigerzähler. Der Unterschied ist nur, dass ich keine Geigen zähle, sondern das mein Herz ausschlägt, wenn ein Mensch mit großen Gefühlen meinen Weg kreuzt. Gerne würde ich auf dieser Welt einen Menschen treffen, der die gleichen Ambitionen hat. Schon alleine um herauszufinden, ob ich auch so ein Sammelobjekt für einen anderen Menschen sein kann. Würde ich mir irgendwie wünschen. Am besten natürlich eine Frau, was sicher hormonelle Gründe hat. Und sie kann mich gerne zu schönen Gefühlen provozieren, hätte ich ja dann auch so vor. Nur, wo finden? Auf dem Gefühlssammlerkongress in Bobitz? Weit gefehlt. Gibt es nicht.
Ich muss in dieser Angelegenheit warten. Auf einen Schicksalsausbruch und keinen Gefühlsausbruch. Ich bin gespannt. Oh, schönes Gefühl.
 
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Kommentare  

Da kann ich mich nur anschließen. Lg Sabine

Sabine Müller (23.11.2007)

sehr souveräne zeilen; cooles foto.
hut ab! (oder sagt man in bobitz 'schappo'?)
lg


Nicolas van Bruenen (23.11.2007)

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