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5 Seiten

Die schönste Tat des kleinen Räubers

Aktuelles und Alltägliches · Kurzgeschichten
Rosalie beobachtet argwöhnisch, wie sich Robby, ihr temperamentvolles Bengelchen nach dem Schwanz von Kater Blacky stürzt.
„ Bist du denn verrückt, das tut doch weh!” macht die gut aussehende Dreißigjährige ihrem Unmut verständlicherweise Luft.
Als das verängstigte Tier faucht und mit den Tatzen wild um sich schlägt, stürzt sich die schicke Blondine auf das zweijährigen Früchtchen.

Für die Alleinerziehende war und ist das quirlige Nesthäkchen ihr Ein- und Alles.
Ihr Ehemann Robert hatte die schlanke zierliche Frau einfach so im Stich gelassen.
Unmissverständlich hatte er ihr klar gemacht, dass Schluss sei, und zwar für immer.
Eine Nachricht, die einschlug wie eine Bombe. Für Rosalie immer noch unfassbar.
Selbst ein Jahr nachdem Robert ihr Tschüss gesagt hatte, ist die sonst so selbstsicher wirkende Frohnatur zu Tränen gerührt, wenn sie an diesen Schicksalsmoment zurückdenkt.
„Warum nur, warum hat er das nur getan!” zuckte es unzählige Male durch ihren Kopf und in Gedanken sah sie immer wieder das gefährliche Flimmern in seinen zornig starrenden Augen, als wäre es erst gestern gewesen.

Auf Montage war ihm die wilde Sina begegnet, die es meisterhaft verstand, mit ihrer reizvollen sexy Figur und ihrem Charme versprühendem Lächeln zu kokettieren. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Flugs hatte Robert die Schöne angesprochen. Die beiden hatten sich so ineinander verknallt, dass sie nicht mehr imstande waren, ihre Sinne unter Kontrolle zu halten. Noch am selben Abend hatte es sich das neue Paar in Sinas Liebesnest breit gemacht, um ihren unbändigen Leidenschaften zu frönen. Unzählige heiße Nächte sollten noch folgen..
Sina - die Schwarzgelockte mit üppiger Oberweite hatte sie Robert vermutlich sogar zur rechten Zeit den Kopf verdreht? Der passende Grund, um sich so aus der Verantwortung stehlen zu können.
Rosalie vermutete es.
Dem Schabernack des Kleinen war Robert nur sehr selten gewachsen. Wenn der Filius nicht zu bändigen war , was gar nicht so selten vorkam, versuchte er mit wütenden Gesten in Form von heftig rudernden Armen, wild auf den Boden trommelnde Füßen und die Angst einflößenden Kraft seiner lauten, oftmals viel zu rauen, Stimme, entgegenzusetzen, um so seine Ratlosigkeit, aber auch seine pure Verzweiflung, zum Ausdruck zu bringen.
War Sina vielleicht sogar ein willkommener Grund, um sich auf diese jämmerliche Art davonstehlen zu können?
Ein Glück, dass der kleine Filius Rosalie dauernd auf Trab hält, auch wenn es sie manchmal ganz schön nervt und ihr unzählige Male den Schlaf raubt.
Aber welche Mutter, welcher Vater, kennt das nicht!
Dennoch möchte Rosalie den Jungen nicht missen.
Täglich bekommt er auch seine Streicheleinheiten ab, wenn's sein muss fliegen ihm allerdings auch mal ein paar harte Worte ins Gesicht, so wie eben erst geschehen.
Auch schon in diesem zarten Alter, sollte ein Kind Grenzen aufgezeigt bekommen und auch lernen, gewisse Regeln akzeptieren.
Diese Maxime hat sich Rosalie in ihr Stammbuch geschrieben und handelt auch stets danach, auch wenn das trotzige Quirlchen es ihr längst nicht immer leicht macht.

Rosalie macht sich auf zu Kathy - ihrer besten Freundin, die sie zu einer Tasse Kaffee und zu einem gemütlichen Plausch eingeladen hat. Ihr Weg ist nicht weit, da Kathy nur zwei Häuserecken entfernt wohnt.
Mit ihr kann sie wahrlich über alles reden, sich auch mal richtig ausheulen, wenn ihr danach zumute ist. Erst recht nach diesem schweren Schicksalsschlag, der sie tief ins Mark getroffen hatte, der sich tief in die Seele der warmherzigen Frau eingebrannt hatte, dessen schmerzvolle Wunden auch bis heute noch nicht verheilt sind.
Als sie bei ihr ankommt, öffnet sich die Haustür um einen breiten Spalt. Eine alte Frau - struppige graue Haare - grüßt freundlich, als sie sich auf den schmalen Bürgersteig zwängt, sodass Rosalie mit ihrem Kinderwagen gleich rein rollt, nachdem sie den Gruß, der müde aufschauenden Seniorin sanft erwidert hat.
Rechts neben der Haustür stellt Rosalie ihr Lieblingsgefährt ab.
Behutsam winden sich die Arme der Frau um Robbys Körper.
Da ist es wieder - sein Markenzeichen, dieses unnachahmliches Lächeln, welches den Mund und die weit geöffneten kristallblauen Augen des Kleinen umspielt, als sie ihn aus dem Wagen hebt, um ihn fest an sich zu ziehen.
Zur Belohnung kriegt der stolze Erdenbürger ein zärtliches Küsschen auf den Mund gedrückt.
Vorsichtig trägt die Mutter ihren Liebling die Treppen hinauf und setzt ihn an Kathys Wohnungstür im zweiten Stock ab.
Am Rande der um einen winzigen Spalt geöffneten Tür gegenüber, lehnt eine vollbepackte Einkaufstüte, was Rosalie gar nicht so richtig wahrnimmt.
Robbys listige Spürnase dagegen schon..
Als die Füßchen des Nesthäkchens den Boden berührt haben, reagierte er blitzschnell, während Rosalies Augen ausgerechnet in diesem Moment Kathys Wohnungstür ins Visier nehmen.
Wäre ja auch völlig normal. Doch Rosalie hat wieder einmal die blühende Fantasie des Bengelchens nicht auf der Rechnung gehabt.
In Bruchteilen hat er sich ein frisches Schwarzbrot aus der Plastiktüte geschnappt und an dessen Rinde geleckt.
Eine Winzigkeit später huscht ein schlanker Schwarzschopf durch den Spalt.
Ein mörderischer Schreck fährt Rosalie durch die Glieder. Den Wicht hingegen scheint das nicht sonderlich zu beeindrucken - ganz im Gegenteil. Gerade jetzt gewinnt sein spitzbübisches Lächeln erst richtig an Schärfe, während Rosalie anfängt zu wettern:
„Robby! So was macht man doch nicht!", macht die Mutter ihrem Ärger redlich Luft und reicht das Diebesgut dem Geschädigten.
Doch der gut aussehende Mann - anfangs selbst erschrocken - bricht plötzlich in helles Gelächter aus und gibt ihr zu verstehen:
„Sie sehen ja selbst - er macht es eben doch. Kinder sind halt manchmal so”, betont der junge Mann - dessen Alter sich um die Dreißig bewegen dürfte - und verfällt erneut in einen Lachanfall, der einfach nicht enden will.
Auch dem kleinen Wicht scheint dieses Szenario zu gefallen. Robbys Kulleraugen, die noch größer werden, mustern den Mann ausgiebig.
Auch Rosalie dürfte die Blicke ihres Räubers mit Wohlbehagen registrieren. Erste Lachfältchen, ja sogar einige Grübchen- die sich in ihr Gesicht gelegt haben, scheinen es zu beweisen.
Erneut wird das Trio aufgeschreckt.
„Darf ich auch mal ein wenig mitlachen?”, fragt die vor Neugier platzende Ramona - die selbstverständlich Wind bekommen hat, zumal das schallende Gelächter natürlich nicht zu überhören war.
„Selbstverständlich darfst du das”, frotzelt ihr Gegenüber.
Kathy lenkt ihren Blick in Rosalies Augen und fährt fort:
„Ich dachte du wolltest mich besuchen - und nicht Andy?, fragt Kathy spitz lächelnd.
„Wollte ich doch auch. Doch das Bengelchen hat mich wiedermal aufgehalten.
Der hat einfach dem jungen Mann das Brot aus der Tüte gerissen und es mit seinem Züngelchen bearbeitet.”
Sowohl Kathy als auch Rosalie müssen jetzt herzhaft lachen. Zur gleichen Zeit machen sich die Händchen des Brotdiebes an den Schenkeln des Mannes zu schaffen, der erst seit einem Monat in diesem Viergeschosser wohnt.
Seine Freundin hatte ihm nach mehreren Zwistigkeiten den Laufpass gegeben, sodass er sich gezwungen sah, vorerst mit einer kleineren Wohnung vorlieb nehmen zu müssen..

„Ich sehe schon, der Kleene scheint Gefallen an Andreas zu finden. Ich kann dir versprechen -
Andreas ist wirklich ein supernetter Kerl. Der ist auch noch zu haben.
Wäre das nicht was für dich?”, fragt Kathy unvermittelt nach und schickt ein erwartungsfrohes Lächeln hinterher.
Verlegenheitsröte schiebt sich in das Gesicht des jungen Mannes. Sein Herz trommelt wie wild gegen die Magenwände.
Ihn scheint es die Sprache verschlagen zu haben..
„Nanu, deine Stimmbänder können doch plötzlich nicht eingerostet sein!", sagt Kathy mit etwas sorgenvoller Miene, wenn auch ihr Lächeln noch nicht ganz abhanden gekommen ist.

Kathy würde Rosalie von ganzem Herzen gönnen, dass das Glück wieder auf ihrer Seite steht - erst recht nach dieser Schmach.
Staunende Blicke kreuzen sich.
„Ich schlage dir vor, da es sich nun mal so ergeben hat, genehmigen wir vier uns einen Kaffee und ein Stückchen Erdbeertorte. Andreas - wärst du damit einverstanden?”, fragt Kathy mit freundlich heller Stimme.
Andreas - seine Kumpels nannten und nennen ihn immer noch Andy - lächelt verlegen und sagt trocken:
„Hätte wirklich nicht's dagegen.”
„Da kann ich jetzt wenigstens ein bisschen erleichtert sein”, gibt Kathy zu verstehen.
Die Drei lassen es sich schmecken. Das quirlige Räuberchen tippelt wieder mal durch die gute Stube.
Doch Andy nimmt das gelassen hin. Er nimmt den Süßen auch mal auf den Schoß, drückt ihn auch vorsichtig liebevoll, und haucht ihm sogar ein paar Küsschen auf die Wangen.
Rosalie geizt nicht mit lobenden Worten.
„Du bist aber lieb zu meinem Spatz!” entschlüpft es mit wohlig melodiös klingender Stimme aus ihren sinnlich geschwungenem kirschroten Mund.
„Ist doch selbstverständlich. Ich finde ihn doch so süß!”
Ein liebliches Leuchten glimmt in Rosalies meerblauen Augen auf.
Freudvoll lächelnd sprudelt es aus ihr heraus:
„Ich dich aber auch!”
Der Bann ist gebrochen, der Funke restlos übergesprungen.
Auch Kathy wirft den Glücklichen ein gönnerhaftes Lächeln zu und ergänzt verschmitzt lächelnd:
„Ausgerechnet dieser kleine Brotdieb hat sich als Glücksbringer erwiesen.”
„Gibt es auch nicht aller Tage!”, sagt Rosalie, die über's ganze Gesicht strahlt.
Ergänzend fährt sie fort:
Das ist wirklich ein Fall für's Kuriositätenkabinett!
Wer möchte dem nicht zustimmen!
So finden die beiden überraschend schnell zueinander.

Noch bevor sich Rosalie und Andy von Kathy verabschieden, machen sie gleich mal ihr erstes Date fest.



Ein Monat ist vergangen. Sowohl Rosalie als auch Andy mussten ähnliche Schicksalsschläge verkraften. Dieses hat die beiden fest zusammengeschweißt.
Auch Robby freut sich jedes Male, wenn er sich mit seinem neuen Spielgefährten austoben kann.
„Ein Glück, dass dieses Räbchen im goldrichtigen Moment zugegriffen hat”, bemerkt Andy scherzhaft.
„Manchmal raubt das Quirlchen uns ganz schön den Nerv - nicht selten müssen wir ihm zeigen, wo und wie es langgeht. Er muss es doch irgendwie geahnt haben. Auch Robby brauchte dringendst einen Vater. Um einen bekommen zu können, musste er halt seinem Einfallsreichtum freien Lauf lassen.
Deshalb hat er dein Brot geklaut”, witzelt Rosalie mit lieblich-schelmischem Unterton.
„So ganz möchte ich das doch nicht glauben, auch wenn Robby in dieser Hinsicht schon ein ganz schön schlauer Fuchs ist.”
„Ich kann dir nur zustimmen”, antwortet die überglückliche Frau, der es endlich vergönnt ist, den zweiten Frühling ihres Lebens in sich aufsaugen zu lassen.
Andreas ergeht es natürlich genauso.
So erfährt die Geschichte ein Happy-End - wohl noch schöner als in manch einem Film
 
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Kommentare  

Hallo Ingrid,

vielen Dank für deinen netten Kommentar, den ich mit größter Freude aufgenommen habe.
LG. Michael


Michael Brushwood (20.04.2010)

sehr schön geschrieben, der kleine ist so süß - und andreas wohl auch. und ich liebe happy ends! ;))

Ingrid Alias I (18.04.2010)

Hallo Petra, Jochen und Doska,

vielen dank für die netten Kommentare zur Story "Die schönste Tat des kleinen Räubers".
Das mit dem Brotdiebstahl hatte der drollige Enkel meiner Partnerin auch wirklich fertiggebracht.
Die Idee, diesen kleinen Räuber in die Rolle eines vielleicht nicht ganz freiwiligen Anbaggerers schlüpfen zu lassen, stammt dann doch von mir.
LG. Michael


Michael Brushwood (17.04.2010)

Da kann ich meinen beiden Vorkommentatoren nur Recht geben. Drollige Story und so kann das doch wirklich passieren. Wirkt tatsächlich so, als hättest du das erlebt.

Jochen (16.04.2010)

Na, so ein kleiner Racker. Er hatte halt nur Appetit und ganz nebenbei gefiel ihm der junge Mann wohl auch. Das war Sympathie auf drei Seiten. Wirklich eine niedliche Story. Hat mir Freude bereitet.

doska (16.04.2010)

Die ist ja echt süß, deine kleine Liebesgeschichte. Nee, darauf wäre ich nicht gekommen, dass es hier um solch einen Räuber geht. Aber so sind kleine Kinder. Sie müssen an alles ran und es sich in den Mund stecken. Die story war wieder so lebensecht, das man sich fragt ob du das erlebt hast. Ich finde es immer wieder toll, wie du es verstehst uns auf humorvolle Weise Geschichten aus dem realen Leben zu erzählen.

Petra (15.04.2010)

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