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Eine kleine Geschichte vom Leben

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
© Anja Mock
Es war Nachmittag. Draußen schien die Sonne. Eine alte Frau goss sich gerade eine Tasse Tee ein, als es an der Tür klingelte. Sie erhob sich und öffnete die Tür.
„Ach, du bist es.“, sagte sie, als sie den Tod erkannte.
Sie kehrte zurück in die Küche. Die Tür ließ sie offen, dass der Tod ihr hinein folgen konnte.
„Ich habe nicht mit dir gerechnet. Ich habe ja gar nicht aufgeräumt. Möchtest du auch einen Tee?“
Der Tod schüttelte den Kopf.
„Setz dich. Du warst schon lange nicht mehr hier.“
Der Tod nickte, aber setzte sich nicht.
Schweigen erfüllte den Raum, als die alte Frau ihren Tee austrank.
„Wir werden jetzt gehen.“, sagte der Tod.
„Ich möchte dir etwas zeigen, mein Kind.“ Die Frau stand auf und ging am Tod vorbei.
„Wir werden jetzt gehen.“, wiederholte der Tod.
„Du hast es immer so eilig. Lass den anderen armen Seelen noch einen Moment mit ihren Liebsten. Sie werden es dir danken. Ich möchte dir etwas zeigen.“ Mühselig ging die alte Frau die Stufen hoch. Der Tod folgte ihr.
Sie führte den Tod in einem Raum am Ende des Flures. Es war das Schlafzimmer. Das Doppelbett war unbenutzt.
Die alte Frau öffnete den Kleiderschrank.
„Ich möchte dir etwas zeigen.“
Sie holte ein langes gelbes Kleid heraus. Still betrachtete sie es, bevor sie es dem Tod zeigte.
„Es schon alt und bleich. Aber immer noch schön, findest du nicht auch? Ich trug es, als er mich das erste Mal sah. Und ich trug es, als er mich fragte – er wollte, dass ich das Kleid anziehe. Hätte ich gewusst was es für ein besonderer Abend war, hätte ich etwas Passenderes, etwas Edleres, angezogen. Aber er mag das Kleid, dass hat er immer gesagt, wenn ich es an hatte. Heute passt es nicht mehr. Es ist schon so lange her.“
Seufzend strich die alte Frau über das Kleid.
„Wir werden jetzt gehen.“, wiederholte der Tod.
„Ich möchte dir etwas zeigen.“ Sie legte das Kleid auf das Bett und strich noch einmal über den Stoff, dann lief sie aus dem Schlafzimmer und verschwand im nächsten Raum.
„Komm, komm. Ich möchte dir etwas zeigen.“
Im Raum befand sich nur ein Regal auf dem ein Bild stand.
„Das ist ihr Raum. In der Ecke stand ihr Bett und dort der kleine Schrank und überall auf dem Boden lagen ihre Puppen. Ich habe deswegen immer geschimpft, aber sie wollte nicht hören.“
Die alte Frau griff nach dem Bild. Es zeigte ein kleines Mädchen mit zwei Zöpfen. Es lachte. Ein Schneidezahn fehlte.
„Sie ist sieben. Nein, nein, jetzt ist sie schon älter. Wie ich doch immer die Zeit vergesse.“ Die alten Augen wurden nass, als die Frau dem Tod das Bild entgegen hielt.
„Ich weiß nicht, wie alt sie ist. Ich habe vergessen, wie sie heißt. Sie war schon so lange nicht mehr hier.“
Sie stellte das Bild zurück auf das Regal und sah es schweigend an. Eine Träne fiel auf den Boden.
„Wir werden jetzt gehen.“
„Sie hat dich nicht vergessen.“, sagte der Tod bevor er die Hand der alten Frau nahm.
 
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Kommentare  

Liebe Anja,
auch ich finde deine Geschichte sehr gut - zwar sehr melancholisch - aber dennoch sehr sinnvoll. Auch der Tod gehört nun mal zum Leben. Und vorher rollte die alte Frau noch einmal die "Nostalgie von gestern" auf.
Tatsachen, die mich sehr ergriffen haben, hast du da geschildert.
Einen frohen zweiten Weihnachtsfeiertag wünscht dir von ganzem Herzen Michael


Michael Brushwood (25.12.2010)

@ Gerald:
Danke schön =)
Eigentlich hatte ich mir keine besondere Gestalt
vorgestellt.
Erkannt hat sie ihn, weil der Tod bereits ihren Mann
geholt hat. Sie hat ihn sozusagen schon einmal gesehen.
"Kind" sagt sie, weil naja, ich hab mir, als ich die
Geschichte geschrieben habe, dieses typische "alte
Mütterchen" vorgestellt.


Anja Mock (24.12.2010)

Deine Story gefällt mir sehr gut. Schildert sie doch die Einsamkeit so vieler alter Leute und wie sie im Grunde auf den Tod warten. Das ist ein schönes Märchen, das nachdenklich macht. Man sollte doch mehr Zeit für einander haben. Aber nun eine kleine Frage. In welcher Gestalt, tritt der Tod bei dir auf. Tatsächlich als Kind? ( das nur, weil sie gleich am Anfang sagt: „Ich möchte dir etwas zeigen, mein Kind.“ Und weshalb erkannt sie sofort, dass der Tod vor ihr steht?

Gerald W. (24.12.2010)

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