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6 Seiten

Der Rußbuttenmann

Fantastisches · Kurzgeschichten
Es war später Nachmittag. Die Zeit der langen Nächte war schon angebrochen. In der Küche der alten Kräuterfrau saßen die drei Krieger und ihre zehn Befreiten um den offenen Herd. Der Eintopf köchelte vor sich hin, nebenan briet Fleisch in der Pfanne. Die Pfadfinderin Varinda hatte einen großen Rothirsch geschossen, lange noch würde dieser sie alle ernähren.

Plötzlich horchte Varinda auf.
Jetzt hörten es auch die anderen.
Angst kroch in die gerade aufgewärmten Glieder der jungen Frauen und Männer.
Wer war bereit, hinaus in den Regen zu gehen?
Die Kräuterfrau huschte mit ihrer Armbrust zum Fenster. Varinda und ihre beiden Gefährten Erendila und Merander griffen zu ihren Waffen und verteilten sich in den umliegenden Büschen.

Das Scheppern kam näher. Es klang, als würden die Blechsoldaten der Augsburger Puppenkiste den Berg hinab rollen. Sarah wehte ein Gestank von Pech und Schwefel um die Nase. Anscheinend war der Leibhaftige auferstanden, sie alle zu holen. Gebannt schauten ihre Augen in den wolkenverhangenen Nachmittag hinaus.
Da platze das Grauen aus dem Tann.
Schwarz und übermächtig groß.
War es ein Mensch? Ein armer Tropf gar?
Sarahs scharfe Augen erfassten das Wesen: Es sah aus wie das Elend selbst: Blass, abgemagert, mit zerschlissenen, schäbigen, schwarzen Leinwandkleidern bedeckt. Die nackten Knie schimmerten durch die Hosen, die Stiefel waren vielfach geflickt und dennoch lugte der große Zeh heraus, von Dreck und Blut verschmiert. Unmöglich, von ihm ginge Gefahr aus, sagte sie sich und lehnte sich entspannt an den Fensterrahmen. In Ruhe schaute sie sich das Ungetüm näher an.

Das Holzreff auf dem Rücken des fremden Mannes überragte bei weitem seinen Kopf, als würde ein Wehrturm auf dem Rumpf aufsitzen. In seinem Mund qualmte eine Pfeife; riesige Wolken hüllten sein Gesicht ein. Fürwahr, von weitem eine gruselige Erscheinung. Das Geklappere kam aus seiner Kraxe. Schwer musste die Last auf seinen Schultern drücken und hatte in den vielen Jahren den Oberkörper des Mannes nach vorne gebeugt. Schwerlich nur konnte ein großer Krückstock ihm Halt gebieten. In der anderen Hand hielt er ein Behältnis: „Frischer Ruß, zum Färben für Leinöl, als Lederfarbe oder mit Schweineschmalz zu Schuhwichse angerührt. Meine werte Dame, drei Pfennig für die kleine Butte. Erst in einem Jahr komme ich wieder vorbei.“

Amüsiert traten die drei Krieger aus dem Tann und nahmen den Hausierer in ihr Geleit. Ein freudiges Raunen war aus der Hütte zu hören.
„Hein, musst Du immer so schreckliche Auftritte inszenieren?“ Mit ausgebreiteten Armen kam die Kräuterfrau auf den Mann zu, gab ihm ein Küsschen auf die rußgefärbte Wange und zog ihn flink ins Trockene.
Merander ging ihm zur Hand, das Holzreff abzulegen, Erendila schlug das Wasser aus seinem vollgesogenen Filzhut, Varinda half ihm aus der Schlieren durchzogenen Joppe. Einstmals war diese blau gewesen.
Wie die Pfadfinderin die Waldhütte betrat, hielt sie Sarah den Lappen namens Jacke hin. Mit spitzen Fingern hängte die junge, blonde Frau das Ding an einen rostigen Nagel.

Varinda schmunzelte. Dieses Zieren hatte sie dem Blondschopf mit seinen hellblauen Augen, die in einer gelben Lederhaut schwammen, gar nicht zugetraut. Bei den jeden Tag am Nachmittag stattfindenden Schwertübungen war Sarah nicht zimperlich. Wie ein Derwisch flitzte sie über die Wiese, rollte durch den Matsch, sprang übers Geäst und forderte allzu gerne den Lehrmeister Merander heraus, ungeachtet der Tatsache, von ihm ordentlich ihr Fell gebläut zu bekommen.
Im Stillen war Varinda von diesem kraftstrotzenden Mädchen sehr angetan. Gerade sechszehn Mal hatte Sarah die Zeit des Blätterfalls erlebt, vor zwei Wochen das erste Mal ein Schwert in der Hand gehalten, und schon schien es der Pfadfinderin, das Mädchen mit den Augen eines Wolfes wäre mit der Waffe verschmolzen.

Und dennoch, so sehr Varinda geheime Wünsche hegte, sie durfte ihre Hoffnung nicht auf Sarah übertragen. Ihre verlorene Hoffnung. Weder dieser blonde Derwisch noch ihre beiden Gefährten könnten ihr helfen, den Potzquarluk zu besiegen.
Ihnen allen blieb nur das Beten, nicht auf dieses Monster aus Lava zu treffen, wenn sie die Treibsandebene Usintan, die ehemalige Bucht des Meeres Biki, queren würden, um Talkark zu erreichen. Talkark, ein Dorf im Talkessel unzugänglicher Berge, deren Einwohner sehr gastfreundlich sind. Sie würden Sarah und ihre neun Freundinnen und Freunde gerne aufnehmen, den Waisen eine neue Heimat geben und ihnen hinweg helfen über die grausamen Erlebnisse beim Niederbrennen ihres Dorfes.

Möge dein Haar auch noch im nächsten Jahr im Sommerwind wehen, dachte die Pfadfinderin, als sie mit einem sentimentalen Gesichtsausdruck beobachtete, wie Sarah von der „Garderobe“ zurück kam und sich auf einen der mit Hirschfell überzogenen Baumstümpfe setzte, die den Speisetisch umsäumten, wie Kamillenblütenblätter das gelbe Stempelkissen.
Die Schar junger Leute hatte sich schnell mit dem Rußbuttenmann angefreundet. Er sonnte sich in ihrem Kreise und überschüttete sie mit märchenhaften Geschichten.

Diese Ausgelassenheit schmerzte Varinda umso mehr. Sollte sie wirklich das Wagnis eingehen, die Ebene Usintan zu passieren? Gab es keinen anderen Ort für die jungen Leute? Sie könnte die Ebene umgehen. Jedoch verlören sie dadurch Zeit. Zeit, die sie nicht mehr hatten, da der Schneefall nicht mehr fern war. Und die Winter waren kalt und bitter in Luthalyen, dem Land, das unter den Seen und unter den Teichen lag.
Nur zwei Schwerter im Verbund können einen Potzquarluk besiegen: Tockalisur und Fistylsur. Das erstere hing an ihrem Gürtel, das zweite ist in Vergessenheit geraten. Der Legende nach wartet es seit Urzeiten auf seinen Träger. Niemand weiß wo. Keiner weiß, wie es seinen Träger ruft.
Als die alte Kräuterfrau mit einer großen Holzkelle Suppe aus dem vom Qualm geschwärzten Kuperkessel in die ihr gierig hingehaltenen Holzschalen füllte, setzte sich auch Varinda an den Tisch. Gedankenverloren strich sie über die reich verzierte Hülle ihres Schwertes und wartete, bis sie als Letzte an die Reihe kam.

Während des Essens berichtete der Rußbuttenmann von seiner Arbeit. Sechsundzwanzig Ohren waren zum Himmel gespitzt. Nur die Alte verschloss sich seinen Mähren, hatte jedes Detail schon tausend Mal gehört.
Pechsieder war der schwarze Mann im Herbst, Rußbuttenmann im Winterhalbjahr. Hausierend bot er gerade seine erste Charge an. Mehrere Wochen hatten in seinem Rußofen harzige Rinde, Kienholzspäne und frisches Nadelbaumholz geschwelt. Stets musste er achtgeben, der Flamme nicht zu viel Sauerstoff zu geben. War sie schwach rot, rußte sie am meisten. Im Rauchkanal fing der Rußsack den feinen Kohlenstoffstaub auf. War er voll, füllte der alte Mann seine Butten.
Jede bekam nun ein Exemplar in ihre Hand gedrückt. Fasziniert strich Sarah mit ihren Fingern über die unterschiedlichen Materialien der Butte. Es waren langgezogene Zylinder. Sechs Fichtenspäne wurden oben und unten mittels kleiner Eisenringe in Form gehalten, die Zwischenräume waren mit Kuhdreck abgedichtet. Kein Staubkorn konnte entweichen. Trotzdem roch alles nach dem schwarzen Pulver.

Wie sie zu Ende gespeist hatten, begann der Rußbuttenmann von den Trollen und Feen, Zwergen und Prinzessinnen, Gnomen und Elfen zu erzählen, die er auf seinen langen Wanderungen in den tiefen Wäldern Gangartans getroffen hatte.
Dazu qualmte es aus seinem Mund, als wäre der Schlot des Backhauses in die Hütte geführt worden. Rohrdick floss der Pfeifenrauch aus seinem Mund zur Erde, verteilte sich wie Schäfchenwolken in alle Richtungen, schwebte wieder aufwärts, verband sich mit neuen Schwaden aus Pfeifenkopf und Mundloch, manifestierte eine Nebelwand in Kinnhöhe und kroch mit gierigen Fingern zu den Zuhörenden. Sein Tabak roch nach Rum und frischen Fichtenzapfen, seine sonore Stimme entführte in Märchenwelten, bald schon lagen alle wie durcheinandergeworfene Mikadostäbchen um ihn herum. Erst als das Feuer niedergebrannt und seine Zunge vom vielen Grog schwer geworden war, schwankte die jugendliche Schar zu ihrer Hütte herüber.

Mondschein erhellte den Hof.
Hatte der wunderliche Mann den Regen verscheucht?
Varinda übernahm die erste Wache.
Aufmerksamkeit fand sie nicht. Ein Räuber hätte ihr mit Leichtigkeit einen Pfeil ins Herz schießen können.
In ihrem Kopf rannten die Mähren des schwarzen Mannes wild durcheinander, wie ein Bienenschwarm, dessen Bau von einem Bären zerstört worden war.

Der Zwerg Jaroslav, so hatte der pfeifenrauchende Mann berichtet, hätte ihm in seiner Höhle voller Stolz ein Schwert gezeigt, geschmiedet auf dem Rücken eines Potzquarluks, gehärtet im Blut eines Drachen, mit Runen verziert, die sich selber den Träger suchen, der Knauf gestaltet in Form eines Wolfkopfes, zwei Aquamarine als Augen.
Ein wahres Wunderwerk, hatte der Rußbuttenmann geschwärmt, dabei seinen Kopf zu den jungen Leuten gebeugt, als wäre er ein Uhu, der seine Brut füttern wollte, und ganz leise gesprochen. Nur noch das Knistern der Holzscheite im Ofen und der heulende Wind vor der Tür waren zu hören gewesen. Varinda hatte es geschienen, als hätten die Zuhörerinnen und Zuhörer das Atmen eingestellt, um das Geheimnis nicht zu verpassen.

Jetzt, auf ihrem Wachposten im Unterholz unweit der Hütte, hörte sie die durch den schwarzen Mann übermittelten Worte des Zwerges Jaroslav zum hundertsten Mal: „Die Aquamarin-Augen des Wolfes würden zu leuchten beginnen, wenn sich der Träger nähert. Schaut genau hin, mein Herr Hausierer!“
„Ihr wollt mich täuschen, Meister Jaroslav“, hatte der Rußbuttenmann erwidert.
Daraufhin hatte der Zwerg mit einer energischen Bewegung den Eingang seiner Hütte verschlossen. Die Hirschfelle hatten noch geraschelt, als der schwarze Mann ein lautes Zischen zwischen seine Zähne ausgestoßen und die schwach leuchtenden blauen Augen vorsichtig mit seiner Fingerspitze berührt hatte.
„Wie Sie sehen, Herr Hausierer, ist der Träger nicht mehr fern. Hundert Jahre hat Fistylsur gewartet. Jetzt ist seine Zeit gekommen.“

Varinda war innerlich bewegt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Als Pfadfinderin, ehemaliger Schülerin der Druiden und Trägerin eines magischen Schwertes konnte sie ihrer Intuition vertrauen.
Das Schwert mit den Emblemen eines Wolfes.
Das blonde, tatkräftige Mädchen mit den Augen eines Wolfes.
Das Geheul eines Wolfes, das Sarahs Kehle entrungen war, als die Peitsche des Raubritters der am Kreuz gefesselten Frau die Haut geteilt hatte, kurz bevor Varindas Pfeil dem Mordtreiben ein Ende gesetzt hatte.
Als würde Varinda bei der großen Göttin Bestätigung suchen, richtete sie ihren Blick in die Sterne.
Diese logen nicht. Sie wusste es.

Am nächsten Morgen, der schwarze Hausierer war gerade abgedampft, der Duft seines Tabaks hing hingegen noch in der Luft, kam Merander mit zwei gesattelten Pferden auf Varinda zugeschritten, welche sich unbemerkt neben Sarah gestellt hatte.
Der Kopf des blonden Mädchens schwang zwischen den Pferden und Varinda hin und her. Ihre Haare legten sich dabei auf ihr Gesicht wie Schlieren, wenn Minzöl in Schweinefett gerührt wird.

„Die Felswände Lorganiens sind nicht weit. Davor liegt das steinerne Meer „Kir“, ein kilometerlanges Geröllfeld. Der Ausritt wird dir bestimmt gefallen, Sarah“, erläuterte die Pfadfinderin mit festlich klingender Stimme.
Sarah verzog ihren Mund nach rechts zu einem dünnen Strich und beulte ihre rechte Wange mit ihrer Zunge aus, sagte aber kein Wort.
„Der Zwerg Jaroslav erwartet dich“, versuchte Varinda Zustimmung zu dem Ausritt zu erhalten.
„Bei allen Druiden Luthalyens, was soll ich bei einem Zwerg?“ Sarah glotzte die vierzigjährige Varinda an, als hätte diese ihr gerade feierlich eröffnet, dass ab morgen die Sonne nachts scheinen würde.
Widerwillig stieg sie in den Sattel.
 
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