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Die Palme und der Stern

Kurzgeschichten · Erinnerungen
Es gibt Orte, deren Namen verzaubern: Marrakesch, Istanbul, Timbuktu, Assuan. Orte der Sehnsucht eben.
Dieses Mal war es Assuan, die Katarakte des Nil. Das muss man sich nur schon als Wortklang auf der Zunge zergehen lassen – Assuan – die Katarakte des Nil.
Sie waren zu viert, vier Frauen, die sich gut kannten, vier Freundinnen. Die Tage verbrachten sie zu zweit, zu dritt, manchmal alle zusammen, oder auch alleine am Pool. Aber am Abend, Punkt fünf, trafen sie sich im Park des Hotels, am immer gleichen Tisch und sahen von dem leicht erhöhten Platz über den Nil, bis hinüber in die ockerfarbene Wüste.
Sie erzählten sich das Tagesgeschehen, verloren sich in endlose Gespräche über fremde Gottheiten, über Isis mit ihren Kuhhörnern und der Sonnenscheibe auf dem Kopf, über den jungen Nubier mit den schmalen Hüften, der sich als Reiseführer aufdrängen wollte, über diese längst vergangene Welt und über die gegenwärtige. Nein, da waren sie längst nicht immer der gleichen Meinung.
Sie blickten auf den smaragdgrünen Nil, der im Abendlicht langsam seine Farbe vertiefte, auf die goldfarbene Wüste auf der anderen Seite, über die sich langsam die Schatten legten. Auf die Feluken mit ihren grossen Segeln, die auf dem Wasser wie geheimnisvolle Vögel tanzten.
„Und diese Luft“, sagten sie immer wieder, „diese Luft wie Samt“, und sie breiteten die nackten Arme aus und lehnten sich genüsslich zurück. Die Palmen bewegten ihre Zweige, raschelten im leichten Luftzug.
Bis zum Sonnenuntergang blieben sie so sitzen, bis die Sonnenscheibe der Isis vom Horizont verschlungen wurde. Bis der erste Stern zwischen den Palmen aufleuchtete.
Irgendwo hier, musste das Paradies gewesen sein.
 
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Kommentare  

Wunderschön, dein Text klingt wie eine kleine Melodie und du schreibst so bildhaft, dass man alles vor sich sehen kann.

Evi Apfel (26.09.2017)

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