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4 Seiten

Andacht Nr. 85 Feinschliff

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Andacht Nr. 85

Feinschliff

Philipper 21 -24


21 Denn für mich ist Christus das Leben, und das Sterben ein Gewinn. 
22 Wenn aber das Leben im Fleisch mir Gelegenheit gibt zu fruchtbarer Wirksamkeit, so weiß ich nicht, was ich wählen soll. 
23 Denn ich werde von beidem bedrängt: Mich verlangt danach, aufzubrechen und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; 
24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen.

Paulus lässt hier durchblicken, dass ihm das irdische Leben zum Teil doch vergällt ist und man kann es ihm nicht übel nehmen. Unschuldig in damaliger Zeit in Gefängnissen, im Kerker zu sitzen, geschlagen, verspottet und gedemütigt zu werden und schließlich als Gefangener nach Rom gebracht zu werden; man könnte zynisch sein – er hatte auch schon mal bessere Tage erlebt.

Dennoch war und blieb ihm sein Missionswerk das wichtigste, ja, seine Lebensaufgabe und das Wissen um den Sinn seines Werkes, „seine persönliche Vollendung“, seinen persönlichen Lauf in der Rennbahn“ (siehe Andacht 84( ließen ihn alle irdischen Qualen, Traurigkeiten und Unannehmlichkeiten ertragen. Seine Augen (besonders die geistlichen) sahen durchaus die Finsternis, das Tal, sie blieben aber dennoch fest fixiert auf das Licht dort am Horizont zu dem ihn sein Weg führte.



Vor einigen Wochen hatte ich ein dramatisches Erlebnis mit einem Pflegeheimbewohner. Zwei mal in der Woche gehe ich hin und reiche Leuten das Essen, die körperlich und geistig nicht mehr dazu in der Lage sind, so auch kürzlich. Nachdem ich dem Herrn ein Handtuch umgebunden hatte und den ersten Löffel an seinen Mund führte, fing er plötzlich an fürchterlich zu weinen. Aufgrund der Krankheit konnte er das nicht mehr laut tun – die Tränen liefen ihm nur so über das Gesicht. Seine Mimik sprach Bände. Zuerst total überrascht und ratlos fragte ich ihn ob er Schmerzen hätte – er schüttelte den Kopf – dann fragte ich ob er traurig sei – dabei nickte er – ich fragte weiter und wunderte mich selbst über die Frage, die da aus mir heraus drang: „Fühlen sie sich gedemütigt?“
Wieder ein heftiges Nicken. Jetzt war ICH dran mit tief durchatmen. Ich stellte alles zurück, schnappte mir einen Stuhl und setzte mich dicht zu ihm. Ich erklärte ihm dass er mich lediglich als „seinen Arm“ betrachten solle, versicherte ihm, dass er für mich kein minderwertiger Zeitdieb wäre und erzählte ihm, dass ich diese Arbeit ehrenamtlich täte weil sie mir Freude brächte und Sinn mache und wieder „rutschte“ ein Satz aus mir den ich gar nicht geplant hatte zu sagen: „Sie, Herr XXX sind der Mensch den Gott mir vermittelte, Montags und Mittwochs das Essen zu reichen.
Dadurch dass sie jetzt hier an diesem Ort sind, in diesem Bett, in diesem Zimmer liegen, bekommen Leute wie ich die Gelegenheit ihnen etwas gutes zu tun , ihnen zu dienen - und weiter ging´s mit dem „nicht geplanten“ Satz – „und ihre Aufgabe könnte darin bestehen, einfach das Annehmen zu lernen, zu verinnerlichen.“ Wir schafften es an diesem Tag beide über diese ,für ihn schlimme Situation, hinweg zu kommen.
Die körperliche Gesundheit unsere Unversehrtheit hat durchaus ihren berechtigt hohen Stellenwert. Wenn diese aber abhanden kommt und nicht mehr wieder kehrt … werden wir gnadenlos auf uns selbst zurückgeworfen. „Was bin ich denn noch wert – lasst mich gehen – was tue ich noch hier – sind Aussagen die von bettlägerigen Menschen oft gestellt werden und auch deren Angehörige hadern oft (verständlicherweise) mit Gott und dem Schicksal. Warum wird die irdische scheinbar „nutz- und sinnlose Lebenszeit nicht beendet – wem nützt dieses Dasein in einem immobilen Körper? Auf den ersten Blick bereitet dieser Körper Arbeit – den anderen – und da kommt das geistliche, die Seele ins Spiel. Unsere Lebenszeit auf Erden dient ja nur scheinbar dem Aktiv sein, dem Geld verdienen, dem Erfolgreich sein, dem Fruchtbar sein. Wenn all das wegbricht, bleiben nur noch zwei Elemente übrig: das Element des Gebens und das Element des (An)nehmens und die müssen nun praktiziert werden, von beiden Seiten. Die innersten, die verletzlichsten Seiten einer Seele werden dabei herausgefordert. Wie fühlt man sich, wenn die intimsten Stellen von Fremden gewaschen werden, das Hinterteil mit Toilettenpapier gereinigt wird .. von Fremden … wenn das Essen in kleine Stücke von fremden Händen zerkleinert und anschließend mit der Gabel oder dem Löffel von - eben - einer fremden Hand angenommen werden muss und alles was man beitragen kann ist – den eigenen Mund aufzusperren. Als wir Säuglinge waren, gab es da überhaupt keine Probleme damit. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich mich damals geschämt hätte oder mich genierte. Ich hab wahrscheinlich einfach so lang geschrien und Rabatz gemacht bis jemand kam und die vollgemachte bescheuerte Windel endlich wechselte und wenn ich Hunger hatte, gab ´s so lange für die anderen „auf die Ohren“ bis mir jemand endlich dieses vermaledeite Fläschchen mit was gutem gab. Als Säugling nimmt man „selbstverständlich“ an. Das ist übrigens der geistliche Zustand, den Jesus sich als die vollkommene Haltung Gott gegenüber vorstellt. „Wahrlich, wenn ihr nicht werdet wie die Kinder … Matthäus 18/3 – das heißt völlig frei von Stolz, frei von Zweifel.
Ab einem gewissen Alter werden uns Selbstständigkeit und Scham antrainiert (das macht man nicht, pfui … ), was ja auch durchaus seinen Sinn und seine Berechtigung hat. Wir verinnerlichen diese anerzogenen Eigenschaften aber dann auch mit Stolz, mit „anständig“ sein. Wir alle kennen den Ausdruck: Die Hosen runter lassen – kein sehr angenehmes Gefühl – alles an sich – einem oder mehreren buchstäblich offenbaren, darlegen zu müssen, der ganze Stolz, das ganze Kartenhaus bricht zusammen. Es wird in der Bibel oft vom Körper als „Tempel Gottes“ geschrieben. Er ist während der irdischen Lebenszeit der Träger der Seele. Gerade in diesen letzten „Tagen“, die manchmal Jahre dauern können, wird der falsche, der nicht gottgewollte Stolz zerbrochen und das „nicht selbstverständliche“, das bewusste, mit Dank verbundene Annehmen praktiziert. Manche bewältigen diese harte spirituelle geistliche Schule, für andere erscheint sie als pure Höllenerfahrung. Diejenigen, die dann die „Gebenden“ sind, erfahren, was es heißt, für den anderen da zu sein, das eigene Ego, die eigenen Pläne ganz hinten einzusortieren und dennoch Kraft zu erhalten, für jeden einzelnen Tag – nicht im Übermaß, sondern einfach Tag um Tag um Tag um Tag.
Mag der Körper des gebrechlichen Menschen noch so elend, so erbarmungswürdig erscheinen; die Seele wird buchstäblich „rein geschliffen“ und betreibt Schwerstarbeit. Die Schule der Seele ist die härteste Schule, kein weltliches Gymnasium, keine Universität, keine Berufsabschlüsse können da mithalten und wir werden nicht immer gefragt ob wir uns in dieser Schule „einschreiben wollen“.
Das „sich drein finden, sich er-geben, sich der Situation ganz hingeben können, das Er-tragen sind die Fähigkeiten, die ich bei Gästen im Hospiz oder im Pflegeheim am meisten bewundere. Dazu gehört auch vor allem das offen zugegebene Schwach sein. Hier macht kein Titel, kein noch so spannendes Berufsleben Eindruck.
Es ist Gott, der das irdische Leben gibt und es nach gegebener Frist wieder nimmt und es ist die Seele die bis zum letzten Atemzug wie ein Schwamm Erfahrung aufsaugt, sammelt und nicht nur für sich, auch die sie begleitenden Mitmenschen.
Ist es nicht verwunderlich dass, gerade in unseren heutigen ach so mobilen, dahin eilenden Gesellschaften es scheinbar immer mehr Gebrechliche, Hilfsbedürftige gibt. Es scheint den Eindruck zu machen – diese werden vom Allmächtigen als „Bremser“ verwendet um dem immer stärker um sich greifenden oberflächlichen Denken und Empfinden noch Einhalt zu gebieten um hier und da den eigentlichen Sinn und Zweck unseres Daseins wenigstens noch „erahnen“ zu können.
Seien wir dankbar für diese „Bremsen“.

Und ich wünsche euch für nächste Woche wieder Gottes Schutz und Segen!
 
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