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Andacht Nr. 96 Loslassen, wenn ´s nur so einfach wär ...

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Andacht Nr. 96
Loslassen – ach, wenn ´s nur so einfach wäre ...

Jesus Sirach 21/8

Wer zu reden versteht, ist weithin bekannt, und ein Kluger merkt, wo er entgleist.


Ihr Lieben

Jeder der einem anderen Menschen helfen/beistehen möchte, sieht sich der Gefahr ausgesetzt, in ein geistiges„Schlagloch“ zu geraten. Es werden Ratschläge und Tipps gegeben in der liebevollen Absicht, dem anderen etwas gutes zu tun, ihm einen Weg aufzuzeigen, wie er diese und jene Klippe eines Schicksalsschlages umschiffen könne. Leider, leider, denkt man nicht immer daran wie es mit dem eigenen „inneren Steuermann“ aussieht, wenn die Rollen vertauscht wären …

Wir haben derzeit zwei wunderbare Gäste im Hospiz. Ich schreibe bewusst „wunderbar“ weil sie uns beide die gleiche Lehre mitgeben und beide, unabhängig von einander das gleiche harte Schicksal durchlaufen.
Der eine Gast, um die 90, besaß bis zuletzt eine große, schöne Wohnung mit alten Möbeln (definitiv nicht Ikea ...)welche die Erinnerung des vergangenen Lebens trugen und ausdrückten. In dieser Wohnung wurden die Kinder geboren, in dieser Wohnung starb der Ehepartner nach einer 70 jährigen Ehe. Diese Wohnung, diese Möbel, diese Einrichtung fiel nicht einfach vom Himmel, sie wurde nach und nach eingerichtet, Dinge dazu gekauft, erarbeitet, so manches wurde selbst gebaut und gezimmert.

Der Gast der bis zuletzt in dieser Wohnung lebte und nun im Hospiz in einem kleinen Zimmer liegt, wurde kürzlich von der Tochter darüber informiert, die Wohnung wäre geräumt, entrümpelt und die gesamte Einrichtung befände sich nun auf der Müllhalde – man hatte „ nicht die Zeit gefunden“, anderen die Einrichtung zugute kommen zu lassen.

Auf dem gleichen Stock, zwei Türen weiter, gegenüber, befindet sich der andere Gast, etwa 46 Jahre. Er hatte ein hartes, ein schweres Leben, war immer am sich durchkämpfen, sich behaupten und über Wasser halten müssen, er erfuhr buchstäblich vom ersten Atemzug Ablehnung und fand im Alter von 42 Jahren eine kleine 1 Raum Wohnung. Er richtete sich diese ein, war stolz auf seine eigenen Möbel, sein eigenes kleines Zuhause, in das er sich zurückziehen konnte, in dem er seine eigene „Heimat“ und Ruhe fand. Vor zwei Jahren kam die Diagnose und mittlerweile befindet er sich also im Hospiz. Seine persönlichen und geschäftlichen Angelegenheiten werden durch einen Vormund geregelt und dieser entschied, seine Wohnung auflösen und die Einrichtung „entsorgen“ zu lassen. Amtlich gesehen – alles korrekt!
Bis vor kurzem machte sich dieser zweite Gast noch Hoffnungen (realistisch oder nicht soll hier nicht Thema sein) wieder in seine kleine Ein Raum Wohnung zurückkehren zu dürfen, in der er sich so geborgen und wohl fühlte und vielleicht mit Hilfe einer ambulanten Betreuung sein Leben noch eine Weile „daheim“ fortführen zu können.

Wie gesagt, beide befinden sich im Hospiz auf dem gleichen Stock, einer halb so alt wie der andere. Beiden wurde der gleiche Rat gegeben: Sie müssten eben „loslassen“! Die Ratschläge wurden einmal von der Tochter und einmal vom gerichtlich bestellten Vormund gegeben. Beide hatten und haben noch immer ein freundliches Verhältnis zum jeweiligen Gast. Dennoch, beiden Gästen liefen unabhängig voneinander, die Tränen über´s Gesicht, für beide war die kurze und knappe Information was mit ihren irdischen Gütern geschahen, eine zusätzliche Katastrophe innerhalb der Katastrophe.
Ja, die beiden „Entscheider“ taten, was gemacht werden musste, so ist die Welt, so sind die Spielregeln und sie wussten auch, dass ihre „Schützlinge“ nie wieder in diese Wohnungen zurückkehren werden. Für wohlmeinende Ratgeber – auch gerade aus dem seelsorgerischen und dem religiösen Bereich ist es „logisch“, dass alles Irdische zurückgelassen werden muss.
„Das letzte Hemd hat keine Taschen“, hört man, oder, „ihren Krempel haben sie aber nicht mitgenommen“, witzeln andere respektlos, wenn über die üppigen Grabbeigaben der Ägypter oder Kelten berichtet wird, die Archäologen ausgruben.
Ihr Lieben; das „logisch sein“, das „Wissen“ ist eine Sache – ABER, was wir Rat Gebenden dabei oft vergessen - (bestimmt war die eine oder der andere von euch auch schon mal in solchen Situationen wo man etwas „vernünftiges“ sagte …) - ist, dass auch und gerade das LOSLASSEN ein Sterben ist, ein tieferes, ein inneres - Gewahr werden und – wenn es gelingt – eines Einverständnisses– einer auf den ersten Blick grausamen Wahrheit:
Hiob 1/21

Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren.

In den beiden genannten, traurigen Fällen geht es beileibe NICHT um Vergötterung von Reichtum. Da landeten „Erinnerungen“, geistige Schöpfungen“ auf dem Müllhaufen, da flog die irdische Manifestation eines 70 Jahre dauernden gemeinsam durchlebten, durchlittenen Lebens achtlos, gefühllos in den Dreck.
Im zweiten Fall, wurde das einzige Refugium aus den Händen gerissen, zerstört entweiht und weggeworfen, das ein Mensch sich in seinem gehetzten, traurigen Leben nach vielen Jahren eingerichtet hat, das für ihn der einzige Rückzugsort, das „zu Hause - bei sich sein“, die letzte – (ob realistisch oder nicht) Hoffnung war.

Ich lade euch ein – geht einmal langsam durch eure Wohnung, setzt euch hin und schaut die alten Foto Albums an. Betrachtet die Möbel, die Gegenstände in eurer Wohnung. Gibt es da noch ein altes Stofftier, ein besonderes Bild, ein ganz bestimmtes Foto? Was verbindet ihr damit, was bedeuten euch diese „ganz bestimmten“ Gegenstände?
Ist es wirklich so einfach, dem vernünftigen, wohlmeinenden Rat eines anderen zu gehorchen und eben einfach „loslassen“?
Lasst uns alle achtsam sein, bevor wir jemandem „vernünftige Ratschläge“ geben – seien sie weltlicher oder religiöser Natur und uns fragen, ob unser innerer Steuermann die Klippen und Felsen unseres Lebens so einfach und vernünftig umfahren kann.

Gottes Segen und Schutz für die kommende Woche und einen gesegneten 1. Advent wünsche ich euch.
 
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Kommentare  

Wunderbar in die Lage anderer versetzt. Würden das alle können, wäre die Welt um ein ganzes Stückchen besser. Ist aber nicht so - leider! Jedenfalls hast du dich mit deiner Story ganz in mein Herz geschrieben. Nebenbei gesagt: Du hast auch einen ganz tollen Schreibstil! Packend und sehr lebendig. Weiter so.

Irmgard Blech (02.12.2018)

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