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8 Seiten

Der Kaiser kommt

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
„Der Kaiser kommt! Der Kaiser kommt“, krächzte der Eichelhäher auf seinem Rundflug über dem Saupark in Springe, „ich habe Oberförster Ravens Drahtbericht nach Berlin abgehört, als ich auf der Telegrafenleitung gesessen habe.“ Vor Aufregung wackelte er mit seinem gesamten Gefieder, dass ihn mehrere blaue Schwanzfedern ausfielen.

Im Nu entstand eine Tampede im Wald. Rehe prallten gegen Wildschweine, Hasen mussten Haken schlagen wie seit zwei Jahren nicht mehr – seit dem letzten Besuch des Kaisers. Überall breitete sich hektisches Treiben aus, in den Lüften nicht minder als auf und unter der Erde. Dachs und Maus rannten zur Kalksteinmauer und begannen mit dem Buddeln eines Tunnels. Graubraun staubte die Erde unter ihren Körpern hervor, alle fünf Minuten sah man sie nebeneinander sitzen, sich kühle Luft über die heiß gelaufenen Vorderpfoten zu pusten.

Plötzlich krachte es gar grässlich in der Nähe. Beide zogen ihren Kopf zwischen die Schultern, bevor ein gewaltiger Schauer ihre Rücken zu schütteln begann.
„Uh, das muss weh getan haben“, sagte die Maus und strich sich die erdverkrusteten Barthaare mit ihren kleinen Pfötchen sauber.
„Und geholfen hat es nichts“, resümierte der Dachs, der sich noch immer seine wundgescheuerten Hände vors Gesicht hielt und dabei in Zweifel kam, ob er den Durchgang noch rechtzeitig fertigbauen könnte.

Da drang das nächste Trampeln zu den beiden hinan. Erneut sackte der Kopf zwischen die Schultern. Kurz darauf dröhnte das große Krachen und laute Stöhnen eines Tieres zu ihnen herüber und schüttelte ihre Körper abermals, als hätten sie in eine Steckdose gefasst.
Ein drittes Knallen blieb aus. Stattdessen hörten sie etwas, das auf sie zugeschlurft kam. Es war der Keiler Heinrich, der älteste und stärkste; der dennoch zu schwach war, das schwere eichene Tor aus seinen Angeln zu heben. So sehr er es auch mit all seiner Masse erstürmte.
Wehklagend setzte der Keiler sich neben den Dachs und die Maus und rieb sich mit seinem Ohr fortwährend über die angeknackste Schulter, als könnte er so den Heilungsprozess beschleunigen.

Der Wald war noch immer vom Trampeln, Schreien, Weinen und Fluchen erfüllt. Überall stritten sich die Tiere, was als nächsten zu tun sei. Eine große Abteilung sprach sich zum Rückzug in die Höhlen aus; die jüngeren und mutigeren unter ihnen hingegen fassten eine Flucht ins Auge. Es gab nur ein Problem, die Mauer.
„Wir müssen ein Sondereinsatzkommando ins Leben rufen“, krähte der Eichelhäher warnend der aufgebrachten Horde zu. Hunderte Augen richteten sich sogleich zu der Spitze der hohen Tanne, in der der braune Schreihals saß. Verdattert über seinen Vorschlag, stoppten sie ihren Streit. Nur noch das laute Pochen des kleinen Herzens des Waldpolizisten war zu hören. „Wir brauchen einen Plan. Wir benötigen eine Allianz. Jetzt müssen wir zusammenhalten.“

Vergnügt äugte er auf die Schar herunter. Dabei legte er seinen Kopf schief und strich sich mit einer Kralle über seinen Schnabel. Über sein Gesicht huschte ein schelmenhaftes Grinsen, kurz, wie ein Sonnenfleck über eine Wiese wandert, wenn es bei stürmischem Wetter nur selten ein Wolkenloch gibt.
„Eine erste Idee habe ich schon, wenn ich so auf diesen Platz herunter schaue“, setzte er seine Zuhörerschaft in Spannung. „Habt ihr denn gar nichts bemerkt?“
„Was sollen wir bemerkt haben, Vogel“, röhrte ein Kapitale, ein prachtvoller Rothirsch mit stolzem Geweih, zornig zum Eichelhäher hinauf. „Bevor dein Krächzen unsere Brunst gestört hatte, war alles in Ordnung gewesen.“

Um zu demonstrieren, wie unwichtig er das Einmischen des Eichelhähers in seinen Alltag empfand, senkte er seinen Kopf in Richtung des zweitgrößten Hirsches der Runde. Es stampfte und krachte, als die Geweihe beider Hirsche gegeneinander prallten.
Verzweifelt legte sich der braune Vogel oben in der Tanne seine Flügel über die Augen.
In diesem Moment schleppte sich Heinrich der Keiler auf die Wiese. „Der Häher hat recht, schaut euch die Wege an.“
„Sie sind wunderbar sauber“, mischte sich ein junges Reh in die Unterhandlung, stolz, zeigen zu können, dass es eine Veränderung wahrgenommen hatte. „Kein Laub und kein Zweig liegt mehr auf ihnen. Die Forstbediensteten haben die Wege sogar geharkt. Das sollten sie ruhig einmal die Woche machen, damit sich mir nicht immer wieder ein Zweig in meine Hufe drücken kann.“
„Lieber nicht“, brummte der Keiler missgelaunt. „Das haben die Menschen nicht aus Selbstlosigkeit getan. Wo nichts unter ihren schweren Füßen knacken kann, ist lautloser Pirschgang vorhergesagt. Zudem sind auf diesen sauberen Wegen unsere Fährten vortrefflich auszumachen. Und die Jäger brauchen sich nicht einmal die Mühe zu machen, welche Spur neu und welche alt ist.“

Das Reh senkte beschämt seinen Kopf und tat, als müsste es mit seinem Maul Tannennadeln und Dornengestrüpp aus seinem Brustfell zupfen. So konnte zum Glück niemand sehen, wie sehr ihm das Blut ins Gesicht geschossen war.
Der Kapitale, der eben noch seine Kraft der ausgewählten Zuschauermenge präsentieren wollte, schüttelte sich aus dem Horngeflecht seines Kontrahenten frei und brüllte: „Was sitzt ihr hier und glotzt Löcher in die Luft. An die Arbeit. Belegt die Wege mit so viel Laub und Unterholz, dass selbst der Oberförster Raven mit seinem riesigen Fernglas die Pfade nicht mehr erkennen kann.“
„Wartet noch ein Weilchen“, grunzte der Keiler. „Wir müssen Abordnungen zu den Bibern, Bienen, Maulwürfen und Raben des Calenberger Landes schicken.“
„Wir sollen uns um die da draußen kümmern, wo hier drinnen genug zu tun ist?“, empörte sich ein Muffelwidder.

Ein lautes Rumoren setzte ein. Der Eichelhäher krächzte, sie sollten mit dem blödsinnigen Streit aufhören. Wieder und wieder schrie er aus Leibeskräften. Den Schnabel bis zum Zerreißen aufgerissen, wippte er bei jedem Ruf mit seinem ganzen Oberkörper nach vorne, dass er fast vom Ast gestürzt wäre. Vergeblich. Seine kleine Stimme konnte sich gegen den Tumult da unten nicht durchsetzen. Er schüttelte den Kopf, als müsste er lästige Fliegen vertreiben, dann flog er schimpfend davon.
Erst nachdem weitere Keiler und Säue zu einer bedrohlich großen Rotte zusammengerückt waren, fand das aufgebrachte Wild des Sauparks die Ruhe, den Worten des weisen Keilers zuzuhören.
*
In Springe herrschte emsiges Treiben, nachdem das Hofjagdamt in Berlin die Ankündigung Kaiser Wilhelm II bestätigt hatte. Der extra für den hohen Besuch 1887 eingerichtete Haltepunkt „Kaiserrampe“ an der Eisenbahnstrecke Hannover – Altenbeken musste herausgeputzt werden, ebenso der Ostflügel des einstöckigen Jagdschlosses, das nur während der Hofjagd von Kaiser, Kronprinz und einem Heer an Dienerschaft bewohnt wurde: Lakaien, Leibjäger, Hornbläser; der Oberkoch mit seinen Köchen und nicht zu vergessen, der Silberbewahrer, der des Tags auf den Koffern seines Besteckes hockte wie eine Schleiereule des Nachts auf dem Fenstersims der Kirche.

Fremdenzimmer, Prinzengemach und grüne Stube wurden ebenso wie Küche und Keller von Grund auf gereinigt. Oberförster Raven schickte seinen Kutscher mit langer Einkaufsliste nach Hannover, steckte in der Wagenremise seinen Hund Hirschmann in ein warmes Bad und schrubbte dem tüchtig das Fell. Dabei redete er seinem geplagten Begleiter ins Gedächtnis, wie erfolgreich dieser bei der letzten Jagd am langen Schweißriemen geführt worden war und mit welch stolzem Standlaut er jedes Mal die Beute gestellt hatte.
Hirschmann interessierte dieses wenig. Er hatte eine ganz andere Sorge. Dass morgen die blaublütigen Gäste eintreffen würden, war eine Sache, dass er dafür im Wasser malträtiert werden musste, eine andere.

Unterdes war Konrad der Kutscher mit dem alten Gespann samt den betagten Pferden knatternd losgerollt. Seine zurückgebliebenen Gehilfen mussten nun die von der Feldarbeit struppigen Forstpferde Max und Franz striegeln, bis sie sich nach einer halben Nacht zu glatten Kutschpferden gewandelt hatten. Außerdem wienerten die Bediensteten die Geschirre und den für besondere Zwecke parat gehaltenen Landauer.
Zur selben Stunde wurden in der Stadt zur Unterstützung des Hofpersonals junge Frauen und Mädchen rekrutiert, die zudem bereit sein mussten, sich von den hohen Herren sehr beeindrucken zu lassen – so nannte man(n) zu damaliger Zeit den Zwang auf das andere Geschlecht, sich zum Wohle der bunten Jagdgesellschaft missbrauchen zu lassen.
Noch Jahre später, der Kaiser und seine Monarchie waren längst Geschichte geworden, sah man in Springe noch immer hohe Gardegestalten, die an die hohe Zeit erinnerten.
*
Viele Flügelschläge nachdem der Eichelhäher seine Tanne verlassen hatte, kam er zum Rand des Sauparks. Auf der Mauer lag ein rotbrauner Fuchs, eingerollt wie eine Lakritzeschnecke.
„Der Kaiser kommt! Der Kaiser kommt!“, krakelte der Kleine und stand förmlich in der Luft, dabei schlug er ganz wild mit seinen Flügeln.
Der Fuchs öffnete lediglich sein oberes Auge. Wie er den hektischen Vogel sah, gähnte er mit weitaufgerissenem Maul, bevor er sich erhob und lang streckte. Was kümmerte ihn der Kaiser. Er konnte klettern. Die Mauer war für ihn kein Hindernis.

„Wir brauchen deine Hilfe“, trötete der braune Vogel mit seinen blauen Schwanzfedern.
„Ach nee“, sagte der Fuchs.
„Der Kaiser und sein Gesinde wollen unsere Ruhe stören“, drückte sich der Eichelhäher vorsichtig aus.
„Auweia“, sagte der Fuchs.
„Vor zwei Jahren haben sie 12 Rothirsche, 142 grobe sowie 160 geringe Sauen, 35 Rehe, 12 Schnaufler und 3 seiner Dammwildkühe geschossen.“
„Ach komm“, sagte der Fuchs.

Der Eichelhäher drehte ab. Mit diesem Ignoranten wollte er nicht länger seine Zeit verschwenden. Erst in weiter Entfernung setzte er sich auf den Ast einer alten Eiche und zeigte Meister Reinecke mit seinen Flügeln einen langen Schnabel, wie es die Menschen mit ihren Händen an ihren Nasen machen.
Alldieweil trottete der Fuchs auf der Kalksteinmauer entlang. Der von der Sonne erhitzte Stein fühlte sich unter seinen kleinen Pfoten gemütlich an. Dieses war sein Reich. Schon seit unzähligen Generationen.

Er erinnerte sich an die Geschichten seines Großvaters, der diese wieder von seinem Opa hatte, und so weiter und so fort. Erzählt wurden sie immer in den langen Winternächten, wenn sich die ganze Sippe in ihrem Bau zusammengefunden hatte. Ja, es hatte einmal eine Zeit ohne Mauer gegeben, in der die Tiere des Sauparks die gleichen Freiheiten besessen hatten, wie die des Deisters, des Süntels, des Iths und des Osterwalds.
Doch 1836 begannen die Könige zu Hannover mit dem Bau dieser sechzehn Kilometer langen Kalksteinmauer – nicht mit dem Interesse, das der derzeitige US-Präsident gegenüber Mexiko hat, eher mit dem, weshalb um die ostdeutschen Länder einst ein „Schutzwall“ geschaffen wurde: Es sollte niemand hinaus kommen.
*
Mit dem Frühzug kam der Kaiser.
Die Dampflok schnaubte so laut, dass die beiden Kutschpferde Max und Franz die Ohren anlegten und mit einem beleidigten Gesichtsausdruck ihre Nüstern senkten.
Der Kaiser war in einer ledernen, gelben Jagdjoppe gekleidet, seine Füße zierten hohe, militärisch geschnittene Stiefel, auf seinem Kopf saß ein majestätischer Jagdhut.
Sein Gefolge war eine illustre Gesellschaft aus Prinzen, Herzögen, Fürsten und Ministern. Blaues Blut, allüberall. Frohgelaunt setzte sich die Kavalkalde in Bewegung, um entlang der kastaniengesäumten Kaiserallee zum Jagdschloss zu gelangen.

Von den vereinzelt umherfliegenden Bienen nahm niemand Notiz. Keiner wunderte sich, diese Honigsammler im Herbst in dieser blütenleeren Prachtstraße zu sehen.
So konnten die Kundschafter und Kundschafterinnen ungestört zu ihrem Volk zurückgelangen.
Eine Minute später machte sich eine kleine, schwarze Wolke auf Höhe der Mitte der Kastanienallee in Bewegung, den nächsten Zug zu bekommen. Oder vielleicht doch nicht?
Die Kutschpferde Max und Franz preschten nach den ersten Stichen ungezügelt los, der Kutscher hing auf seinem Bock wie ein angeketteter Steuermann auf einem Segelschiff im Sturm, wedelte mit seinem Hut hysterisch die Insekten weg und war nicht im Stande, die Zügel zu halten.

Die Räder der Kutsche knarrten, der ganze Kasten holperte laut über die sandige Allee, Kaiser und Bürgermeister fluchten um die Wette, der erste darüber, dass diese Allee noch nicht mit Kopfsteinpflaster ausgeschlagen war, der zweite über Konrad, seinem Kutscher.
Bis dieser sich mit einem irren Schrei kopfvorwärts vom Acker machte, während sich in die Nerven der Insassen der Kutsche das knisternde Geräusch aufplatzenden Holzes brannte. Die Maulwürfe hatten die Straßendecke so geschickt unterhöhlt, dass ein Kutschrad eingebrochen und gesplittert war.

Konrad rieb sich die Hüfte, als er mit schiefer Haltung zur Kutsche zurückgehumpelt kam.
Übelste Wünsche stieß er aus, als er das Wagenrad wechselte.
Zum Glück hatte er am Morgen ein Ersatzrad an der Rückseite des Landauers angehängt.
Eine Stunde später setzte sich der Reiterzug ein zweites Mal in Bewegung. Die Laune der Gesellschaft war sichtlich getrübt.
Um sich Schönes vor Augen zu rufen, dachten die einen an das festliche Abendmahl im Jagdschloss, die anderen an den Fürstengruß der Waldhörner, wenn dieser morgen die als „fröhliche Jagd“ bezeichnete Ballerei eröffnen sollte.
Auch der Kaiser hatte seinen ersten Schreck verwunden. Fürsorglich polierte er seine Jagdflinte, steckte seinen Finger immer wieder an den Abzug, peilte über die Kimme ein imaginäres Ziel in der Feldmark an.
Da heulte ein Wolf.

Erst einer. Dann zwei. Am Ende eine ganze Meute.
Wieder wussten Max und Franz mit dieser Gefahr nicht anders umzugehen, als panisch loszugaloppieren.
Konrad stand mehr auf dem Kutschbock als dass er saß, stemmte seine Füße gegen das Trittbrett, hielt die Zügel so kurz, dass sich die dünnen Lederbänder in seine Handgelenke fraßen. Vergebens, er brachte die Gäule nicht zur Einsicht.
Wieder holperte die Kutsche über den Feldweg namens Kaiserallee, ihr Holz ächzte dabei so laut, dass jeder Arzt ihr nur noch die letzte Salbung verschrieben hätte.
Da stürzte plötzlich eine dünne Kastanie über den Weg.
Konrad erzählte später niemandem, den platten Schwanz eines Bibers im Graben verschwinden gesehen zu haben. Seine Anstellung als Kutscher war nach dem heutigen Tage gefährdet genug; er musste das Unheil nicht vorsätzlich heraufbeschwören.

Max und Franz setzten mit beherzten Sprüngen über das Hindernis hinweg. Die Kutsche nicht.
Holz splitterte und krachte, Konrad wandelte sich erneut zum Riesenvogel, der Kaiser schrie auf vor Schmerz.
Er hatte seinen Finger noch nicht aus dem Ring am Abzug herausgezogen, als er mit vollem Gewicht gegen die vordere Kutschwand geprallt war.
Sein gebrochener Finger schwoll in Sekunden an. Blau, Violett und Gelb waren seine Farben.
Der Fuchs und seine Freunde, die Wölfe, konnten dieses zwar nicht sehen, waren dennoch mit ihrem Erfolg zufrieden. Sie hatten den Bibern am Holztor in der Sauparkmauer eine weitere Verschnaufpause verschafft.

Vor eben diesem Tor stand Heinrich der Keiler und feuerte die Biber an, noch schneller zu nagen. Hinter ihm schabten die gesamten Bewohner des Jagdreviers mit ihren Hufen oder Pfoten.
Der kapitale Rothirsch stellte seine Nüster in den Wind, noch konnte er keine Jäger riechen. Das Reh drehte immer wieder seinen Kopf auf den Rücken, Angst flackerte in seinen Augen, es wollte partout noch mal nicht sterben. Einige Hasen verloren die Geduld und versuchten, über die Mauer zu springen. Als sie von der Mauer abgeprallt wieder auf dem Boden gelandet waren, bearbeiteten sie mit ihren großen Zähnen vorsichtig ihre verstauchten Knochen.
Diese Angst und Verzweiflung, die Heinrich umwehten, wie die Gerüche einer Gemüsesuppe durch die Flure einer Gaststube schwebten, verlieh ihm doppelte Kräfte.

Kurz warnte er die Biber, anschließend stürmte er los. Wütend warf er sich gegen das Holz. Die angenagten Stützbalken brachen schlagartig. Der Keiler kippte zusammen mit dem Tor in die Freiheit. Die, die er fast nicht mehr erlebt hätte, hätte der große Kapitale ihn nicht in letzter Sekunde auf sein Geweih gehoben, damit er von der panischen Meute nicht zu Tode getrampelt werden konnte, die nun in die Freiheit stürmte.
*
Es war schon später Nachmittag, als die geschundene Reiterschar das Jagdschloss erreichte.
Wohl war niemandem nach diesem Erlebnis.
Schlimmer hätte es nicht kommen können, raunte Konrad der Kutscher dem Oberförster Raven zu.
Es kam schlimmer.
In den laubleeren Bäumen rund ums Jagdschloss saßen Raben.
Nicht einer. Nicht zwei. Nicht drei.
Es mochten fünfhundert sein.
Und kein einzige krähte.
Es herrschte Totenstille.

Den Prinzen, Herzögen, Fürsten und Jägern rutschte beim Anblick dieser Todesboten das Herz in die Hose. Einige fanden sofort eine Ausrede, noch heute zurück in die geliebte Heimat aufbrechen zu müssen, andere schmiedeten den Plan, morgen früh eine Magenverstimmung vorzutäuschen, um diesem verwunschenen Ort ungeschoren entkommen zu können.
Auch der Kaiser bastelte an einer Ausrede, morgen unpässlich zu sein. Dabei stierte er mit fassungslosen Augen auf seinen geschwollenen Zeigefinger. Nicht einen einzigen Schuss könnte er abgeben. Zum Gespött ganz Deutschlands würde er werden, denn eines konnte er sich sicher sein, sein Jagdpech würde sich schneller im ganzen Kaiserreich herumsprechen als eine Dampflok von München nach Berlin brauchen würde.
In dem von Kandelabern erleuchtetem Jagdschloss war es an diesem Abend außergewöhnlich still.
Stiller noch war es nur in dem angrenzenden Saupark.
Die Gewissheit vor dem Tod hatte das Tiervolk darin in die Flucht getrieben. Möge es in den angrenzenden Wäldern Hilfe, Freundschaft, Anerkennung und Geborgenheit finden.

++++

Den Saupark als kaiserliches Jagdterrain gibt es wirklich. In Springe, einer kleinen Stadt südwestlich von Hannover, am Rande des Weserberglandes.
Es ist ein 14 Quadratkilometer großes, total mit einer Mauer eingefasstes Gehege, angelegt als Hofjagdgebiet der Könige zu Hannover und später der Deutschen Kaiser.
Da das Wild dem Gehege nicht entfliehen konnte, war den Adeligen eine ertragreiche Jagd gesichert.
Um den Saupark zu erreichen, wurde eigens ein Bahnhof mitten in der Walachei angelegt, genannt „Die Kaiserrampe“. Von dort führte eine Kastanienallee schnurstracks zum Jagdschloss. Die Allee ist noch heute zu bewundern, der Haltepunkt schon längst aufgelassen.
 
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Kommentare  

Hallo Axel,

vielen Dank für deinen Kommentar und dass du dich gleich schlau gemacht hast über de Saupark. Diese Geschichte habe ich einmal für eine Anthologie geschrieben, es ist aber nicht mehr zu der Veröffentlichung des Bandes gekommen. Da ich eher Thriller und Horror schreibe, habe ich nicht oft Muße zu diesen Tiergeschichten, obwohl es mich sehr reizt, gesellschaftspolitische Themen in Form von Fabeln aufzugreifen.

Ich wünsche Dir eine schöne Zeit. Frank.


Frank Bao Carter (03.02.2019)

Märchenhaft fühlt man sich in die Zeit zurück versetzt als noch Kaiser Wilhelm der II. (oder der Wilhelm der I ?) regierte.
Deine Tiere halten fest zusammen. Eine tolle Metapher hinter der auch die Frage steht: Wie wäre es, wenn wir Menschen auch mal so zusammen hielten? Ich liebe solche Geschichten und habe gleich mal ausführlicher nachgelesen, wie es damals im "Saupark" so zugegangen ist und was aus ihm inzwischen geworden ist. Sehr interessant. Und nun wieder zu deiner Geschichte: Sehr gelungen, flüssig und amüsant geschrieben. Ich könnte gerne mehr davon vertragen.


axel (13.12.2018)

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