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Die Kinder von Brühl 18/Teil1 - Plumpsklo und Gänseblümchen/Episode 18/Der Puppenwagen, die Zuckertüte und der Kuhfellranzen

Romane/Serien · Für Kinder
© rosmarin
Nach Richards tragischem Tod ist nichts mehr wie es war. Doch die Sonne scheint, als wäre nichts passiert. Die Blumen in Wallys Märchengarten blühen. Sie duften wie zuvor. Lustig setzen sich die Schmetterlinge auf ihre bunten Blüten. Die Vögel zwitschern in dem Birnbaum. Aber mir erscheint die Welt plötzlich dunkel. Ausgerechnet jetzt, da ich mich mit Richard angefreundet habe, ist er gestorben. Einfach so. Umgefallen. Wie ein dürrer Baum. Eben haben wir uns doch noch unterhalten. Ich höre noch sein Ziegenblechlachen. Ich spüre seine unendliche Einsamkeit. Und seine große Liebe zu Nanny. Es wird schrecklich für sie werden.

*
„Das waren die Folgen der Verschüttung“, sagt Helene traurig.
„Die Folgen des barbarischen Hitlerkrieges.“ Karl stopft nachdenklich seine Pfeife. „Wer weiß, was mit unseren Söhnen ist“, sagt er. Karl wagt nicht, Helene anzusehen. „Karl und Erich“, fügt er leise hinzu.
Helene tropfen die Tränen aus ihren großen, dunkelblauen Augen. Hastig nimmt sie ihre Schürze in beide Hände und wischt die Tränen damit weg. Sie steht auf, wischt mit der Schürze schnell noch über die blaue Wachstuchtischdecke und sagt: „Wir müssen ein Telegramm nach Buttstädt schicken.“
„Heute ist doch Sonntag“, sagt Karl. „Ich werde den Pfarrer holen. Der weiß bestimmt Bescheid.“
Wally sitzt steif auf ihrem Platz. Sie spielt mit ihren Zöpfen.
„Was ist“, fragt Helene, „willst du deinen Vater nicht begleiten?“
„Was ihr nur habt“, sagt Wally, „der Krieg fordert nun mal Opfer. Ob im Land oder an der Front. Ist doch egal. Wir müssen uns doch wehren. Wenn uns die halbe Welt angreift. Nur weil wir die Herrenrasse sind.“
Wally steht auf. Sie nimmt Haltung an. Dann streckt sie ihren rechten Arm steif vor sich.
„Heil Hitler!“, schreit sie.
Karl und Wally gehen zum Pfarrer. Jetzt kann Helene weinen. Und ich auch. Der Richard liegt noch auf der Erde. Nicht weit von Wallys Gemüseblumengarten.

*

Zwei Wochen später fahre ich mit Wally nach Buttstädt zurück. Mit dem alten klapprigen Fahrrad. Mit dem ich mit Richard nach Ziegelroda gefahren bin.
„Das war aber ein kurzer Besuch“, hat Helene noch gesagt. „Aber es ist besser so. Else braucht dich jetzt dringender als wir.“
Das stimmt auch. Else und Bertraud sind wieder gesund. Richard ist tot. Und Nanny ist zurück nach Hamburg gereist. Ich habe erst nach vielen Jahren wieder etwas von ihr gehört. Da hatte sie einen anderen Mann. Max. Und von ihm eine Tochter. Sonja.

*

„So”, sage ich jetzt zu Trude, „ich habe auch einen Puppenwagen. Guck mal, wie schön der ist. Den hat mein Vater bemalt. Alles echt. Und mein Großvater hat ihn selbst gebaut.“

Der Puppenwagen ist wirklich ein Prachtexemplar. Er ist aus dünnem Holz und hat sogar ein Verdeck, das man rauf und runter klappen kann. Mein Vater hat ihn himmelblau gestrichen und auf beide Seiten lustige bunte Bilder gemalt. Tanzende Kinder und Blumen und Vögel. Und die zwei weißen Kissen mit den Rüschen, die auch noch in dem Wagen liegen, hat Helene genäht. Und Wally hat sie später bestickt. Weil sie in Handarbeit in der Schule ja sehr gut war.

„Und wo hast du den her?” Trude läuft mir schon einige Zeit hinterher. Fahre ich meinen Puppenwagen den Stolperberg hinauf, ist sie mir auf den Fersen. Fahre ich den Stolperberg hinunter, läuft sie mir auch hinterher. Ich bleibe stehen. Sie auch. „Lass mich doch mal in deinen Puppenwagen gucken”, bettelt Trude. Neugierig guckt sie in meinen Puppenwagen. „Da ist doch gar keine Puppe drin”, stellt sie enttäuscht fest.
„Ich mag keine Puppen”, sage ich. „Die leben doch nicht richtig.”
„Und warum hast du dann den Puppenwagen?” Trude guckt immer noch in den Wagen, als könne sie ihren Augen nicht trauen. „Ein Puppenwagen ohne Puppe.” Trude lacht belustigt.
„Aus Ziegelroda. Von Tante Wally”, sage ich. „Den hat sie mir geschenkt.”
„Ohne Puppe?”
„Die hat sie behalten. Weil ich ja sowieso immer alles kaputt mache”, erwidere ich. „Das hat sie ja an der Käthe Gruse Puppe gesehen. Sagt sie.”
„Und wo ist die?“
„Na die habe ich doch geschlachtet”, sage ich und schiebe den leeren Puppenwagen hin und her. „Weil die ja sowieso schon tot war.“
„Du spinnst.” Trude zeigt mir den Vogel und rennt davon. „Das sage ich meiner Schwester”, ruft sie. „Du lügst doch, wenn du den Mund aufmachst.“

Ich und lügen. Niemals. Den Puppenwagen hat mir Wally wirklich ohne Puppe geschenkt. Sie braucht ihn ja nicht mehr. Aber die Puppe mit dem Porzellankopf. Als Andenken hat sie gesagt.
Zu dem Puppenwagen habe ich noch eine Schultüte bekommen. Die ist auch von Wally. Und den Schulranzen. Der ist etwas ganz Besonderes. Weil er aus Kuhfell ist. Aber wenigstens nicht von den Kühen, die ich kenne. Die stehen alle noch im Stall.
„Das sind alles schöne Sachen”, hat Helene gesagt. „Aus Friedenszeiten. Halt sie in Ehren. Du kannst froh sein, dass Wally sich davon trennt. Aber ihr könnt euch ja in diesen Zeiten so schon nichts leisten.”
Da hat sie wohl recht.

*

Jutta und Karlchen kommen angerannt. „Du sollst nach Hause kommen!“, rufen sie wie aus einem Mund. „Mami muss noch einkaufen. Und du sollst auf das Baby aufpassen.“
„Immer ich“, maule ich. „Aber ihr kommt mit.“
„Nun wird es aber Zeit“, sagt Else. „Es ist schon spät. Muss noch Milch und Brot einkaufen. Dazu reichen die Punkte gerade noch. Der Monat ist ja gleich um.“

Bertraud Johanna sitzt in ihrem Laufgitter in der Stube. Immer wieder versucht sie, sich an den bunten Gitterstäben hochzuziehen. Manchmal gelingt es ihr auch. Dann lacht sie und macht ein oder manchmal auch zwei Schrittchen, bevor sie wieder auf den Boden plumpst.
„Kommt wir spielen Mensch ärgere dich nicht“, sage ich zu Jutta und Karlchen, „bis Mami wiederkommt.“

Die Uhr an der Wand schlägt sechs Mal. Und Else ist immer noch nicht zurück. Das ist schon komisch. Sonnst essen wir um diese Zeit zu Abend und müssen danach ins Bett. Und Bertraud Johanna wird auch langsam unruhig. Sie muss ja ihr Fläschchen bekommen.
Ich hole das Spiel“, sagt Karlchen. „Aber ich will nicht wieder verlieren.“
In diesem Moment kommt Else in die Stube gestürmt. Sie ist ganz rot im Gesicht und völlig aufgeregt.
„Kinder“, sagt sie, „ich habe mich so beeilt. Aber ich habe noch mit Frau Schmids getratscht. Aufeinmal sagt sie: ‚Ach, ich habe da noch ein Päckchen für Sie. Das hat der Briefträger hiergelassen, weil Sie ja heute Vormittag mit den Kinnern unterwegs waren'.“
„Was für ein Päckchen?“, frage ich neugierig. „Wir haben doch noch nie ein Päckchen bekommen.“
„Eben“, sagt Else. „Aber hier ist es. Und ratet mal von wem.“ Else hält uns ein mit einem dicken Strick verschnürtes Päckchen entgegen. Das Papier ist an den Seiten schon etwas zerfetzt. Aber es ist ein Päckchen. Und da ist natürlich etwas drin. Else macht ein geheimnisvolles Gesicht. „Na, ratet mal“, lässt uns Else zappeln.
„Aufmachen“, verlangt Jutta.
„Aufmachen“, plappert Karlchen nach.
„Kinder. Kinder.“ Else macht es noch spannender. Sie setzt sich mit dem Päckchen auf das Sofa. Dann starrt sie es an, ohne es zu öffnen. „Es ist von eurem Vater“, sagt sie nach einer mir endlos erscheinenden Zeit. Sie lacht und weint plötzlich gleichzeitig. „Es ist das erste Lebenszeichen nach mehr als eineinhalb Jahren. Es ist wie ein Wunder. Ein Päckchen. Aus Frankreich. Paris.“ Else laufen die Tränen übers Gesicht. Und sie sieht ganz glücklich aus. „Der Stadt der Liebe“, flüstert sie. „Amore.“
„Mach es doch endlich auf“, sage ich ungeduldig. „Wer weiß, was drin ist.“
„Wer weiß“, flüstert Else. „Jutta gib doch mal die Schere her. Die liegt gleich hinter dir. Auf dem Tisch.“
Jutta reicht Else die Schere. Mit einem Ratsch öffnet Else das Päckchen. Zum Vorschein kommt ein rosa Brief, dann zwei Kleidchen. Dann ein kleines Auto aus Holz.
„Kinder, Kinder“, sagt Else. „Rosi, hier das rosa Kleid ist für dich. Und für dich Jutta, ist das blaue. Und das Auto ist für Karlchen.“
Else nimmt uns drei in die Arme. Und noch immer laufen ihr die Tränen übers Gesicht. „Ich bin so glücklich“, sagt sie.
„Und warum weinst du dann Mami?“ Jutta schmiegt sich ganz fest an Else.
„Weil ich so glücklich bin“, erwidert Else. „Ja, ich weine vor Glück. Euer Vater lebt. Und er hat an uns gedacht. Und das schöne Kleid Rosi kannst du zum Schulanfang anziehen“, wendet sie sich an mich.

Die Kleider sind wirklich wunderschön. Es sind Hängerchen. Aus zarter Seide. Im Oberteil gesmokt. Mit kurzen Ärmeln.
Jutta und ich ziehen die Kleidchen an. Karlchen spielt mit seinem Auto auf dem Tisch. Else hält ihren Brief ganz fest. „Den lese ich später“, sagt sie. „Wenn ihr schlaft.“
Bertraud Johanna brabbelt im Laufgitter vor sich hin. Sie hat nichts bekommen.
„Warum ist in dem Päckchen nichts für Bertraud Johanna?“, will ich wissen.
„Euer Vater weiß doch gar nicht, dass sie da ist“, erwidert Else. „Die Briefe, die ich ihm geschrieben habe, sind doch alle wieder zurück gekommen.“
Das stimmt. Aber nun lebt er. Und Frau Schmids hatte doch recht, als sie sagte, dass unser Vater in Frankreich ist.
„Und nun ab mit euch ins Bett“, sagt Else. „Das Baby muss auch noch das Fläschchen bekommen. Die Milch habe ich ja jetzt.“
„Wir haben auch noch kein Abendbrot gegessen“, erinnere ich Else.
„Das macht nichts“, sagt Else. „Das holen wir morgen nach.“

*

Der nächste Tag ist nicht so schön. Nach dem Frühstück erzählt uns Else, dass das Päckchen schon vor fast einem Jahr abgeschickt wurde. Das zeigt auch das Datum des Briefes. Solange war das Päckchen also unterwegs.
„Wer weiß, ob euer Vater überhaupt noch lebt.“ Else macht wieder ihr trauriges Gesicht. „Es ist so viel passiert in der Zwischenzeit.“
Zu allem Überfluss kommt abends auch noch der traurige Richard.
„Paris ist gerettet!“ Richard fuchtelt mit einem Flugblatt herum. „Hier steht es. Schwarz auf weiß.“
„Warst du wieder bei deinen Kommunisten?“, fragt Else. „Die wissen ja immer alles.“ Sie lacht bitter. „Aber schön wäre es. Diese wunderschöne Stadt. Mit ihren unvergleichlichen Sehenswürdigkeiten. Einmal auf den Eifelturm. Das wäre was.“

Das wäre wirklich was. Else würde am liebsten in der ganzen Welt herum reisen. Nach Israel. Nach London. Nach Argentinien. An den Euphrat. An den Tigris. An den Jordan. Besonders dorthin, wo auch Jesus gewesen sein soll. Aber nichts geht. Wir müssen ja hier bleiben. Und außerdem ist Krieg. Wenn er auch seinem Ende zugeht. Wie Richard immer sagt. Und danach wird es eine andere Weltordnung geben. Eine Weltordnung, in der es den Menschen besser geht. In der es keine Kriege mehr geben soll.
„Das glaube ich nicht“, hat der Hitlerschmids gesagt. „Der Mensch hat das Kriegsgen. Von Anfang an.“
Der traurige Richard und der Schmids sprechen seit einiger Zeit miteinander. Auch wenn sie sich oft streiten. Weil der Schmids ja ein Nazi ist. Und der Richard ein Kommunist. Und das das niemand wissen darf.
„Sei ja vorsichtig“, mahnt Else immer wieder.
„Hier, lies“, fordert Richard Else auf. „Hier steht es.“

Else liest:
- Draußen, auf den Champs Elysées, feiern zwei Millionen überglückliche Menschen „le jour de gloire“, den „Tag des Ruhmes“ nach vier langen Jahren der Erniedrigung. Paris ist befreit: Fünf Stunden zuvor hat General Dietrich von Choltitz, der von Hitler kurz zuvor ernannte Stadtkommandant der „Festung Groß-Paris“, im Bahnhof Montparnasse die Kapitulationsurkunde unterschrieben. Und Paris ist nicht nur befreit, sondern auch intakt. Die Wiege der französischen Revolution und der Menschenrechte, die Sammlungen des Louvre, der Eiffelturm, der Triumphbogen und die Nationalversammlung, Notre Dame und Sacre Coeur, die Place de la Concorde und der Senat: Die französische Hauptstadt zeigt an diesem Abend ihr strahlendes Sommerantlitz, das die Welt verzaubert. Ein Wunder - aber auch eine der dramatischsten Episoden des Zweiten Weltkriegs. -

„Ein Glück, dass es in Paris so gut gelaufen ist“, sagt Else, „wer weiß, wie viele Opfer so ein Aufstand wie in Warschau die Stadt gekostet hätte. Ganz abgesehen von der Zerstörung.“ Else schaut mich an, als könne ich was dazu sagen. Kann ich aber nicht. Ich weiß überhaupt nicht, worum es geht. „In einer Woche kommst du in die Schule“, wechselt Else das Thema: „Dein Kleidchen hast du ja jetzt. Von deinem Vater. Gerade zur rechten Zeit. Und den Ranzen und die Zuckertüte hast du auch.“
„Auch zur rechten Zeit“, sage ich. „Und wen laden wir alles ein?“
„Niemand“, sagt Else. „Wir haben doch alle Trauer.“

Drei Tage später zieht der traurige Richard bei uns ein.

***

Fortsetzung in Episode 19
 
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