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5 Seiten

Feierabend - endgültig

Schauriges · Kurzgeschichten
Das monotone Surren des Computers war das einzige Geräusch im gesamten Büro. Ebenso war das fahle Licht des Monitors die einzige Lichtquelle. Alle anderen waren schon vor Stunden gegangen, nur Philipp Jäger saß immer noch an seinem Arbeitsplatz und starrte auf den Bildschirm. Die Präsentation musste perfekt sein, sagte er sich, seine Karriere, ja sein ganzes Leben hing davon ab. Am morgigen Tag hatte er es in der Hand, ob die Agentur den größten Deal überhaupt an Land zog und er damit zum gefeierten Helden wurde oder ob er in der Werbebranche nie wieder ein Bein auf den Boden bekommen würde.
Jäger nahm einen Schluck des längst kalten Kaffees und ging die gesamte Präsentation noch einmal von Anfang bis Ende durch. Der Kaffee schmeckte bitte und ebenso waren ihm genau jene Details bewusst, die auch den Kunden erst noch schmackhaft gemacht werden mussten. Daran konnte er jedoch nichts ändern. Seine Aufgabe war es bloß, den Deal zu verkaufen, ganz gleich, wie er dazu stand.
Nach einer weiteren Stunde und einigen marginalen Änderungen speicherte er alles ab und fuhr den Computer endlich herunter. Die Uhr an der Wand zu Brockmüllers Büro zeigte inzwischen fast Mitternacht an. Claudia würde nicht einmal mehr sauer auf ihn sein, weil sie bestimmt schon schlief und den obligatorischen Streit aufs Frühstück vertagt hatte. Doch was sein musste, musste nun einmal sein, der Job ging vor. Das hatte er ihr von Anfang an klar gesagt, seine Karriere stand für ihn an erster Stelle. Jetzt aber wollte er Feierabend machen – endgültig.
Als das Licht erlosch, stand Jäger plötzlich in einem stockfinsteren Raum. Nicht einmal durch die Fenster dran Licht, denn der Mond war hinter dicken Wolken verschwunden und ihr Büro lag so hoch, dass die Lichter der nächtlichen Stadt weit unter ihm lagen. Mit unsicheren Schritten tastete er sich zwischen den Schreibtischen hindurch zur Wand und dort nach dem Lichtschalter.
Der nackte Beton fühlte sich rau und kalt an, passte damit genau zur Atmosphäre, die hier in der Agentur herrschte. Gemeinschaft gab es hier nicht, nur ein ständiges Ringen um die nächste Sprosse auf der Karriereleiter. Jäger ertastete einen Schalter, drückte darauf, doch zu seiner Überraschung flackerte nicht das Licht im Großraumbüro auf, sondern hinter der Glastür in Brockmüllers Refugium.
Von einem plötzlichen Impuls getrieben, drückte Jäger die Klinke herunter, schob die Tür auf und trat ein. Der wuchtige Schreibtisch wirkte auch jetzt imposant, wenn der Abteilungsleiter nicht dahinter thronte. Jäger umrundete ihn und nahm ohne zu zögern in dem breiten Ledersessel Platz. Hier wollte er hin. Dieses Büro und nichts anderes war sein nächstes Ziel, die nächste Sprosse auf der Leiter, die er erklimmen wollte. Nur darum entwarf er alberne Präsentation und handelte Deals aus, die im Grunde so formaljuristisch und ansonsten hohl waren, dass kein Kunde je hätte darauf eingehen dürfen. Doch wenn das der Weg zum Erfolg war, dann würde er ihn gehen.
Zunächst einmal ging er jetzt jedoch wieder nach draußen, löschte das Licht in Brockmüllers Büro und schaltete das andere an, damit er sich auf den Weg zu den Fahrstühlen machen konnte. Dabei fiel ihm plötzlich ein schwacher Lichtschein aus, der von seinem Arbeitsplatz ausging. Offenbar hatte der Monitor sich noch nicht ausgestellt. Jäger ging darauf zu und erkannte, dass auch ein Dokument noch immer geöffnet war.
Als er näher kam, sah er, dass der Browser geöffnet war und eine Website, die ihm vollkommen unbekannt war. Wie konnte das sein? Ein Fehler im System? Oder vielleicht doch jemand, der sich in seinen Computer hackte? Jäger ging näher heran und blickte auf die geöffnete Seite. „Bist du endlich fertig mit der Arbeit?“, stand da. Und darunter zwei Schaltflächen. Eine mit „Ja“ und eine mit „Nein“.
Instinktiv blickte Jäger sich im Büro um. Alle anderen Arbeitsplätze lagen verlassen da, die anderen Computer waren stumm und die Monitore dunkel. Außer ihm war niemand hier, das war sicher. Aus einem ersten Impuls heraus wollte Jäger einfach den Browser schließen, doch dann zögerte er. Was, wenn es doch jemand war, der seinen PC gehackt hatte. Die Heinrich vielleicht. Immerhin verfügte sie über einige Programmierkenntnisse und Jäger wusste, dass auch sie scharf auf Brockmüllers Posten war. Als Frau hatte sie natürlich keine Chance, doch wenn sie ihm in die Parade fuhr, konnte das Rennen um die Nachfolge des Abteilungsleiters schon wieder ganz anders aussehen.
Nach einem Blick über die Schulter, der ihm noch einmal bewies, dass er allein im Büro war, klickte er auf das „Ja“. Das Bild auf dem Monitor wurde kurz schwarz, dann erschien ein neuer Text. „Bist du sicher, dass du alles richtig gemacht hast?“ Wieder blickte Jäger sich um und wieder klickte er danach auf „Ja“. Das gleiche Spiel noch einmal. „Sicher, dass du niemanden über den Tisch ziehst?“, lautete die nächste Frage.
Jäger war sich jetzt fast sicher, dass jemand von seinen Arbeitskollegen hinter der Sache steckte. Anders konnte es nicht sein. Jemand wollte ihm einen Streich spielen, ihn verunsichern oder was auch immer. Doch er würde nicht in diese Falle tappen. Diesmal klickte er auf keine der beiden Schaltflächen, sondern auf das rote „X“ des Browsers und wollte danach auch den Computer herunterfahren. Doch statt des üblichen Prozederes öffnete sich die Website erneut und immer noch blinkte dort die Frage auf: „Sicher, dass du niemanden über den Tisch ziehst?“
Ärgerlich schloss er den Browser erneut und erneut ploppte das Fenster wenig später auch wieder auf. Jäger stieß einen kurzen Fluch aus, dann klickte er mit einigem Nachdruck auf „Ja“, um sofort darauf das Programm zu schließen und nun endlich den PC herunterzufahren. Diesmal gelang es.
Mit deutlicherer Erleichterung als er sich eingestehen wollte, nahm er daraufhin sein Jacke, seine Aktentasche und steuerte auf die Fahrstühle zu. Bevor er sie jedoch erreichte, blinkten nun auf einmal mehrere Computermonitore auf und auf jedem einzelnen von ihnen öffnete sich die seltsame Website. „Hast du nie ein schlechtes Gewissen?“, stand dort jetzt. Jäger ging auf den nächstbesten Arbeitsplatz zu und klickte ohne lange nachzudenken auf „Nein“.
Sofort erschien auf allen Monitoren ein neuer Text, der selbst in der Stille wie eine laute Anklage durch den Raum hallte. „Weißt du überhaupt noch, wie oft du am Tag lügst?“ erschrocken wich Jäger einen Schritt zurück und sah sich erneut im Raum um. Inzwischen waren alle Bildschirme zum Leben erwacht und tauchten das Büro in ein unwirkliches Licht. Jägers Blick wanderte unruhig herum, seine Gedanken überschlugen sich und er merkte, wie seine Atmung hektischer wurde.
Ganz sicher wollte ihm hier einer der Kollegen übel mitspielen. Die Heinrich oder sogar Brockmüller selbst, der ja merkte, wie an seinem Stuhl gesägt wurde. Sie hatten irgendein Programm geschrieben, mit dem sie ihn fertigmachen wollten, ihm diesen Deal versauen und damit seine Karriere in der Agentur. Doch das würde er nicht zulassen, sagte er sich.
Unter der Textzeile waren diesmal keine Schaltflächen, sondern ein Eingabefeld. „Wer bist du?“, tippte er und schickte die Frage an sein noch unbekanntes Gegenüber. Der Monitor wurde kurz schwarz, dann erschien erneut die Frage: „Weißt du überhaupt noch, wie oft du am Tag lügst?“ Um herauszufinden, wer ihm diesen üblen Streich spielte, musste er jetzt sehr klug vorgehen, sagte er sich. Also tippte auch er wieder sein „Wer bist du?“ ein und wartete auf die Reaktion. Auf keinen Fall würde er sich auf das Spielchen einlassen, sagte er sich, denn Nachgeben war etwas für Verlierer.
Tatsächlich erschien diesmal eine andere Frage auf dem Monitor, was Jäger als einen ersten Punkt für sich verbuchte. „Weiß Claudia eigentlich, mit welchen Methoden du euer Geld verdienst?“ Auch darauf, beschloss Jäger, wollte er nicht eingehen. Stattdessen musste er standhaft bleiben. Musste seinem Gegner zeigen, wer hier die Regeln bestimmte. „Wer bist du?“, tippte er daher erneut. Ja, jetzt war er es, der die Regeln vorgab. Wer auch immer ihm ans Leder wollte, solange er sich nicht auf die Taktik des anderen einließ, sondern selbst die Zügel in die Hand nahm, würde derjenige sich an ihm die Zähne ausbeißen.
„Weiß sie, dass du Brockmüller die Dateien untergeschoben hast?“, lautete die nächste Frage. Verdammt, wer immer sein Gegner war, er wusste offenbar mehr als irgendjemand wissen sollte. Dennoch wollte Jäger sich davon jetzt nicht verunsichern lassen. Er hatte in seinem Job gelernt, dass man niemals eine Schwäche zeigen durfte, sondern immer nur das Ziel im Auge haben musste. „Wer bist du?“, tippte er also erneut. „Und weiß sie auch, dass es so aussehen wird als sei es die Heinrich gewesen?“, leuchtete es jetzt auf allen Monitoren.
„Was soll das werden? Willst du mich erpressen?“, brüllte Jäger nun wütend in den leeren Raum hinein. Im nächsten Augenblick ärgerte er sich darüber, dass er sich hatte aus der Fassung bringen lassen. Genau das hatte er doch vermeiden wollen. Doch offenbar kannte sein Gegner seine Machenschaften ziemlich gut. Durch seine Überstunden bei der Arbeit an der Präsentation hatte er in der letzten Woche genug Zeit gehabt, Brockmüller die Dateien vom Computer der Heinrich aus auf den Brockmüllers zu spielen. Was hatte er übersehen? Wo war er zu unvorsichtig gewesen? Wer konnte ihm auf die Schliche gekommen sein?
„Wer bist du?“, rief er jetzt in den Raum hinein und ärgerte sich darüber, dass seine Stimme dabei kippte. Als Antwort bekam er nur ohrenbetäubende Stille. Und einen neuen Text auf den Monitoren. „Weiß Claudia auch, dass du dir schon längst einen Plan gemacht hast, wie du nicht nur Abteilungsleiter wirst, sondern im übernächsten Jahr auch todsicher Chef von dem Laden hier?“
Das... das konnte nicht sein, schoss es Jäger immer wieder durch den Kopf. Niemand konnte wissen, was er sich zurechtgelegt hatte. Er hatte sich schließlich keine Notizen gemacht und erst recht niemandem davon erzählt. Inzwischen schlug Jäger das Herz bis zum Hals. Was zur Hölle ging hier vor?
„Was willst du von mir?“, brüllte er panisch, „Lass mich in Ruhe!“ Diesmal folgte darauf ein Geräusch. Hinter ihm. Jäger drehte sich blitzschnell um und sah, wie die Fenster in der Glasfassade aufschwangen. Das konnte doch nicht sein. Die Fenster waren nicht computergesteuert, sondern ließen sich nur von Hand öffnen. Was passierte hier?
Während er gehetzt von einer Ecke des Büros in die andere und dann wieder zurück lief, erschien auf den Monitoren eine neue Frage. „Meinst du nicht, du hast für das, was du getan hast, den Tod verdient?“ Jäger wich erschrocken zurück. „Nein“, schrie er. Dann noch einmal. „Nein!“ Dabei wich er immer weiter von den Schreibtischen zurück, auf die Fensterfront zu, geriet ins Stolpern und um kurz nach Mitternacht stürzte Philipp Jäger aus dem neunten Stock des Bürogebäudes.

Die Umstände seines Todes wurden nie geklärt. Die Dateien auf Brockmüllers Computer wurden nie gefunden, so dass dieser zwei Jahre später die Leitung der Agentur übernahm und die Heinrich auf seinen Posten als Abteilungsleiter nachrückte.


Die Geschichte gibt es auch auf Youtube: https://www.youtube.com/watch?v=PIIsEJPDang
 
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Kommentare  

Äußerst spannend deine kleine Story. Vor allem ganz zeitnah und schön schaurig.

Irmgard Blech (11.05.2019)

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