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Die Kunst des bravourösen Scheiterns

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Warum in aller Welt wollte dieser Ikarus auch herumfliegen? Dieser Nichtsnutz, der dreht noch schnell eine Runde um die Sonne herum, anstatt seine Schulaufgaben zu erledigen. Fällt natürlich runter, dieser Dummkopf, recht geschieht ihm... wir haben es ja immer schon gewusst.... Wäre es die Bestimmung des Menschen gewesen, dass der Mensch sich in die Lüfte erhebe, so hätte der liebe Gott Federvieh aus ihm gemacht. Bleibe am Boden und nähre dich redlich!
Die Nachbarn des Ikarus haben es ja immer schon geahnt, in einer Mischung von Genugtuung und Schadenfreude beginnen sie munter herumzuschnattern. „Hast du schon gehört....“
Jaja, der Daedalus, der ist seinen Aufsichtspflichten nicht nachgekommen, das Jugendamt hätte kommen sollen und seinen Sohn mitnehmen... sie würden jetzt am liebsten alle Welt anrufen, in den sozialen Medien ihre Schadenfreude kundtun, doch sind der Marktplatz und der Dorfklatsch die einzigen Möglichkeiten der Kommunikation, die die Antike zu bieten hat.
Um telefonieren zu können, dazu braucht es einige Jahrtausende des Probierens und des Irrtums, des Gelingens und des Scheiterns. Die Innovation, also das Erfinden des Telefons, der Flugapparate und das Scheitern, also das Herunterfallen, das hängt untrennbar miteinander zusammen. Man kann natürlich auch auf jegliche Innovation verzichten, dann würden wir auch jetzt noch auf den Bäumen sitzen...

Oder man scheitert nicht und scheitert doch, nur anders, manche scheitern spektakulär mit einem Knall, andere scheitern still und leise, manche scheitern sogar am Erfolg und an der sich daraus ergebenden Saturiertheit. Eine Villa, die in Wahrheit der Bank gehört, ein dickes Auto, das sie sich nicht leisten können, ein Pferd, das keiner braucht, und das alles, nur um dem Nachbarn zu imponieren, den man eigentlich nicht ausstehen kann.
Oder sie können sich das alles leisten und den Privatjet dazu und krepieren an der Langeweile eines komfortablen Lebens. Schon wieder Kaviar, Austern, Champagner. Andere haben nicht das Glück, an der Langeweile der Reichen partizipieren zu können, deren Resignationszimmer sind kleiner, sind wesentlich bescheidener ausgestattet und sie verbringen ihre Tage damit, die Privilegierten um deren luxuriösen Formen der Langeweile zu beneiden und aus Angst vor dem endgültigen Aus nach unten zu treten.
Beneiden oder beneidet werden, das ist die Frage, die Beneider sehen ihr eigenes Dasein als gescheitert an, da es nicht das Leben ist, das die Illustrierten in den buntesten Farben schildern, die Beneideten, also die Luxusgescheiterten, die leiden unter dem Verlust ihrer Illusionen, die verkümmern in der Gesellschaft der Angeber, der Machtmenschen, der Statusinhaber.
Zur Meisterschaft im Scheitern gebracht hat es derjenige, der es schafft, von den Erfolgreichen um sein Scheitern beneidet zu werden.

Das Leben ist ein Aufbegehren gegen den fortlaufenden Desorganisationsprozess der Materie, in der Physik Entropiegesetz genannt, und das letzte Wort behält ohnehin die Desorganisation. In der Zwischenzeit spielt man das Spiel des Statuserwerbs, es geht darum, trotz unvermeidbarer Erosionserscheinungen noch irgendwie attraktiv zu sein. Man spricht nicht ganz umsonst von der „Erotik der Macht“. Doch deren Dauer ist begrenzt, wer hoch aufsteigt, der kann auch tief fallen. Eben noch bewundert, morgen von allen gehasst und verachtet. Vom Tellerwäscher zum Millionär, vom Milliardär zum Tellerwäscher. Vom Niemand zum Präsidenten, vom Präsidenten zum Kettensträfling. Oder zur mächtigsten Marionette der Welt.
Ikarus darf dann nicht mehr selber fliegen, er wird in der ganzen Welt umhergeflogen und wie ein rohes Ei in Watte gepackt. Über seinen Tagesablauf bestimmen Andere, ein Heer von Speichelleckern und eines von Manipulateuren.

Jeder, der etwas tut, jeder, der sich außerhalb der eingefahrenen Bahnen bewegt, der geht ein erhöhtes Risiko des Scheiterns ein. Einfacher wäre es, sitzenzubleiben, Dienst nach Vorschrift und mitzumachen, ohne lästige Fragen zu stellen.
In einer Gesellschaft von Lemmingen ist wahrscheinlich derjenige der Gesündere, der aus seiner Herde ausschert und melancholisch ins Leere starrend am Straßenrand sitzenbleibt, während seine Artgenossen munter und fröhlich über die Klippe purzeln und im Meer ertrinken. Gescheitert sind zwar beide, doch gibt es verschiedene Qualitäten des Scheiterns. Scheitern in Einsamkeit versus Scheitern im kollektiven Wahn.

Ein vorgefertigtes Weltbild bietet scheinbaren Schutz gegen die permanente Infragestellung unseres Seins und unseres Denkens. Wer ernsthaft Wahrheit sucht, wird sich mit jedem Glaubenssystem, mit jeder Ideologie, überwerfen. Wird er die Wahrheit finden? Wahrscheinlich nicht, wahrscheinlich wird er in einem Ausleseprozess eine Unwahrheit nach der anderen ausscheiden und sich im Labyrinth der nicht etablierten Illusionen verirren. Er scheitert alleine, wird möglicherweise als Paria aus der Gesellschaft ausgestoßen, während diese ihre meist ebenso unhaltbaren etablierten Lehrmeinungen und Glaubenssätze mit inquisitorischen Mitteln verteidigt. Viele der Orthodoxien, werden dankbar angenommen, da sie dem Menschen eine Art Lebensversicherung gegen das Scheitern versprechen. Man verbringt dann sein Leben auf den Knien, im Kriechgang, es ist noch niemals in der Geschichte der Biologie ein Wurm gestolpert.

Jeder, der will oder es zumindest akzeptiert, der kann sich von der Wiege bis zur Bahre in einen Wattepanzer aus gutgemeinter Fürsorglichkeit einpacken lassen. Angebote dieser Art gibt es zur Genüge. Man kann sich auf diese Weise die Blessuren, die das Leben mit sich bringt, zu ersparen versuchen. Denn Eigenmächtigkeit wäre ja mit dem Risiko verbunden, sich zu irren, zu scheitern. Eine technische Innovation kann versagen, Kunden können ausbleiben, Andere heimsen den Erfolg ein. Oder das eigenständige Denken entwickelt sich aus der ihm innewohnenden Konsequenz und wegen der intellektuellen Redlichkeit in eine Richtung, die man womöglich kürzlich noch selbst verurteilt hätte und die einem die gewohnte Behaglichkeit und die Sympathie des vertrauten Personenkreises entziehen könnte.
Das Resultat ist dann die Anfeindung oder die Häme derer, die das schon immer gewusst haben, die Schadenfreude derer, die zu kleingeistig waren, vom Fliegen zu träumen.

Das Leben ist eine sexuell übertragene chronische Krankheit, die mit hundertprozentiger Sicherheit tödlich endet. An letzter Stelle steht das Scheitern. Wir leben nicht ewig.
Außerdem erodiert das Leben die besten Absichten. Eine klar sprudelnde Quelle wird zu einem trübe dahindümpelndem Fluss, der in einem modrigen Tümpel endet. Der Aufbruch des Schaffens wird zum Autismus der Routine. Die einstmals große Liebe zur Multiplikation der Müdigkeit. Von der Seelenverbundenheit zur Gleichgültigkeit, von der Freundschaft zur Missachtung, von den zelebrierten Ritualen zur lästigen Routine des Feierlichen...
Die Momente des Glücks sind kurzzeitige Blüten, und oftmals ist man versucht, die gesamte Botanik dafür zu verdammen, dass sie nicht ausschließlich aus Blüten besteht und die Blüten irgendwann zu verwelken beginnen.
Die Alternative zum letztendlichen Scheitern der Absichten, Hoffnungen und Wünsche wäre lediglich das Nichtgeborenwerden. Oder, wenn man schon auf der Welt ist und die Tatsache des unausweichlichen Scheiterns am Ende des Lebens auszublenden versucht, so zu leben, als sei man schon längst gestorben. Der Wunsch, das Verlangen als die Wurzel aller Übel, wie die Zaungastmentalität eines Geizhalses, der, um zu vermeiden, seine Rechnungen bezahlen zu müssen, gar nicht erst etwas bestellt. Es ist der Versuch, dem Wechselbad der Gefühle, diesem Pendeln zwischen Euphorie und Frustration, zwischen Erfolg und Scheitern durch ein System der Entsagung zu entkommen. Auch dies kann schiefgehen, manche der zu früh berufenem Asketen enden dann als Wüstlinge oder verbittern, weil sie glauben, etwas versäumt zu haben....

Es heißt: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne...“ und in der Anfangsphase des Lebens besteht eine erhöhte Risikobereitschaft. Nicht umsonst spricht man von den „Sturm und Drangjahren“ In dieser Zeit empfindet man die Älteren, die einem mit ihrer Resignation die Aufbruchstimmung vergiften, als besonders unangenehm. Manche Eltern versuchen im Übermaß, ihre Kinder vor jeder Herausforderung zu bewahren, sie in einem Wattekokon zu beschützen. Dies bewirkt, dass der Reifeprozess des Bestehens von Herausforderungen, des Lösens von Problemen, der Auseinandersetzung mit der Möglichkeit des Scheiterns und des Meisterns schwieriger Situationen nicht stattfindet. Dass eigenständiges Handeln, der dazu notwendige Mut, vielleicht sogar die dazu nötige Intelligenz, gar nicht erst entsteht. Erfolg besteht eben darin, einmal mehr aufzustehen, als man hingefallen ist und nicht darin, im Schongang ohne Blessuren durchs Leben gekommen zu sein.
Vielleicht ist dies die Achillesferse unseres Zivilisationsmodelles. Erworbene Lebensuntüchtigkeit durch die Verlängerung der Kindheit weit über das ihr zukommende Maß hinaus.

Individuen scheitern. Ideen scheitern. Firmen gehen pleite. Staaten zerbröseln und Staatengemeinschaften noch viel schneller, Ideologien führen sich ad absurdum. Das Leben zwingt uns seine Lektionen auf, als Individuum, in Gruppen, in Gesellschaften. Illusionen zerschellen an der Realität und zur Bewältigung derselben ungeeignete Denkweisen werden in einem Ausleseprozess eliminiert. Sterbende Ideologien zeichnen sich dadurch aus, dass sich die hervorragenden Intellektuellen von ihnen absetzen und das intellektuelle Mittelmaß sich im Dogmatismus der bis in die Stratosphäre hinaufreichenden Elfenbeintürme einschließt. Hätte die Titanic solcherlei Elfenbeintürme besessen, wie wir sie uns leisten, so wäre nach der Kollision mit dem Eisberg unverzüglich das Geplapper losgegangen, dass es keinen Eisberg gäbe, sondern es sich lediglich um ein wenig Eis für den Whisky handele, dass es auch kein Leck gäbe, dass das eindringende Wasser eine Bereicherung darstelle und willkommen zu heißen wäre und dass lediglich tumbe Ewiggestrige die Rettungsboote aufsuchen würden.

„Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei“, so singt man im Karneval, und, wenn alles ohnehin ein unrühmliches Ende findet, so fragt man sich hin und wieder, ob es sich überhaupt lohnt, einen Aufbruch zu wagen, ein Risiko einzugehen. Doch gäbe es keinen Anfang, dann gäbe es nichts und wäre auch niemals etwas entstanden. Es hätte zwar kein Scheitern gegeben, aber auch nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Nicht einmal die Genugtuung, die man empfindet, wenn der spinnerte Sohn des Nachbarn mit seinen dämlichen Wachsflügeln abstürzt. Nicht einmal ein Grund zu Klatsch und Tratsch. Auch nicht der Lerneffekt, den man erzielen könnte aus dem Scheitern Anderer. Man meidet die Sonne beim Fliegen oder man baut sich Flügel aus Asbest. Schließlich will man nicht am Boden klebenbleiben bei den unsäglich miesepetrigen Nachbarn. Diese scheitern zwar nicht, aber sie ersticken an der Langeweile und der Banalität eines Lebens, in dem es nur noch um das Funktionieren im Hamsterrad und um die Kompensation der Enttäuschung geht... Ja, der Ikarus steigt auf in den Himmel und sieht von oben, wie seine Nachbarin um ihre Mülltonnen herumstreicht, blau, braun, schwarze und gelb, und diese blankpoliert, auf dass sie in der Sonne glänzen. Und er sieht einen Anderen, der träge auf einer Bank vor seinem Haus sitzt, der sich eine Fleischwurst und eine Riesenbrezel und ein Bier einverleibt, dessen Doppelkinn bereits Zwillinge bekommt und unter dessen Leibesfülle sich die Bank durchbiegt, dann sieht er ein älteres Paar, der Mann geht mit dem Hund voraus, die Frau dackelt zehn Schritte hinterher und man sieht schon von weitem das Elend eines Paares, das sich in den langen Jahren des Zusammenlebens gegenseitig zu verabscheuen gelernt hat, Ikarus steigt höher und denkt sich: „Lieber falle ich runter als so zu werden wie diese....“

Da ist er dann weitergeflogen und heruntergefallen und die Tragik seines Scheiterns hat jahrtausendelang Dichter, Maler und Sänger inspiriert.
Odysseus hätte auch Beamter im Rathaus in Ithaka sein können und sein Leben damit verbringen können, Büroklammern zu verbiegen und Homer hätte dann vielleicht die Schönheit seines Stempels besungen.... Die tragische Suche nach einer verlegten Gerichtsakte über einen Fall, in dem ein frecher Zwerg mit seinen Kumpanen einem armen Zyklopen sein einziges Auge ausgestochen hatte, (das Verfahren wurde wegen Nichtigkeit eingestellt).... Romeo lernt Julia kennen, sie haben zwei Kinder, von denen eines Buchhalter wird und das andere Wurstwarenfachverkäuferin, Romeo verstirbt eines Abends während eines Tatortkrimis an Langeweile und Julia schimpft die restlichen Jahre ihres Lebens gemeinsam mit ihren Nachbarn auf die Arbeitslosen...
Ophelia geht nach getaner Büroarbeit im städtischen Hallenbad schwimmen. Hamlet grübelt im Straßencafé über Sein oder Nichtsein. Othello setzt sich an seinen Tisch und beklagt sich über die Untreue seiner Frau. Seine Nachbarn munkeln, sie habe etwas mit dem Abteilungsleiter.
Homer schreibt einen Epos über einen Nachwuchsdichter, der vor einem weißen Blatt Papier sitzt und dem nichts einfällt. Alle Verlage, denen er sein Manuskript schickt, lehnen dieses ab. Als nächstes beschreibt er die Verzweiflung eines Dichters, dessen Manuskripte wieder und wieder abgelehnt werden.

Eine Welt, die die Tragik und das Scheitern aus sich verbannt, die nurmehr rosarote Geschichten hören will, die heile Welt von Liebesglück und von der perfekt durchgestylten Lebensführung, die wird nichts von irgendwelchem Belang mehr hervorbringen können.

Das Glück, die „heile Welt“ als postheroische Form des Unterganges? Im Verebben des Geistes durch eine allzu lang andauernde Reihe von guten Tagen anstelle der Tragik? In der Degeneration durch allzu viel Behaglichkeit und den Mangel an Herausforderungen?

Ikarus wird unter Vormundschaft gestellt, man nimmt ihm die Flügel ab und lädt ihm einen Flugsimulator auf sein Smartphone. In der virtuellen Welt kann er herumflattern, soviel er will. Sein Leben in der tatsächlichen Welt wird man in ein Futteral einpacken und dieses wird ohne große Aufregungen und Wechselfälle vonstatten gehen, bis man ihn in ein großes Futteral aus Eichenholz mit blankpolierten Messinggriffen verpackt und tief unter die Erde versenkt.
Derweil verstauben die Wachsflügel beim Altwarenhändler. Niemand findet mehr den Mut, sie auszuprobieren und vom Erdboden sich zu erheben. Denn, wäre es die Bestimmung des Menschen gewesen, fliegen zu können, dann hätte der liebe Gott Federvieh aus ihm gemacht. So bleibt man lieber unten und scheitert, nicht ruhmreich, nicht bravourös, nicht spektakulär, sondern als ein langsames Verebben in den Nebeln der Mediokrität....
 
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