Die liebe Vernunft. Man hat es nicht besonders leicht mit ihr. Der Mensch sei ein vernunftbegabtes Wesen, so heißt es.
Oder jemand ermahnt einen mit erhobenem Zeigefinger, man solle doch vernünftig sein. Vernunft anzunehmen, das bedeutet im Allgemeinen, sich der Unvernunft, sich der Anmaßung eines Anderen zu fügen. Auf den eigenen Weg verzichten, auf dem ausgetretenem Pfad zu verbleiben.
Was ist das überhaupt, Vernunft, und was ist sie nicht? Ist es vernünftig, „vernünftig“ zu sein?
Man kann die Begriffsdefinition für Vernunft in einem Philosophielexikon nachschlagen, dort liest man dann:
Vernunft meint die Fähigkeit des menschlichen Geistes, Gegenstände und Geschehnisse in einem umfassenden, universellen Zusammenhang zu begreifen, Ideen zu entwickeln und zu reflektieren sowie das praktische Handeln dementsprechend auszurichten. Neben dem auf begriffliche und diskursive Erkenntnis gerichteten Verstand ist die Vernunft das zentrale geistige Vermögen des Menschen (im Unterschied zum bloß sinnlichen Erkenntnisvermögen). Seit Immanuel Kant gilt die Vernunft als das höchste Erkenntnisvermögen, sie wird dem Verstand übergeordnet.
Definitionen dieser Art haben den Nachteil, dass sie nur für wenige Menschen relevant und auch verständlich sind. Für die Vielen zählen meist ganz andere Vorstellungen über das, was Vernunft sei und was nicht.
Oftmals wird Vernunft mit dem ökonomischen Prinzip verwechselt, und bei diesem wird zumeist gerne vergessen, dass auch die Folgekosten einkalkuliert werden sollten. Billig kommt manchmal teuer zu stehen, ist es also vernünftig, billig einzukaufen und sich später mit horrenden Folgekosten konfrontiert zu sehen?
„Vernunft“ in der Baukunst lässt sich auf die Formel bringen: Länge mal Breite mal Gewinnerwartung. Hat uns der Architekt Adolf Loos doch belehrt, dass Ornament Verbrechen sei, da Vergeudung von Arbeitskraft, und seine Kollegen Le Corbusier und Walter Gropius haben uns beigebracht, dass die klaren Formen des neuen Bauens die Welt schöner, gerechter und lebenswerter machen würden. Einige Jahrzehnte später sehen wir uns den Konsequenzen dieser Art von Vernunft gegenüber, wir sehen uns Tag für Tag mit der krankmachenden Hässlichkeit unserer Städte und Siedlungswüsten konfrontiert. Man geizt mit den Formen, ordnet alles und jedes dem ökonomischen Prinzip unter und verbringt seine Tage unter undichten Flachdächern und hinter schimmelnder Wärmedämmung.
Was also ist hier Vernunft? Die kurzzeitige Rendite oder die langfristige Perspektive? Die Treue zum Dogma, das Hinterfragen oder der Weg des geringsten Widerstandes?
Kein Preis ist zu hoch, wenn es ums Sparen geht. Den hohen Preis begleicht man später, oder, besser noch, man lässt ihn von Anderen bezahlen. Ist Geiz Vernunft? Oder das Gegenteil derselben…?
Der kurzfristige Vorteil, die langfristige Perspektive. Es mag rational aussehen, sich auf Kosten des Gegenübers einen Vorteil zu verschaffen, auf längere Sicht hingegen liegt oftmals es im rein egoistischem Eigeninteresse, im Sinne der traditionellen Tugenden gehandelt zu haben. Man sieht sich zweimal im Leben, man muss in den Spiegel schauen, man bekommt die Rechnungen für die Folgekosten präsentiert. Die wichtigste Währung ist das Vertrauen, ist dieses verspielt, dann nützen auch die anderen Währungen recht wenig.
Vernünftig scheint der Kollektivismus, aus Vielen mach Eins, die Bündelung der Individuen unter den Willen eines Einzelnen. Am deutlichsten anzuschauen beim Militär, da marschieren all‘ die Marionetten nach dem Kommando eines schreienden Affen. Jeder sieht gleich aus, bewegt sich gleich, bekommt die gleiche Ration.
Im Wirtschaftsleben die sogenannte „corporate identity“, die Firma als Ersatzidentität. Um ein Ziel zu erreichen, scheint es unerlässlich, die Individuen einer Gehirnwäsche zu unterziehen, sie psychisch zu deformieren. Und wenn das Ziel erreicht ist, das Imperium errichtet, der Name des obersten Psychopathen in aller Munde, so ergreift die Verwesung von diesem Gebilde Besitz und das Weltreich oder Monopol zerfällt wieder in Einzelteile. Was mit Gewalt errungen worden ist, lässt sich nur mit Gewalt halten und der dazu notwendige Energieaufwand ist auf Dauer nicht zu leisten.
Kann sich Herrschaft durch harten Zwang alleine behaupten? Oder bedarf sie nicht auch der geistigen Kontrolle, des ewigen „halte du sie dumm, ich halte sie arm“?
Es mag vernünftig klingen, sich mit unlauteren Mitteln gegenüber seiner Umgebung durchzusetzen, allerdings wird jeder, dem man einen Gesichtsverlust zugefügt hat, einem die Loyalität entziehen und seinerseits zu tricksen und zu sabotieren beginnen. Die Kosten der Kontrolle übersteigen den Ertrag, die Menschenfarm rentiert sich nicht mehr…
Seit der Aufklärung wird in regelmäßigen Abständen die Idee einer Weltregierung, der größtmöglichen Zentralisation der Macht als Gipfelpunkt der Vernunft angepriesen, mal, um den Weltfrieden herzustellen, ein andermal, um die Umweltprobleme in den Griff zu bekommen.
Es stellt sich die Frage, ob gesamtgesellschaftliche Prozesse gesteuert werden müssen, sollen und können.Oder ob dies eine Illusion ist, die zwangsläufig in die Dystopie führt.
Die Idee eines wie auch immer gearteten natürlichen Zusammenlebens in überschaubaren Kleingruppen mit größtmöglicher Selbstbestimmung versus der zentral geplanten künstlichen Ordnung, vielleicht ist dies die wichtigste Auseinandersetzung des 21. Jahrhunderts.
Die Frage, lässt sich die Welt ordnen nach mathematischen Gesichtspunkten? Wäre dies vernünftig? Bedarf es der Menschenmassenhaltung und der Kontrolle über jeden Quadratmillimeter des Lebens? Wäre dies Vernunft oder ein Fall für den Seelendoktor?
Was also ist die Vernunft, vielmehr, wo bleibt sie? Sie wird als Götze auf einen Altar gestellt und angehimmelt, und in ihrem Namen werden die allergrößten Torheiten begangen. Der Vernunftglaube ist die Religion unserer Tage geworden ist, hat seine Priesterkasten hervorgebracht, seine Inquisitoren und seine Massenpsychosen. Die auf Computermodellen basierenden Berechnungen werden mit der Wirklichkeit verwechselt, und da sich die Wirklichkeit selten um die Ergebnisse der Berechnungen schert, die vom Oberguru Rechenzentrum prophezeite Entwicklung nicht eingetreten ist, so schickt man eben die Wirklichkeit zum Teufel und schließt sich mehr und mehr in die jeweilige ideologische Blase ein.
Der ehemalige Anhänger revolutionärer Theorien und spätere Reaktionär Dostojewski stellt in „Aufzeichnungen aus den Kellerloch“ dem Glauben an die Vernunft ein vernichtendes Zeugnis aus.
Fortwährend begegnet man im Leben äußerst manierlichen und vernünftigen Menschen, Weisen und Menschenfreunden, die sich zum Ziel setzen, sich ihr Leben lang möglichst manierlich und vernünftig zu betragen, mit der eigenen Person den lieben Nächsten sozusagen eine Leuchte zu sein und zwar nur, um ihnen zu beweisen, dass man in der Welt tatsächlich sowohl manierlich als auch vernünftig leben kann.
Und weiter? Bekanntlich sind viele dieser Menschenfreunde sich früher oder später, manchmal auch erst am Lebensabend, untreu geworden, indem sie irgend etwas anstellten, zuweilen etwas äußerst anstößiges. Jetzt frage ich sie: Was kann man nun von dem Menschen erwarten, von einem Wesen, das mit solch sonderbaren Eigenschafen ausgestattet ist? Überschütten Sie ihn mit allen Erdengütern, ertränken sie ihn in Glück bis über beide Ohren, so dass an der Oberfläche des Glücks nur noch Bläschen aufsteigen, wie im Wasser, verschaffen Sie ihm einen solchen Wohlstand, dass ihm nichts anderes zu tun übrigbleibt, als zu schlafen, Pfefferkuchen zu knabbern und für den Fortgang der Weltgeschichte zu sorgen - so wird er Ihnen auch hier, dieser selbe Mensch, auch hier aus bloßer Undankbarkeit, aus Mutwillen einen Streich spielen. Er wird sogar die Pfefferkuchen aufs Spiel setzen und den verhängnisvollsten Unsinn wünschen, die unökonomischste Sinnlosigkeit, einzig, um in diese ganze, positive Vernünftigkeit sein eigenes, verhängnisvolles, phantastisches Element einfließen zu lassen. Gerade seine phantastischen Gedanken, seine trivialste Dummheit wird er sich erhalten wollen, einzig, um sich selbst zu bestätigen (als ob das so sehr nötig wäre), dass die Menschen immer noch Menschen und nicht Klaviertasten sind, auf denen die Naturgesetze zwar eigenwillig spielen, dafür aber sich selbst dermaßen einzuspielen drohen, dass man außer dem Kalender überhaupt nichts mehr wird wünschen wollen. Und nicht genug damit: Selbst wenn er sich wirklich nur als Klaviertaste erweist und selbst wenn man es ihm sogar naturwissenschaftlich und mathematisch beweist, selbst dann würde er nicht Vernunft annehmen, sondern im Gegenteil absichtlich Unheil stiften, einzig aus purer Undankbarkeit; eigentlich nur, um auf dem Seinen zu bestehen!
Der Mensch mag nicht Uhrwerk sein, nicht Klaviertaste und nicht Zahnrad in irgendeinem Getriebe. Nur die Gerätschaften, die Maschinen sind gleichförmig, das Lebendige ist wechselhaft. Die moderne Lebensweise drückt dem Menschen mehr Gleichförmigkeit auf, als ihm guttut.
Immerhin hatten seine Vorfahren im Paradies Äpfel gegessen und durch die Erkenntnis, was gut ist und was böse, der Fremdbestimmung ade gesagt. Nach dem Motto, lieber selbstbestimmt in irgendwelchen Widrigkeiten als als wohlversorgtes Haustier zu existieren.
Man möchte sich selbst spüren und wissen, dass man noch am Leben ist. Die Vernunft Vernunft sein lassen, sich heftige Wut, schäumende Raserei zu gönnen, das wachsweiche Hinnehmen der Gegebenheiten zu beenden. Lieber einen Tag lang lang ein Löwe sein als hundert Jahre ein Schaf…
Das mit dem Löwen und dem Schaf stammt von einem italienischem Diktator, der heute nicht mehr hoch im Kurs steht. Man fährt seine Wut, seinen Zorn, seine Zivilisationsmüdigkeit wieder zurück, faltet sie säuberlich zusammen und verpackt sie in ein Futteral. Den Rest des Tages, des Daseins verbringt man wieder mit der altgewohnten Vernunft, mit wenig Mut, mit umso mehr Konformität und fügt sich wieder ein in das Getriebe, als Zahnrad, als Klaviertaste und als Uhrwerk. Die Umgebung wird höchst zufrieden sein und die Muskulatur ihrer Zeigefinger entspannen. Und so wird es weitergehen, bis wieder mal ein Gerücht die Runde macht, im Paradies seien neue Äpfel eingetroffen...