Ein Gespenst geht durch Europa, ganz tief gebeugt schlurft es unter der Schwere seines Glorienscheins, die Luft geschwängert von dem schweren Dunst erkalteter Weihrauchschwaden, angetrieben wird es von den Engelschören besoldeter Agitatoren, angefeuert von den feierlichsten Erklärungen. Eine heilige Allianz hat sich zusammengefunden, den Siegeszug des Untoten zu beschleunigen, der heilige Vater in Rom, die alten Königshäuser und Adelsgeschlechter, die gewählten Repräsentanten und die eingesetzten Funktionäre, von den Plutokraten des Okzidents sowie den Oligarchen des Ostens ausgehaltene Nichtregierungsorganisationen, die Heerscharen der Schneeflöckchen sowie die der philanthropischen Internationalen, allesamt beten sie uns die Parole vor, die unsereins nachbetet und für die Frucht der eigenen Gedankenwelt hält, so erbebt die Welt unter dem Ruf: „Solidarität, Nachhaltigkeit, Diversität!“
Im Grunde genommen ist es ein Spektakel. Alles ist ein Spektakel. Denn der Alltag ist nichts weiter als eine fortlaufende Tristesse und der Hormonspiegel ist aufgrund der Gleichförmigkeit eines geregelten Tagesablaufs dauerhaft im Keller. Deswegen bedarf es Geschehnissen, die Leidenschaft und Gefahr simulieren, denn im wirklichen Leben geschieht sehr wenig, genauer gesagt, es geschieht nichts. Der abgemagerte Eisbär auf der Eisscholle treibend, die drohende Klimaapokalypse, die Schnupfenpest, die Energiekrise, das Waldsterben, das Ozonloch, die beginnende Eiszeit… wie bei Weltuntergängen allgemein üblich, der Berg kreißte und gebar ein Mäuslein… Jehovas Zeugen stehen mit versteinerter Miene Tag für Tag am Straßenrand und warnen uns vor dem, was unmittelbar bevorstehen soll, schon in meiner Kindheit standen die da und warnten vor etwas, das nie gekommen ist…
Alles, alles von dem ist nichts weiter als reinstes Spektakel, alles ist Inszenierung. Unsere ehemals so schöne, unsere so wunderbar neue Welt ist in die Jahre gekommen, die Aufklärung dem Siechtum verfallen. Der einstmals so energische Fortschritt schiebt den Rollator vor sich her. Die Flagellantenprozessionen unserer Tage, hüpfend gegen das Wetter, hüpfend gegen rechts, hüpfend gegen das Unterscheidungsvermögen, sie hüpfen gegen den Verstand, allesamt hüpfen sie, sie hüpfen solange, bis ihre Smartphones die Steckdosen leergesaugt haben, unentwegt hüpfen sie auf und ab, für das Klima, sie agitieren gegen die Heizung im Winter, sie wüten gegen das Auto, mit denen Mutti sie zur Schule fährt, gegen die Steckdose, die das Smartphone auflädt… Lasset uns alle den Ast absägen, auf dem wir sitzen… Wir, die letzten Menschen…
Und wenn niemand mehr hüpfen mag, weil einem die Beine wehtun, weil der vorhergesagte Hitzetod ausgeblieben ist, weil man des Hüpfens überdrüssig geworden ist, so wird ein Gesetz gemacht, das jegliche Respiration verbietet, wer hier nicht mitmacht, der verwirkt das Recht auf Atemluft. Immerhin gilt es, die Eisbären zu retten, die Wale, die Kakerlaken, das Ungeziefer. Die Mäuse und Zecken...
Beim Einkaufen retten wir die Lebensmittel, vor dem Vergammeln, vor dem Müllcontainer. Nur uns selbst retten wir nicht.
Wir, die letzten Menschen...
… die Bewohner der allerbesten aller Welten. Die Besiedler des zuckerfreien Süßstoffparadieses. Das Böse, das Negative, die Wut und der Zorn, die Schattenseite des Daseins, das alles ist verschwunden. Unsere Welt, sie ist rosarot, sie ist kalorienreduziert, sie ist phosphatfrei, sie ist CO2 neutral. Mit nikotinfreien Schnullern versehen reiten wir auf pinkfarbenen Einhörnern durch psychedelische Landschaften. Im Imperium des Allerbesten, da wird keinerlei schlechte Absicht, da wird kein widerwärtiger Gedanke mehr Fuß fassen können. Unsere Sprache ist bereinigt von allem, was noch irgendwie werten, was beurteilen, was die Dinge benennen könnte. Wortkaskaden aus rosaroter Zuckerwatte, gehaucht von Mollusken. Nichts und Niemand darf mehr ausgeschlossen werden, was schlussendlich bedeutet, allesamt werden wir eingeschlossen sein. Und der Schlüssel wurde weggeworfen, wohin, das weiß niemand mehr so recht…
Wie es anderswo aussieht, einen Bummel durch die Schurkenstaaten dieser Welt können wir uns ersparen, schließlich genügt ja der Blick in den Fernsehapparat, in welchem staatlich besoldete Nachrichtensprecher einem die Grausamkeiten einer heillosen Außenwelt mundgerecht servieren. In klitzekleinen Propagandahäppchen, das versteht sich, man könne sich ja den Magen verderben, man würde eventuell den wurmstichigen Zustand derjenigen Gedankengebäude erblicken, in denen man es sich so wohlig eingerichtet hatte. Vielleicht sogar die Pilzkulturen hinter den Hochglanzfassaden, die Gegensätze zwischen den leuchtend bunten Verheißungen und einer dunkelgrauen Wirklichkeit... und dann würde man womöglich auch noch die Zusammenhänge erkennen, warum das Bunte plötzlich so grau geworden ist und das Graue einem dann doch manchmal ein wenig zu bunt…
Doch darüber spricht man nicht. Schließlich gibt es Obszönitäten auch abseits des sexuellen Bereichs. Man spricht nur über das, worüber man sprechen soll, was man uns gnädigerweise erlaubt. Über das, womit man sich keinerlei Feinde macht. Worte dienen nichts weiter als dem Zeitvertreib, sie dienen dem Füllen der Luft mit angenehmen Blasen. Dem Verbreiten von Nebelschwaden.
Unsereins hat einen Sprachgebrauch erlernt, in dem sämtliche Worte weggelassen werden, die eventuell verletzen oder gar verstören könnten. Im Idealfall beharrliches Schweigen, dies wäre konsequent. Verstummen, denn Worte sind grundsätzlich waffenscheinpflichtig. Unsere Worte sollten wir zumindest so wählen, dass sie dem Schweigen am nächsten kommen, die Sprache so schwammig, so unverständlich zu gestalten, dass man den Sinn hinter den Worten keinesfalls mehr erkennen kann. So umständlich, dass der Anfang eines Satzes längst in Vergessenheit geraten wird, bevor der Schlusspunkt gesetzt ist. Sprechen ist wie ein Gang über das Minenfeld. Also beredtes Herumdrucksen, Worte, die noch weniger als nichts besagen. Wem dies gelingt, der wird auf einen Sockel gestellt und zum Anführer gemacht.
Der Vorsitzende des Einhornimperiums steht dann am Rednerpult und verbreitet Worte, die keine Worte mehr sind, sondern lediglich die Hülsen derselben darstellen. Ein zuckersüßes Füllhorn, das uns mit nicht weniger süßen Floskeln überschüttet. Unter den rosaroten Wattebauschnebeln die Menge der Beglückten im obligatorischen Jubel. Stehende Ovationen, minutenlang, orgiastische, niemals mehr endende Beifallsbekundungen, was haben wir ein Glück, unsere Tage hier verbringen zu können…
Es gibt im Reich des Guten keine Sorgen mehr, keinerlei Ressentiments, es gibt keine Ungerechtigkeiten, weder gibt es hier Abneigung noch gibt es schwelende Wut, es gibt rein gar nichts, was nicht durch die universelle Güte des universell Guten aus der Welt geschafft werden kann. Durch die gute Tat, die sich auf das gute Wort beschränkt, auf die gute Absicht, auf das süßliche Weglächeln irgendwelcher Widrigkeiten, die es trotz aller Dekrete geschafft haben, weiterhin zu existieren. Das Böse zerschellt an der Lächelmauer, die Heere der Finsternis werden von der Einhornkavallerie zurückgeschlagen.
Was nicht sein darf, das gibt es nicht, das kann nicht sein. Wir sprechen in Euphemismen, wir beschönigen, wir ersetzen das ständige Kritisieren, das Bewerten und das Herummeckern durch Kaskaden von Schmeicheleien. Bei uns wird niemand mehr dick sein, sondern vollschlank, bei uns ist niemand mehr dumm, sondern andersbegabt. Nicht mehr faul, sondern kontemplativ. In unseren Medien findet sich keinerlei Propaganda, sondern Haltungsjournalismus. Keine Lügen, lediglich alternative Wahrheiten.
Man ist nicht mehr Straßenräuber, sondern Fachkraft für robuste Eigentumsübertragung. Nicht mehr Messerstecher, sondern Hobbychirurg. Nicht Vergewaltiger, sondern Spontangynäkologe. Nicht mehr Ratte, sondern Nagetier mit Kanalisationshintergrund.
Die Erde ist zur Scheibe geworden, seitdem die von Rechtsaußen behauptet haben, sie sei eine Kugel. Die Sonne wandert um die Erde, seitdem die Rechten sagen, die Erde kreise um die Sonne. Der Regen fällt von unten nach oben, die Wassertropfen quellen aus der Erde, sie schießen empor und zerstieben in der Stratosphäre, seitdem die Rechten sagen, der Regen fiele aus den Wolken hinunter auf die Erde. Wer Augen hat zum Sehen, der kneife sie zu, wer Ohren hat zum Hören, der reiße sie ab und schleudere sie von sich. Niemand kommt zum Einhorn, der nicht sein Gehirn dem Verdauungstrakt zugeführt hat...
Anderswo, da werden die Menschen von Oligarchen ausgebeutet, unsereins verfügt über Philanthropen, wir haben milliardenschwere Wohltäter, denen eigentlich die ganze Welt ohne Bedenken vorbehaltlos ihr Schicksal anvertrauen sollte. Musterbeispiele an Selbstlosigkeit, die ihr gesamtes Vermögen zum Wohle der Menschheit verschenken und die dabei noch immer reicher und reicher werden. Der Bumerang ist das gesetzliche Zahlungsmittel, je weiter man sein Geld fortwirft, desto schneller kehrt es zurück...
Hin und wieder predigen die Philanthropen uns den Verzicht, dass das Licht am Ende des Tunnels aus Energiespargründen und um des Meeresspiegels zuliebe leider abgedreht werden muss, wir sitzen doch gerne ein wenig im Dunkeln um des Guten willen, immerhin sind wir hüpfend gegen die Heizung, gegen das Auto, gegen die Steckdose zu Felde gezogen…
Wir, die letzten Menschen…
Es gibt Fragen, die stellt man besser nicht. Die Zweifel an der Vortrefflichkeit des Guten sind zu einer behandlungsbedürftigen Krankheit geworden, die medikamentös behandelt werden muss oder mit Elektroschocks. Mit Internierung in einer der unzähligen Heilanstalten, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Mit der allerhärtesten Hand gegen die Zuckerwatteverweigerer. Gegen die Einhornleugner. Gegen diejenigen, die behaupten, die Erde sei eine Kugel und sie drehe sich um die Sonne. Gegen diejenigen, die unablässig schwadronieren, der Regen fiele von oben nach unten.
Der inbrünstige Glaube an das Gute ist allererste Bürgerpflicht. Für Ketzereien gibt es das heilige Offizium, auch wenn diese Bezeichnung nicht mehr verwendet wird, das Türschild ist ausgetauscht. Namensschilder sind Schall und Rauch, den anonymen Schreibtischtätern gehört die Welt, Myriaden gesichtsloser Bürokraten bestimmen unser Schicksal, Mollusken herrschen über die Schlafenden.
Wer kein Gesicht hat, der wird auch keines mehr verlieren. Und wer niemals ein Gesicht gehabt hat, der wird es auch nicht vermissen. Das Denken ohne Gedankenberechtigungsschein ist untersagt, die Zertifizierung der Gedankenwelt obligatorisch.
Den Scheiterhaufen gibt es in digitaler Form, er produziert keinerlei Feinstaub, keine Kohlengase, unsere Autodafés werden mit erneuerbaren Energien durchgeführt, sie sind klimaneutral. Heutzutage verbrennt man die Ketzer mit biologisch angebautem Holz von glücklichen Bäumen mit noch glücklicheren Borkenkäfer*innen. Die Eisbären werden es uns danken, sie werden die Urlaubsinseln in Besitz nehmen und auf ihren Eisschollen vor den Gefilden Mallorcas und den Kanaren sich treiben lassen. In der bevorstehenden Eiszeit werden wir, um die Erwärmung zu vermeiden, das Heizen verbieten und den Bewohnern des Einhornimperiums das Frieren untersagen, auf diese Weise machen wir das Heizen überflüssig. Den Erfrierungstod vermeiden wir, indem wir das vorzeitige Ableben einem Interdikt unterziehen.
Wir, die letzten Menschen...
Des Klimawandels wegen verbieten wir das Essen und um die zwangsläufigen Folgen des Ernährungsverbotes abzuwenden, da verbieten wir den Hunger. Niemand darf mehr ein gesetzlich erklärtes Mindestgewicht unterschreiten, auf diese Weise wird der Nahrungsmittelkrise abgeholfen. Unsere Schulden erklären wir zum gesetzlichen Zahlungsmittel, je mehr wir in der Kreide stehen, desto reicher sind wir. Unsere Verbindlichkeiten sind unser Reichtum und unser Mangel ist unser Überfluss. Unsere Demenz ist die Grundlage unserer Klugheit. Das Flaschensammeln wird die Aufgabe des Alters, das sich gegenseitig Denunzieren der von der Führung gewünschte Zusammenhalt. Unsere Armee siegt im rosaroten Glitzerfummel, umgürtet mit dem olivgrünen Faltenröckchen. Angeführt von Karnevalsprinzen, da schlägt sie durch ihre Lächerlichkeit jeden Feind in die Flucht.
Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Mit den Kindern an der Macht, mit unserer Armee aus Gummibärchen werden wir die Weltherrschaft erringen, niemand wird uns widerstehen können. Mit lautem Gezeter werden wir Berge versetzen, das Matterhorn an die Nordsee, mit beständigem Genörgel werden wir die Elemente in ihre Schranken weisen. Die Welt bewegt sich nach der Pfeife eines quengeligen Kleinkindes und je mehr die Welt nach dessen Pfeife tanzt, desto infernalischer wird das Gequengel.
Gebt dem Weltenlenker eine Tüte Gummibonbons und die Welt wird befriedet sein!
Es hatte mal eine Zeit gegeben, da strömte man in die Kirchen, wenn man sich Erlösung erhoffte, ein immerwährendes postmortales Dasein in einem Luxushotel, ausgestattet mit sämtlichen Bequemlichkeiten, wie man sie sich nur wünschen könnte.
Heute, so aufgeklärt, wie wir sind, da haben wir uns natürlich losgesagt von den Ammenmärchen der Religionsbeamten, wir erhoffen uns die Erlösung und den Endsieg des Guten im Diesseits, im Hier und Jetzt, und vor allem jetzt gleich und sofort, am besten schon gestern… Früher gab es die Vertröstung auf postmortale Zuckererbsen, jetzt verfügen wir über eine allmächtige Administration, die uns im Diesseits die Zuckererbsen zuteilt. Ein Gott oder ein Staat, eine zentrale Instanz, wobei der Staat Gott zu sein hat und Gott ist der Staat, aber lassen wir solche Spitzfindigkeiten…
„Wer nur den lieben Gott lässt walten, der bleibt uns wunderbar erhalten“, so ein Kirchenlied. „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“, so ein anderes. Man besingt, man bejubelt das Glück der Unterwerfung, die Degradierung zur Zuckerlaus, man preist die Freuden des Molluskendaseins.
Biedermann liebt seine Brandstifter, denn diese werden ihn von der Langeweile eines Daseins erlösen, in dem doch alles längst geregelt und vorherbestimmt scheint. Biederfrau ersehnt die Invasion der Hunnen, denn diese werden ihren Eunuchengatten beiseite fegen und über den Rest der Geschichte sollten wir gnädig schweigen. Man erwartet den Sturm, man ersehnt die Verwüstung, den großen Kladderadatsch.
Doch der Sturm bleibt aus, es weht nur ein leiser Wind, ein sanftes Säuseln. Man verbleibt im Zuckererbsenparadies als ein mit Glückspillen vollgestopftes Weichtier, als ein sedierter Roboter im pharmazeutisch induzierten Gehirnnebel. Die vollbrachte Erlösung hat einen Menschenschlag hervorgebracht, dem das allzu Menschliche auf so wundersame Weise verlorengegangen ist. Zweibeiner, deren Lebenskraft gegen Null tendiert. Gleich einem Astronauten, der Monat für Monat in der Schwerelosigkeit einer fliegenden Blechdose verbracht hat und der anschließend nicht mehr in der Lage ist, seine Speckrollen in der Körpermitte auf den Beinen zu balancieren. Zu schwach geworden mangels Herausforderung...
Ein Ameisenknochen auf dem Weg wird zum unüberwindbaren Hindernis, eine flapsige Bemerkung zur tödlichen Beleidigung, ein banaler Schnupfen zum alles vernichtenden Seuchenzug. Ein Regenguss zur Sintflut, ein Sommertag zum Feuersturm. Ein Schneeflöckchen zur hereinbrechenden Eiszeit, die leichte Brise zum Orkan.
Gefühlt sterben wir jede Sekunde. Als ob wir nicht schon lange tot wären, als ob der Blick in den Spiegel uns nicht eine Vielzahl abgestorbener Gesichter offenbaren würde. Wir, die letzten Menschen...
Das Leben ist nicht immer ein Geschenk und die Welt ist auch nicht immer Friede, sie ist nicht immer Freude, und der Eierkuchen fängt langsam an, schlecht zu riechen und eso langsam verfärbt er sich ins Blaugrüne. Die Fruchtbonbons beginnen klebrig zu werden und die immerwährende Zuckerwatte verursacht eine gewisse Übelkeit. Wie dem begegnen außer durch den Verzehr von immer noch mehr Zuckerwerk?
Unsere Welt ohne Widrigkeiten, sie entpuppt sich als ein Gefilde der erlernten Hilflosigkeit, sie wird zwangsläufig zum Imperium der Langeweile, sie ist dadurch, dass sie einen zur Untätigkeit verdammt, schon eine Scheußlichkeit an sich. Die Erlösung vom Bösen also ein Verhängnis, das Paradies die tiefste aller Höllen? Vielleicht verhält es sich so…
Immerhin heißt es, Offenbarung des Johannes, die Welt würde neu geschaffen und der Mensch würde ein anderer sein. Im neuen Jerusalem, das genauso lang wie breit wie hoch sein wird. Die 144000 Auserwählten hausen in einem Würfel von 2000 Kilometern Kantenlänge und sie loben und preisen den Architekten für ihr Ameisendasein, für das molluskenhafte Dahinvegetieren in den Engelschließfächern. Die Eskalation der Zuckererbsen. Noch mehr Paradies, noch langweiligere Langeweile als diejenige, die wir bisher genießen durften. Wie viele Engel werden sich aus Überdruss am ewiggleichen Jubilieren in die Tiefe stürzen wollen?
Nicht der letzte, sondern der neue Mensch…
Wird er der allerletzte sein, oder gar d a s Allerletzte? Einer, der über keinen freien Willen mehr verfügen wird, gesteuert vom allmächtigen Zentralcomputer, aber man verschweigt uns gnädigerweise die Tatsache, dass jegliche Erlösungsphantasie nichts anderes als die endgültige Erlösung vom Ich bedeuten kann.
Das, wo wir allesamt hinstreben, das könnte unser Abtreten bedeuten. Die Erlösung von den Widrigkeiten des Seins, sie bedeutet den Endsieg der Langeweile. Das Weltreich der Gerechtigkeit, es könnte uns verhasst werden, die perfekte Gesellschaftsordnung könnte man zum Feind erklären, mit der Kettensäge werden wir durch das Paradies laufen und wir werden alles absägen, was da sprießt, wir werden sämtliche Äpfel auffressen, ob sie uns schmecken oder nicht, einzig und alleine tun wir das, um der allumfassenden Leichtigkeit zu entkommen.
Wer ein solches Paradies auf Dauer erhalten will, der muss dem Menschen seinen Willen nehmen, der muss ihm die Antriebskraft erlahmen lassen, der muss ihn in ein Zwangskorsett stecken. Der Preis des Paradieses ist der Zwang, es ist die Verunmöglichung der Aufsässigkeit, ansonsten ist das Apfelessen, ist die Vertreibung, sind Ströme von Blut, von Schweiß und von Tränen unvermeidlich. Die Lobotomie als der Erlösungsweg, die obligatorische Demenz der Eintrittspreis.
In futuristischer Terminologie bedeutet das Transhumanismus, die genetische Verschlimmbesserung des Menschengeschlechts, auf geht es in das gutgelaunte Dasein als ferngesteuerter Roboter! Vielleicht wird man auch zur Gänze digital, löst man sich auf in den Gefilden der Nullen und Einsen, man verabschiedet sich von dem seltsamen Biosack, den man so viele Generationen lang mit sich herumgeschleppt hatte. Die Computerpfaffen des Silicon Valley erlösen uns von unserem Ich in einem feierlichen Hochamt der Selbstversklavung. Wir, die Erlösten, wir ahnen noch nichts von unserem Glück.
Die besten Plätze im Einhornparadies waren ohnehin schon vergeben gewesen, es hatte noch ein paar Scharmützel um den Katzentisch gegeben, es gab und gibt das endlose Herumstehen in der Warteschlange vor der Abdeckerei, uns Heutigen bleibt nur das Warten auf die riesengroßen Zeiten, die doch längst schon vergangen sind und es bleibt das lustvolle Schielen auf den großen Kladderadatsch, der das Gelebtwerden beenden wird und der einem vielleicht die Möglichkeit geboten hätte, einmal selber leben zu dürfen…
Kurz vor dem 1. Weltkrieg schrieb der junge Dichter Georg Heym in sein Tagebuch:
„Es ist immer das Gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig. Es geschieht nichts, nichts. Wenn doch einmal etwas geschehen würde, was nicht diesen faden Geschmack von Alltäglichkeit hinterlässt. Wenn ich mich frage, warum ich bis jetzt gelebt habe, ich wüsste keine Antwort. (…)
Geschähe doch einmal etwas. Würden einmal wieder Barrikaden gebaut. Ich wäre der erste, der sich darauf stellte, ich wollte noch mit der Kugel im Herzen den Rausch der Begeisterung spüren...“
Kurz vor dem dritten Weltkrieg baute man Schützenpanzer, in denen auch hochschwangere Soldat*innen Platz nehmen konnten. Mit gendersensibler Munition versehen.
Wenn schon das Kaiserreich Wilhelms II eine Quelle unerträglicher Langeweile gewesen sein muss, wie allumfassend wird man sich erst im Reich Gottes langweilen dürfen? Ist die Langeweile einstmals nicht eine der Todsünden gewesen? Aus dem Paradies fliegt raus, wer seinen Überdruss offen kundtut, wer ein langes Gesicht zieht, wessen Frohlocken allzu verhalten klingt…
Doch womöglich könnten die Tage der Langeweile fürs erste abgelaufen sein, ein Sturm zieht auf, man rüstet auf den Krieg, der die Langeweile durch ein lustiges Sterben ersetzen soll, die Kraftwerke sind stillgelegt, die Steckdosen ohne Saft, die Heizkörper sind tiefgefroren, dem Smartphonefetischismus folgt die neoprimitivistische Lebensführung mit fröhlichem Faustkeilschnitzen, das konsumistische Manifest landet im Altpapier… vielleicht gibt es das bedingungslose Grundeinkommen im Tausch gegen die bedingungslose Unterwerfung, zum Einatmen bitte den Impfpass sowie den Atemberechtigungsschein vorzeigen…
Unser Reich des Guten hat sich auf denselben Weg gemacht, den auch andere Reiche gegangen sind, Imperien, die aus dem Nichts auftauchen und die unversehens wieder verschwinden. Spätdekadentes Römerreich, Arbeiter- und Bauernparadies, glorreiche Shoppingmall, die feierliche Erklärung der universellen Rechte, denen keinerlei Pflichten gegenüberstehen, unser allerliebstes Kinderparadies ist abgebrannt… es ist ein Kommen und Gehen… vielleicht bedeutet es das Ende der größten Selbsttäuschungsepoche der Menschheitsgeschichte. Ein Angestellter der Straßenreinigung kehrt die unzähligen Gendersternchen zusammen und verstaut sie in einem mitgebrachten Plastiksack, das rosa Einhorn landet im Schlachthaus und erlebt die Transformation zur Gammelwurst. Die Natur holt sich die Straßen zurück, im Krater blühn wieder die Bäume. Die Armeen aus Gummibärchen haben sich verlaufen, die Kinder an der Macht schieben die Rollatoren vor sich her. Im fahlen Licht die Ruinen Europas, lauter eingestürzte Brücken, Häuser, Türme unter schwarzgrauem Himmel. Ein einsamer Brückenpfeiler aus bröckelndem Beton, darauf die verwitterten Überreste einer einstmals gesprühten Parole: „Nur sauber gekämmt sind wir wirklich frei“.