Auf der Straße an den Plakatwänden die großformatigen Stellenangebote: „Starte Deine Karriere !“ „Komm’ ins Team!“ Hin und wieder auf unzähligen Wahlplakaten das tiefgefrorene Zahnpastalächeln der jeweiligen Kandidaten. Colgate titelt: „Auf Deine Stimme kommt es an!“. Blendamed kontert „Weil es um Dich geht“.
Man möchte einfach nur fragen: „Warum duzen Sie mich?“
Beim jeglicher Förmlichkeit entledigten Umgangston vermisst man ein wenig den Respekt, die Wertschätzung. Den Sinn für das Angebrachte. In längst vergangenen Zeiten hatten die Gutsherren ihre Knechte geduzt und umgekehrt auf umständliche Anreden bestanden. Der gezeigte Respekt oder die sich erlaubte Respektlosigkeit signalisierte genau, wer wo zu stehen hatte. Das Du kann einerseits ein Vertrauensbeweis sein, eine Auszeichnung, in anderen Fällen bedeutet es eine Herabwürdigung, eine Degradierung.
Der Wähler hat das Sagen, der Kunde ist König. Wie oft hört man diese Sätze? Und nach der Wahl ist der Chef ganz schnell wieder Untertan, der Kunde ist sein Geld losgeworden und fühlt sich geneppt, die hochtrabenden Sätze erweisen sich als das, was sie im Grunde genommen sind: Eine Verhöhnung….
Oftmals spricht man vom Wert des Menschen. In den feierlichen Verlautbarungen. Die Würde des Menschen sei unantastbar, so das Grundgesetz. Was, zumindest auf dem Papier, der Staatsmacht gewisse Grenzen setzen soll. Was die Würde des Menschen eigentlich sein soll, das ist nicht näher definiert, und ob und inwieweit eine Staatsmacht die Würde des Menschen überhaupt schützen kann, das ist eine andere Frage.
In den Sonntagsreden ist jeder Mensch wertvoll. In der Praxis ist er zumeist Verfügungsmasse, gewählter ausgedrückt „Humankapital“. Angeworben, freigesetzt, je nach Aspekten der Nützlichkeit. Letztendlich zählt der Ertrag, den der Mensch bringt. Allen schönen Reden zum Trotz.
Wie schätzt man eigentlich den Wert des Menschen ein? Vom materialistischen Standpunkt ist es ganz einfach: Ein paar Liter Wasser, Kohlenstoff, Eisen für ein paar Nägel, Calcium, Spurenelemente, alles in allem käme man auf vielleicht zehn Euro…
Ein wenig komplizierter wird es, wenn man auch nur eine der Aminosäuren künstlich herzustellen versucht. So richtig teuer würde es, zu versuchen, eine einzige der 200 Billionen Körperzellen künstlich herzustellen und zum Laufen zu bringen. Alles Geld dieser Welt würde dazu nicht ausreichen.
Der Mensch sei von unschätzbarem Wert, so heißt es. Gleichzeitig gäbe es zu viele davon, sie zerstören die Natur, das Klima, sie verwandeln wertvolle Rohstoffe in wertlosen Müll. Der Mensch ein Schädling, auch das hören wir wieder und wieder. Oftmals ein nutzloser Esser, so der Bestsellerautor Harari. Die künstliche Intelligenz und der Roboter die Zukunft, der biologische Mensch das Auslaufmodell...
Was also ist ein unnützes Subjekt, ein Schädling wert? Jemand, nach dem keinerlei Nachfrage mehr besteht? Das Selbstwertgefühl ist schnell dahin, wenn man sich auf dem Abstellgleis wiederfindet. Die Anderen sind vielleicht wertvoll, diejenigen, für die noch ein Hamsterrad bereitgehalten wird, und am meisten wert sind diejenigen, die im vergoldeten Hamsterrad dem Herzinfarkt entgegenstreben.
Wie verhält es da eigentlich mit der Würde? Mit der Würde des Almosenempfängers und der Würde derjenigen, die in der Angst zu leben haben, demnächst auf Almosen angewiesen zu sein? Ist die Würde etwas Angeborenes, oder ist sie etwas Erworbenes, etwas, das man auch verlieren kann oder das man gar wegwirft?
Die menschliche Zivilisation ist eine Insel der Künstlichkeit. Mit einem Wertesystem, das dem der natürlichen Umgebung, dem allgemeinen Tohuwabohu, diametral entgegensteht. Dem Kampf Aller gegen Alle versuchen wir durch Zusammenschlüsse und Organisation entgegenzuwirken, wohl wissend, dass es nur wenige ausgefallene Mahlzeiten benötigt, um in den Naturzustand, also in das universale Schlachtfeld, zurückzufallen.
Sprechen wir in humanistischer Tradition vom Wert des Menschen, so bewegen wir uns in einem Gebiet der Annahmen, vielleicht auch der Vorschusslorbeeren. Wir postulieren einen Wert, den es vielleicht nicht gibt, um uns vor der eigenen Abgründigkeit zu schützen.
Allerdings verlangt auch das Zusammenleben in einem organisiertem Miteinander dem Individuum einen Preis ab. Der Verzicht auf das Ausleben der Affekte. Das Aufgehen in der Künstlichkeit. Das Annehmen eines Wertesystems, das mit der Biologie nicht wirklich vereinbar ist. Zivilisation bedeutet nicht artgerechte Menschenhaltung.
Wir sprechen davon, dass jeder Mensch wertvoll sei und mit einer Würde ausgestattet, die unantastbar sein soll und durch die Konvention der Menschenrechte geschützt ist. Allerdings ist die Würde nicht etwas, das einem per Dekret verliehen werden kann, sie ist zuallererst ein theoretisches Konstrukt, das im besten Falle mit Leben gefüllt werden kann. Verwandt mit der Würde ist der Selbstwert, man kann über sehr viel oder allzu viel oder auch über keinerlei Selbstwertgefühl verfügen, man kann versuchen, seinen Selbstwert darauf aufzubauen, Andere herabzuwürdigen, wie es Narzissten und Psychopathen gerne tun. Man kann und sollte vielleicht versuchen, Handlungen zu vermeiden, mit denen man sich selbst entwürdigt. Man kann sich so lange korrumpieren lassen, bis der Blick in einen Spiegel einem unmöglich geworden ist .
Man kann sich um die Wertschätzung Anderer bemühen, manchmal bis zum Aufbau einer fassadenhaften Ersatzidentität, die mit dem eigentlichen Selbst nur wenig zu tun hat.
Oftmals vergeblich, ein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl lässt sich nicht von außen kompensieren, erlangte Bestätigung, Zuwendung oder gar Anbetung wird schwerlich ausreichen, die innere Leere zu füllen. Oder man versucht, sich unentbehrlich zu machen und fordert damit heraus, ausgenützt zu werden, die Psychologie spricht hier vom Helfersyndrom.
Wir leben in einem soziokulturellen Umfeld, in dem es nicht ganz einfach ist, ein gesundes Selbstwertgefühl und ein funktionierendes Wertesystem aufzubauen. Allzu widersprüchlich die Vorgaben, die Wechselbäder zwischen Hypermoral und postmodernem Relativismus. Einerseits lehrt man uns die christliche Demut und Bescheidenheit, andererseits soll man im Haifischbecken des Raubtierkapitalismus bestehen können. Das Ego hintanstellen, gleichzeitig auf der Siegerstraße sich befinden. Letztere bedeutet zumeist eine mit materiellen Gütern kompensierte Tretmühle, ein luxuriöses Sklavendasein. Man fühlt sich erschöpft, müde und leer. Ist nicht mehr fähig, sich zu bescheiden, das wertzuschätzen, was man hat.
Man greift nach den Sternen, diese zerfallen zu Staub, sobald man sie berührt.
Die erlesenen Freuden werden schal, die teuren Uhren, die Sportwagen, die Statussymbole werden alltäglich und damit uninteressant. Die Jasager und Schmeichler, die verachtet man, nicht ganz ohne Grund.
So einiges ist verloren gegangen: Die Ehre des Kaufmanns alter Schule, der sich entwertet fühlte, wenn er seine Kunden über den Tisch ziehen würde. Die Verbindlichkeit des gegebenen Wortes. Die Verlässlichkeit. Die Pünktlichkeit, denn auch die Zeit des Gegenüber sollte von Wert sein. Alles Tugenden, die mit dem Selbstwert und der Wertschätzung für Andere unmittelbar verbunden sind und die als altmodisch, unzeitgemäß und spießbürgerlich in Verruf geraten sind.
Die Höflichkeit. Höflichkeit bedeutet, dem Gegenüber Wertschätzung zu signalisieren. Ihn mit einem Vertrauensvorschuss auszustatten. In der Kulturrevolution Ende der 1960er Jahre wurden diese manchmal etwas steifen Förmlichkeiten als obsolet abgetan, der Lächerlichkeit preisgegeben, als „verlogene Charaktermaske“ verrufen. Der oftmals rüde Umgangston, die zur Schau gestellte schlechte Laune, galt als progressiv.
Der Mensch sei erst dann frei, wenn er sich seiner kulturellen Bindungen entledige, ein Glaubenssatz, der das öffentliche Leben über einige Jahrzehnte bestimmte.
Das vorläufige Ergebnis, die atomisierte Gesellschaft, ein Konglomerat entwurzelter Subjekte, das über keine gemeinsamen Regeln mehr verfügt. Die Bedingungen des Zusammenlebens müssen ständig neu ausgehandelt werden, was permanenten Stress bedeutet. Übrig bleibt das Recht des Stärkeren. Oder, da die ungeschriebenen Gesetze und Konventionen nicht mehr bestehen, eine erhöhte Nachfrage nach gesetzlichem Regelungsbedarf und Kontrollmaßnahmen. Auf die zügellose Freiheit folgt die Repression, das wussten schon die alten Griechen.
Der postmoderne Relativismus wird wohl eine Zeiterscheinung bleiben, deren Jahre wahrscheinlich abgelaufen sind. Sloterdijk verkündete nach den Anschlägen des 11. September das Ende des sogenannten „frivolen Zeitalters“, das nun eingetreten sei. Vielleicht könnte man ihn ein wenig korrigieren, das frivole Zeitalter befindet sich seit 2001 im Zustand der Konkursverschleppung.
Im Nachhinein könnte man feststellen, dass man ein kulturelles Erbe verschleudert hat und unverhofft mit leeren Händen dasteht.
Manchmal bedarf allgemein anerkanntes Glaubensgut einer Revision, spätestens dann, wenn es die Zukunftsfähigkeit eines Gemeinwesens zu untergraben beginnt. Hier beginnt die Polarisierung, die einen halten an etwas fest, das es nicht mehr gibt, die anderen versuchen sich auf einem Terrain zu orientieren, auf dem es keinerlei Wegweiser gibt. Von oben und unten, von links und rechts, von Etatisten und Libertären wird man überschüttet mit Patentrezepten, die sich wahrscheinlich größtenteils, vielleicht auch allesamt, als Luftschlösser erweisen. Übrig bleiben die Fragen.
Müssen wir wieder ganz von vorne anfangen? Was ist wichtig und was ist nur Ablenkung? Was sind eigentlich unsere Werte? Was sind wir uns selber wert? Wer sind wir, was wollen wir sein? Lohnt es sich, auf einen Erlöser zu warten oder sollte man sich nicht lieber um die eigenen Belange kümmern? Kann man die Verantwortung für das eigene Sein irgendwo hin delegieren? Oder ist das ganze Delegieren das eigentliche Problem?
Fragen, die man sich wohl niemals stellen würde, wäre der äußere Rahmen unseres Zusammenlebens nicht in Frage gestellt. Manches, was belächelt wurde, erweist sich als unverzichtbar, mancher alter Zopf als tragende Säule. Und einiges, ohne das man nicht leben zu können glaubte, als unnützer Ballast.
Das Vorwärts erweist sich als Rückwärts, das Ziel als Fata Morgana. Die feierlichen Reden, die zynischen Rechnungen, die Verlautbarungen und die Anordnungen, sie gehen weiter oder sie verstummen. Die Würde des Menschen, sie wird auf die Probe gestellt.
Umbruchszeiten und Wertekrisen sind immer Zeiten der Verwirrung, mit der Möglichkeit zu Innovationssprüngen wie auch zu Zivilisationsbrüchen. Sie beinhalten auch die Chance, endlich herauszufinden, was wesentlich ist, auf was es einem wirklich ankommt...