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Dr. Gropius oder wie ich lernte, das Bauhaus zu lieben

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Über das Bauhaus zu reden, das bedeutet, entweder vor einem Mythos auf die Knie zu fallen, oder, alternativ dazu, in ketzerischer Manier irgendwelche heiligen Kühe zu irgendwelchen saftigen Steaks zu verarbeiten. Doch letzteres, so etwas tut man nicht, lieber schleicht man niedergedrückt von einem Rucksack voller devoter Bewunderung durch die Stuttgarter Weissenhof Siedlung, in welche die bedeutendsten Architekten der Welt, die bis dato in Ermangelung von Aufträgen nur wenig gebaut, dafür aber um so eifriger Pamphlete geschrieben hatten, im Rahmen einer Bauausstellung ein paar Gebäude hinstellen durften.
Immerhin handelte es sich ja um einen Mies van der Rohe und um einen Le Corbusier, um Walter Gropius und Bruno Taut, also um die Apostel der Moderne, und nach deren Heiligsprechung durch den Vatikan… zugegeben, es war nicht der Vatikan, sondern lediglich die creme de la creme der Kulturwelt. Dem einen schlägt beim Anblick dieser Gebäude die Doppelherzhälfte höher, den anderen lässt es frösteln, mit den Achseln zucken oder sich in Schweigen hüllen, es gibt unzählige Möglichkeiten, mit den Errungenschaften der Moderne umzugehen.

Das Bauhaus ist nicht nur eine Hochschule für Architektur und Gestaltung gewesen, die in der Weimarer Republik ihr Dasein fristete, sondern vielmehr eine Lebenshaltung, ein religiöses Bekenntnis. Und vor allem ist es eine Utopie, deren Tragik darin besteht, zumindest teilweise Realisierung erfahren zu haben. Kaum etwas hat die Welt so sehr revolutioniert wie die Avantgarde der Architekten. Diesen gemeinsam ist der kollektivistische Ansatz damaliger sozialer Utopien, die in der Regel daran krankten, dass der Mensch seiner eigenen Natur nicht entkommen kann. Denn das Objekt der Fürsorge, damals der Fabrikarbeiter, empfand (und empfindet) wenig Lust dazu, sich in der Utopie häuslich einzurichten. Der Arbeiter, das ist eine im Grunde unverwüstlich konservative Spezies, welche irgendwelche kleinbürgerliche Nischen sein eigen nennen will, in welchem er irgendwelchen Kitsch ansammelt und seine Vorgartenzwerge aufstellt. Nicht jeder liebt Betonwürfel, nicht jeden erfreut das Farbspektrum von Reinweiß über leicht erfrischendes Mausgrau, erhebendes Aschgrau und sublimes Steingrau bis hin zu subtilem Anthrazit und heiterem Schwarz. „Vade retro!“, so ruft der Ästhet beim Anblick der kleinbürgerlichen Kitschidyllen, ist der Mensch nicht passend, so wird er eben passend gemacht…
ist doch schließlich eine Welt zu erlösen, in diesem Fall von den lästigen Ornamenten, von dem Überflüssigen, von dem Schwelgerischen. Vielleicht auch vom Menschen selber, vor allem von dessen lästigen Emotionen. Es zählen die nackten Wände die glatten Glasflächen, das schwarze Linoleum und die flachen Dächer (in die es so schön hinein regnet). Und es zählt die Ration, vielmehr das, was man dafür hält…

Die Halbwertszeit einer solchen Revolutionsarchitektur ist zumeist recht kurz, nach wenigen Jahren schon wirken viele der Gebäude altbacken, weisen sie Spuren von Erosion auf, wird das obligatorische Flachdach undicht und der Sichtbeton wird von Algen und Flechten besiedelt, zwischen dem Adjektiv „modern“ und dem Tätigkeitswort „modern“ liegt lediglich ein Wechsel der Betonung. Was die Phalanx der Architekten und Städteplaner nicht anficht. Ist eine Firma von der Pleite bedroht, so erhöht sie schnell noch den Werbeetat, also reichlich viel Propaganda für etwas, das im Grunde schon abgewirtschaftet hat… Oder die Verunglimpfung der gegenstimmen, wer da nicht zustimmt, wer da nicht bewundert, wer nicht jubelt, wer nicht seine Unterwerfung bekundet, der findet sich am Katzentisch wieder. Man ist eben mental zu einfach gestrickt, wenn einen die Schönheit dder Gebäude nicht begeistert, das wird einem jeder Architekt klarmachen. (Ich kenne diesen Trick, ich halte auch jeden für einen Dummkopf, der mir nicht zustimmt…)

Weswegen dieser Zorn, weswegen diese maßlose Polemik? In meiner frühen Kindheit wurde in meiner Herkunftstadt unter der Leitung eines damals berühmten Stararchitekten ein dreieckiges Rathaus fast ohne Fenster, dafür aber mit umso mächtigeren Fenstergittern, erbaut. Natürlich mit Flachdach, welches schon von Anfang an ein wenig inkontinent gewesen ist. Der Architket behielt sich die Gestaltung des Rheinufers sowie des Rathausvorplatzes vor, was dazu führte, dass ein Gebäude mit dem Charme einer Justizvollzugsanstalt von einem weitflächigem kahlen Gefängnishof umgeben war. Schilda, so hieß die Stadt, Schilda blieb Schilda, wie es sang und lachte… und irgendwann kam dann der Katzenjammer und die Rechnungen…

Der Neubeginn… er bedeutet immer auch eine Kriegserklärung an das Alte, an das Überkommene, an das Erfahrungswissen. Das Alte muss weg, um Platz zu schaffen für das Neue, für das bessere, für das Allerbeste, also her mit der Abrissbirne! Nur auf den Trümmern der alten Welt kann etwas Neues entstehen, so träumte ein Le Corbusier davon, halb Paris niederzureißen und an dessen Stelle seine Wohnmaschinen zu errichten. Dafür hätte er auch einen Pakt mit dem Teufel geschlossen, gut mit dem Teufel vielleicht nicht, aber mit Monsieur Petain schon. Zu unserem Glück oder Bedauern, ganz wie man es sieht, hatte dieser Kurzzeitdiktator von Hitlers Gnaden gerade anderes zu tun und Paris lag auch nicht wirklich in seinem Machtbereich, andernfalls sähe Paris in seiner Mitte so aus, wie es heute an den Rändern aussieht, endlose Trabantenstädte, in denen periodisch Unruhen ausbrechen und in denen hin und wieder ein paar begalische Autos stehen, so ganz geklappt hat es bisher nicht mit der Umerziehung des Menschengeschlechts…

Nun könnte man das Hinwegfegen des Alten, des Überkommenen, ja klaglos akzeptieren, wenn das Neue tatsächlich eine Verbesserung wäre. Denkt man im Sinne einer linearen Aufwärtsentwicklung, dann gäbe es im grunde genommen keinerlei Argument dagegen, Platz zu schaffen für das Neue, das das bessere ist, eben weil es neu ist… Man kann sich fragen, ist es immer nur aufwärts gegangen in der Menschheitsgeschichte? Oder war es ein Auf und Ab, ein gewinnen und Verlieren, ein Wechsel von Erkenntnisgewinn und von kollektiven Vergessen? Möglicherweise ist man ein wenig desillusioniert und stellt fest, dass es „nichts Neues gibt unter der Sonne“, dass die Zukunft ledigllich die Fortsetzung der Vergangenheit mit anderen Mitteln bedeutet. Bilderstürme, Patentrezepte, Utopien hat es zu allen Zeiten gegeben und sie haben niemals in dem Ausmaß funktioniert, wie es verlautbart gewesen ist, zumeist haben sie das Gegenteil des Beabsichtigten bewirkt. Der Gedanke einer permanenten kulturellen Aufwärtsentwicklung erscheint, angesichts der Schönheit der Stadtentwicklung der letzten einhundert Jahre, als etwas, an dem man ein wenig Zweifel hegen kann.

Aber, hier wird man einwenden, die tatsächlich gebauten Trabantenstädte hätten nichts mit den Visionen des Bauhauses und nichts mit Le Corbusier zu tun. Nicht hat mit nichts niemals etwas zu tun gehabt… schon gar nicht, dass ein gewisser Unterschied bestehen kann zwischen der Geduld des Papiers, auf dem diese wunderbaren Pläne aufgezeichnet worden sind und der menschlichen Natur, die dazu verdammt ist, diese Utopien auszubaden. Was nicht passend ist, das wird eben passend gemacht. Der Mensch hat sich dem Plan zu fügen, er hat Quader, er hat Würfel zu werden, er hat sich einzufügen in die Betonregale und er hat dabei ebenso gesichtslos zu werden wie der Großteil der Behausungen, die seit dem letzten Weltkrieg errichtet worden sind.

Im Allgemeinen verbindet man das Bauhaus mit Sachlichkeit, mit einer unterkühlten Ästhetik und mit dem sozialen Gedanken. Ja, vor allem mit Sachlichkeit. In der Praxis, besonders sachlich ist das Bauhaus im Grunde genommen nicht gewesen, an dessen Anfang standen die Lebensreformbewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts, stand die Theosophie, standen sozialrevolutionäre Utopien, im Grunde genommen war es die Synthese einer Helena Blavatsky und dem Leninismus, also esoterische Heilserwartung im Verbund mit reichlich revolutionärem Elan. Doch ist aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden, wie viel Esoterik und Messianismus es damals gegeben hatte, wie dominant der Hang zum Totalitarismus gewesen ist in den Avantgardebewegungen des beginnenden 20. Jahrhunderts. Denn der Schein, das was die aseptische Ästhetik eines schnörkellosen Neubeginns, die damaligen Erlösungsphantasien, schwarz auf weiß nachlesbar in den damals veröffentlichten Pamphleten, die werden gerne vergessen…

Und der soziale Gedanke? Ist es sozial, wenn wir alle gleich sind? Wenn es nicht mehr darum geht, für eine Vielzahl von Menschen bezahlbaren Wohnraum zu schaffen und dabei gezwungenermaßen ästhetische Abstriche zu machen, sondern wir in uniformierten Umgebungen zu hausen haben und dabei zwangsläufig auch in mentaler Hinsicht uniformiert werden…

Unter der Brücke, da sind wir alle gleich, beim Militär, da tragen wir dann allesamt das einheitliche Feldgrau, da fressen wir den gleichen Fraß aus dem gleichen Blechnapf, da werden sämtliche Individuen zu einer gesichtslosen Masse zusammengefasst. Ist es erstrebenswert, dass sich das Zivilleben dem Militär und der dazugehörigen Kriegswirtschaft anpasst? Gibt es nicht längst schon mehr als genug Kasernierung in der Welt? Alles, was das Leben ausmacht, das beginnt damit, dass wir allesamt verschieden sind, dass jedes Individuum seinen eigenen Ausdruck sucht. Jeder erhaltene Stadtkern aus dem Mittelalter besitzt eine reiche Formenvielfalt, unabhängig davon, ob es sich um die aufwendig verzierten Bürgerhäuser oder um die Behausungen der weniger Begüterten handelt. Man identifiziert sich mit dem mal luxuriösem, mal bescheidenem Eigenen, mit dem, was man gestaltet, was man geschaffen hat.

Wieder und wieder hört man, Eigentum sei Diebstahl. Als ob Eigentum nicht auch eine gewisse Autonomie bedeutet, was einer zentralen Planung gesellschaftlicher Prozesse gewiss ein Dorn im Auge sein muss. Wenn man auf eigene Ressourcen zurückgreifen kann, ist man nicht auf die Gnade von irgendwem angewiesen. Eigentum verschafft einem die Möglichkeit, nicht kriechen zu müssen. Eine eigentumslose Gesellschaft kann niemals etwas anderes sein als eine Gesellschaft von Untertanen. In einer solchen ist man Verfügungsmasse, ist man Menschenmaterial und Objekt, nicht Subjekt. Eigentumslosigkeit bedeutet Allmacht der Mächtigen.
Und da wären wir wohl beim Kern angelangt, das, was die Moderne von der Feudalgesellschaft unterscheidet, ist die Ausdehnung des Sklavenstatus auf die gesamte Gesellschaft. Und das Perfide daran, wir erkenne es nicht einmal. Wir halten unsere Degradierung für unsere Beförderung, die Verhausschweinung für unsere Freiheit, die schleichende Uniformierung für Ausdruck unserer Individualität. Die Eliminierung des Ornamentes geht mit der Einhegung des Denkens einher. Wahrscheinlich hätte der Mensch des Mittelalters keinesfalls akzeptiert, in den Schließfächern kollektiver Wohngebäude sein Dasein zu fristen, ebenso hätte er unsere allgegenwärtigen Arbeitsverhältnisse als entwürdigende Knechtschaft empfunden.

Bei dem im Vergleich zu vergangenen Epochen hohen Niveau materieller Möglichkeiten stellt sich die Frage, warum fallen die Ergebnisse in ästhetischer Hinsicht so dürftig aus? Ist die Individualität schon so weit eliminiert, ist der Geist kastriert, das Empfinden eingeebnet, sodass unsereins klaglos das Würfeldasein akzeptiert? Wo bleibt der Zorn, die Wut, der Stolz? Der Wohlstand hätte auch ermöglichen können, die schönsten und die wohlgestaltetsten Bauwerke zu erstellen, die die Welt je gesehen hat. Doch das alles scheint nicht wichtig zu sein, man erstellt Paläste, die aussehen wie Garagen, luxuriöse Baracken, irgendwelche grobschlächtige Betonkisten und Glaswürfel. Im Grunde genommen errichtet man Slums zum Preis von Jagdschlössern...
Länge mal Breite mal Gewinnerwartung, unsereins hat sich schon so sehr an die Tradition des Amokbauens, der ästhetischen Verwüstung gewöhnt, dass die Kakophonie von Störfaktoren als Normalität wahrgenommen wird. Wahrscheinlich ist eine gewisse Stumpfheit und allgemeine Gleichgültigkeit das Resultat, das permanente Staccato miteinander unvereinbarer optischer Eindrücke berauscht und lässt einen ausgeleert zurück.
Und wer leer ist, der wird sich auch nicht mehr wehren, da es nichts mehr gibt, was sich zu verteidigen lohnt. Wir haben gelernt, uns in der Krötenschluckerei zu üben, man nennt es Anpassung, Vernunft, vielleicht auch Konformität, eben der Preis, der zu bezahlen ist, möchte man ein geachtetes Mitglied einer Gesellschaft sein, die nicht weniger genormt ist als deren Behausungen.
Wie schluckt man die Kröten, wie bereitet man sie zu, welchen Wein kredenzt man zu welcher Kröte? Und vor allem, wie hält man den Mund, wenn die Kröten, seien es bewarzte oder unbewarzte, einem im Halse steckenbleiben?

Der amerikanische Kunstkritiker Robert Hughes bezeichnet in „Der Schock der Moderne“ das 20. Jahrhundert als einen Schauplatz gescheiterter Utopien. Und dem Scheitern dieser Utopien ging die Bereitschaft Vieler voraus, ihr ureigenes Empfinden zum Schweigen zu bringen und sich auf politische wie auch intellektuelle Autoritäten blind zu verlassen. Doch werden Utopisten jeglicher Couleur niemals eingestehen, dass sie irgendwelchen Irrlichtern nachgejagt sind, dass sie Zauberlehrling gespielt hatten und die Geister, die sie gerufen hatten, nicht mehr loswerden können. Ihnen wird jegliche Rabulistik, jeglicher Taschenspielertrick recht sein, um letztendlich doch wieder vor der eigenen Größe ehrfurchtsvoll erstarren zu können. Befindet sich die Moderne im Zustand fortwährender Konkursverschleppung? Und wird der Tag der Pfändung nicht weiter und weiter hinausgezögert, bis man irgendwann feststellen wird, dass das zwanzigste und das einundzwanzigste Jahrhundert das hässlichste der Menschheitsgeschichte gewesen ist? Doch solche Fragen stellt man besser nicht. Denn die Hässlichkeit ist eine ganz besondere Form der Schönheit, man muss nur die richtige Brille aufsetzen, die mit den Waschbetongläsern. Denn was man nicht sehen muss, das kann man unbesorgt tolerieren, akzeptieren und zum Gegenstand quasireligiöser Verehrung machen. Auf diese Weise, ungefähr nach dem fünften Bier, hat man schlussendlich gelernt, das Bauhaus zu lieben...
 
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