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Irgendwo da unten

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
© midori
Die Welt ist nicht immer das, was sie zu sein scheint: Grausam, unerbittlich, einsam. Aber manchmal ist sie es doch.

Irgendwo da unten war ich, versteckt in Ritzen meiner Selbst. Oder das, was noch von mir übrig war. Der schwere Körper drückte mich nieder, gab mir kaum noch Raum zum Atmen. Ich hätte geweint, geweint, wie das erste Mal, wenn ich nicht schon lange von meinem Körper losgelassen hätte. Irgendwo da unten war ich. Nur konnte ich mich im Moment nicht finden.

„Kleines...“ Mein Vater hatte Tränen in den Augen, konnte mich nicht anblicken; ob er sich überhaupt noch selbst im Spiegel betrachten konnte? Ich rollte mich zu einer Kugel zusammen, umarmte mich schützend. Aber ich weinte nicht, denn ich war nicht mehr in meinem Körper. Und ohne Seele kann niemand weinen. Irgendwo da unten war ich, aber ich wollte nicht zurück. Nicht, bis er weg war. ‚Lass mich allein’, hätte ich gemurmelt, wenn ich noch da wäre. Genau das, was ich das erste Mal gesagt hatte, nachdem es vorbei war. ‚Lass mich allein!’, hätte ich geschrieen, wenn er mich noch einmal berührt hätte, mich noch einmal mit seinen schleimigen Fingern angefasst hätte. Aber ich war ja nicht da. Das war besser.

Dann ging er, mit gesenktem Kopf, eingefallenen Schultern. Und irgendwann war ich wieder in mir. Ich zitterte. Und dann kamen die ersten Tränen.
 
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Kommentare  

Ich schließe mich Wolkenträumerle und Kirsten an. Gruß Sabine

Sabine Müller (11.05.2006)

ja, sehr wahr, diese "Storie" berührt alle meine Sinne...

Kirsten van Gatti (10.05.2006)

Du kriegst von mir für diesen Text fünf Punkte, weil er mich sehr anspricht. Er ist gut geschrieben und wirkt ehrlich.

wolkenträumerle (09.03.2005)

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