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Wal

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten · Experimentelles
Mir ist egal, ob Sie Folgendes nun glauben oder nicht. So, wie es ist, ist es und so wie es passiert ist, gebe ich es wieder. Vor einem Jahr war ich an der Nordsee und hab da ein paar Tage verlebt. Ich mag übrigens gerne die Bezeichnung, dass man sagt „verlebt“. Weil, es stimmt ja und trifft es auf dem Punkt, aber es soll jetzt ja nicht um meine Sprachgewohnheiten und Vorlieben gehen.
Da es Sommer war und die See mich mit sanften Wellen zum Bade lud, folgte ich der Einladung und schwamm etliche Meter, trank dabei Salzwasser und schrie dann auf einmal wie eine besengte Sau. Ich beobachte mich oft selbst, deshalb schreib ich das so ein wenig distanziert, aber natürlich hat es ziemlich wehgetan und ich war dabei.
Grund meines Aua`s war eine kantige Muschel auf die ich trat und die deshalb so unrund war, weil wahrscheinlich ein Krebs sie unsachgemäß aufgeknäckt (aufgeknackt) hatte. Auf jeden Fall ging der Schmerz schnell wieder vorbei und an Land war auch nur noch eine winzige rote Stelle zu sehen. Am nächsten Tag fuhr ich wieder nach Hause.
Etwa zwei Monate später spürte ich dann auf einmal Schläge. Also irgendwie auf dem Bauch und der Brust. Ich lag gerade im Bett, als dies passierte, zog ruckartig die Decke weg, aber da war nichts und immer noch hieb etwas auf mich ein. Zuerst dachte ich an etwas Unsichtbares, einen Geist oder so, aber dann sah ich, dass sich meine Haut bei jedem Schlag wölbte anstatt einzudellen. Ich schrie und schlug nach dem in mir, aber es wurde nur um so härter und wilder zurückgeschlagen. Was konnte das sein, was war da in mir? Zuckende Organe konnten das nicht sein, oder doch? Hatte mein Magen vielleicht epileptische Anfälle und der Rest des Körpers hielt still? Irgendwann kam mir der Gedanke, die Hiebe einmal auf Intelligenz zu überprüfen und so sagte ich laut:
„Wenn Du mich verstehen kannst, schlage einmal für „Ja“ und dreimal für „Nein““
Ein Schlag folgte, ich lauschte ein wenig in mich hinein und hörte ein leises Blubbern, aber kein weiterer Schlag erfolgte. Mit dieser Technik arbeitete ich zwei Tage und bekam heraus, dass es kein schlaues Organ, keine verschluckte Maus und kein Baby war.
Nach dem Ausschlussverfahren kam ich dann drauf.
Es war ein Wal. Ein Blauwal. Er hatte sich in der Nordsee verirrt und hatte gesehen wie ich mir den Fuß angeratscht hatte, sah für sich eine geeignete Chance und schlüpfte in die Wunde hinein. Zwei Monate benötigte er dafür, sich in mir zurecht zu finden und nun wollte er mal „Hallo“ sagen. Wale sind ja Herdentiere und er hatte in meinem Blut, den Gedärmen und allem anderen keinen zweiten Säuger gefunden. Aber ich war ja auch einer, also gab er mir mal einfach die Flosse. Das mir dies weh tat, sagte ich ihm dann und so hieb er ein wenig schwächer beim „Ja“ und „Nein“.
Er hat sich auch gut an meinen Tagesrhythmus gewöhnt und geht mit mir schlafen und wacht mit mir auf. Manchmal träumt er jedoch ein wenig zu stark und dreht und wälzt sich und weckt mich damit auf. Dann muss ich entweder auf die Toilette, weil er meine Blase malträtiert hat oder liege stundenlang wach, weil er mit seinem Schwanz meinen Kopf von innen ohrfeigt. Aufwecken kann ich ihn dann nicht. Ein Blauwal schläft, wenn er erst einmal eingeschlafen ist. Am nächsten Morgen wundert er sich dann und entschuldigt sich.
Heute sind wir auch über „Ja“ und „Nein“ hinaus und ich habe ihm und mir das Morsealphabet beigebracht. Er kannte es sogar schon ein wenig von seinen Eltern. Die waren im zweiten Weltkrieg einigen U-Booten begegnet und hatten die Funkverbindungen gehört und danach Flummolö getanzt.
Dabei lässt man sich nach oben treiben, gleich wieder runter und berührt mit der linken Schwanzflosse seinen Bauch.
Dass ich einen Wal in meinem Körper, habe behindert mich im Alltag überhaupt nicht. Also nicht mehr. Ich hab mich an viele Sachen gewöhnt. Auch daran, dass man ständig auf der Hut sein muss. Ich werde nämlich verfolgt und das nicht zu knapp. Eigentlich wird eher der Wal in mir verfolgt und das ist ja auch der Grund, warum er in mir Zuflucht gesucht hat. An den Strand der Nordsee wurde der Wal nämlich von Walfängern getrieben und diese barbarischen Leute sind noch immer da. Sie haben auch nach einem Jahr nicht aufgehört, ihn zu jagen. Ich kann die Leute sehen, wenn ich die Straße langgehe und sie wissen auch ganz genau, dass ich ihn in mir trage. Manchmal wird der Wal richtig wütend, wenn er weiß, dass sie gerade da irgendwo sind. Dann tritt er mir ganz dolle im Kopf herum und schreit so lange, bis ich ein paar von ihnen umbringe. Natürlich nur dann, wenn keiner guckt.
Sie sind perfekt getarnt. Ich alleine würde auch nie dahinter kommen, dass sie Walfänger sind, aber er in mir sagt es mir. Menschen sind richtige Bestien. Pfui Teufel.
 
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