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Monolog der Einsamen

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Meine Kinder haben genug um die Ohren. Die können ja nicht ständig herkommen nur weil ich sie sehen will und ich mich einsam fühle. Kann ich ja vollkommen verstehen und den weiten Weg jedes Mal hierher möchte ich Ihnen auch nicht zumuten.
Ich weiß noch, damals haben wir unsere Mutter bis zum letzten Atemzug bei uns gehabt. Wir waren für sie da, weil sie eben auch für uns immer da gewesen war und wir hätten und haben für sie viele Entbehrungen in Kauf genommen. Die Liebe die wir von ihr dafür zurückbekamen war unendlich viel wert.
Heute ist das anders. In dieser Zeit möchte man Selbst schnell groß werden und hat neben der Karriere keine Zeit für seinen Familienballast. Und hat man keine Karriere und ist arbeitslos, wie meine Kinder, tut man so als hätte man Karriere.
So geht das hier fast allen Bewohnern. Die Schwestern sind zwar nett und haben auch mal ein nettes Wort für einen parat, aber ein nettes Wort ersetzt keine warme Hand oder eine Umarmung.
Hab ich Geburtstag oder ist Weihnachten kommen alle meine Kinder und Urenkel zusammen und bleiben 2 Stunden lang. Die Stimmung ist dann eher gedämpft als freudig erfüllt. Ich kann mich einfach nicht freuen, weil ich weiß, wenn ich damit anfange, ist schon wieder alles vorbei und sie fühlen sich an diesen Tagen sicher schuldig.
Sie erzählen von sich, Ihren Kindern wird langweilig und irgendwann schaut Jemand den anderen an (sie denken, ich seh das nicht) und sie brechen auf. Eine kalte Umarmung, ein „Gut siehst Du aus“ und fort sind sie.
Ich verarbeite dann 3 Wochen diesen Tag und zehre davon. Ich hätte lieber wenn Sie alle alleine kommen würden. Dann könnte ich mich auf sie konzentrieren und würde viel mehr mitbekommen. Meist lassen sie Pralinen da oder Blumen. Blumen sind schön, aber die Pralinen sind nichts für eine Diabetikerin. Da müssten sie eigentlich wissen und beim Kauf drauf achten, aber sie haben ja so viel um die Ohren und das verstehe ich ja auch.
Auf meinem Kalender stehen alle Geburtstage meiner Kinder und Enkel. Der Kalender steht in der Anbauwand neben der Keksdose und daneben ein Wald von Bilderrahmen. Zu Hochzeiten und Jubiläen lädt mich keiner mehr ein, aber manchmal bekomme ich Fotos und dann lass ich mir von einer Schwester einen Bilderrahmen kaufen gehen. Auf dem Fernseher liegen fertige Briefe chronologisch nach den Geburtstagen meiner Lieben. In jedem steckt ein 20-Euroschein und ich hoffe, sie werden sich darüber freuen. Ich mach die immer am Jahresanfang schon fertig, weil ich ein wenig Angst habe vergesslich zu werden und dann einen Geburtstag zu vergessen. Würde das passieren würde mich vielleicht keiner mehr besuchen.
Der Hein vom Ende des Flures bekommt sehr oft Besuch, aber auch nur, weil er so tut als hätte er noch ziemlich viel zu vererben. Dabei hat er gar nichts. Das kann ich leider nicht mehr machen. Ich habe alles was ich besaß unter meinen Kindern aufgeteilt. Das bereue ich auch gar nicht, aber Hein beneide ich, weil er mit seiner Lüge leben kann. Einmal pro Monat kommt eine ehrenamtliche Dame, die mit uns Gesellschaftsspiele spielt. Rommee, Dame und Mensch-ärgere-Dich-nicht.
Im Fernseher schau ich gerne Serien. Erst Nachmittags auf ZDF und ARD und dann auf RTL und so weiter. Da gibt es sehr viel Herzschmerz, Liebe, Gefühle und die Schauspieler sind schon richtig gute Freunde geworden, die mich jeden Tag besuchen. Natürlich ist mir bewusst, dass die nicht da sind, aber lieber simuliertes Leben über den Fernseher als gar keines. Ich hab heute noch so viel zu tun. Muss gleich einmal mein altes Fotoalbum anschauen um meine Erinnerungen zu erinnern. Ich denke, wenn ich oft genug an damals denke übt das mein Gedächtnis. Dann muss ich Mittag essen, es gibt wie jeden Mittwoch Nudeln mit Soße und danach werde ich mich hinlegen bis zu den Serien. Gut, dass ich so gut schlafen kann. Manche Alten schlafen nur noch wenig. Ich verkürze so den Weg zum Ende. Gott sei Dank.
 
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Gut beoachtet. Das sind genau die Worte, die man nicht selten von manch einer greisen Seniorin hört. Die Alten entschuldigen alles, weil sie einfach nicht mit der Feststellung leben wollen, nicht mehr geliebt zu werden. Eine sehr einfühlsam geschriebene Kurzgeschichte.

doska (22.02.2009)

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