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Im Gebüsch

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Zu jeder Stunde hält ein Bus. Dann steigen ein paar Leute aus und gehen an meinem Gebüsch vorbei. Ich erkenne sie alle an der Lautstärke ihrer Bewegungen und brauch gar nicht mehr aufschauen. Sie wissen nichts von mir und ich weiß nur, wann sie zur Arbeit gehen und wieder zurückkommen.
Vor einigen Jahren hat man mich in dieser Siedlung überall gesucht, aber in diesem Gebüsch hat man nicht nachgeschaut.
Schön wäre gewesen, wenn vermisst auch wirklich vermisst bedeutet hätte. Meine Eltern haben nach zwei Tagen, an denen ich nicht Daheim war, nur eine Vermisstenanzeige aufgegeben, weil sie es mussten. Ich habe meinen Vater aus dem Gebüsch heraus gesehen, als er zur Polizei ging. Er war wütend, aber nicht besorgt. Es müsste eigentlich Vermusstenanzeige bei mir heißen.
Es gab keinen einen Auslöser für mein Fortgehen, sondern viel zu viele. Ich kann keine einzige Begebenheit aufschreiben, weil es so viele grundlegende Sachen waren, die nicht richtig liefen. Das, was andere Kinder von ihren Eltern bekamen war mir fremd oder eine heiße Sehnsucht und die Alpträume anderer Jungen waren für mich Alltag. Das hört sich vielleicht kindlich übertrieben an, aber ich bin in diesem Gebüsch, wie die Früchte um mich herum gereift und hab viel über Mama und Papa sinniert.
Der Tag an dem ich fort ging war ein Novembertag. Die Bäume waren entblättert, es lagen vereinzelt Schneefetzen in den Rinnsteinen und die Autos hatten unten an der Karosserie alle einen Schmutzsaum. Mama hatte mich Einkaufen geschickt und meinte, für das Restgeld dürfe ich mir Pflaster kaufen. Seit vielen Jahren schlug mein Vater mich und mit einer dicken Pflasterschicht polsterte ich meinen Leib, bevor er nach Hause kam. Anders war es nicht auszuhalten und mein Vater hatte mir selbst den Tipp gegeben um sich im Enddefekt noch härter an mir auslassen zu können.
Es war ihm nämlich unangenehm wenn der Sportlehrer anrief und nach den vielen blauen Flecken fragte. Er hatte dann zwar immer die Ausrede, ich habe sicher unangenehme Mitschüler, die mir auflauern, aber in der Schule ahnte man und wartete nur noch aufs Wissen.
Ich kam nach dem Einkaufen nicht mehr nach Hause. Irgendwas setze in mir aus, als ich mich schon auf dem Weg pflasterte. Das wollte ich nicht mehr. Dann, so war ich mir auf einmal sicher, lieber alleine.
Zuerst lief ich ein paar Stunden durch die Stadt und suchte nach einem Abrisshaus, aber dann wollte ich doch wieder in mein Viertel zurück, fand diese Hecke, diese zusammenhängenden Büsche und wohne nun hier. Vielleicht konnte ich mich doch nicht ganz abnabeln. Vielleicht deshalb an diesem Gehweg an dem mein Vater jeden Tag entlang geht und auch meine Mutter. Vielleicht muss ich sehen, dass es ihnen gut geht.
Nachts verlasse ich das Gebüsch und erkunde den vorherigen Tag, lese die Zeitung und beobachte andere wache Familien in den hellen Fenstern. Manche Menschen kenne ich schon sehr gut.
Frau Freschka kann sehr schlecht schlafen und macht sich jedes Mal um 02:00 Uhr noch einmal einen Tee. In ihrer Mülltonne habe ich einmal gesehen, dass es Kamillentee ist. Am frühen Morgen geht sie an meinem Gebüsch vorbei. Ihren Mann, den Grabstein ihres Mannes besuchen. Sie geht immer mit ganz kleinen, aber flinken Schritten. So, als würde es um irgendeinen Preis gehen oder sie mit den ersten Sonnenstrahlen bei Ihrem Mann sein will.
Meine Ernährung ist nun viel gesünder als vorher. Ich esse Beeren, Pilze und Vogeleier aus den Nestern in dem Gestrüpp und manchmal sauge ich Erde. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber wenn ich meine nackten Füße in den Boden stecke, dann fühle ich, wie mir Energie in die Glieder dringt und mich von Innen nach Außen auffrischt. Das scheine ich mir unbewusst von den Büschen abgeschaut zu haben. Ich imitiere ihr Verhalten, weil ich mich so oft und lange schon mit Ihnen umgebe. Was Flüssigkeitszufuhr anbelangt vertraue ich auf den Himmel, auf die Wolken und meine fünf Margarineschachteln mit denen ich genügend Wasser für trockene Tage speichere.
Manchmal wittern mich Hunde und ziehen Ihre Herrchen oder Frauchen fast zu meiner Entdeckung, aber die Büsche sind gut mit Brennnesseln gesichert. Ich hab die Samen selbst in Halbmondform verteilt. Hinter mir ist eine Hausmauer.
Seitdem ich fort bin hab ich Papa und Mama noch nie zusammen hier entlang gehen sehen. Nicht, dass sie sich wegen mir verstritten haben. So, ich leg mich ein paar Stunden hin, die Vögel singen so schön.
 
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