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Krieg spielen

Nachdenkliches · Poetisches
Da sitzt er, der Bengel, mit glühenden Ohren,
total konzentriert, und spielt virtuell Krieg.
„game over“, so liest er. – Schon wieder verloren!
Vielleicht bringt die nächste Partie einen Sieg?

Er prüft noch einmal das Depot seiner Waffen.
Dann ballert er los: Nur noch Mord und Zerstörn!
Er will heute einmal es wenigstens schaffen.
Denn Krieg spielt er gern.


Der Opa tritt ein und beginnt gleich zu fluchen:
„Du spielst ja schon wieder den furchtbaren Mist!
Kannst du nicht ein friedliches Spiel mal versuchen,
wo nicht Mord und Totschlag nur angesagt ist?“

„Ach, Opa“, sagt darauf der Bengel ganz locker,
„nun guck dir mal an, wie mein Kampfwert schon stieg!
Ich bin nicht gern grausam, ich bin nur ein Zocker –
ich spiel doch nur Krieg."


„Ach, Krieg spielst du?“, fragt ihn der Opa bedächtig.
„Da kann ich dir helfen, ich weiß noch, wie's war.
Wir lebten in Trümmern und hungerten mächtig.
Und dröhnte ein Flugzeug, dann hieß das: Gefahr!

Und täglich, wenn Post kam, da ging es uns allen
sehr schlecht – auch wenn jeder die Ängste verschwieg.
Dann kam dieser Brief: Vater sei nun gefallen.
So war das im Krieg.


Wo bleiben denn in deinem Spiel Bäckereien,
die gar nichts mehr backen? – Sie haben kein Mehl.
Wo bleiben die Kinder, die weinen und schreien?
Wo bleibt denn der Evakuierungs-Befehl?

Und wo sind die Keller, die Bombenschutz gaben,
wo mit jeder Bombe das Risiko stieg?
Wenn's krachte, dann warst du lebendig begraben!
So ist das im Krieg.


Und so etwas spielst du gern? – Kein gutes Zeichen!
Na gut, dir geht’s nur um den Meisterschafts-Kick.
Du hoffst, einen neuen Rekord zu erreichen.
Da wünsch ich Dir für deinen Sieg recht viel Glück.

Im Krieg ist der kleine Mann niemals der Sieger.
Er gibt stets sein Leben hin – millionenfach.
Was soll's? – Nächstes Jahr bist du sicher schon klüger. –
Und jetzt spieln wir Schach!“


http://www.wolfgang-reuter.com, 16. 07. 2009
 
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Kommentare  

Gemessen daran, dass du für deine anderen Geschichten zwischen einhundert und zweihundert grüne Karten bekommst, bin ich erstaunt, dass es hier "nur" 67 geworden sind. Gerade hier, wo du sehr konkret und deutlich nachvollziehbar mit praktischen Beispielen "das Spiel entlarvst", hätte ich mehr Zustimmung durch noch mehr grüne Karten erwartet. Zwar lassen einige Kommentare erkennen, dass man sich inhaltlich etwas tiefer mit deinem Gedicht befasst hat, aber die "Masse der LeserInnen" tut sich offensichtlich mit grünen Karten schwer bei Texten die "schmerzen". Jedenfalls erlebe ich es hier bei Webstories öfters, dass "emotionale" Geschichten mehr Zustimmung bekommen, als Geschichten, die konkret den Finger auf eine realistische Wunde legen. (Aber vielleicht hängt das mit der Wechselwirkung von "Selbstschutz und Verdrängungsmechanismus" zusammen?).

Michael Kuss (31.01.2013)

Hat mir gut gefallen und regt die Gedanken entsprechend an.Gefahren birgt jedoch jedes Spiel, egal welches.

Kurz Lydia (14.12.2009)

wieder eine tolle gedichtegeschichte. solche gespräche müsste es öfter geben, und vielleicht den kompromiss mit dem alten kriegsspiel schach. ist auf alle fälle ungefährlicher.
gruß von


rosmarin (25.07.2009)

Herzlichen Dank für die freundlichen Kommentare!
Übrigens: Der Schluss schlägt eigentlich vor, statt der neuen Kriegsspiele ein altes zu spielen: Schach!


Wolfgang Reuter (25.07.2009)

Es muss furchtbar für den armen Opa sein, den Enkel bei fröhlichem " Geballere" zu erwischen. Aber ich glaube kriegerische Spiele hat die Jugend wohl schon seit Urzeiten furchtbar gerne gespielt. Dass es heute so ausufert, dass Jugendliche ihre Spiele in Realität umwandeln und auf ihre Mitmenschen mit richtigen Waffen zu schießen beginnen, hat meiner Ansicht nach nichts mit diesen PC Games zu tun. Es ist die Vernachlässigung der Jungend im Allgemeinen. Aber ich glaube darüber kann man sich streiten.
Um endlich auf dein Gedicht zu kommen. Wie immer bist du Perfektionist. Das Gedicht stimmt sowohl vom Versmaß als auch vom Takt. Es erzählt uns eine kleine Geschichte. Ich habe den Alten und seinen Enkel richtig vor mir gesehen. Süß ist, wie der Großvater seinem Enkel am Schluss verzeiht und darauf hofft, dass dieser eines Tages wohl noch zu Verstande kommen wird. Das alles hat mir sehr gefallen und ich habe mich gefreut, mal wieder etwas Neues von dir lesen zu können.


doska (23.07.2009)

Das hat er aber jetzt gut und vor allem treffend ausgedrückt, der Killing Joke.
Obwohl es ja nicht zum Lachen ist, musste ich dennoch grinsen beim Lesen, weil es aber auch so vorzüglich geschrieben ist, als reimende Geschichte, die sich deswegen vielleicht gerade so witzig liest, der Ernst aber durchaus bewusst wird und somit auch mal das (Gewalt)Problem anspricht, das heutzutage dadurch bei vielen ja auch immer mehr zur Aggressivität führen soll. Gefällt mir auch sehr gut.


Fan-Tasia (23.07.2009)

Es gefällt mir!

Die Formen des Krieg spielens. Schwieriges Thema. Einerseits spiele ich auch gerne Krieg am Computer, andererseits kann ich gut nachempfinden wie sehr ältere Menschen und jene die es schon miterleben mussten, von solcher Art des Spielens angewidert werden. Warum dürfte klar sein.

Wir jungen, die den großen Luxus einer friedlichen Gesellschaft erleben, darin aufgewachsen sind und den Krieg* nur als etwas abstraktes und verfremdetes aus der Zeitung kennen, verbinden damit (dem Spiel), wenn man es herunterbricht, ganz naiv und einseitig ein Abenteuer, einen Wettstreit und Aufregung.

Das resultiert, wie Du auch schön geschrieben hast, aus der zwar realtitätsnahen aber unreflektierten und verherrlichenden Form, in der virtuelle Kriegsspiele uns dargeboten werden - und daraus, dass in unserem Verständniss nur eine bedingte Verbindung zwischen dem Spiel mit den Polygonen und der Realtität besteht.

Nun ja. Die Realtität ist oft nur dann Freund des Menschen, wenn er sie braucht oder haben will.


Entschuldigung, den "Konflikt", nein, das ist auch zu offensiv ausgedrückt, ich meinte die "nötige Eskalation", äh... den "Stabilisierungseinsatz"...

Grün gedrückt.


Killing Joke (23.07.2009)

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