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18 Seiten

Vater und Sohn

Nachdenkliches · Kurzgeschichten · Fan-Fiction/Rollenspiele
Bragélonne, Juli 1652

Lustlos stocherte Raoul in seinem Essen herum. Am Tisch war es bedrückend still, sein Adoptivvater, der Comte de La Fére saß ihm gegenüber und löffelte schweigend seine Suppe. Seitdem er ihn zu Beginn der gemeinsamen Mahlzeit gefragt hatte, wer seine leiblichen Eltern seien, war der Comte in düsteres Schweigen verfallen, und so kannte er seinen Ziehvater gar nicht. Der Comte war ihm stets ein liebevoller, fürsorglicher Vater gewesen, doch nun war er in einem Alter, in dem er mehr über seine wahre Herkunft erfahren wollte. Doch bisher hatte er es nie gewagt, den Comte danach zu fragen, aus Angst, dadurch seine Gefühle zu verletzen. Raoul wusste, dass sein Ziehvater ihn so sehr liebte, wie er auch einen leiblichen Sohn lieben würde. Doch mit der Zeit war in ihm der Wunsch gewachsen, mehr über seine leiblichen Eltern zu erfahren. Oft fragte er sich, warum sie ihn im Stich gelassen hatten. Hatten sie ihn denn nicht gewollt? Warum hatten sie ihn in jener Klause abgegeben, in der der Comte ihn dann gesehen und mitgenommen hatte, weil der Anblick des hilflosen Säuglings ihn zutiefst berührt hatte? Was waren seine Eltern für Menschen? War seine Mutter womöglich eine Hure und sein Vater ein Dieb oder Mörder gewesen? Er liebte den Comte, wie man einen Vater nur lieben konnte, aber dennoch wollte er wissen, wo seine Wurzeln waren, wessen Fleisch und Blut er war.
Die einzigen Geraüsche, die die Stille durchbrachen, waren das Ticken der Standuhr und das Schnarchen von Briouse, dem alten Jagdhund des Comte, der neben dem Kamin lag. Warum wich der Comte seinem Blick aus? Er wusste irgendetwas über seine Eltern, da war Raoul sich sicher, doch warum sagte er ihm dann nicht, was er wusste? Hatte er womöglich Angst, ihn dann an seine wahren Eltern zu verlieren?
“Vater…bitte sagt mir, wer meine leiblichen Eltern sind”; bat er ihn erneut, “glaubt mir, es wird sich dadurch nichts ändern, für mich werdet immer Ihr mein wahrer Vater sein.”
Wenn dem Vater diese Angst genommen war, dann konnte er ihm doch sagen, was er über seine Herkunft wusste.
“Warum wollt Ihr das unbedingt wissen, Raoul? War ich Euch denn kein guter Vater?”; fragte der Comte, von seinem Suppenteller aufblickend, “habe ich Euch nicht geliebt wie einen leiblichen Sohn?”
Traurig blickte er seinen Ziehvater an, der ihm normalerweise keinen Wunsch abschlagen konnte und immer alles für ihn getan hatte.
“Ihr seid immer ein wunderbarer Vater gewesen, und ich liebe Euch”; erwiderte Raoul, “doch es macht mich traurig, nicht zu wissen, wo meine Wurzeln sind. Ich möchte ganz einfach wissen, wer meine Eltern waren. Solange ich es nicht weiss, stelle ich mir die schlimmsten Dinge vor, frage mich, ob ich womöglich der Sohn einer Hure und eines Mörders oder Diebes bin. Ich will es einfach nur wissen, das ist alles. Ich will meine Eltern kennenlernen, sie fragen, warum sie mich damals im Stich ließen. Ich werde erst Ruhe finden, wenn ich Gewissheit habe. Bitte, Vater, sagt mir endlich, wo diese Klause ist, in der Ihr mich damals gefunden habt.”

Der Comte legte den Suppenlöffel aus der Hand und blickte den Achtzehnjährigen nachdenklich an.
“Glaubt mir, mein Sohn, Eure Mutter war keine Hure, und Euer Vater kein Dieb oder Mörder, sondern ein Ehrenmann. Mehr braucht Ihr nicht zu wissen.”
Nein, damit wollte Raoul sich nicht zufriedengeben, er musste unbedingt mehr erfahren.
“Wenn mein Vater ein Ehrenmann war, wieso hat er mich dann weggeben? Warum wollten meine Eltern mich nicht?”
“Eure Eltern haben Euch sehr geliebt, Raoul, das müsst Ihr mir glauben. Glaubt mir, die Dinge sind gut so wie sie sind, und Ihr braucht nicht mehr zu wissen.”
Raoul liebte seinen Ziehvater über alles, doch in diesem Moment kochte er innerlich vor Wut. Warum enthielt der Comte ihm die Auskünfte über seine Herkunft vor? Gab es dafür einen besonderen Grund?
Ein schrecklicher Gedanke nahm in seinem Kopf Gestalt an.
“Oder habt Ihr mich möglicherweise entführt, weil Ihr keine eigenen Kinder haben konntet? Meine armen Eltern, dann suchen sie womöglich noch nach mir…”
“Nein, Ihr seid nicht entführt worden, Raoul”, versuchte der Comte ihn zu beschwichtigen, “ich habe Euch doch erzählt, wie das damals war. Draußen tobte ein Sturm, der mich dazu zwang, in einer abgelegenen Klause zu übernachten…und der Mönch, der dort lebte, kümmerte sich gerade um Euch, nachdem er Euch ein paar Wochen zuvor vor seiner Tür gefunden hatte. Ihr wart noch so klein und so schutzbedürftig, und der Mönch sagte, er müsse Euch in ein Waisenhaus geben, da er Euch nicht aufziehen könnte, und als ich dann in Eure Augen sah, und Ihr mich angelächelt habt, da war es für mich klar, dass ich Euch mitnehme und als meinen Sohn aufziehe. Glaubt mir, genau so ist es gewesen.”
Raoul blickte ihn finster an.
“Eben habt Ihr noch gesagt, meine Eltern hätten mich sehr geliebt. Woher wollt Ihr das denn wissen, wenn Ihr sie gar nicht kanntet?”
“Lasst uns ein anderes Mal darüber reden, Raoul. Nicht jetzt..bitte..”, sagte der Comte und deutete Grimaud mit einem Kopfnicken an, dass er den Tisch abräumen, und den nächsten Gang auftragen solle.
Normalerweise widersprach Raoul seinem Vater nicht, doch nun war er so wütend, weil er das Gefühl hatte, dass dieser ihm seine Vergangenheit, seine Herkunft vorenthielt.
“Nein, ich will jetzt darüber reden. Ich muss es wissen, Vater, sonst finde ich keine Ruhe mehr.”
“Raoul..es ist genug jetzt!”; fuhr der Comte, der sonst ihm gegenüber niemals laut wurde, ihn an.
Grimaud kam herein, und neben ihm ging ein kleines, blondes Mädchen von neun Jahren, die kleine Louise, die Tochter de de La Valiéres, einer befreundeten Adelsfamilie vom Nachbargut.
“Guten Tag, Comte”; grüßte sie höflich Raouls Ziehvater, “darf Euer Sohn mich auf meinem Ausritt an der Loire begleiten?”
Athos war es ganz und gar nicht recht, dass sein achtzehnjähriger Sohn so viel Zeit mit der neunjährigen Louise verbrachte, und sie bereits jetzt als seine zukünftige Ehefrau bezeichnete. Er war der Meinung, dass das nicht gutgehen konnte, dass man so früh noch nicht von einer späteren Ehe sprechen konnte. Louise war erst neun Jahre alt, und natürlich war ein Mädchen in diesem Alter stolz, wenn es sich mit einem schmucken, schneidigen Musketier wie Raoul zeigen konnte, aber womöglich war das nur eine kindliche Schwärmerei, und das Herz des blonden Mädchen mit den azurblauen Augen würde, wenn sie erst einmal erwachsen war, womöglich jemand anderem gehören. Und dann wäre Raoul nur umso unglücklicher.
“Nein, Comtesse Louise, mein Sohn und ich sind noch beim Essen, und das wird noch eine Weile dauern. Heute kann er Euch leider nicht begleiten. Reitet doch mit Charles de Giouli aus, er würde sich gewiss freuen.”
Charles de Giouli war der zehnjährige Sohn einer Adelsfamilie, deren Gut in der Nähe der de La Valíeres lag.
Bei der Erwähnung von Charles verzog die kleine Comtesse missmutig das Gesicht.
“Was soll ich mit Charles? Der ist doch noch ein Kind, und der ärgert mich immer und zieht mich an den Locken. Raoul mag ich lieber, er ist so erwachsen und behandelt mich, wie man eine Dame behandelt. Ich verschwende meine Zeit doch nicht mit Kindern.”
Die kleine Valiére tat für ihre neun Jahre immer so erwachsen, und Athos vermutete, dass Raoul für sie nur deswegen so reizvoll war, weil er so viele Jahre älter war als sie. Der Neunjährigen schmeichelte es wohl, dass so ein schmucker Kavalier mit ihr seine Zeit verbrachte. Aber in ein paar Jahren würde das vermutlich ganz anders aussehen.
Louise trug an diesem Tag ein blaues Seidenkleid mit einem dazu passenden blauen Hut mit rosa gefärbten Schwanenfedern daran. Ausserdem trug sie schon jetzt ein Mieder, wodurch ihre eigentlich schmale, noch kindliche Taille weiblicher wirken sollte. Für ihre erst neun Jahre war sie sehr frühreif und altklug. Während die meisten Mädchen in ihren Alter ihre Haare noch glatt trugen, ließ sie sich bereits wie die Erwachsenen Korkenzieherlöckchen mit dem Brenneisen drehen. Ausserdem schminkte sie sich bereits und trug Rouge auf, weil sie unbedingt älter als neun Jahre aussehen wollte.
“Gut, Comte, dann komme ich morgen wieder vorbei und reite mit Eurem Sohn aus”; sagte Louise, wobei sie sich bemühte, möglichst erwachsen zu klingen, und dann ging sie zu Raoul und küsste ihn sanft auf die Wange.
“Ich freue mich schon, Euch morgen zu sehen, mein Verlobter.”
Die beiden waren gar nicht verlobt, aber Louise gefiel es, vor ihren gleichaltrigen Freundinnen mit einem stattlichen, erwachsenen Verlobten prahlen zu können, und deswegen bezeichnete sie ihn immer als ihren Verlobten, woraus Raoul den Schluss zog, dass sie ihn liebte, und später einmal seine Frau werden wollte.
Athos gefiel diese Freundschaft nicht, und am liebsten hätte er sie seinem Sohn verboten, weil er ahnte, dass Louise ihm eines Tages das Herz brechen würde.
Dann führte Grimaud das Mädchen wieder hinaus.

Raouls Augen blitzten vor Zorn, sein Gesicht lief flammendrot an.
“Wie könnt Ihr es wagen, so über meinen Kopf hinweg zu entscheiden, Vater? Ich wäre gerne mit Louise ausgeritten, und sie hätte doch vorher noch mit uns essen können.”
“Raoul, ich will nur das Beste für Euch”; beteuerte Athos, “und Louise ist keinesfalls das Beste. Ihr seid achtzehen, sie ist gerade erst neun geworden..sie kann mit ihren neun Jahren noch gar nicht wissen, was es heisst, verliebt zu sein. Sie fühlt sich einfach nur geschmeichelt, dass ein erwachsener junger Mann ihr so viel Zeit widmet und so galant mit ihr umgeht. Ihr solltet Euch lieber mit gleichaltrigen Mädchen treffen, Raoul. Beim letzten Frühlingsball bei den d´Argensons haben die jungen Frauen Euch umschwärmt wie Motten das Licht. Glaubt mir, mein Junge, als Euer Vater will ich nur das Beste für Euch, und Louise ist nicht gut für Euch, sie wird Euch eines Tages das Herz brechen.”
“Ihr habt mir gar nichts zu sagen! Ihr seid ja nicht einmal mein richtiger Vater!”; brüllte Raoul und schlug mit der Faust auf den Tisch, dass die Suppe aus dem Teller schwappte und sich auf die strahlendweiße Tischdecke ergoss, “ich hasse Euch!”
Mit diesen Worten sprang er auf, kehrte Athos den Rücken zu und rannte durch den Salon die Treppe hinauf in sein Zimmer, die Tür knallte er so laut zu, dass man es bis nach unten hörte.
Diese Worte seines Sohnes trafen Athos hart, und er fragte sich, ob es nicht doch besser wäre, Raoul die Wahrheit zu sagen. Der Junge war jetzt achtzehn Jahre alt, und somit alt genug, um die Wahrheit zu erfahren. Doch genau davor hatte Athos Angst. Würde Raoul ihn nicht erst recht hassen, wenn er erfuhr, dass er sein leiblicher Sohn war, und er ihn achtzehn Jahre lang in dem Glauben gelassen hatte, er wäre sein Adoptivsohn? Würde Raoul überhaupt verstehen können, dass er das nur getan hatte, um ihn zu schützen? Kinder, die nicht ehelich geboren waren, wurden doch überall wie Geächtete behandelt, und genau das hatte er seinem Raoul ersparen wollen. Er fürchtete sich vor dem Gespräch mit Raoul.
Als Grimaud das Tablett mit dem Braten hereinbrachte, schüttelte er den Kopf.
“Bring es weg, ich habe keinen Hunger mehr. Wir werden den Braten heute Abend kalt essen.”
Als Grimaud hinausgegangen war, blieb er noch lange am Tisch sitzen und grübelte trübsinnig vor sich hin. Er wusste genau, dass er es seinem Sohn noch heute sagen musste, wenn er ihn nicht verlieren wollte, doch das fiel ihm so unendlich schwer, weil er Angst hatte, ihn durch dieses Geständnis erst recht zu verlieren. Um ein Uhr hatte Grimaud den Braten abgeräumt, und als die große Standuhr im Salon vier Uhr schlug, sass er noch immer am Tisch, den Kopf in den Händen vergraben und dachte nach.
Er musste jetzt seinen ganzen Mut zusammennehmen und Raoul die Wahrheit sagen, so schwer es ihm auch fallen mochte. Und so stand er auf und ging hinauf zum Zimmer seines Sohnes. Als der junge Mann auf sein Klopfen und Rufen nicht antwortete, öffnete er die Tür.
Das Fenster stand weit offen, ein zerrissenes, zu einem Seil zusammengeknotetes Bettlaken, der am Bettpfosten festgebunden war, hing aus dem Fenster und reichte fast bis zum Boden. Als er in Raouls Schrank schaute, stellte er fest, dass ein paar Kleidungsstücke fehlten, ausserdem war der Lederbeutel, den Raoul während seiner Musketierausbildung mit nach Paris genommen hatte, fort.
Auch ohne nachzuschauen, wusste Athos, dass Raouls Pferd Alzette nicht mehr im Stall stand. Der Junge hatte sich heimlich aus dem Haus geschlichen, und das konnte schon vor Stunden geschehen sein, denn er hatte lange im Salon gesessen und gegrübelt.
Der Junge war schon häufiger alleine von Bragélonne nach Paris gereist, und ausserdem mit d´Artagnan im Krieg gewesen, trotzdem machte Athos sich jedesmal große Sorgen, wenn sein Sohn alleine unterwegs war, und diesmal war seine Unruhe besonders groß, weil der Junge sich im Streit davongemacht hatte.
Ich hasse dich..du bist nicht mein Vater..diese Worte hallten schmerzhaft in seinem Gedächtnis wieder.
Wo wollte Raoul bloß hin? Zurück nach Paris, wieder zu den Musketieren? Oder womöglich gar in den Krieg nach Afrika? Oder sich auf die Suche nach seinen ihm unbekannten Eltern machen? Athos wollte seinen Jungen so schnell wie möglich finden, um ihm dann die Wahrheit zu sagen, er hoffte inständig, dass Raoul ihm das jahrelange Lügen verzeihen würde.
“Grimaud, sattle sofort Azincourt, ich breche in einer halben Stunde auf!”; befahl er seinem Diener, “und pack ein paar Vorräte ein, denn ich weiss nicht, wann ich zurück sein werde.”

Ohne ein bestimmtes Ziel zu haben, hatte Raoul sein Bündel gepackt, sich mit Hilfe seines Bettlakens aus dem Fenster abgeseilt und seine Stute Alzette aus dem Stall geholt, war dann einfach losgeritten. Einfach nur weg vom Gut des Adoptivvaters, ganz gleich wohin. Er war wütend und enttäuscht, konnte nicht fassen, dass der Vater ihm einfach so die Wahrheit vorenthielt. Verstand er denn nicht, wie wichtig das für ihn war?
Nein, vorerst wollte er ihn nicht mehr sehen, er war sich nicht einmal sicher, ob er überhaupt jemals nach Bragélonne zurückkehren wollte. Auch wenn er keinerlei Anhaltspunkte hatte, so wollte er sich doch auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern machen. Vielleicht wusste d´Artagnan, der beste Freund des Comte, ja etwas darüber. Und falls er so nicht weiterkam, würde er eben in ganz Frankreich hermreisen und alle Klausen absuchen, bis er den Mönch, der ihn damals gefunden hatte, aufgespürt hatte. Wenn sein Ziehvater ihm nicht helfen wollte, würde er es eben alleine tun.
In wildem Galopp preschte er an der Loire entlang, bis er bei Einbruch der Dämmerung schliesslich die Martinsstadt Tours erreichte. Hier waren die Straßen mit Pilgern, die alllesamt am Grab des Heiligen Martin von Tours beten wollten, überfüllt. Als Raoul in die Stadt hineinkam, geriet er mitten in eine gewaltige Menschenmenge, die die Straßen, die zur Kathedrale führten, verstopfte. Aus ganz Frankreich kamen die Menschen hierher, aber auch viele Bauern aus dem Umland pilgerten mit Kind und Kegel hierher. Eine Bauernfamilie hatte 12 Kinder, die laut lärmend herumtobten, auf ihrem großen Ochsenkarren, ein paar Meter weiter ritten zwei vornehm gekleidete Kaufmänner, vor Raoul ging eine Gruppe von Nonnen, die lateinische Gebete murmelten, ein Reliquienhändler drängelte sich durch die Menschenmassen, und pries lautstark seine Waren an.
“Der Segen vom Heiligen Martin mag kostbar sein, doch mindestens ebenso kostbar ist der Segen vom Heiligen Stultus, der, von den Römern wegen seines christlichen Glaubens verfolgt, in einer römischen Arena voller Löwen sein Leben lassen musste. Wer einen seiner Knochen besitzt, dem ist das Himmelreich gewiss, denn der Heilige Stultus ist der Schutzpatron aller Unschuldigen.”
Ein anderer Mann hatte seine höchstens dreijährige Tochter in ein schneeweißes Kleidchen gehüllt, und ließ sie nun vor den vor der Kathedrale wartenden Pilgern mit ihrem glockenhellen Stimmchen fromme Lieder singen, während er mit dem Klingelbeutel herumging, um für die kleine Sängerin zu sammeln, und weil das Mädchen so niedlich war, opferten tatsächlich etliche Pilger ein paar ihrer Münzen.
Es war ein einziges Gedrängel und Geschubse, und wer einmal in diese Menschentraube hineingeraten war, der fand so schnell nicht mehr heraus. Der unangenehme Geruch menschlicher Ausdünstungen stieg Raoul in die Nase, und vermischte sich mit dem Duft von Eierkuchen, Fleischpasteten und Schmalzgebackenem von den Marktständen vor der Kathedrale. Im Sommer, wenn die Pilger kamen, herrschte auch lange nach Einbruch der Dunkelheit noch reges Treiben in den Straßen von Tours, und die Kathedrale blieb bis in die Nacht hinein geöffnet.
Raoul fragte sich, wie er in dieser überfüllten Stadt eine Unterkunft für die Nacht finden sollte, denn bei dieser Schwemme von Pilgern waren bestimmt nicht nur die Pilgerherbergen sondern auch die Gasthäuser überfüllt. Geld hatte er genügend dabei, denn er hatte einen Teil seine Ersparnisse, gut hundert Pistolen, mit auf die Reise genommen. Aber was nützte ihm das Geld, wenn die Gasthäuser überfüllt waren?
Überall in den Reihen der Pilger waren Gebete und Gesänge zu hören, und es ging nur langsam voran.
Nach einer Weile gelang es Raoul endlich, sich einen Weg aus der Pilgerschlange zu bahnen, und er saß ab und führte seine Stute Alzette über den Marktplatz vor der Kathedrale. Er beschloss, sich erst einmal etwas zu essen zu kaufen, und sich dann auf die Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht zu machen. Es war Sommer, da konnte er notfalls auch draußen schlafen. Er war mit d´Artagnan im Krieg gewesen, und da hatte er im Feldlager auch oft im Freien nächtigen müssen.

Er wollte sich gerade eine Fleischpastete kaufen, als ihm eine vornehm gekleidete Frau auffiel, die mit ihrer Zofe, die einen gut gefüllten Korb unter dem Arm trug, über den sich nun allmählich leerenden Marktplatz schritt. Die beiden kamen genau in seine Richtung. Die Zofe, trotz ihrer etwa fünfundvierzig Jahre noch eine schöne Frau, legte gerade ein paar Seifen, die die Frau gekauft hatte, in den Korb zu den anderen Sachen, unter dem anderen Arm trug die Zofe einen leuchtend gelben Seidenstoff. Die vornehme Dame, die ein grünes Brokatkleid und einen grünen Hut mit Pfauenfedern trug, kam Raoul irgendwie vage bekannt vor, doch es wollte ihm nicht so recht einfallen, wo er die Frau schon einmal gesehen hatte. Hocherhobenen Hauptes schritt sie, mit ihrer Zofe im Schlepptau, über den Platz, und als sie ihn entdeckte, kam sie genau auf ihn zu, und winkte ihm kurz.
Wer mag das bloß sein?, fragte er sich, ich kenne diese Frau nicht.
“Ich bin erfreut Euch hier zu treffen, Vicomte de Bragélonne” meinte sie und reichte ihm ihre zierliche, in einen Handschuh aus feinem Leder gehüllte rechte Hand, “was führt Euch denn nach Tours? Wie geht es Eurem Vater?”
Raoul fühlte sich etwas unbehaglich, denn ihm wollte immer noch nicht einfallen, wer sie war. Die Frau war etwa Mitte Fünfzig, und in ihren dunklen, zu Korkenzieherlocken gedrehten Haaren, die unter dem Hut hervorlugten, zeigten sich bereits die ersten grauen Strähnen. Ihre sanften, grünen Augen ruhten auf ihm, und ihm fiel auf, dass ihre Augen strahlten, sie sich zu freuen schien, ihn zu sehen. Sie kannte ihn offenbar, doch wieso kannte er sie nicht?
Sein fragender, irritiert wirkender Blick schien Bände zu sprechen.
“Erinnert Ihr Euch nicht mehr an mich?”; fragte sie ihn freundlich, “vor drei Jahren wart Ihr mit eurem Vater bei mir. Ich bin die Comtesse de Chevreuse.”
Nun erinnerte er sich wieder daran. Der Vater hatte ihm damals die Comtesse vorgestellt, und sie hatten sich eine Weile miteinander unterhalten. Er hatte dieser kurzen Begegnung keine besondere Bedeutung beigemessen, und diese Frau, irgendeine Bekannte seines Adoptivvaters, schnell wieder vergessen.
“Ja, nun erinnere ich mich wieder, Comtesse. Ich war mit meinem Vater bei Euch zu Besuch, als wir vor drei Jahren in Paris waren. Damals begann gerade meine Zeit als Anwärter bei den Musketieren.”
“Ihr werdet gewiss ein guter Musketier werden, genau wie Euer Vater”; erwiderte die Comtesse de Chevreuse lächelnd, “er ist bestimmt sehr stolz auf Euch.”
“Das kann schon sein”; meinte er und seine Miene verfinsterte sich, “mir ist das egal, ob er stolz ist oder nicht, er ist ja nicht einmal mein richtiger Vater.”
“Er hat Euch also noch immer nicht gesagt, wer Eure Eltern sind?”, erkundigte sich die Comtesse, und nun wirkte sie sichtlich nervös, ihre Hände zitterten, und ihr Blick wich dem seinen aus.
Raoul fragte sich, ob die Comtesse womöglich wusste, wer seine leiblichen Eltern waren. Sie war eine alte Bekannte seines Adoptivvaters, und womöglich hatte er ihr einst erzählt, woher er dieses Findelkind hatte und wo seine Eltern jetzt waren.
Traurig blickte Raoul die ihm völlig fremde Comtesse de Chevreuse an.
“Nein, wenn ich das Thema anspreche, reagiert er abweisend und sagt, er sei doch mein Vater, und ich solle mir über meine Herkunft keine Gedanken machen. Aber ich will es wissen, es macht mich ganz fertig, nicht zu wissen, wer meine leiblichen Eltern sind. Ich verstehe nicht, warum er so ein Geheimnis daraus macht, denn ich habe ihm gesagt, dass es für mich nichts ändern, dass er trotzdem immer mein wahrer Vater bleiben wird.”
Die Comtesse nahm seine Hand und drückte sie sanft.
“Ich glaube, es wird Zeit, dass Ihr die Wahrheit erfahrt, Vicomte. Mein Haus ist nur wenige Meter entfernt am Ende des Marktplatzes, habt Ihr Lust mich zu begleiten? Kitty wird uns heißen Kakao und Kekse bringen, und dann erzähle ich Euch alles.”
Als Raoul das hörte, begann sein Herz heftig zu pochen. Konnte es wirklich sein, dass er schon jetzt, am ersten Tag seiner Suche nach seinen leiblichen Eltern, die Wahrheit erfahren sollte? Das hätte er niemals zu hoffen gewagt. Seit seinem dreizehnten Lebensjahr schon quälte ihn die Frage, von wem er abstammte, warum seine leiblichen Eltern ihn nicht selbst aufgezogen hatten. Und nun sollte er es endlich erfahren…
“Ich danke Euch, Comtesse, ich begleite Euch sehr gerne”; erwiderte er lächelnd, “ich glaube, wenn ich die Wahrheit weiss, werde ich auch nicht mehr so wütend auf meinen Vater sein, und zwischen uns kommt wieder alles in Ordnung.”

Und so führte die Comtesse de Chevreuse ihn zu ihrem Haus, das direkt am Markplatz neben dem Gasthaus “Zum goldenen Löwen” lag.
Wenig später saßen sie im Salon der Chevreuse bei Keksen und heißem Kakao auf einer mit rotem Samt bezogenen Couch am wärmenden Kamin. Nervös drehte Raoul die heiße Tasse, aus der es verführerisch nach Schokolade und Zimt duftete, in den Händen hin und her.
“Wisst Ihr, Raoul, Ihr seht ihrem Vater sehr ähnlich”; begann die Comtesse das Gespräch, und er war so aufgeregt, dass ihm gar nicht auffiel, dass sie ihn mit einem Mal bei seinem Vornamen nannte.
“Kanntet Ihr meinen Vater?”; fragte er und blickte sie erwartungsvoll an, “sagt, lebt er noch? Was ist er für ein Mensch? Wollte er mich nicht? Wer war meine Mutter?”
“Ja, Euer Vater lebt noch, und ich kannte ihn sehr gut…”, meinte die Comtesse, “ich will Euch nun eine Geschichte erzählen, die sich vor neunzehn Jahren im Herbst in einer kleinen Klause zutrug…ich bitte Euch, lehnt Euch zurück und hört mir gut zu.”
Raoul nickte und trank einen großen Schluck Kakao, dann lehnte er sich in ein weiches Seidenkissen zurück. Nervös wippte er mit den Füßen hin und her, er war einfach zu aufgeregt um stillzusitzen, hörte der Comtesse aber geduldig zu, als sie zu erzählen begann.
“Ich war eine der besten Freundinnen von Königin Anne, doch genau das gefiel unserem König nicht, er misstraute mir, weil ich seiner Frau Freundschaft und Achtung entgegenbrachte und ihr immer half, wenn sie in Not war, sogar ihre Treffen mit ihren unzähligen Liebhabern deckte. Und so wuchs und wuchs sein Groll gegen mich, und er verstieß mich, ich musste also ins Exil gehen und Paris verlassen. Auf dem Weg nach Tours wurde ich Anfang September des Jahres 1633 von einem Sturm überrascht, und musste in einer kleinen Klause übernachten. In dieser Klause lebte nur ein Priester, der jedoch in eben jener Nacht ans Bett eines Sterbenden in einem der umliegenden Dörfer gerufen wurde, um dem Mann die letzte Ölung zu geben, und so überließ der Priester mir für diese Nacht sein Bett in der Klause. Er ließ mir heiße Milch, Brot und Speck da, und nach dem Essen zog ich mich für die Nacht um, und legte mich in das große Bett des Priesters, blies die Kerze aus. Mitten in der Nacht wurde ich wach, als sich ein Mann zu mir in das Bett legte, ich konnte seinen warmen Körper nahe bei meinem spüren. Die Kerze war schon aus, und so konnte ich im Dunkeln sein Gesicht nicht erkennen….und ich glaubte, der Priester sei früher zurückgekommen. Wisst Ihr, ich war damals kein Kind von Traurigkeit, und die Nähe des warmen, weichen, nach Vetiver duftenden Männerkörpers erregte mich so sehr, dass ich näher an ihn heranrückte und, obwohl ich seine Abwehr bemerkte, seinen Körper mit meinen Küssen zu liebkosen begann. Zunächst versteifte der Mann sich, doch schnell wich seine Abwehr einer stürmischen Erregung, und wir liebten uns in dieser Nacht mehrmals…er schien wie ausgehungert nach körperlicher Liebe zu sein..wahrhaftig, er war einer der besten Liebhaber, die ich jemals hatte, er liebte mich mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und stürmischer Leidenschaft, die einfach unbeschreiblich schön war..ich erklärte mir das so, dass er das als Priester im Zölibat jahrelang entbehren musste. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schlief der Priester noch, und ich setzte meine Reise fort bevor er aufwachte. Einen Monat später blieb meine Regel aus, und ich stellte fest dass ich schwanger war. Ich war sehr verzweifelt, denn in den nächsten Monaten verschlimmerte sich meine Lage und der König erweiterte meine Verbannung aus Paris um ganz Frankreich, und man drohte mir, mich verhaften und einkerkern zu lassen, wenn ich das Land nicht umgehend verließe. Und so kehrte ich Tours den Rücken, und brachte in einem Gasthaus in Blois mein Kind zur Welt. Vor mir lag eine gefahrvolle einsame Reise ins Exil durch mehrere europäische Länder, und ich wusste genau, dass ein Neugeborener diese Reise nicht überleben würde. Und so machte ich mich auf den Weg zu der kleinen Klause, und gab dem Priester den Säugling, bat ihn, gut für das Kind zu sorgen. Ich hatte vor, das Kind später dort abzuholen, denn ich glaubte damals noch, dass der König mich bald begnadigen würde, und ich zurückkehren könnte. Doch es dauerte fast zehn Jahre, bis ich nach Frankreich zurückkehren konnte, erst als der König starb. Während meines Exils im Ausland habe ich ständig an dieses Kind, diesen kleinen Jungen gedacht, es gab keinen Tag, an dem ich mich nicht gefragt habe, wie es ihm ergeht. Doch als ich zu der Klause kam, da war das Kind nicht mehr dort…und als ich den Priester fragte…”
“Ihr? Ihr seid meine Mutter?”; unterbrach Raoul sie abrupt, “ich bin Euer Sohn und der des Priesters?”
Für ihn war es ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich seiner Mutter gegenüberzusitzen. Sicher, er hatte sich danach gesehnt, seine wahren Eltern kennenzulernen, doch diese Frau war ihm noch so fremd, er konnte sie nicht als seine Mutter betrachten. Er grollte ihr nicht, denn er verstand schon, dass sie keine andere Wahl gehabt hatte, doch warum hatte dieser Priester ihn weggegeben, wenn er doch sein Sohn war?
“Warum hat der Priester mich denn nicht behalten? Wie kann jemand nur den eigenen Sohn so herzlos weggeben?”; fragte er sie, “ich verstehe, dass ihr mich nicht mitnehmen konntet, weil mein Leben sonst in große Gefahr geraten wäre, ich die Reise wohl nicht überlebt hätte, aber er, er hätte als mein Vater für mich sorgen, mich aufziehen müssen…”
“Bitte, hört die Geschichte zu Ende an, Raoul”; meinte die Comtesse, “der Priester ist nicht Euer Vater. In jener Nacht, als der Priester zu dem Sterbenden unterwegs war, traf er auf der Landstraße einen anderen Reisenden, der völlig durchnässt war, und ihn fragte, ob es in der Nähe eine Unterkunft gäbe. Da bot der Priester ihm einen Schlafplatz in seiner Klause an und beschrieb ihm dem Weg dorthin, bevor er seinen Weg zum Lager des Sterbenden fortsetzte, und so kam es, dass dieser Mann und ich in jener Nacht das Lager teilten. Dieser Mann hatte eine sehr unglückliche Liebe erlebt, und glaubte nicht mehr an die Liebe, ich habe ihm in dieser Nacht gezeigt, wie schön es sein kann, wieder bei einer Frau zu liegen. Der Zufall wollte es, dass eben dieser Mann genau ein Jahr nach jener Nacht durch einen Sturm wieder zum Einkehren in jener Klause gezwungen war, und dort auf den Priester traf, der gerade dabei war, einen drei Monate alten Säugling mit Ziegenmilch zu füttern. Als dem Priester die Ähnlichkeit des Säuglings mit dem Mann auffiel, legte er ihm den Jungen in die Arme, und dann lächelte der Kleine ihn an, und der Comte hat mir später erzählt, dass er tief berührt war, als er sah, dass Ihr die Augen seines Vaters hattet, und so nahm er Euch mit, und gab Euch den Namen seines Vaters, Raoul. Lange Jahre wusste ich nicht, bei wem Ihr wart, Raoul, da der Priester nicht den Namen des Comte wusste, ich erfuhr erst von Euch, als Euer Vater vor drei Jahren mit Euch zu mir kam. Erst da wurde mir klar, dass Ihr der Sohn des Comte de La Fére, eines guten Freundes von Aramis, einem meiner früheren Liebhaber seid. Und ich war froh, dass Ihr, wo ich schon nicht für Euch sorgen konnte, Ihr wenigstens so einen guten Vater hattet. Wir wollten Euch die Wahrheit nicht sagen, um Euch zu schonen, aber das war wohl doch ein Fehler. Ihr habt ein Recht darauf, zu wissen, wer Eure Eltern sind.”

Raoul erschrak darüber so sehr, dass ihm die Tasse mit dem mittlerweile erkalteten Kakao aus den Händen fiel. Der Comte sollte sein richtiger Vater sein? Wie war denn das nur möglich? Es erschien ihm unfassbar, dass sein Adoptivvater sein leiblicher Vater war, und es scheinbar nicht für notwendig gehalten hatte, ihm das zu sagen. Hatte er sich etwa seinetwegen geschämt? Oder warum hatte er ihn nicht als seinen leiblichen Sohn anerkannt?
“Euer Sofa…tut mir leid”; murmelte er verlegen, und blickte betreten zu Boden.
Das war eine so merkwürdige Situation, er wusste nicht so recht, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte. Wie verhielt man sich gegenüber einer Mutter, die man gar nicht kannte, und die einem gerade ausführlich erzählt hatte, wo und wie man gezeugt worden war?
“Das macht doch nichts, Raoul, das kann doch jedem einmal passieren. Kitty wird das nachher saubermachen”; erwiderte sie freundlich und legte einen Arm um seine Schultern, “es tut mir leid, dass ich nicht bei Euch sein, nicht für Euch sorgen konnte, ich hätte Euch wirklich gerne selbst großgezogen.”
“Ich bin nicht böse auf Euch, ich verstehe das”, erwiderte er, noch immer den Blick gesenkt, “ich hätte als Säugling die lange, beschwerliche Reise ins Ausland nicht überleben können. Und Ihr wolltet mich ja dann später, als Ihr endlich wieder nach Frankreich einreisen konntet, abholen. Nein, im Moment bin ich vor allem auf Vater wütend. Warum hat er mich als seinen Adoptivsohn ausgegeben? Hat er sich etwa meinetwegen geschämt? Verdammt, er hat mich jahrelang in der Ungewissheit gelassen, er muss doch gesehen haben, wie sehr ich darunter litt, nicht zu wissen, wer meine Eltern sind.”
“Nein, das ist nicht wahr, Raoul”; begann die Chevreuse und blickte ihm fest in die Augen, “Euer Vater hat sich Euretwegen nicht geschämt, er liebt Euch über alles, Ihr seid das wichtigste in seinem Leben, das hat er mir, als wir uns vor drei Jahren begegneten, gesagt. Er hat Euch als seinen Adoptivsohn ausgegeben, weil er Euch schützen wollte. Uneheliche Kinder werden in unserer Gesellschaft meistens geächtet und wie Aussätzige behandelt, und genau das wollte er Euch ersparen. Er wollte nicht, dass Ihr später als Bastard beschimpft und mit Hohn und Spott überschüttet werdet. Nur deswegen behauptete er, er hätte Euch adoptiert. Und später hatte er nicht den Mut Euch die Wahrheit zu sagen, aus Angst, dass Ihr seine Beweggründe nicht verstehen, und ihn womöglich hassen würdet.”
Vor Raouls innerem Auge tauchten mit einem Mal wieder Bilder aus seiner Kindheit auf, Bilder aus einer glücklichen Zeit. Wie der Vater ihm Gutenachtgeschichten vorlas, wie er ihm sein erstes Pony kaufte und ihm das Fechten und Reiten beibrachte, wie er mit ihm im Herbst in den Wald Pilze sammeln, wie er im Sommer mit ihm im Teich schwimmen ging, wie er ihn tröstete, wenn er sich das Knie aufgeschlagen hatte.
Lange Zeit hatte er sich gefragt, was für Menschen seine leiblichen Eltern wohl waren, und sich alle möglichen schrecklichen Szenarien ausgemalt. Es erfüllte ihn mit Stolz und es machte ihn sehr froh, dass der Comte de La Fére nicht nur sein Adoptivvater, sondern sein leiblicher Vater war. Und er erinnerte sich genau daran, wie ein paar Kinder der Leibeigenen in einem der Dörfer, die zu Bragélonne gehörten, einen Jungen, der unehelich geboren war und mit seiner Mutter alleine in einer Hütte am Waldrand lebte, von allen ihren Spielen ausschlossen, und ihn bei jeder Gelegenheit verhöhnten und beschimpften. Einmal hatten sie ihn sogar so heftig verprügelt, dass er tagelang nicht sehen konnte, weil seine Augen blau geschwollen waren, und der Comte de La Fére hatte dafür gesorgt, dass die Kinder, die das getan hatten, hart bestraft wurden. Ihm war klar, dass es auch ihm in seinen Kreisen nicht besser ergangen wäre, wenn jeder wüsste, dass er der uneheliche Sohn des Comte war. Er wäre zwar gewiss nicht verprügelt, aber doch wie ein Außenseiter behandelt und bei jeder Gelegenheit verhöhnt worden. Und Louise hätte ihn bestimmt auch verspottet, anstatt sich mit ihm zu verloben. Nein, der Vater hatte es nicht böse gemeint, er hatte ihn nur schützen wollen, und deswegen konnte er auch nicht länger böse auf ihn sein.
“Ich verstehe, warum er das tun musste, Comtesse, er wollte mich wirklich nur schützen. Ich grolle ihm nicht, und ich bin froh, dass er mein Vater ist. Wisst Ihr, ich habe mir immer gewünscht, dass mein leiblicher Vater genauso wäre wie er, und dass er es nun wirklich ist, das macht mich sehr glücklich.”
“Ich bin froh, dass Ihr ihm vergebt, denn ich weiss, dass es ihm das Herz gebrochen hätte, wenn ihr Ihn deswegen hasst. Ich bin wirklich froh, dass er Euer Vater ist, und ich bin stolz, einen so wunderbaren Sohn wie Euch zu haben. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr ja ein paar Tage hier bei mir wohnen. Nächste Woche kommt mich mein Sohn Charles, Euer älterer Bruder besuchen, und Ihr werdet irgendwann auch Eure drei Schwestern kennenlernen. Ich würde mich freuen, wenn wir beide uns näher kennenlernen konnten, da war ja so viele Jahre getrennt waren.”
“Ich komme Euch gerne für ein paar Tage besuchen”, erwiderte Raoul, “aber morgen früh muss ich erst einmal nach Bragélonne zurück und mich mit Vater versöhnen. Ich bin mir sicher, dass wir jetzt, da ich die Wahrheit kenne, einen ganz neuen Anfang machen können. Aber ich komme gerne übermorgen für ein paar Tage zu Euch, denn ich würde Euch auch gerne besser kennenlernen, ich habe mir immer schon gewünscht, eine Mutter zu haben.”
Der Chevreuse liefen Tränen der Rührung über die gepuderten Wangen, als sie ihren Sohn umarmte. Sie war froh, dass er nun endlich wusste, dass sie seine Mutter war. Sicher, die vielen verlorenen Jahre würden sie niemals nachholen können, sie würde niemals so ein gutes Verhältnis zu ihm haben können wie der Comte, doch sie freute sich darauf, ihn besser kennenzulernen, und zu sehen, ob es zwischen ihnen Gemeinsamkeiten gab.
In dieser Nacht waren sie beide zu aufgeregt um zu schlafen, bis zum Sonnenaufgang saßen sie am Kamin und unterhielten sich, und Raoul merkte, dass er, obwohl er seine Mutter kaum kannte, eine starke Verbindung zu ihr fühlte, er war sicher, dass sie sich gut verstehen würden. Nach einem gemeinsamen Frühstück verabschiedete er sich dann, um zurück nach Bragélonne zu reiten, und versprach ihr erneut, am nächsten Tag wieder zu ihr zu kommen. Aber jetzt wollte er schnell aus der Stadt, bevor der große Pilgerstrom erneut begann.
Und er hatte Glück, er schaffte es aus der Stadt hinaus, bevor erneut die Menschenmassen aus den Gasthäusern und Pilgerherbergen in Richtung Kathedrale strömten.

Als er in Bragélonne ankam, stand die Sonne bereits hoch am Himmel, es musste bereits Mittag sein. Vor den Stallungen traf er auf Grimaud.
Als der Diener ihn sah, lief er ihm sofort entgegen.
“Wie gut, dass Ihr zurück seid, Raoul, Euer Vater ist ganz außer sich vor Sorge. Er war bis in die frühen Morgenstunden fort, um nach Euch zu suchen, und hat seit gestern Mittag noch keinen Bissen gegessen. Er ist schon ganz blass und steht kurz vor einer Ohnmacht. Glaubt mir, Raoul, er liebt Euch wirklich, auch wenn Er Euch nicht sagen kann, wer Eure Eltern sind.”
“Er ist mein Vater, mein leiblicher Vater. Mich wundert es, dass ich nie von selbst darauf gekommen bin.”
Dann liess er den verblüfften Grimaud einfach stehen und rannte ins Haus, wo der Comte im Salon immer wieder auf und ab schritt, er schien keine Ruhe zu finden. Sein Gesicht war völlig bleich, unter den Augen hatte er dunkle Ringe. Er trug noch immer die Kleidung vom Vortag und sein Haar war ungekämmt. Als er Raoul sah, glitt ein Lächeln über sein blasses Gesicht, und er stürmte auf den Jungen zu, schloss ihn in die Arme.
“Wie schön, dass Ihr wieder hier seid, Raoul. Ich hatte mir ja solche Sorgen um Euch gemacht. Es tut mir leid, dass ich Euch nicht gleich die Wahrheit gesagt habe. Ich werde es Euch jetzt erzählen, selbst wenn Ihr mich dann hassen werdet…aber Ihr habt ein Recht auf die Wahrheit.”
Raoul fand es erschreckend, zu sehen, wie blass und verstört sein Vater aussah, und er schwor sich, ihm nie wieder solche Sorgen zu bereiten.
“Ich hätte nicht einfach so weglaufen dürfen, das tut mir wirklich leid, ich war einfach so wütend und habe nicht nachgedacht. Ihr braucht mir nichts mehr zu erklären, ich weiss jetzt, dass Ihr mein leiblicher Vater seid, ich habe in Tours meine Mutter getroffen.”
“Ach Roul, das tut mir alles so leid…glaubt mir, ich tat es nur um Euch zu schützen, es ist mir nicht leichtgefallen, Euch als Adoptivsohn auszugeben.”
“Ich verstehe Eure Beweggründe, Vater. Ich bin so froh, dass Ihr mein Vater seid, Ihr ahnt ja nicht, wie sehr ich mir in all den Jahren gewünscht habe, Ihr könntet mein richtiger Vater sein. Ich bin stolz darauf, Euer Sohn zu sein, und ich bin froh, jetzt auch endlich eine Mutter zu haben. Ihr habt doch nichts dagegen, wenn ich sie ab und zu für ein paar Tage in Tours besuche?”
“Nein, natürlich nicht”, erwiderte der Comte lächelnd, “wenn Ihr wollt, können wir sie ja auch einmal zum Essen hierher einladen. Ich und die Comtesse, wir sind immer noch gute Freunde.”
“Danke, Vater”; meinte Raoul und umarmte den Comte liebevoll, “ich liebe Euch..was ich gestern sagte, dass ich Euch hasse, das war nicht so gemeint..”
“Das weiss ich doch, mein Junge”; erwiderte Athos, “denn ich habe, als ich ein junger Mann war, das Gleiche zu meinem Vater gesagt, und auch ich meinte es nicht so. Ich heiratete damals eine junge Frau, ich habe Euch ja schon von Mylady de Winter erzählt, und mein Vater hat mich vor ihr gewarnt, doch ich wollte nicht auf ihn hören, warf ihm an den Kopf, dass ich ihn hasse, und noch am selben Tag starb er bei einem Jagdunfall, und ich konnte meine schlimmen Worte nicht mehr zurücknehmen, das lässt mich bis heute nicht los, ich habe ihm damit sehr weh getan.”
“Er hat gewiss gewusst, dass Ihr es nicht so meint und ihn sehr liebhabt. Ihr habt diese Worte, genau wie ich gestern, völlig unbedacht ausgesprochen. Er liebte Euch und wird Euch diese unbedachten Worte verziehen haben.”
“Ich bin ja so froh, dass Ihr jetzt die Wahrheit kennt, Raoul, nun muss ich endlich nicht mehr lügen, und wir können wirklich Vater und Sohn sein.”
“Aber Vater, das sind wir doch schon immer gewesen”; erwiderte Raoul lächelnd.
 
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Kommentare  

Gut nachgefühlt , wie es damals in solchen Fällen gewesen sein könnte. Schöne Unterhaltung für solche verregneten Tage, wie wir sie gerade haben.

Dieter Halle (15.12.2011)

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