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4 Seiten

Mortal Sin 2006- The Weight Of Darkness

Romane/Serien · Spannendes
© JoHo24
Wir sind es so gewohnt uns vor anderen zu verstellen, dass wir uns am Ende vor uns selbst verstellen.
- François de la Rochefoucauld


Stumpfsinnig starrte sie in den Fernseher, dessen Bilder vor ihren Augen wie verzerrte, farbenfrohe Blitze aufleuchteten. Das Popcorn, auf dem sie bereits minutenlang herumkaute, war nur noch eine breiige, geschmacklose Pampe, die sich in ihrer Mundhöhle widerlich anfühlte. Qualvoll würgte sie sie herunter und spülte mit einem Glas Chardonnay nach. Schon viel besser!
Das Gebrabbel des Fernsehmoderators war das Einzige, was zu hören war und ihr brutal ihre Einsamkeit vor Augen führte. Es war eine seelenzerfressende und entsetzliche Einsamkeit, die langsam, aber deutlich spürbar, ihr Sein vernichtete.
Emilia Sophia McDermott fühlte sich elend, denn sie hatte alles verloren: ihre Familie, den Mann, den sie geliebt hatte und nun stand ihre Menschlichkeit davor denselben Weg zu gehen.
Ihr innerer Schmerz, der sie bereits all die Jahre begleitete, überwältigte sie widerstandslos. Die Mauer, die stets zwischen den beiden Emilias gestanden hatte, in die sie gespalten war, hatte nicht nur immense Risse bekommen, nein, sie war eingestürzt und würde sich nie wieder errichten lassen. Also stand die Blondine verzweifelt und ratlos vor den Trümmern ihrer Identität und war auf der Suche nach sich selbst. Aber wollte sie eigentlich wissen, wer sie wirklich war? Wollte sie herausfinden, was für Abgründe sich noch in ihr verbargen? Würde sie ohne jegliches Privatleben; ohne die Liebe und Unterstützung ihrer Familie überhaupt in der Lage sein ein Mensch zu bleiben oder würde sie in den mächtigen Sog aus Grausamkeit, Gewalt und Blut hineingeraten, ohne Aussicht auf Rettung?
Emilias Körper begann mit einem Mal vor Angst heftig zu beben. Sie fürchtete sich vor ihrer unsicheren Zukunft, die sich wie ein schwarzes Loch vor ihr auftat, das sie zu verschlingen drohte. Schutzsuchend drückte sie sich in das Rückenpolster ihrer Couch, als könne sie sich tatsächlich vor ihrem eigenen Leben verstecken. Was für ein Feigling sie war!
Tränen der Scham und Enttäuschung schossen ihr in die Augen und rannen Sekunden später ihre Wangen hinab. Sie war nervlich völlig am Ende. Um sich zu beruhigen und auf andere Gedanken zu kommen, knabberte sie automatisch an ihren Fingernägeln; so heftig und unaufhörlich, bis Blut floss. Emilia musste sich unter der heftigen Gegenwehr ihres inneren Schweinehundes dazu zwingen aufzuhören, bevor sie sich die Nägel noch völlig abkaute.
Verdammt, verdammt, verdammt, warum hatte sie sich nicht einmal unter Kontrolle? Wutschäumend schnappte sie sich das nächstgelegene Sofakissen und schmiss es durchs Wohnzimmer.
Ihre Emotionen überkamen sie wie eine gewaltige Welle, womit sie nicht umgehen konnte. Nicht heute. Nicht jetzt. Dem ersten Kissen folgten zwei weitere, die sie hysterisch und wild geworden zu Boden pfefferte. Emilias plötzlicher Ausbruch war das unumgängliche Ergebnis ihres wochenlangen Kampfes gegen den Selbsthass und dem Verdrängen ihrer momentanen, ausweglosen Situation. Jetzt trat alles unaufhaltsam an die Oberfläche, was vorher in ihr gebrodelt hatte.
Doch die Killerin konnte und wollte dies nicht weiter zulassen. Daher nahm sie sich die noch zu Dreivierteln gefüllte Weißweinflasche, setzte sie an ihre Lippen und begann diese mit großen, gierigen Schlucken zu leeren. Lieber ertränkte sie ihren Kummer und betäubte sich mit einer Menge Alkohol, anstatt sich der schrecklichen Realität zu stellen. Schließlich dröhnten sich ihre Kollegen ebenfalls zu, um ihre Leben besser ertragen zu können. Warum sollte sie dann nicht auch zu solchen Mitteln greifen?
Zwar konsumierte sie keine harten Drogen,- von denen ließ sie besser die Finger-, aber der Wein erfüllte für sie ebenso seinen Zweck. Das beklommene Gefühl wurde schnell und effektiv zur Seite gedrängt und schuf somit Platz für eine befreiende Sorglosigkeit, die ihr Flügel verlieh. Eben hatte der ganze Ballast sie noch niedergedrückt, jetzt war er wie weggeblasen.
Benebelt vom Alkohol lehnte sie sich zurück und starrte mit trübem Blick an die Decke. Für kurze Zeit fühlte sie sich schwerelos und glücklich, doch lange hielt dies nicht an.
Der Chardonnay in ihrem Magen regte in ihr starke Übelkeit und Schwindel. Vor ihren Augen verschwamm alles und wurde undeutlich, als sei plötzlich dichter Nebel in ihrem Wohnzimmer aufgezogen.
Die Blondine musste husten und würgen. Panisch schlug sie die rechte Hand vor den Mund, damit sie sich nicht übergab. Verfluchte Scheiße! Sie verfluchte auf Übelste ihre Idee Wein einzusetzen, um ihr Leid zu beenden. Jetzt ging es ihr nicht nur seelisch miserabel, sondern auch körperlich. Das habe ich ja gut hingekriegt. Anstatt mich aus dem tiefen, schmutzigen Sumpf der Verzweiflung zu befreien, sitze ich betrunken und fast kotzend auf der Couch und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich mache mir nur etwas vor, wenn ich glaube, dass irgendwelche Drogen meiner Lage Abhilfe schaffen. Ich muss etwas anderes finden, was mir hilft, denn so will ich nicht weitermachen. Für mich gibt es kein Licht mehr, bloß bedrohliche Schatten, die mich verschlingen. Das kann ich nicht länger ertragen! Ich will einfach nicht mehr…
Emilia kam in diesem Moment voller Elend und Schmerz ein Gedanke, der wie gerufen kam. Er war die Lösung ihres Problems; der Ausweg aus ihrem monatelangen Leid, den sie sofort in Angriff nahm. Hastig zog sie die Hand von ihrem Mund und erhob sich. Die Einrichtung drehte sich vor ihren Augen, was die Übelkeit verschlimmerte und sie ganz verrückt machte. Daher nahm sie sich einige Augenblicke, bevor sie sich die ersten Schritte vorwagte und das kleine Wohnzimmer verließ. Fokussiert auf ihr Vorhaben stieg die junge Frau mit weichen Knien die Treppe zum ersten Stock hinauf.
Dabei versuchte sie ihr schnell pochendes Herz zur Ruhe zu bringen, mit nur wenig Erfolg. Es wusste, was sie vorhatte und pumpte Blut, angefüllt mit Adrenalin, rasendschnell durch ihren Körper. Emilia war hibbelig und aufgekratzt. Kalter Schweiß benetzte ihre Haut, was es ihr erschwerte den Knauf ihrer Schlafzimmertür zu drehen. Es brauchte drei Versuche, ehe sie die Tür öffnen und das dunkle Zimmer betreten konnte. Sie sparte es sich das Licht anzuschalten, denn sie kannte den Weg genau. Zielsicher steuerte sie ihre Nachtkommode an, zog die Schublade auf und nahm ihre Waffe heraus.
So oft hatte sie sie in den Händen gehalten, schließlich war sie ihr Handwerkszeug, aber die Empfindung, die sie gerade durchströmte, was anders, als sonst. Heute ging es nicht um eine Zielperson, nein, heute ging es um sie. Sie hatte die Entscheidung getroffen sich umzubringen und von dieser Welt zu verschwinden.
Denn wenn sie abdrückte, dann wäre alles vorbei. Es würde aufhören so weh zu tun. Sie wäre frei von der tonnenschweren Last des Tötens und der Qual der Einsamkeit. Oh ja, ihre Waffe sah für sie immer freundlicher aus. Aber würde sie überhaupt jemand vermissen, wenn sie nicht mehr da war? Was würden ihre Eltern und Lilly über ihren Selbstmord denken? Fragen über Fragen überschütteten sie, aber keine einzige konnte sie beantworten. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht. Was brachte es über Dinge zu sinnieren, die in wenigen Minuten keine Bedeutung mehr haben würden? Die blonde Killerin presste die Lippen fest aufeinander, senkte die Lider und hob den Arm.
Trotz ihres Entschlusses zitterte ihre rechte Hand unkontrolliert, als sie den Lauf gewaltsam gegen ihre Schläfe presste. Das harte Metall an ihrem Schädel war eines der grausamsten Gefühle, das sie jemals erlebt hatte. Trotzdem setzte sie sie nicht ab; sie hielt durch. Ihr Zeigefinger lag auf dem Abzug und war bereit ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie nahm einen tiefen Atemzug. Dann noch einen. Und noch einen.
Unterbewusst schindete sie Zeit, damit sich ihr Selbsterhaltungstrieb endlich einschalten konnte. Irgendetwas in ihr klammerte sich ans Leben und hielt sie davon ab sich eine Kugel durchs Hirn zu jagen. Erneut quollen heiße Tränen aus ihren Augenwinkeln und benetzten ihre Haut.
Leben oder Tod? Leben oder Tod? Leben oder…
Emilia Sophia McDermott schrie aus Leibeskräften, bis ihr die Luft ausging und ihr die Stimme unter kläglichem Gekrächze versagte. Schweiß und Tränen bedeckten ihr Gesicht und hafteten an ihrem dünnen, cremefarbenen Pullover. Erschöpft und völlig kraftlos ging sie in die Knie, wobei ihr die Waffe aus der Hand glitt und mit einem dumpfen Knall auf dem Holzboden aufkam.
Es war der Klang des Lebens. Es war ein Weckruf, dessen Echo kraftvoll und eindringlich in ihr nachhallte und sie daran erinnerte, wie knapp sie davor gestanden hatte, ins Reich der Toten hinabzusinken; in eine entsetzliche, zerstörerische Dunkelheit, auf die sie in keinster Weise vorbereitet war. Die Killerin spürte die aufsteigende Angst, die jeden Zentimeter ihres Körpers infizierte, wie ein Virus. Ihr wurde bewusst, dass sie einem Dasein entgangen war, welches qualvoller war, als ihre Existenz als Auftragskillerin.
Ihre Hilflosigkeit hatte sie beinahe zu dieser Verzweiflungstat getrieben, an die sie nie auch nur einen Gedanken verschwendet hatte. Aber es war einfach zu viel passiert, das sie aus der Bahn geworfen hatte, sodass sie sich gezwungen gesehen hatte, undenkbare Wege zu beschreiten. Und obwohl sie es nicht hatte über sich bringen können, wusste sie nicht, ob sie irgendwann erneut von dem Drang der Selbsttötung übermannt werden würde und sie dann nicht die Notbremse zog. Schluchzend vergrub die Blondine die Hände in ihrem Gesicht und versuchte sich zu sammeln, während ein eisiger Schauder sie durchlief und ihr eine Gänsehaut bescherte.
Großer Gott, wie sollte es bloß mit ihr weitergehen?
 
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