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9 Seiten

Phantomschmerz

Spannendes · Kurzgeschichten
Meine Lederschuhe klackern im neonlichterleuchteten Treppenhaus, Sonntagnacht um halb eins. Es ist kühl. Nicht nur wegen der sterilen Atmosphäre: Weiß gestrichene Wände, weißgekachelte Fußböden und Treppenstufen, nirgends eine Pflanze, das ist von der Hausverwaltung verboten. Kurz schimpfe ich mit mir selber, keine Strickjacke übergezogen zu haben. Denn es ist schon Ende September.

Der auf meinen Unterarmen liegende große Pappkarton riecht muffig, es kommt eher vom Inhalt als von der Außenhaut. Stolz überkommt mich, es endlich geschafft zu haben. Wie ich das fühle, beschleunige ich. Noch immer grassiert in einem versteckten Winkel meines Gehirns die Angst, ich könnte einen Rückzieher machen. Deshalb beeile ich mich, es hinter mich zu bringen.
Wie ist es zu diesem kühnen Entschluss gekommen?

Nun, es ist die Konsequenz aus einem Workshop, den ich dieses Wochenende gemacht habe. Wobei, Workshop ist das falsche Wort, ich kann ruhig ehrlich sein, es war eine zwei Tage dauernde Gruppentherapie. Ich habe mich zu ihr hinreißen lassen, weil meine Einzelstunden mich nicht schnell genug weiter bringen. Nun ist es schon das dritte Wochenende gewesen. Alle vier bis fünf Wochen treffen wir uns. Acht Stunden am Samstag, sechs am nächsten Tag. Das ist hart, interessant und sehr aufschlussreich. Unsere Psychotherapeutin bietet einen Mix aus Gestalttherapie und Psychodrama an. Sie ist wahnsinnig stark, erfahren und trifft oft den Punkt. Unterstützt wird sie von zwei Assistenten, die ebenfalls einige Erfahrung haben.

Heute habe ich endlich den Mut gefasst, selber ein Thema darzustellen: Mein Thema. Den Grund, weshalb ich mich überhaupt in Therapie begeben habe.
Und jetzt steige ich mit dem Müll meiner Erinnerung die Treppe hinab. Gibt es einen besseren Ausdruck von Erfolg?
Im Moment fühle ich mich zufrieden, bin ich der festen Meinung, das Richtige zu tun. Unterbewusst ahne ich, diese Festigkeit ist nicht mehr als ein Pudding, den ich mit dem Nagel an die Wand hämmern will. Deshalb die Eile.

Kalter Wind weht mir ins Gesicht, als ich an den Garagen entlang zum Müllcontainer gehe. Die Bäume rauschen über mir. Ein Blick zum Himmel: Wolkenverhangen. Es würde noch regnen. Umso besser. Bei Regen würde ich sicherlich nicht noch einmal nach draußen gehen, um den weggeworfenen Karton wieder aus dem Müll zu klauben.
An der Tonne angekommen, schmeiße ich ihn schnell hinein und schlage laut den Deckel zu. Abrupt wende ich mich um und haste zurück, als wäre ich ein kleiner Junge, der Äpfel gestohlen hätte und der Bauer würde mit seiner Mistforke hinter mir her stürmen.
Wieder oben in meinem Wohnzimmer, gieße ich mir ein Diebels ein sowie einen Lauterbacher Toppen. Dieser maigrüne und ungesüßte Kräuterschnaps aus dem Erzgebirge hat es mir angetan. Ich nehme gerne abends einen Doppelten, wenn ich mich belohnen möchte.

Nachdem ich euch schon richtig in meine Geschichte hineingezogen habe, möchte ich mich kurz vorstellen. Ich heiße Andreas Bohnenkamp, bin fünfunddreißig Jahre alt, ein Meter und achtzig groß und trage eine große Pilotenbrille, die meine graue Augenfarbe durchscheinen lässt. Mein Haar hat sich schon ab meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr entschieden, sich zurückzuziehen. So ziert mein Haupt jetzt dunkelbraunes Resthaar an den Seiten und dem Hinterkopf sowie eine Handvoll langer Strähnen, die ich fein säuberlich von links nach rechts über meinen arg breiten Scheitel drapiere.

Mein Wohnsitz ist die Königsberger Allee in Duisburg-Duissern. Die Vier-Zimmer-Bude bevölkere ich alleine. Seit zehn Jahren, seitdem Christiane mich verlassen hat. Meine erste und bis dahin letzte Partnerschaft. Fünf Jahre Gemeinsamkeit wurden damals mit einem Schlag zunichte gemacht. Ein Schmerz, über den ich bis heute Nachmittag nicht wirklich hinweg gekommen bin. Doch jetzt ist endlich Schluss mit den alten Geschichten.
Ich drehe das Schnapsglas mit dem grünen Inhalt vor meinem Gesicht, halte es mir unter die Nase, sauge den Geruch nach Kräutern ein und nehme einen ganz kleinen Schluck, den ich lange auf meiner Zunge zergehen lasse.
Ja, heute habe ich die Schrammen meiner Seele poliert, damit mir morgen im Spiegel kein Toter entgegen lächelt. Ich habe aus den Fotoalben die Bilder von Christiane gelöscht, habe aus den Ordnern ihre Liebesbriefe entfernt, die drei Hemden von den Bügeln genommen, die sie mir einst schenkte, ihr abstraktes Ölgemälde von der Wand entfernt, die grünen, handgefertigten Becher zerdeppert, die wir gemeinsam nach einem Töpfereibesuch kauften und so weiter und so fort.
Als alles vorhin im Karton lag, kam es mir vor, als hätte ich endlich die abgerissenen Knöpfe wieder an meine Hemden angebracht und die Halter der Geschirrhandtücher angenäht. Alle Zweifel waren in den Karton gesperrt, in meinen Schränken machte sich wieder Hoffnung breit, mein Herz sah ich als einen Läufer über die Teppichstange gelegt, der kräftig ausgeklopft wurde. Meine Brille war geputzt, kein Fleck war mehr an den Fliesen und Türen, kein Staubkorn lag auf Fensterbänken und Tischen. Endlich war ich frei.

Wie ich dieses rekapituliere, fällt mein Blick auf ein Papierfoto auf der Türschwelle zum Wohnzimmer. Oh nein, schon von ferne erkenne ich es. Christiane und ich auf der Fähre von Wangerooge zum Festland. Ihr blondes, brustlanges Lockenhaar weht im Wind, es gibt der schlanken Frau etwas Engelhaftes, dazu die hohen Wangenknochen und die mittels Kontaktlinsen azurblau gefärbten Augen. Wahrhaft eine sehr schöne Frau, der die vielen Sommersprossen etwas Jugendliches gaben. Christiane Nietfeld aus Kleve, fünfunddreißig Jahre – nur zwei Monate älter als ich – höchstens zehn Zentimeter kleiner . . . ja, wir passten eigentlich ganz gut zusammen. Eigentlich.

Ich wedele mit meiner Hand, als wolle ich lästige Mücken vertreiben, die um meinen Kopf herum schwirren. Dieses aus meinem Müllkarton herausgefallene Foto ist wie ein Kratzer, den eine Katze auf meinem Unterarm hinterlassen hat. Schwerfällig schlurfe ich zu dem Fossil hin, hebe es ehrfurchtsvoll auf, schaue es an. Augenblicklich überfällt mich Wehmut. Als wäre ich am Strand eingeschlafen und eine riesige Anakonda schliche aus dem Gebüsch, um mich zu verschlingen.
„Schade, dass ich es nicht mehr bin, der um dich kämpfen kann, Christiane.“ Erschrocken über mein eigenes Flüstern lasse ich das Bild fallen. Als hätte ich eine Zwetschge aufgebissen, die voller Maden ist.
„Sei froh, Kerl, dass du dich nicht mehr mit ihr raufen musst“, brülle ich mich laut an, um mein Gleichgewicht zurück zu bekommen. „Schließlich hast du ihr heute den Rest gegeben.“
Ja, das habe ich.

Meine Güte, ich drehte förmlich durch. Bei dem Rollenspiel, wo Bärbel die Rolle der Christiane anzunehmen hatte. Sie machte es gut. Wir spielten Christiane und meinen letzten Streit noch einmal durch. Nur anfangs musste unsere Therapeutin Frau Dr. Nadine Geide noch hinter Bärbel treten, ihr eine Hand auf die Schulter legen und ein paar Worte ins Gedächtnis rufen, die ich zuvor der Rolle der Christiane zugewiesen hatte. Doch dann entwickelte sich die Psychodramasitzung wie von selber. Bärbel machte mich rasend vor Wut, all mein Schmerz brach wieder durch. Ich sah plötzlich das rote Halstuch mit den weißen Punkten, das Frau Dr. Geide einer Büste umgebunden hatte, die auf einer Säule neben der Eingangstür stand.

In diesem Moment klickte etwas in mir aus. Das Fliegenpilztuch rief schmerzhafte Erinnerungen in mich wach. Um die Phantomschmerzen abzustellen sah ich nur eine Möglichkeit, ich musste Bärbel-Christiane erwürgen. Doch bevor ich an die Gurgel meiner Mitlernenden gehen konnte, schnellte die Therapeutin mit einer Krisenintervention dazwischen und warf mir ein altes Telefonbuch vor die Füße. Diese dicken, gelben, die es früher in jedem Haushalt gab.
„Das Buch ist jetzt Christiane. Andreas, lass deine Wut fortan an dieser Christiane aus. Sie hat dich so sehr verletzt . . .“. Geschickt lenkte die Frau Doktor meine Wut auf den Papierbatzen. Wie aus dem Off sprach sie einen verletzenden oder anklagenden Satz nach dem anderen, bis ich das ganze Buch zerfetzt hatte und in Tränen auf dem Teppich kauerte. Zwischen den tausend schutzlosen, herausgerissenen Seiten.
Nach dem Rollenspiel wurde ich behutsam in die Realität zurückgeführt, in einer Feedbackrunde sprach man mir Anteilnahme aus, ich spürte, wie meine Scham sich verflüchtigte. Dieses beschämende Gefühl, weil ich mich gehen ließ. Bis hin zum Mord. Wenn auch spielerisch, so zeigte ich dennoch mein wahres Ich und heulte am Ende wie ein Schlosshund.

Mit einem unglaublichen Gefühl der Befreiung fuhr ich von der Therapiesitzung heim, räumte hier auf und werde jetzt unerwartet von den alten Schmerzen und Konflikten wieder überrollt. Wegen eines kleinen Fotos. In dem Moment weiß ich, ich bin noch nicht wirklich geheilt.

Am nächsten Morgen, es ist ein Montag, bin ich wie gerädert. Lange habe ich nicht einschlafen können. Wirklich gelandet fühle ich mich nicht. Um meine psychische Labilität zu überwinden, benötige ich ein Krisengespräch bei Frau Doktor Geide. Vorausschauend lasse ich mir ihren Neunzehn-Uhr-Termin geben, die letzte Einheit, in der sie einen Klienten empfängt. Bei der Arbeit bin ich den ganzen Tag nicht wirklich bei der Sache.

Nach der Arbeit kaufe ich mir einen neuen Anzug, Hemd und Schuhe. Ebenfalls ein paar dünne Kunststoffhandschuhe. In einer versteckten Ecke im Immanuel-Kant-Park ziehe ich mich um. Aufnahmen öffentlicher Kameras kann ich mir nicht leisten. Erst bringe ich meine alten Klamotten in ein Schließfach am Hauptbahnhof Duisburg, dann gehe ich zu meiner Therapiestunde. Umstände macht mir das nicht, die Praxis und Wohnung von Frau Doktor liegen in der Nähe, in der „Hohe Straße“.
Die achtundvierzigjährige Frau heißt mich im Vorzimmer kurz warten, bis sie ihre vorherige Sitzung beendet hat. Gedankenverloren schaue ich ihrem schlanken Körper hinterher. Ihr brustlanges Lockenhaar fällt ihr über die Schultern. Wie Christiane hat auch Frau Geide hohe Wangenknochen. Jedoch zieren ihre Nase keine Sommersprossen. Zusätzlich ist sie Nichtraucherin. Dafür aber ebenso ein Maulwurf wie meine Ex und ich. Nur dass meine Therapeutin eine kleine Brille trägt.
„Andreas, willst du es denn nicht verstehen? Nie wieder sollst du mir unter die Augen treten. Mein Lebtag will ich nichts mehr mit dir zu tun haben“, spiegelt Frau Geide meine ihr vorher in den Mund gelegten Worte. Allerdings würzt sie diese aufgrund ihrer großen Erfahrung mit viel Emotionalität. Ich verstehe, es ist der Beginn ihrer Schocktherapie. Sie will mich wach rütteln, herausholen aus dem Sumpf, in dem ich so gerne versinken möchte.

Schnell schreitet sie hinter mich, legt eine Hand auf meine Schulter und fragt mich, ob Christiane das so gesagt haben könnte. Ich nicke betreten.
Die Therapeutin stellt die Büste an der Stelle, wo sie vorher gekniet hat, schreitet wieder hinter mich, legt abermals ganz kurz ihre Hand auf meine Schulter und sagt leise „Christiane, was bist du . . .“
Es ist die Aufforderung an mich, meinen Kummer von der Seele zu sprechen. „Für ein abscheulicher Mensch. Nach fünf Jahren mich einfach mit deinem neuen Arbeitskollegen auszutauschen. Alle deine Liebesschwüre gelten plötzlich nicht mehr. Warum machst du das mit mir?“

Wir tauschen die Rollen. Ich nehme den Platz der Büste ein und bin Christiane. Nadine Geide wird zu Andreas Bohnenkamp. Sie wiederholt meine Worte und fragt mich, Christiane, wie sich das anfühlt.
„Ungerecht“, antworte Ich-Christiane, „schließlich bin ich nicht dein Besitz, Andreas. Nichts ist für die Ewigkeit. Du am Allerwenigsten.“
Wieder tauschen wir die Rollen und Plätze. Vorher aber ziehe ich mir in einem unbeobachteten Moment die transparenten Handschuhe über und nehme der Büste das rote Halstuch mit den weißen Punkten ab. Zärtlich streiche ich es glatt, während Frau Doktor den Satz mit der Ewigkeit wiederholt. Und den danach. Meine neue Handbekleidung sieht so echt aus, dass selbst diese irrsinnig aufmerksame Frau sie nicht erkennt.
Nichts ist für die Ewigkeit. Du am Allerwenigsten.

Die Kränkung geht tief in mein Herz, als die Therapeutin diese Worte wiederholt. Ich tigere durch die Wohnung, drehe zwischen meinen ausgestreckten Händen das Tuch, dass es sich mehrfach überschlägt und letztendlich einen Schal bildet. Fast werde fast ich irre von dem Phantomschmerz, der sich in mir ausbreitet. Er fühlt sich so real an wie damals, vor zehn Jahren, als Christiane mich verließ.
„Ich bin nicht gut für die Ewigkeit?“, brülle ich, hechte auf die kniende Frau-Doktor-Christiane zu, schlinge ihr das Tuch um den Hals und ziehe fest zu. Die Überrümpelte strengt sich vergeblich an, tiefe Atemzüge durchführen zu können. Oh, wie entzückend sie dabei aussieht. Noch funkeln ihre Augen vor Angst, greifen ihre Hände das Tuch, um es zu lockern. Doch meine Kraft ist zu groß.
Fast erscheint es mir wie Magie. Plötzlich legen sich Christianes Gesichtszüge über das der Psychotherapeutin. Die beiden werden wirklich eins. Ein Grund mehr, meine Tat sauber zu Ende bringen zu müssen, sporne ich mich an. Gleichzeitig merke ich, wie eine Lust in mir aufsteigt. Ein Allmachtgefühl lässt mich euphorisch werden.

In diesem Moment ändert die Überfallene ihre Verteidigungsstrategie. Sie schlägt mit ihren Fäusten gegen meine Brust, versucht mit ihren Krallen in mein Gesicht zu kommen. Nur mit viel Geschick gelingt es mir, ihr Vorhaben zu vereiteln, meine DNA unter ihren Fingernägeln zu horten.
Den Kopf weit zurückgezogen, fasziniere ich mich an der Blaufärbung der schönen Lippen von Frau Doktor. Sogar ihr ganzes Gesicht bekommt einen himmlischen Blauschimmer. Wie süß!
Ich ziehe fester zu. Bestimmt würge ich meine Christiane schon eineinhalb Minuten, immer noch ist Widerstand da. Das peitscht mich an, treibt mich in meinem Jagdfieber voran. Anderseits werde ich ängstlich. Kann sie womöglich ihren Tod überleben?
Unvermutet weiten sich in genau diesem Moment ihre Pupillen. Parallel dazu versteift sich ihr ganzer Körper. Die blonde Frau röchelt, streckt ihr Rückgrat durch, bäumt sich auf, schiebt ihre Zunge nach außen. Frau Geide sieht wahrhaft niedlich aus, wie ihre Zungenspitze in ihrem Mundwinkel hängt. Ob ich diese küssen soll?

Auf keinem Fall. Die Forensiker würden Freudensprünge machen. Aus Wut, dass ich nicht in dieser Art von der hübschen Therapeutin naschen kann, ziehe ich fester zu. Frau Geide verliert das Bewusstsein, ich nicht die Geduld. Fürderhin kappe ich ihr die Luftzufuhr ab.
Der ohnmächtige Körper beginnt zu zucken, da sich seine Muskeln abwechselnd verkrampfen und entspannen. Die Sekunden kommen mir wie Jahrhunderte vor, bis die Schnappatmung einsetzt. Die letzte, unterbewusste Regung vor dem Tod.
Eine weitere Minute halte ich das Tuch festgezurrt. Erst danach habe ich den Mut, meine Fingerkuppen an ihren schönen Hals anzulegen. Ich spüre keinen Puls. Endlich ist Ruhe.
Eine große Genugtuung überflutet mich. Ab jetzt habe ich mich über Christiane erhoben. Nie wieder wird sie mich in meinen Träumen heimsuchen, bin ich mir sicher. Nach so vielen Jahren habe ich mich letztendlich heroisch von ihr befreit. Das ist also das Gefühl der Katharsis, sage ich mir mit einem Schmunzeln.


Als wäre ich Atlas, der die Erde nicht mehr auf seinen Schultern zu tragen hat, stehe ich auf. Mit dem Gefühl eines Siegers blicke ich auf Christiane-Doktor-Geide herab. Sie sieht so friedlich aus.
Genau diese Unbekümmertheit legt in mir einen Orkan frei. Aus dem Trieb nach Töten erwächst das Verlangen nach sexueller Betätigung. Und Frau Doktors schlanker Körper lässt nun mal Männerherzen schneller schlagen.

Mit einer feierlichen Stimmung gehe ich in die Küche und räume sorgfältig den Tisch ab. Anschließen hole ich mein Bündel, lege es rücklings auf die Tischplatte, dass die Beine ab dem Knie nach unten baumeln, und ziehe der sich mir Hingebenden Hose und Slip bis zu den Knöcheln herunter. Es bietet sich mir ein anmutiges Bild. So wehrlos, so bereit, so verletzlich.
Lange koste ich mit meinen Augen. Die weißen Oberschenkel, das dunkelblonde Schamhaar, der schlanke Bauch – kein Künstler hätte es sinnlicher malen können.

Als ich auf sie zugehe, ziehe ich meine Handschuhe hoch. Zuerst streichele ich die schönen Oberschenkel, dann spüre ich intensiv dem Gefühl ihres Schamhaars unter meiner Hand nach, bevor ich dieselbe unter dem Pullover nach oben schiebe. Meine beschützende Hand auf ihre kleine Brust gelegt, schwelge ich in erotische Fantasien ab. Es kostet mir meine letzte Kraft, mich nicht von meinen Hosen zu entledigen. Selbst ein Kondom wäre kein Schutz vor Härchen oder Hautpartikel. Diese Spuren darf ich am Tatort nicht hinterlassen, deshalb schlafe ich jetzt nur in meinem Traum mit der Therapeutin. Hier auf dem Küchentisch gibt sie sich mir leidenschaftlich hin. Bis sie meinen göttlichen Samen empfängt.
Diese Wunschvorstellungen befriedigen mich nicht. Ganz im Gegenteil, das Verzichten auf das Ausleben meines Verlangens schürt einen kleinen Zorn. Kurzentschlossen hebe ich mit einer Hand den Kopf der Ermordeten an. Das Kinn auf ihr Brustbein gestellt kann sie zusehen, wie ich zwei behandschuhte Finger in ihre noch warme Scheide einführe. Einfühlsam malträtiere ich ihr weiches Fleisch. Um mich anzuspornen, rede ich mir ein, wie Frau Doktor mich anfeuert. Bis sie kreischend explodiert. Diese Egoistenschlampe. Denn meine Wenigkeit ist noch Lichtjahre von einem Orgasmus entfernt.

So ein ungehorsames Verhalten muss bestraft werden. Flugs drehe ich den Körper auf den Bauch. Beide Hände an ihr Becken gesetzt ziehe ich ihren Leib, bis ihr schnuckeliges Gesäß an der Tischkante zum Liegen kommt. Dieser Anblick ist hinreißend. Das weiße Fleisch, mir dargeboten. Die nackten Oberschenkel nach unten aufgestellt. Empfangsbereit für die Züchtigung.
Aus dem Flurschrank hole ich den Staubwedel. Im ersten Moment will ich den flauschigen Kopf abbrechen. Das würde bei der Polizei hingegen nur Fragen aufwerfen. Deshalb setze ich meine Hand gleich hinter dem poppig bunten Kunsthaarschopf an den dünnen Stiel an. Er zischt wunderbar in der Luft, bevor er auf die zierlichen Halbkugeln der ungezogenen Frau trifft.
Wie man eine Abtrünnige erzieht, habe ich in all meinen Jahren nicht verlernt. Ich komme arg ins Schwitzen beim Ausleben meiner schlagwütigen Lust. Frau Geides Oberschenkel und ihr süßer Popo werden noch Tage später davon ein Lied zu singen wissen.

Um die Tortur echter wirken zu lassen, übernehme ich die Rolle der Geschlagenen. Sprachlich gesehen. Laut jammere und wimmere ich, winsele ich um Gnade. Bis ich meine, der Dame genügend Respekt beigebracht zu haben.
Achtsam kleide ich sie wieder an, trage sie zurück auf den Teppich im Wohnzimmer, lege ihr das rote Halstuch mit den weißen Punkten um.
Den Küchentisch herzurichten ist ein Leichtes gemessen am Entfernen möglicher Spuren. Penibel wische ich alles, mit dem ich in Berührung gekommen bin, mit einem feuchten Geschirrhandtuch ab.

Als ich bei ihrem Schreibtisch angelangt bin, kontrolliere ich den Terminplan. Ich könnte der Toten fast um den Hals fallen, weil sie mich nicht eingetragen hat. So muss ich nichts löschen, laufe nicht Gefahr, Forensiker der IT könnten die Spuren finden.
Nachdem ich mit dem Cleaning fertig bin, verlasse ich unauffällig die Wohnung. Auf der anderen Seite des Bahnhofs, im Goerdelerpark, ziehe ich mich um. Meine neue Kleidung entsorge ich eine Stunde später in einem gut gefüllten Müllcontainer in Mülheim. Morgen Mittag schon wird er in einer Verbrennungsanlage liegen, freue ich mich.
*
Mein Handy weckt mich. Ich lasse es bimmeln, strecke mich erst einmal. Lange habe ich nicht so gut geschlafen.
Mit dem Smartphone in der Hand gehe ich ins Wohnzimmer. Als ich es auf den Tisch ablege, ist es schon wieder still. Neben der Technik liegt das Foto. Ich ergreife es, schaue es verträumt an. Christiane und ich auf der Überfahrt von Wangerooge. Ihr blondes Haar weht im Wind, um ihren Hals ein rotes Tuch mit weißen Punkten geschlungen. Verdammt, was hat mich dieses Fliegenpilztuch in meinen Träumen gepeinigt. Unzählige mal.
„Damit ich mich nicht erkälte“, höre ich ihre Worte, als wäre es gestern gewesen. Wehmut überkommt mich, als ich mein Feuerzeug unter die Ecke halte. Schnell fressen die Flammen meine Erinnerung. Doch die Spuren müssen leider verschwinden.
Mein Handy summt erneut.
„Was gibt es?“, brumme ich ins Mikrofon.
„Spreche ich mit Herrn Andreas Bohnenkamp von der Kriminalinspektion 1, KK 11?“ Der Kollege scheint neu zu sein, und aufgeregt.
„Ist am Apparat, womit kann ich Ihnen helfen?“ Lässig lasse ich mich in den Sessel fallen. Meine über die Lehne gelegte Kleidung rauscht zu Boden.
„Kommissar Bohnenkamp, wir haben eine Tote. Frau Dr. Nadin Geide in der „Hohe Straße“. Könnten Sie bitte die Ermittlungen aufnehmen?“
„Bin in zehn Minuten da.“


Geschichten dieser Art sind in den von mir unter "Pat Darks" herausgebrachten eBooks "Menschenjagd" oder "Der Schlächter von Seelze" zu lesen.
 
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Kommentare  

Herzlichen Dank für dein Feedback, Rosmarin.

Frank Bao Carter (25.03.2019)

Tolle Geschichte. Ganz nach meinem Geschmack.
Faszinierender schwarzer Humor.
Gruß von


rosmarin (18.03.2019)

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