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Die Fabel vom Hund und den Wölfen (in Prosa)

Poetisches · Amüsantes/Satirisches
Auf einem Bauernhof in Brandenburg lebte einmal ein deutscher Schäferhund. Er hatte eine behagliche Hütte und bekam täglich sein leckeres Futter. Ein fester Zaun – teilweise sogar eine Mauer – umgab das Anwesen, auf dem der Hund freien Auslauf hatte. Manchmal nahm ihn sein Herrchen auch mit nach draußen, wo er angeleint die abenteuerlichsten Düfte schnuppern durfte. Hier spürte er eines Tages fremde, und doch irgendwie bekannt wirkende Gerüche auf: die Spuren eines Wolfsrudels, das hier neuerdings gelegentlich vorbeizog. Das interessierte unseren Hund brennend; denn Hunde sind ja nahe Verwandte der Wölfe.

Eines Nachts bei Vollmond hörte er das Geheul der Wölfe ganz in der Nähe. Ein junger Wolf näherte sich dem Zaun und sprach unseren Hund an: „He du, du siehst aus wie ein Wolf, also bist du wohl ein Wolf? Komm doch zu uns herüber!“

„Ich kann nicht“, erwiderte der Hund, „Zäune und Mauern hindern mich daran.“

„Schade“, meinte der Wolf, „bei uns ist es immer so lustig. So eingesperrt wie du könnte ich nicht leben. Wir Wölfe sind frei und können tun und lassen, was wir wollen.“

Das ärgerte den Hund ein wenig; denn obwohl es ihm eigentlich recht gut ging, fand er das Leben der Wölfe doch irgendwie aufregender und interessanter. Deshalb entschloss er sich eines Nachts, die Mauer zu durchbrechen und sich den Wölfen anzuschließen. Er fand eine Mauerlücke, und es gelang ihm schließlich auch, durch die Mauer ins Freie zu schlüpfen. Ach, war das aufregend! Er fand auch bald das Wolfsrudel, dem er sich anschließen durfte.

„Willkommen!“ heulten die Wölfe begeistert im Chor. „Du bist unser Bruder, und es soll dir gut bei uns gehen.“ Doch dann beachteten sie den Hund nicht mehr weiter; denn der war kleiner als sie und deshalb als Konkurrent nicht weiter zu fürchten. Das Loch in der Mauer allerdings fand einige Interessenten, die sich auf dem Bauernhof ein wenig umsehen wollten. Und richtig: Sie entdeckten den Hühnerstall, in dem sie sich ordentlich bedienten, und so manche weitere Leckerei.

Ein wenig traurig dachte der Hund an die alten Zeiten zurück: Wo einst sein Zuhause war, streunten nun gierige Wölfe umher und schnappten sich die besten Sachen. Er selbst aber durfte dafür immerhin im Wald und auf der Heide herumlaufen, so weit ihn die Füße trugen – und das ohne Mauern und Zäune.

Er dachte über sein Leben nach und fragte sich: Bin ich nun auf den sprichwörtlichen Hund gekommen? Wie gesagt – er lebte in Brandenburg. Im Osten Deutschlands.

www.wolfgang-reuter.com, 19. 08. 2019

Foto: pa/Bernd Wüstneck
 
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Eine tolle Metapher, gerne gelesen.

Gerald W. (20.08.2019)

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