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3 Seiten

Die Tage vergehen

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Die Tage vergehen. Die Jahre vergehen. Man wird älter. Man macht sich Gedanken, was man noch so alles erreichen möchte; was man im Leben noch so alles vor hat. Und kommt dabei dann irgendwann zu der Erkenntnis, dass es von Anfang bis Ende immer die gleiche Aufgabe; immer der gleich große Berg ist, der bestiegen werden muss; immer der selbe Kampf, der gekämpft werden muss; der gleiche eigene innere Schweinehund, der einem immer wieder an der gleichen Stelle im Wege steht. Ein Muster bildet sich irgendwann heraus. Ein Muster, das sehr wahrscheinlich schon von Anfang an da gewesen war; das einen sehr wahrscheinlich schon in die Wiege gelegt worden ist, und von dem man sich niemals hatte lösen können; von dem man sich auch in Zukunft wohl niemals lösen können wird. Es ist das, was einen ausmacht; was einen zu dem macht, der man ist.
Irgendwann ist das Geheimnis gelüftet, und es droht, langweilig zu werden, weil sich die unausweichliche Frage stellt: Weshalb diesen gottverdammten Berg erneut besteigen? Welchen Grund sollte ich hierfür überhaupt noch haben? Einfach nur so damit es weitergeht? Vielleicht um Erwartungen zu erfüllen? Um sich vielleicht doch noch einmal etwas selbst zu beweisen?

Raum und Zeit möchten gefüllt werden. Jedwedes Vakuum ist dem Universum ein Gräuel. Ganz automatisch füllt es sich, wodurch ein Sog entsteht, der unerbittlich an einem zieht. Ohne Grund. Einfach als eine Art Naturgesetz, dem wir, ob wir es nun wollen oder nicht, alle unterlegen sind.

Doch ist es so? Sind wir ihm tatsächlich unterlegen? Ist es uns nicht möglich, uns dagegen aufzubäumen; uns dagegen zur Wehr zu setzen; diesem vermeintlichen Naturgesetz den Mittelfinger zu zeigen, uns selbst zu finden, und einfach einen ganz anderen Weg einzuschlagen?

Weshalb dagegen ankämpfen? Nutze doch einfach den Sog zu deinem Vorteil! Lass dich von ihm anziehen; schwimme ihm vielleicht sogar entgegen. Jedes Kind weiß doch, dass man auf diese Weise viel schneller voran kommen kann.

Sicherlich kommt man so viel schneller voran. Doch bist du denn nicht neugierig, zu erfahren, was dies denn eigentlich für eine Kraft sein könnte? Wie solltest du je dessen Wesen erkennen können; es verstehen können, wenn du dich ihm vollends hingibst; wenn es dich assimiliert; es dich einverleibt und du selbst ein Teil davon wirst?

Ist es denn überhaupt so wichtig, diese Kraft zu verstehen? Kann man sich denn einer Sache nicht auch hingeben, ohne es zuvor vollends verstanden zu haben; ohne zuvor hinter den Vorhang geblickt zu haben?

Sicherlich. Natürlich geht das. Genau das machen doch die meisten, und zwar ganz einfach deshalb, weil dies immer auch der leichtere Weg ist. Aber nur weil es alle anderen so machen, heißt das noch lange nicht, dass auch ich das so machen muss.

Was aber, wenn dein Versuch zum Scheitern verurteilt ist?

Das weiß ich jawohl erst, wenn ich es versucht habe, oder etwa nicht?

Glaub mir: Die anderen Menschen verstehen schon sehr genau, auf was du damit hinaus willst. Sie alle haben mal vor dieser Frage gestanden, sie aber irgendwann einfach zur Seite gelegt, vielleicht auf irgendwann anders einmal in der Hoffnung verschoben, dass dieser Moment niemals kommen würde, und haben anschließend einfach losgelassen, sich diesem Sog hingegeben, und zwar im Vertrauen darauf, dass dies das einzig Richtige für sie ist. Und nun kommst du daher, und stellst sie erneut ausgerechnet vor eben jene Frage, die sie zuvor mit so viel Mühe verdrängt haben, um wenigstens ein wenig Ruhe in ihrem Leben finden zu können. Knallst sie nun erneut mit ihrem Kopf darauf, so sehr, dass ihnen ihre Birne weh tut; dass es ihnen schwindelig wird; dass sie erneut diese unsägliche Angst vor diesem unendlich tief erscheinenden Abgrund in sich bekommen müssen; dass sie sich erneut mit diesem unaussprechlichen Etwas auseinandersetzen müssen; erneut die Wut, die Verachtung, die Zweifel durchleiden müssen. Und all dies nur, um es dann, haben sie es erneut durchgestanden, wieder zu den Akten legen zu können und wieder ihr Leben exakt so zu leben, wie sie es zuvor getan haben; sich wieder dem Sog hingeben; sich diesem erneut ausliefern, nur diesmal vielleicht mit noch vollerem Herzen und noch tieferer Überzeugung, als zuvor, weil sie ja gesehen haben, was mit ihnen passiert, tun sie es nicht.

Das ist kein Grund für mich, es nicht zu tun. Was gehen mich die Ängste anderer Leute an?

Menschen leben in Gemeinschaften. Und Gemeinschaften sind nun einmal darauf angewiesen, dass man sich nicht nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmert.

Meinst du denn nicht, es gibt auch für eine Gemeinschaft noch etwas Neues zu entdecken? Meinst du denn wirklich, meine Motive können dabei nur egoistischer Natur sein? Meinst du denn nicht, es ist auch für die Gemeinschaft der einzig mögliche Weg, sich weiterzuentwickeln; letztendlich auf lange Sicht in der Zeit auch bestehen zu können?

Woher soll ich das denn wissen?

Eben. Und ich weiß es auch nicht. Und auch die Gemeinschaft weiß es nicht. Und gerade deshalb ist es nur um so wichtiger, es gemeinsam herauszufinden.

Und es folgt ein längeres Schweigen.
 
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