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13 Seiten

Imhotep, der Junge aus Heliopolis - Kapitel 25

Romane/Serien · Spannendes
Kapitel 25 – Ein Omen


Memphis, Unterägypten 1319 v. Chr.

Die Abendsonne war fast untergegangen, als Tutanchamun mit seinem Streitwagengespann zurückkehrte. Seine hastige Pferdeführung wirbelte eine Staubwolke auf und wehte über den Palasthof hinweg. Der Pharao hüpfte aus dem Streitwagen heraus und stolzierte grußlos an allen Hofdienern vorbei, sogar seinen Oberaufseher des Palasthofes ignorierte er. Solch ein arrogantes Verhalten war zwar für alle Herrscher normal, jedoch für Tutanchamun völlig untypisch. Normalerweise erwiderte er jede Verneigung freundlich, insbesondre die seines Oberaufsehers. Oftmals unterhielten sie sich miteinander, wie man seinen Streitwagen noch etwas wendiger konstruieren könnte. Doch diesmal marschierte er zielstrebig zur Mauer, die zum königlichen Park führte und sprang hinüber. Niemand ahnte schließlich, dass er unten am Nilufer gewesen war und dass ihn seine große Liebe, eine einfache Frau aus dem Volk, soeben abgewiesen hatte.
Der angekettete Leopard schreckte auf und fauchte, als Tutanchamun wiedermal im Blumenbeet landete. Er schaute verwundert umher. Weder auf der Terrasse noch im Schwimmbecken unter dem steinernen Pavillon entdeckte er jemanden, obwohl man gerade in der Abenddämmerung dort häufig die Prinzessin Meritaton antraf, wobei sie immer mit Söhnen reicher Priester und Staatsmännern rumschäkerte. Aber sogleich fiel ihm wieder ein, dass in der heutigen Nacht dieses hinterhältige, jedoch legale Votum abgehalten werden würde und beinahe seine gesamte Verwandtschaft, sowie einige Höflinge, die offiziell zu Angehörigen des Königshauses ernannt worden waren, sich wahrscheinlich bereits auf dem Weg zu einer Wüstenoase aufgemacht hatten. Jedoch glaubten die meisten eingeladenen Gäste, dass der Pharao ebenfalls an diesem Votum teilnehmen und den auserkorenen Thronfolger persönlich verkünden würde. Nur diejenigen, die unbedeutend und dem Pharao offensichtlich zu loyal dienten und sowieso unbestechlich waren, wurden absichtlich nicht zu diesem geheimen Treffen eingeladen. Und wenn Satamun den jungen König nicht über dieses Votum aufgeklärt hätte, wäre er völlig ahnungslos gewesen, dies normalerweise beabsichtigt war. Die Priesterin Satamun hatte also die hohen Herren, die dieses Votum organisiert hatten, hintergangen und hatte an ihrem Vertrauten, dem Hohepriester des Amun, Hochverrat ausgeübt und riskierte somit ihr Leben.
Tutanchamun blickte nachdenklich auf den menschenleeren Pavillon. Es stimmte ihn traurig, dass er Prinzessin Meritaton nicht antraf. War sie etwa auch eingeladen worden, um hinter seinen Rücken für irgendeinen Thronfolger abzustimmen? Falls ja, würde sie diese verräterische Machenschaft unterstützen und wie es Satamun nannte, seinen Tod befürworten. Der Pharao schüttelte verärgert seinen Kopf und nannte sich selbst einen Narren, weil er diesen absurden Gedanke hegte. Meritaton befand sich ganz bestimmt irgendwo im Königspalast, denn sie würde ihn niemals verraten. Nicht auch Prinzessin Meritaton, schließlich hatten sie sich immer stets gut verstanden und er mochte sie sehr. Er war sogar als Vierzehnjähriger einst unsterblich verliebt in die Prinzessin gewesen, die ebenfalls seine Halbschwester war, und sie hatte ihm immer das Gefühl gegeben, dass sie nicht von ihm abgeneigt war, obwohl sie sogar acht Jahre älter war als er selbst.

Tutanchamun verzog genervt das Gesicht, als er den Thronsaal betrat und all die vielen Höflinge antraf, die eng beieinander standen und geheimnisvoll tuschelten.
„Was ist hier los? Bürsa, was machst du da?“, fragte er grantig, als er Bürsa und zwei weitere Zofen erblickte, wie sie gebückt mit einem Besenstiel unter der samtroten Couchgarnitur herumstocherte und sogleich fluchtartig einige Schritte zurücktraten. Die sechzehnjährige Nelitites versteckte sich hinter Bürsa, kreischte kurz auf und zerrte dabei an ihrem Gewand. Dann lugte sie verschreckt über ihre Schulter. Menhabne stand direkt daneben, blickte genauso verängstigt und hielt mit beiden Händen krampfhaft einen Dolch fest, diesen sie zittrig entgegen das Möbelstück richtete. Als die Frauen unter der Couchgarnitur aber nichts vorfanden, klopfte Bürsa mit dem Besenstiel gegen die nebenstehende Vase. Dumpfe Töne erklangen, woraufhin Nelitites erneut erschrocken kreischte.
Bürsa und die jungen Zofen waren so sehr auf die große Porzellanvase konzentriert, dass sie den schlecht gelaunten Pharao erstmal gar nicht bemerkten. Erneut stieß Nelitites unbeherrscht einen schrillen Schrei aus und zerrte gleichzeitig an Bürsas Gewand, woraufhin sie sich einen Klaps einhandelte.
„Lass mich endlich los und verschwinde! Du ungeschicktes Ding wirst mir noch mein Kleid herunterreißen!“, schnauzte Bürsa und warf Menhabne ebenfalls einen warnenden Blick zu. „Und du, mein Kind, weichst genauso auf der Stelle von mir, bevor du mir noch diesen verdammten Dolch in meinen Hintern rammst!“
Mit einem gewissen Abstand, nahe einer riesigen Messingschale, darin ein Feuer loderte und die dunklen Ecken beleuchtete, hatten sich einige Zofen und Hofdiener versammelt, die ihre Hälse reckten und neugierig das Geschehen verfolgten. Mittig im Thronsaal führten Treppenstufen zu einem Kneippbecken hinunter. Der Pharao stolzierte erhaben auf Bürsa zu, und war offensichtlich missgelaunt.
„Was soll der Unfug?! Antworte mir jetzt gefälligst, Bürsa!“, brüllte Tutanchamun wütend, woraufhin die Dienerschaft hinter der riesigen Messingschale sofort niederkniete, bis ihre Stirnen den Marmorboden berührten. Bürsa blickte ihn erschrocken an, legte ihren Besen beiseite und verneigte sich vor dem Pharao mit überkreuzten Armen, genauso wie Menhabne und Nelitites. Nun hatte der König endlich die Aufmerksamkeit aller erlangt.
„Mein Großer Pharao, etwas Seltsames geschieht.“
Tutanchamun blickte erbost umher.
„In der Tat. Was soll das alles? Was machst du da so geheimnisvolles?“
„Menhabne hat schon wieder eine Schlange im Palast entdeckt. Das ist bereits das zweite Biest, das mir seit heute Morgen gemeldet wurde. Eine Schlange konnte ich bisher einfangen und habe sie im Kompost entsorgt. Sie war vermutlich tot. Es war eine Kobra … eine Uräusschlange, Hoheit.“
Plötzlich flitzte Nelitites auf ihn zu und schlitterte kniend direkt vor seine Füße. Ihre Haarfrisur war jener Zeit außergewöhnlich. Ihre schwarzen Haare waren glatt und reichten ihr akkurat bis zum Kinn, statt dass sie zu Zöpfchen geflochten waren und bis zur Schulter ragten, oder eben lang, wie es eigentlich bei ägyptischen Frauen üblich war. Ebenso war ihr „Pony“ exakt über ihrer Stirn geschnitten. Solch eine außergewöhnliche Haarfrisur trug bislang niemand, weder in Unterägypten und erst recht nicht im konservativen Oberägypten.
Ein hübsches, jugendliches Gesicht schaute verängstigt zu ihm hinauf, während sie ihre Arme weit auseinanderbreitete, wobei die Alabasterarmreifen aus ihren seidenen Ärmeln hervorschienen. Ein schwarzes Samtband, an dem ein kleines Anch-Kreuz geknüpft war, schmiegte sich eng um ihren zarten Hals.
„Großer Pharao, ich habe auch eine Schlange gesehen. So groß und nochmal viel größer war sie! Ich schwöre bei Bes, dass ich diesmal die Wahrheit sage und nicht übertreibe! Bitte glaubt mir, Großer Pharao. Vielleicht hat sich diese ekelhafte Bestie gar in Euer Schlafgemach verkrochen!“, sprach sie mit ihrer piepsigen Stimme aufgebracht.
Nelitites war äußerst verängstigt, denn die jüngste Zofe des Königspalastes fürchtete sich unsäglich vor allen Krabbeltieren, weshalb sie den Schutzgott Bes verherrlichte – Bes, der die Menschen vor allen Wüstentiere schützte und somit auch der Schlangenwürger genannt wurde.
Kunstvolle Hennabemalungen schmückten ihre Hände, ebenso war an ihrer linken Schläfe das Auge des Ra aufgemalt worden. Ihre Augenlider waren eleganter sowie ausdrucksvoller geschminkt, als bei allen anderen Hofdienerinnen und an ihren langen Fingernägeln hafteten winzige Diamanten. Außerdem waren ihre Wimpern ungewöhnlich lang und jede Dame fragte sich, wie sie dies wieder gemacht hat.
„Ich habe das Ungeheuer gesehen, wie es die Treppenstufen hochgekrabbelt ist. Vielleicht hat es sich in Euer Schlafgemach verkrochen. Majestät, es war eine riesengroße Königskobra!“
Nachdem Nelitites dies behauptet hatte, raunte ein entsetztes Gemurmel durch den Thronsaal. Dutzend verängstigte Blicke schauten über die entflammte Messingschale. Die Zofen und Pagen tuschelten aufgebracht miteinander, manche schüttelten aber ungläubig ihre Köpfe. Eine Uräusschlange war schon gefährlich genug; jede Giftnatter war eine Bedrohung wenn sie sich irgendwo im Wohnbereich verkrochen hatte, aber befand sich tatsächlich eine hochgiftige Königskobra im Palast, die bis zu fünf Meter lang sein konnte, weil diese die gefährlichste Kobra und größte aller Giftschlangen der Welt ist? Ein derart riesiges Reptil könnte sich doch eigentlich nicht unbemerkt irgendwo einschleichen und unentdeckt bleiben, meinte so mancher Höfling. Die Diener und Dienerinnen diskutierten rege miteinander.
Nelitites war allerdings dafür bekannt, dass sie des Öfteren übertrieb, weshalb sie mittlerweile nicht mehr ernst genommen wurde. Aber niemanden wunderte es, dass sie, aufgrund ihrer ständig überzogenen Behauptungen bislang nicht ausgepeitscht oder anderweitig bestraft wurde. Nelitites war nämlich eine der fünf Vertrauten der Königin und nur Anchesenamun durfte über das Schicksal der allzu jungen Zofe entscheiden. Die Sechszehnjährige war das Nesthäkchen der Zofen und galt als das Modepüppchen des Königspalastes. Einige belächelten ihren extravaganten Schönheitsideal und verspotteten das Mädchen hinter ihrem Rücken, obwohl sie ihre Erscheinung doch insgeheim schick fanden und sich einige Damen diesbezüglich sogar inspirieren ließen. Nelitites entwarf sogar Damenschuhe aber privat lief sie meistens barfüßig herum, weil sie jedem stolz ihren goldenen Ring an ihrem Zeh präsentieren wollte, diesen ihr Anchesenamun persönlich, wie auch ihre anderen vertrauten Zofen angesteckt hatte als Zeichen, dass sie eine Vertraute der Königin ist.
Königin Anchesenamun mochte ihre jüngste Vertraute ganz besonders, weil sie naiv war, mit ihren unbedachten Kommentaren oftmals für Heiterkeit sorgte und die Königin Nelitites einfach zu gerne bemutterte. Aber dafür raubte das Mädchen mit ihrer ausgeprägten Arglosigkeit auch öfters die Nerven der Königin, weil sie sie sehr oft zurechtweisen musste. Nichtsdestotrotz war die jüngste Zofe für Anchesenamun ebenso unentbehrlich, wie ihre anderen Vertrauten. Nelitites war eine begnadete Schneiderin sowie Frisörin und gab praktisch den Modetrend für die Frauen in Ägypten an, weil die Königin ihrer Beratung stets folgte. Sie war außergewöhnlich kreativ und wusste immer einen Vorschlag vorzubringen, die Königin für gewisse Feierlichkeiten exzellent einzukleiden. Ebenso entschied sie stets, welcher Schmuck angebracht war und wie die Haarpracht der Königin frisiert und ihr Gesicht geschminkt werden mussten, sodass Königin Anchesenamun bei einem Empfang niemals so erschien, wie beim letzten Mal. Das Nesthäkchen entwarf und stellte auch Perücken und Haarteile für sich selbst her; tagtäglich musste man zweimal hingucken wenn man sie antraf, um zu erkennen, dass es das junge Modepüppchen war und keine fremde Frau. Und obwohl Nelitites noch so jung war, so unerfahren und sehr naiv wirkte, ernannte Anchesenamun ihre jüngste Vertraute zur Oberaufseherin der königlichen Schneiderei. Somit unterstanden Nelitites dutzende Arbeiterinnen, diese sie auch gewissenhaft anführte. In dieser Position war sie wahrlich kein Naivchen sondern eine kompetente Meisterin, die an sich selbst hohe Ansprüche stellte, in ihrem Element aufging und immer genaue Vorstellungen hatte, wie der nächste Modetrend auszusehen hat. Aber noch bevor die Frauen der hohen Gesellschaft gedachten, sich ebenso zu schminken, sich ebenso zu frisieren oder denselben Schmuck und die gleiche Kleidung zu tragen, wie dieses schicke Mädchen, schlenderte Nelitites längst mit einem völlig anderen Modestil herum, welchen die Königin bei der nächsten Feierlichkeit am eigenen Leib stolz präsentierte. Jedoch war die jüngste Zofe für den Küchendienst oder zum Bedienen hochrangigen Besuches aufgrund ihrer ausgeprägten Ungeschicktheit nicht zu empfehlen. Weil Nelitites aber Qualitäten vorweisen vermochte, welche die Königin niemals wieder missen wollte, und weil das Mädchen eben die Jüngste und so erfrischend natürlich und naiv war, wurde selbst vom Pharao über einiges einfach hinweggesehen, was eine Zofe sich normalerweise niemals erlauben durfte.
Menhabne, ebenfalls eine Vertraute der Königin, überkreuzte die Arme über ihre Brust, verneigte sich tief vor dem Pharao und fragte, ob sie reden dürfte. Tutanchamun verdrehte genervt seine Augen und tat einen gelangweilten Wink. Daraufhin ging Menhabne bestimmend auf Nelitites zu, beugte sich über sie, die vor dem Pharao kniete, wobei ihre Stirn den Marmorboden berührte, und zeigte ihr einen Stirnvogel.
„Neli, du lügst! ICH habe die Schlange zuerst gesehen und es Bürsa gemeldet, nicht du! Hoheit, Neli will sich nur wieder wichtigmachen und uns alle erschrecken. Es war sicherlich nur ein und dieselbe Uräusschlange, die sie gemeint, gesehen zu haben. Aber doch niemals eine Königskobra! Mein Großer Pharao wisse, Königskobras gibt es in Ägypten nämlich gar nicht. Neli fantasiert wiedermal!“
Nelitites erhob sich ungefragt (dies war respektlos gegenüber dem Pharao, denn sie hätte vorher fragen müssen), legte ihre Hände auf ihre schmalen Hüften und blickte Menhabne entrüstet an.
„Das ist unerhört! Das lasse ich mir von DIR nicht bieten, Menhabne! Ich fantasiere nämlich überhaupt nicht! Sie war riesengroß und braun, glaube ich … Oder hell, oder so!“ Ihre piepsige Stimme drohte sich zu überschlagen, während sie schimpfte, und sie fuchtelte mit ihrem mit Henna bemalten Finger vor ihrer Nase herum. „Sie hatte sogar ein Zickzackmuster, oder so. Das Monster war mindestens acht Ellen lang, vielleicht sogar noch etwas länger. Was weiß ich?“
„Zickzackmuster oder so, war acht Ellen lang und braun oder hell“, äffte Menhabne sie nach, wobei sie die jüngste Vertraute spöttisch anlächelte. „Was denn nun? Braun, hell oder zickzack? Neli, wir kennen dich doch alle. Als Nächstes wirst du behaupten, sie war giftgrün und zehn Ellen lang.“ Daraufhin schallte ein lautes Gelächter.
Nelitites blickte sie beleidigt an, verschränkte ihre Arme und zwinkerte dabei unkontrolliert mit ihren Augenlidern. Genauso machte sie es ständig, wenn Bürsa oder die Königin sie wiedermal zurechtwiesen. Die Jüngste litt unter einem Augentick und musste ständig zwanghaft ihre Augen kneifen, wenn sie unter Stress geriet. Selbst dann, wenn sie sich freute.
Menhabne lächelte, neigte ihren Kopf seitlich und imitierte sie wiedermal, indem sie genauso auffällig mit ihren Augenlidern zwinkerte.
„Was weiß ich? Kann ich nicht mehr genau sagen. Ich bin doch ganz schnell weggelaufen, als ich dieses Ungeheuer gesehen habe. Aber ich schwöre bei Bes und Amun, es war eine Königskobra!“
Menhabne lachte sie aus.
„Jetzt haben wir aber alle Angst. Wahrscheinlich trug die Schlange eine Krone auf ihrem Kopf, sonst wüsstest du nämlich gar nicht, dass es angeblich eine Königskobra war. Erkläre doch mal, wie eine Schlange aus dem fernen Asien hierher nach Ägypten gekommen sein soll, du Hofnärrin.“
Die Höflinge waren äußerst amüsiert, lachten und waren gespannt, wie das Nesthäkchen antworten wird. Nelitites zuckte ahnungslos mit ihrer Schulter, und zwinkerte dabei verkrampft.
„Was weiß ich? Vielleicht ist sie einem Schlangenbeschwörer weggelaufen, oder so.“
Ein lautes Gelächter ertönte.
„Einem Schlangenbeschwörer davongelaufen? Du bist ein kleines Dummerchen, das nur Aufmerksamkeit braucht. Mein Pharao ich muss Euch erklären, dass Neli jeden Abend, bevor sie zu Bett geht, überall Statuen des Bes aufstellt, damit bloß keine Fliege sie berührt. Glaubt ihr also bitte nicht. Sie übertreibt wiedermal. Es ist nur eine gewöhnliche Kobra im Palast, die sich irgendwo versteckt hat, aber doch nie und nimmer eine Königskobra.“
„Du bist so gemein, Menhabne! Das sage ich alles der Königin und ich werde dir nie wieder einen Zopf flechten. So, das hast du jetzt davon!“, schimpfte Nelitites verärgert. Dann fiel sie erneut auf ihre Knie, faltete ihre Hände und blickte Tutanchamun flehend an.
„Oh bitte, Hoheit, hört mich an. Diesmal ist es bestimmt wahr, was ich sage. Ihr müsst mir Glauben schenken. Im Palast ist eine riesengroße Königskobra!“
„Schluss jetzt mit dem Gezeter! Ich will davon nichts mehr hören!“, schnauzte Tutanchamun wütend, woraufhin sich jeder tief verneigte.
Bürsa bestätigte, dass die erste gefangene Schlange eine Uräusschlange war, diese sie mühelos mit dem Besenstiel nach draußen befördert hatte. Sie vermutete, dass es sich dabei um ein in die Jahre gekommenes Exemplar handelte, das bloß ein ruhiges Plätzchen zum Sterben gesucht hatte. Es kam zwar äußerst selten vor, dass sich ein derart scheues Reptil im Palast verirrte, dennoch geschah es hin und wieder. Aber dass zwei Schlangen am selben Tag gemeldet wurden, empfand Bürsa allerdings als äußerst denkwürdig. Nelitetes Aussage zufolge, dass sogar eine dritte Schlange irgendwo im Palast ein Nest suchte und es zudem angeblich eine Königskobra sein sollte, wies Bürsa jedoch energisch zurück.
„Mein Großer Pharao, verzeiht Nelitites und seid nachsichtig mit ihr. Ihr wisst doch, dass das Mädchen eine ausgeprägte Fantasie hat, sich rasch täuschen lässt und selbst eine Maus für ein Ungeheuer hält“, sprach Bürsa auf den König sanft ein.
Bürsa war das Oberhaupt der Dienerschaft, und auch wenn sie die Zofen und Pagen ständig herumscheuchte und sie selten lobte, sie stattdessen häufig tadelte, übernahm Bürsa jedes Mal die Verantwortung und versuchte, wenn die Situation brenzlig wurde, ihre Untertanen in Schutz zu nehmen, um sie vor Bestrafung mit der Peitsche zu bewahren. Bürsa entschuldigte sich beim Pharao, weil die Jüngste sich wiedermal unangebracht verhielt und überzogen reagierte. Nelitites hatte schon einmal behauptet, einen riesengroßen Skorpion im Kneippbecken gesichtet zu haben und hatte daraufhin Panik im Königspalast ausgelöst. Im Nachhinein hatte sich aber herausgestellt, dass es nur ein harmloser Nilbarsch war, diesen Neferu, Chenut und Menhabne gemeinsam darin ausgesetzt hatten, nur um das Nesthäkchen einen Schrecken zu versetzen. Seitdem hatte Nelitites trotzdem nie wieder einen Zeh hineingewagt. Ihr solle man demnach keine Beachtung schenken.
Tutanchamun allerdings, vom Liebeskummer geplagt, interessierte sich nicht sonderlich für dieses Schauermärchen und gab Bürsa stattdessen die Anweisung, niemanden in sein Schlafgemach hineinzulassen. Nicht einmal die Königin. Er wollte nicht gestört werden und gedachte, früh schlafen zu gehen. Er befahl allen Dienerinnen und Dienern, seine morgige Geburtstagsfeier vorzubereiten, dann würden sie wenigstens etwas Nützliches tun.
Bürsa, die älteste und erfahrenste Zofe im Königshaus, die bereits dem dritten Pharao diente und Tutanchamun seit seiner Geburt kannte, verneigte sich vor ihm mit überkreuzten Armen. Ihr entging sein ungewöhnlicher Missmut nicht, welchen er die ganze Zeit über zu unterdrücken versuchte, woraus sie schloss, dass seine Heiratsabsichten gescheitert waren.
Während Tutanchamun die Stufen des Treppenhauses hinauf zu seinem privaten Gemach schlenderte, hörte er plötzlich aufgebrachte Stimmen durcheinanderreden. Irgendetwas war geschehen, was für Aufruhr sorgte. Einen Moment blieb er stehen und horchte, ging aber schließlich desinteressiert weiter hinauf. Plötzlich rannte Nelitites schreiend auf ihn zu. Sie hielt ihr türkisfarbenes Kostüm etwas an und flitzte die Treppenstufen hinauf, wobei sie den Pharao sogar anrempelte. Tutanchamun blickte ihr empört hinterher.
„Hoheit, wir haben die Kobraschlange gefunden. Wir haben sie!“, verkündete Menhabne aufgeregt. „Die Schlange … Sie lag eingerollt in der Vase und rührte sich nicht. Seid beruhigt, es ist keine Königskobra!“ Erneut wurde der Thronsaal von einem aufgebrachten Raunen erfüllt.
Bürsa eilte mit dem Besenstiel herbei, an dem das Reptil nur lahm schlängelte. Die Dienerschaft drängelte sich eilig hinter ihr und tuschelte. Neugierig und erstaunt beobachteten sie, wie die Schlange sich nur langsam um Bürsas Besenstiel schlängelte und völlig harmlos wirkte.
„Mein Pharao, es ist eine Uräusschlange. Schaut nur, wie langsam sie sich bewegt. Wie ungewöhnlich …“
Bürsa weitete ihre Augen und wagte es tatsächlich, die Kobraschlange vorsichtig anzufassen und zu streicheln.
„Seht nur, mein König. Sie ist völlig ruhig und lässt sich sogar streicheln. Genauso war es bei der anderen Kobra.“
Tutanchamun schüttelte verständnislos seinen Kopf.
„Bürsa, du bist entweder unsagbar mutig oder total verrückt. Das ist eine verdammte Giftschlange. Hinfort mit dem Viech, bevor es noch nach dir schnappt!“
„Aber Hoheit, es ist bereits die zweite Uräusschlange, die zu Euch kam, um zu sterben.“ Bürsa schüttelte sachte mit dem Kopf. „Das ist ein Omen. Das bedeutet irgendetwas, jedoch nichts Gutes. Falls Nelitites sich doch nicht getäuscht hat, haben wir ein weiteres Biest im Palast. Großer Pharao, zurzeit herrscht doch Krieg und …“
Tutanchamun knüpfte seine Kragenkette hinter seinem Nacken auf und ließ den Schmuck einfach fallen. Wie Glas glitt die beeindruckende Edelsteinkette scheppernd die Treppenstufen hinab, woraufhin Bürsa augenblicklich schwieg. Der Pharao sah sie gleichgültig an und gab ihr zu verstehen, dass er von all dem nichts mehr hören wollte. Er verlangte nach einer Amphore Wein, nach mindestens einen Deben Weirauchharz und verschwand in seinem Schlafgemach.
Nelitites war mittlerweile sogar bis in das dritte Stockwerk hinauf geflüchtet und blickte über die steinerne Treppenhausbrüstung hinab. Ihr hübsches Gesicht blickte verängstigt hinunter.
„Neli! Mach, dass du sofort von der königlichen Etage runterkommst, Fräulein, oder ich komme rauf und hole dich! Dann wirst du aber ein Donnerwetter erleben, welches du niemals wieder in deinem Leben vergessen wirst!“, brüllte Bürsa zornig.
„Tu erst die widerliche Schlange weg, dann komme ich runter“, antwortete Nelitites mit ihrer piepsigen Stimme, wobei sie nervös blinzelte.

Tutanchamun rief seine Leibwächter herbei. Die zwei kräftigen Nubier dienten ihm schon jahrelang und auch mit ihnen pflegte er ein vertrautes Verhältnis. Bereits im Kindesalter hatten sie ihm ein paar effektive Fausthiebe gezeigt, sodass er die Straßenjungen sofort kampfunfähig zu Boden schlagen konnte und jetzt, im heranwachsenden Alter, pichelten sie sogar manche Nächte gemeinsam heimlich in seinem privaten Harem, weit unten im Palastkeller. Selbstverständlich ohne, dass Anchesenamun davon erfuhr. Dort unterhielt er sich angetrunken mit ihnen über die Götter, über die Sterne und das Weltall und bat, dass sie ihm über ihre Heimat Nubien und von ihren Göttern erzählten. Sein Vater, Pharao Echnaton, hatte Nubien immer geschätzt und dieses Königreich zu einem Verbündeten von Ägypten ernannt. Dieser Vertrag bestand immer noch. Zahlreiche ägyptische Forts wurden in Nubien und im Kusch errichtet, damit die Feinde aus dem tiefen Süden erst gar nicht die Grenzen von Ägypten erreichen konnten. Und dann, wenn die Flötenmusik und die Harfen ekstatische Klänge spielten, die Feierlichkeit ihren Höhepunkt erreichte, die Sklavinnen ihre ohnehin spärliche Kleidung ablegten und sich ungeniert auf Pharaos Schoß schmiegten; wenn seine Vetter und sonstige ihm unbekannte Verwandtschaft es übermütig wagten, ihren Arm auf seine Schultern zu legen und ihm die Freundschaft jeglicher Art anboten, was sie sich bei Tageslicht niemals zu trauen wagten, winkte Tutanchamun immer entschieden ab und verschwand in sein privates Schlafgemach. Dies war ihm stets zu heikel gewesen. Er befürchtete, Anchesenamun könnte es irgendwie in Erfahrung bringen und sie würde es keinesfalls befürworten, wenn ihr Gemahl sich mit Sklavinnen vergnügte. Ebenso duldete sie es keinesfalls, wenn er sich plötzlich zu einem Mann hingezogen fühlen würde. Ein Donnerwetter würde das Königshaus überschatten. Tutanchamun traute seiner hitzköpfigen Halbschwester gar zu, dass sie ihre männliche Verwandtschaft daraufhin eigenhändig auspeitschen würde. Also erlaubte der Pharao seinen Leibwächtern, wann immer es ihnen beliebte, sich an seinem Eigentum, seinen Sklavinnen, zu bedienen, auch wenn er nicht anwesend war, damit er keinesfalls der Gelegenheit verfallen würde. Es mangelte seinen Leibwächtern absolut an gar nichts. Sie unterstanden lediglich dem Befehl des Pharaos, selbst Eje durften sie abweisen, wenn er Tutanchamuns privates Gemach zu betreten gedachte, der König aber seine Ruhe haben wollte.
Als die Leibwächter sein Schlafgemach betraten, knieten sie vor ihm nieder. Tutanchamun packte an ihren starken Schultern und blickte ihnen abwechselnd in die Augen. Noch nie zuvor erlebten die Leibwächter ihren Pharao dermaßen entschlossen, wie in jenem Augenblick.
„Samael, du mein treu ergebener Diener, begebe dich zum Tempel des Ptha. Dort werden sich die auserwählten Priester für das Votum treffen und werden dann gemeinsam zu dieser geheimen Oase reiten. Sei unbesorgt, der Hohepriester Ahmose hat dich zuvor nie bewusst wahrgenommen und wird nicht einmal vermuten, dass du eigentlich mein Leibwächter bist. Hiermit unterstelle ich dich dem Befehl der Priesterin Satamun. Begleite sie und gehorche ihr, wie du mir gehorchst, und schütze sie bei deinem Leben. Satamun ist in Gefahr!“
Seinem zweiten Leibwächter befahl er, im Palast zu bleiben und keinen Augenblick von seiner Tür zu weichen. Tutanchamun blickte seine Leibwächter ernst in die Augen.
„Heute Nacht müsst ihr besonders wachsam sein. Beide! Vielleicht hat Satamun sich getäuscht aber falls nicht, werden sie heute Nacht kommen, um mich zu töten, um meine Dynastie auszulöschen.“ Tutanchamun seufzte. „Anchesenamun und ich sind die Letzten unseres Clans. Meinen Vater hatten sie auch in derselben Nacht ermordet, nachdem abgestimmt wurde. Und morgen nach meiner Geburtstagsfeier werde ich mit Eje eine Unterredung führen. Dann wird er sich vor mir rechtfertigen müssen, was genau mit meinem Vater geschah!“
Die Leibwächter packten seine Arme und schworen, dass, solange sie leben werden, weder ihm noch der Priesterin etwas geschehen würde. Samael zog die Kapuze seiner Robe über seinen Kopf und verschwand heimlich aus dem Palast, hinaus in die dunkle Nacht.

Tutanchamun hockte mit einem Bein angewinkelt auf der Balkonbrüstung, lehnte sich gegen einen Pfeiler und beobachtete die Sterne, während er am Weinkelch nippte. Diesmal funkelten sie besonders hell, dafür war aber der Mond nirgends zu sehen. Er seufzte. Morgen war sein neunzehnter Geburtstag.
Das Zirpen der Grillen aus dem Park war deutlich zu hören, ebenso das Rascheln eines Baumes. Die Silhouetten der Giraffen, die gerade an der Baumkrone einer Akazie ästen, zeichneten sich in der Dunkelheit ab. Der Pharao war in Gedanken versunken. Was sollte er nun machen? Wer waren die Verschwörer? Was, wenn Eje tatsächlich hinter alldem steckte? Sollte er ihn daraufhin etwa hinrichten lassen? Eje wie einen schäbigen Verbrecher zum Tode verurteilen? Dies war einfach unvorstellbar. Eje diente und beschützte bereits Ägypten, lange bevor er überhaupt geboren wurde. Aber selbst Eje hatte ihm einmal ins Gewissen geredet, dass ein Pharao stets konsequent handeln und seine persönlichen Gefühle dabei außer acht lassen müsse, ansonsten würde es als Schwäche aufgefasst werden.
Aber was war nun mit Rechmire und Petu? Wie würde diese Freundschaft noch weiterhin bestehen bleiben können? Rechmire und Petu waren seine einzigen wahren Freunde und er versuchte es zu akzeptieren, dass seine große Liebe bereits mit seinem besten Kumpel vermählt war. Eje hatte einmal zu ihm gesagt: „Wenn Ihr das Mädchen haben wollt, dann nehmt es einfach. Du bist der Pharao, keine Macht der Welt wird dich daran hindern können.“
Tutanchamun goss Wein in seinen Kelch, trank und schüttelte mit seinem Kopf. Nefertiri erwartete ein Kind. Sicher, sie müsste gehorchen und mit in seinen Palast kommen, dafür würde sie ihn aber ewig hassen, genauso wie seine Freunde ihn daraufhin verabscheuen würden. Sie würden ihn alle verfluchen, ihrem König den Tod wünschen und das zu Recht, wie er selbst meinte. Tutanchamun war völlig ratlos und dachte verzweifelt nach, wie er diese Freundschaft trotzdem aufrecht halten konnte. Er sah nur noch die einzige Möglichkeit, die Götter um eine Eingebung zu erbitten. Aber er traute sich nicht, so ganz alleine ohne Satamun in seinem Schlafgemach die Götter zu kontaktieren. Apathisch blickte er auf das Weihrauchharz, welches in einer Messingschale bereit lag.
Tutanchamun lehnte sich entspannt am Balkonpfeiler zurück, trank seinen Wein und dachte über Satamuns Worte nach. Ihre Vorhersagen waren bisher immer eingetroffen. Seine Reise war von guten Sternen begünstigt gewesen und die Götter hatten ihn auf liebevolle Art und Weise belehrt. Seine treu ergebene Freundin befand sich grad irgendwo in der Wüste, unter Verrätern, die für Macht und Reichtum vor keinem Opfer der Welt zurückschreckten. Satamun hatte ihren eigenen Tod prophezeit. Würde dies ebenfalls eintreffen? Tutanchamuns Blick verfinsterte sich. Falls Satamun tatsächlich nicht wieder von dieser Wüstenoase zurückkehren wird, sollten Eje und Ahmose dies bitter bereuen. Dies könnte er ihnen niemals verzeihen.
 
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Kommentare  

Es werden noch mindestens vier Kapitel folgen,
vielleicht sogar fünf und ein Epilog. Dann wird die
Gruft des Tutanchamun geschlossen ;)

LGF


Francis Dille (06.05.2021)

Schön, dass noch ein Kapitel kommt. Ich lese deine Romane immer sehr gerne.

Gerald W. (04.05.2021)

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