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10 Seiten

Die Kinder von Brühl 18/Teil 2/Die Russen und die Neue Zeit/Episode 2/ Das Russenlager und die Gulaschkanone/Episode 3/ Karl kommt nach Hause

Romane/Serien · Erinnerungen
© rosmarin
Episode 2

Das Russenlager und die Gulaschkanone

„Wir haben uns ja ziemlich schnell an die Russen gewöhnt.” Else saß auf der Couch und strickte emsig an einem Mäntelchen für Bertraud Johanna. „Kein Wunder”, fuhr sie nach einer Weile fort, „das große Plündern, Rauben und Vergewaltigen ist ja auch ausgeblieben.“
„Aber im Krieg haben sie es getan“, sagte Rosi. „Das hat der Richard doch gesagt.“
„Ja“, stimmte Else zu, „ da haben es die Amerikaner auch getan. Und die Franzosen. Und Engländer. Also alle, die am Krieg beteiligt waren.“
„Und warum haben sie es getan?“
„Weil es im Krieg erlaubt war“, sagte Else traurig. „Da gab es wohl ein Kriegsrecht. Na, genau weiß ich das auch nicht. Es ist sowieso zu schrecklich."
„Ein Glück, dass jetzt kein Krieg mehr ist", sagte Rosi.
Nach einer Weile nahm sie den Faden wieder auf.
„Aber als die Amis noch hier waren", sagte sie, „mussten die Leute ihre Wertsachen abgeben."
Rosi legte ihr Buch Alice im Wunderland neben sich auf die Couch. Erwartungsvoll sah sie Else an.
Der Knoten war eines Tages unbemerkt geplatzt. Am Ende der ersten Klasse konnte Rosi lesen. Seitdem war sie süchtig nach lesen. Kein Buch und kein Schriftstück war vor ihrer Wissbegier sicher. Sie liebte die unbekannten Welten, die sich mit jeder neuen Seite vor ihr auftaten und unweigerlich in ihren Bann zogen. Schon bald hatte sie alle Bücher in der Schulbibliothek gelesen. Aber Else hatte einen riesigen Schrank voller Bücher. Doch der war verschlossen.
„Da gehst du nicht ran”, hatte Else gesagt. „Ich brauche deine Hilfe. Zuviel lesen macht wirr im Kopf.“
„Ja”, erwiderte Else jetzt, „aber nur Dinge, die sie nicht unbedingt brauchten.”
„Und hätten sie Nazis gefunden“, sagte Rosi, „hätten sie die standrechtlich erschossen.”
Vor Schreck ließ Else ihr Strickzeug fallen. Erregt stand sie auf.
„Wie kannst du denn so etwas sagen“, wies sie Rosi zurecht. „Das hätten sie niemals getan!“
„Das hat doch die Stadelmann gesagt”, sagte Rosi kleinlaut. „Und die muss es ja wissen. Ihr Nazischwager in Weimar hat sich nämlich auf dem Dachboden versteckt. Unter einem Berg Lumpen. Aber die Amis haben ihn doch gefunden. Und erschossen.”
„Wer sagt denn so was?”
„Na die Schmids."
„Die Schmids?"
„Ja. Zu Frau Müller.”
„Die spinnen doch.” Else war jetzt echt wütend. Auf die Russen ließ sie nichts kommen, seit sie sie singen und tanzen gesehen hatte.
„Und dann hat sie noch gesagt”, sagte Rosi. „Er ist zu früh aus dem Krieg zurückgekehrt.”
Else hatte sich wieder beruhigt. Sie setzte sich auf die Couch und strickte weiter.
„Ich geh mal Essen holen”, sagte Rosi.
„Untersteh dich!“ Else warf ärgerlich ihr Strickzeug in die Ecke des Sofas. „was sollen denn die Leute denken?”, murrte sie.

*

Auf dem Marktplatz stand eine russische Gulaschkanone. Wenn die Kirchenuhr zwölf schlug, konnte sich jeder, der selbst kein Mittagessen kochen konnte oder wollte, eine Portion Erbsensuppe mit ein paar Stückchen Wurst darin holen. Meistens machten größere Kinder und Alte davon Gebrauch. Mit einem Kochgeschirr in der Hand, stellten sie sich in eine Reihe und warteten geduldig, bis sie dran waren. Ein Russe langte dann mit einer großen Suppenkelle in den eisernen, riesigen Topf. Aus dem duftete es köstlich. Die Kinder sogen den verführerischen Duft wie schnuppernde Hunde ungeduldig in ihre Nasen. Wenn sie endlich dran waren, schüttete ein Russe die Suppe ins Kochgeschirr. Zwei andere Soldaten standen rechts und links der Gulaschkanone und bewachten den Vorgang. „Spasibo!”, riefen die Kinder. Mit ihrem Essen im Kochgeschirr rannten sie fröhlich nach Hause.
„Spasibo”, sagte Rosi artig und rannte mit ihrem Kochgeschirr in Brühl 18.
Auf dem Hocker vor dem Plumpsklo machte sie es sich bequem und löffelte das Kochgeschirr bis zum letzten Tropfen leer.
„Köstlich”, freute sie sich.
Rosi versteckte das Kochgeschirr im Ziegenstall ohne Ziegen und lief zum Bahnhof.
Am Bahnhof kamen fast stündlich überfüllte Güterzüge, manchmal auch Personenzüge, mit Flüchtlingen und Soldaten an. Alle sahen etwas zerlumpt und erschöpft aus. Oft warteten sie stundenlang in der Bahnhofshalle, bis ein russischer Offizier mit einem Dolmetscher kam. Der Offizier sah fast so schneidig aus, wie die Amioffiziere. Und er benahm sich auch so. Die russischen Offiziere schliefen nicht in der Scheune. Sie hatten sich im Hotel Zum Roten Hirsch einquartiert. Und natürlich durften die Kinder sie nicht besuchen.
Der Dolmetscher hatte immer einen Packen Zettel in seinen Händen, Darauf standen die Namen der Flüchtlinge und Soldatenrückkehrer. Nachdem der Dolmetscher die Namen aufgerufen hatte, stellten sich dir Flüchtlinge rechts neben den russischen Offizier. Die Soldaten links. In einer Reihe hintereinander.
Wenn alle aufgerufen waren, verließen sie mit dem Dolmetscher die Bahnhofshalle und liefen die Bahnhofstraße entlang bis zum Rathaus.
Im Rathaus gab es eine russische Verwaltung. Eine Kommandantur. Die sorgte für Ordnung. Die Flüchtlinge wurden an die umliegenden Dörfer verteilt, damit sie dort eine Wohnung finden konnten. Einige blieben auch in Buttstädt. Sie wurden bei Familien untergebracht, die genug Platz für sie hatten.
Soldaten ohne Angehörige in Buttstädt konnten bleiben. In der Bahnhofshalle und im Rathaus konnten sie eine Vermisstenanzeige aushängen. So könnte man die Angehörigen vielleicht schneller ausfindig machen.
Karl war auch diesmal nicht unter den Rückkehrern.

Enttäuscht trottete Rosi zum Russenlager. In der Unterwendenstaße, die auch zum Schwimmbad führte, hatten die Russen in einer alten Scheune ein Lager eingerichtet. Da gab es wunderbare Dinge zu bewundern. Alte Militärmäntel. Jacken und Hosen aus derben Zwirn. Tschapkas aus echtem Fell. In weiß, grau, schwarz, braun. Oder in allen Farben durcheinander. Offiziersmützen und einfache Käppis. Pluderhosen und lange, dicke graugrüne Mäntel. Stiefel und Schuhe in Mengen. Und schöne dicke Decken. In einer Ecke lagen alte Gewehre, Fahrräder, Kochgeschirre, Töpfe, Geschirr und Besteck aus Blech. Das Schönste jedoch waren russische Kostüme. Die waren wunderschön. Bunt bestickt mit Seidengarn aus leuchtenden Farben. Pluderhosen. Jacken. Mützen. Und Hemden mit langen weiten Ärmeln. All dies lag säuberlich zusammengelegt in offenen Regalen aus Metall. Neben Musikinstrumenten, die die Russen auch für ihre Auftritte brauchten.
An manchen Nachmittagen oder Abenden unterhielten sie die Bevölkerung mit einem kleinen Kulturprogramm. Sie sangen und spielten russische Lieder. Zum Beispiel Katjuscha. Herrlicher Baikal. Oder Kalinka. Das war der schönste Tanz. Und das schönste Lied war Heidenröslein von Johann Wolfgang von Goethe. Das sangen die Russen auf Deutsch.
„Wie gefühlvoll”, sagte Else jedes Mal. Und jedes Mal liefen die Tränen über ihre Wangen. „Und wir haben ihnen so viel Leid zugefügt”, flüsterte sie bewegt. „Und an den Idioten Hitler geglaubt.” Mit einer Hand wischte sie sich die Tränen von den Wangen. „An ein tausendjähriges Reich. So ein Quatsch.”

Für die Soldaten ohne Angehörige hatten die Russen eine Baracke gleich neben der Scheune aufgebaut. In der standen an den Wänden Doppelstockbetten aus Metall. Genau wie in der Scheune nebenan. Dort konnten die Soldaten schlafen. Neben jedem Bett stand ein Spind für die persönlichen Sachen. Der war auch aus Metall.
Tagsüber sah man die Soldaten kaum.
„Wo sind die deutschen Soldaten?“, hatte Rosi mal einen Russen gefragt.
„Rabota, rabota”, hatte der geantwortet.
„Und wo?”, wollte Rosi wissen.
„Ich nicht weiß”, lachte der Russe.
Rosi hat nie erfahren, wo die Kriegsrückkehrer ohne Angehörige tagsüber waren.
An manchen Abenden saßen die Russen und die Deutschen zusammen an langen Tischen aus rohem Holz. Sie tranken Wodka, erzählten und sangen gemeinsam traurige Lieder. Meistens von Sehnsucht. Heimweh. Und Liebe. Und dazu spielten die Russen auf ihrer Balalaika. Eine Balalaika sah fast so aus, wie Elses Mandoline. Nur, dass sie nicht fünf Saiten hatte, sondern nur drei. Außerdem war sie dreieckig. Nicht so oval wie eine Mandoline. Na, jedenfalls waren die Gesänge mit dem Balalaikaspiel wunderschön und zu Herzen gehend, wie Else immer wieder betonte.
Allerdings war jetzt das Tor verriegelt. Weit und breit war kein Russe zu sehen. Auch kein Kriegsrückkehrer.

*

Rosi ging weiterhin jeden Tag heimlich zum Bahnhof, in der Hoffnung, dass Karl eines Tages doch unter den Rückkehrern sein würde. Else schien ihn ja schon vergessen zu haben.
„Wenn er wirklich noch lebt”, hatte sie gesagt, „wird er sich schon melden. Er weiß ja, wo wir wohnen.”
Else hatte ja jetzt den Richard. Und der war bestimmt nützlicher als Karl. Er arbeitete immer noch als Schlosser bei Vetter in der Maschinenfabrik in der Nähe des Bahnhofs. Er erledigte auch alle schweren Arbeiten im Haus. Aber sie würde die Hoffnung niemals aufgeben. Sie war sich ganz sicher, eines Tages würde Karl unter den Kriegsrückkehrern sein. Er würde sie sofort sehen, in die Arme nehmen und mit ihr nach Hause gehen. Da würde Else aber staunen. Und der Richard müsste verschwinden.

***


Episode 3

Karl kommt nach Hause

Schon bald wurde das Schwimmbad wieder geöffnet. Dann das Kino. Und am ersten September konnten die Kinder wieder in die Schule gehen. Das war das Allerschönste. Neuerdings gab es keine richtigen Schuhe mehr in den Schuhgeschäften. Eigentlich gab es keine richtigen Geschäfte mehr. Sie waren einfach leer. Die Waren, die es im Krieg noch gab, waren verschwunden. Vielleicht wurde ja nichts mehr produziert, weil die Menschen nicht wussten, wie es weitergehen sollte, und die meisten Fabriken ja auch zerstört waren. Jedenfalls gab es jetzt in dem Schuhgeschäft am Markt statt richtigen Schuhen Klapperlatschen. Das waren Sohlen aus Holz. Mit einem Lederriemchen darüber, damit die Füße nicht herausrutschen konnten. Mit diesen Klapperlatschen klapperten die Kinder fröhlich in der Schule treppauf treppab. Das machte großen Spaß. Und natürlich ganz schönen Lärm. Doch der störte niemanden.

Fräulein Roth war verschwunden. Viele andere Lehrer auch.
„Alles ist jetzt ganz anders”, sagte Trude, die jetzt schon in die dritte Klasse ging. „Die Roth war eine Nazitante. Und die meisten anderen Lehrer waren auch Nazis.”
„Und deine Schwester auch”, erinnerte Rosi Trude.
„War sie nicht”, widersprach Trude. „Nur im Jungmädelbund. Das ist nicht Nazi.”
„Und jetzt ist sie mit einem Ami in Amerika.” Rosi schaute Trude trotzig an. „Und wo sind die hin?”, wollte sie wissen.
„Wer denn?”
„Na die Nazis.”
„Das weiß ich auch nicht”, sagte Trude, „frag doch mal deinen Stiefvater. Der ist doch Kommunist. Der wird es schon wissen.”
„Der weiß es auch nicht”, sagte Rosi, „außerdem ist er nicht mein Stiefvater.”
„Und warum wohnt der dann bei euch.”
„Nur so. Der hilft uns eben. Eine Frau mit vier kleinen Kindern ist nichts. Jedenfalls hat das mal die Stadelmann gesagt.”
„Na, die muss es ja wissen.” Trude klapperte fröhlich davon. „Bis zur Pause”, rief sie noch.
Rosi lief in ihren ehemaligen Klassenraum. Eine erste Klasse gab es noch nicht. Jutta müsste ja auch in die Schule kommen. Doch Else hatte noch nichts vorbereitet. Sie hatte auch noch nicht darüber gesprochen.

Alle Kinder waren da. Neugierig setzte sich jedes Kind auf seinen Platz. Rosi wie gewohnt, Reihe eins, Sitz zwei.
Geduldig warteten die Kinder auf einen Lehrer. Oder eine Lehrerin. Endlich klingelte es zur ersten Stunde. Pünktlich acht Uhr.
Die Tür ging auf. Der Lehrer betrat den Klassenraum. Wie gewohnt, sprangen die Kinder auf.
„Guten Morgen Herr Lehrer”, riefen sie im Chor.
„Guten Morgen Kinder”, antwortete der Lehrer. „Setzt euch.”
Artig setzten sich die Kinder wieder auf ihre Plätze. Gespannt sahen sie zu dem Lehrer. Was wird er sagen?

In dem Klassenzimmer hatte sich einiges verändert.
„Das Hitlerbild ist weg“, sagte Rosi zu Bärbel, die auf Platz drei saß.
„Und die Hakenkreuze auch”, flüsterte Bärbel. „Wo sind die hin?“
Der Platz an der Wand neben der Tafel war leer. Dort, wo der Gobelin mit dem Hitlerbild, eingerahmt von zwei riesigen Hakenkreuzen, hing, war etwas heller als die übrige Wand. Und, wie Trude gesagt hatte, gab es keinen Katzentisch mehr. Und keinen Rohrstock.
„Der Rohrstock ist weg”, flüsterte Rosi.
„Und der Katzentisch auch”, flüsterte Bärbel zurück.
„So Kinder.” Der Lehrer trat hinter dem Lehrerpult hervor. Er stellte sich in die Mitte der Klasse und sagte: „Ich will mich erstmal vorstellen. Ich bin der Herr Mayer.” Herr Mayer ging zur Tafel und schrieb seinen Namen mit einem großen Kreidestückchen darauf. „Mayer. Mit y”, lachte er. „Ich bin euer Klassenlehrer und begleite euch bis zur vierten Klasse. Ich hoffe, wir kommen gut miteinander aus.” Zustimmend klatschten die Kinder in die Hände. „Wie ihr schon festgestellt habt”, fuhr Herr Mayer mit einem verschmitzten Lächeln fort, „gibt es ab sofort keinen Katzentisch mehr. Und keinen Rohrstock. Die Prügelstrafe ist bei mir abgeschafft. Das verspreche ich euch. Ansonsten besprechen wir alles Weitere morgen. Da trifft sich Punkt acht Uhr die ganze Schule auf dem Schulhof. Auch die Eltern sind eingeladen. Alle werden informiert, wie es nun nach dem Krieg weitergehen soll. Für heute ist Schluss. Ihr könnt nach Hause gehen.”
„Juhu!”. Die Kinder rannten aus dem Klassenzimmer.
„Wie die wilde Jagd.“ Herr Mayer beobachtete das Treiben an der Klassentür. „Wie die wilde Jagd”, schmunzelte er. Er war jung und sah sehr gut aus. Bestimmt war er ein guter Lehrer.
„Er gefällt mir”, sagte Bärbel. „Bis morgen dann. Ich muss nach Hause. Meine Mutter wird immer kränker.“

*

Endlich klingelte es zur Pause. Trude stürmte aus der Schultür und hätte Rosi fast umgerannt.
„Was machen wir jetzt?“, rief sie fröhlich. „Wir haben eine neue Lehrerin. Die ist topp. Und keine Nazitante.“
„Wir haben einen neuen Lehrer. Der ist auch topp. Und kein Nazionkel“, freute sich Rosi. „Komm, wir gehen zum Russenlager. Vielleicht singen die Russen wieder was.”
„Oder sie tanzen”, freute sich Trude.
Doch diesmal war kein Russe zu erblicken. Auch kein Deutscher. Das wuchtige Tor war verschlossen. Es war ja auch noch nicht Abend.
„Ich will noch nicht nach Hause”, sagte Rosi.
„Ich auch nicht”, war Trude einverstanden. „Ist ja sowieso keiner da. Ich weiß gar nicht, wo meine Mutter den ganzen Tag ist. Und was sie macht. Auch nicht, wann sie nach Hause kommt. Naja“, Trude holte tief Luft, bevor sie sagte: „Jedenfalls ist sie früh immer da und macht Frühstück.“
„Ist doch auch gut“, sagte Rosi fast neidisch. „Da kannst du machen, was du willst. Und Mecker gibt es auch keine.“
„Stimmt“, stimmte Trude zu, „komm, wir laufen zu den Mannstedter Wiesen”, schlug sie vor.

Zu den Mannstedter Wiesen kam man nicht nur über die Mannstedter Straße. Man konnte auch den Weg abkürzen. Also liefen Trude und Rosi bis zur Brauereistraße. Vorbei an dem alten Bunkerkeller unter der Erde, immer weiter bis zu den Wiesen. Hier plumpsten sie fröhlich ins hohe Gras. Jetzt, im September, gab es nicht mehr so viele Margariten mehr. Und Butterblumen und Pusteblumen auch nicht. Aber die Blätter vom Löwenzahn gab es noch in Hülle und Fülle. Auch Spitzwegerich und Breitwegerich. Und viele verschiedene Gräser, die immer noch blühten und sich geheimnisvoll bewegten. Obwohl kein Windchen wehte. An den langen Halmen krabbelten munter die Insekten auf und ab. Lustig schwankten sie mit den Gräsern hin und her.
„Hörst du, wie es summt und brummt”, flüsterte Rosi andächtig, so, als wolle sie die geheimnisvolle Ruhe der Natur nicht stören.
„Ja“, flüsterte Trude zurück, „die spielen alle miteinander. Und erzählen sich was.”
„Und wie still es hier ist. Guck mal, die Wolken. Die spielen auch.”
Andächtig schauten die Kinder in den Himmel. Ab und zu huschte ein Sonnenstrahl durch das Weiß und Blau der schnell vorüberziehenden Wolken. Manchmal verweilten sie etwas. Als müssten sie Atem schöpfen, um dann ihre Reise unermüdlich fortzusetzen.
„Weißt du, wohin die Wolken ziehen?Sie bleiben nie stehen.” Rosi verschränkte ihre Arme verträumt unter ihrem Kopf. „Vielleicht gibt es ein Wolkenland”, sagte sie.
„Vielleicht auch ein Vogelland”, lachte Trude und sprang auf.
„Das gibt es”, sagte Rosi. „Nämlich die Wiesen. Und die Bäume. Und die Baumstämme. Da kriechen die Vögel auch rein.” Rosi rückte ihren Kuhfellranzen von Wally unter ihrem Kopf zurecht. „Mayer. Mit y”, lachte sie und stand ebenfalls auf.
Trude hüpfte auf einem Bein hin und her. „Lustig“, sagte sie. „Und bestimmt nicht so streng wie die blöde Roth. Und er hat keinen Rohrstock.”
„Und keinen Katzentisch.”
„Und meine Lehrerin ist auch topp.“.
Fröhlich liefen die Kinder den Weg zurück zum Brühl.
Else wartete schon mit dem Mittagessen. Das musste ja pünktlich auf dem Tisch stehen. Wenn Richard um zwölf Uhr Mittagspause hatte.

Nachdem Richard gegangen war, räumte Else mit Rosi den Tisch ab.
„Wasch du mal ab”, sagte sie zu Rosi. „Ich muss Bertraud Johanna schlafen legen. Sie ist schon ganz unruhig.”
Else ging die Treppe hoch ins Schlafzimmer. Sorgfältig legte sie Bertraud Johanna in ihr weiß gestrichenes Holzbettchen und blieb eine Weile sitzen.
Rosi ging in die Küche und tauchte den Tauchsieder in einen großen mit Wasser gefüllten Topf.
Nach einer Weile kam Else zurück in die Stube. „Ich brauche etwas Ruhe”, sagte sie. „Also lauf nicht immer hin und her.”
Else griff nach ihrem Groschenroman und legte sich auf die Couch.
„Mama”, sagte Rosi vorsichtig, „du sollst morgen um acht Uhr auch mit in die Schule kommen.”
„Warum denn das?” Else blickte genervt auf. „Du findest doch den Weg auch ohne mich”, sagte sie. „Bist doch schon groß. Ich habe ja wohl noch mehr zu tun.”
„Aber, aber … ”, versuchte es Rosi nochmal.
„Nichts aber”, wimmelte Else Rosi ab. „Lesen kannst du ja jetzt auch”, fügte sie spöttisch hinzu.
„Aber Herr Mayer hat…”. Rosi hielt erschreckt inne. Die Türglocke schellte. Um diese Zeit. Mittags. Seltsam.
„Na, mach schon auf “, sagte Else, „vielleicht ist es die Schmids. Wir wollten doch Russentücher nähen.”

Es war nicht die Schmids. Es war Karl.
„Mama, Mama!” Rosi warf sich in Karls ausgestreckte Arme. „Mama! Komm her. Papa ist wieder da. Er ist nicht tot! Er ist hier!”
Mit Rosi auf dem Arm ging Karl die paar Schritte zur Stubentür. Stürmisch trat er ein.
„Ich lebe mein Schatz“, sagte er zu Else. Er zog Else von der Couch und küsste sie. „Der Krieg ist zu Ende. Ich habe überlebt.” Er stellte Rosi auf den Fußboden. „Jetzt wird alles gut”, freute er sich. „Ein neues Leben kann beginnen. Unser Leben.” Karl sah sich suchend um. „Wo sind denn die anderen Kinder?”, fragte er dann. „Ich sehe nur meine kleine Prinzessin.”
Else stand fassungslos neben Karl. Sie hatte noch kein Wort gesagt. Was sollte sie auch sagen? Bestimmt dachte sie an Richard. Was würde der sagen, wenn er von der Arbeit kommt?
„Sie spielen am Alten Bach”, stotterte Else. „Sie kommen erst zum Abendessen zurück.”
„Freust du dich denn gar nicht?” Karl sah Else enttäuscht an. „Du siehst so verwirrt aus”, sagte er leise.
„Doch, doch”, erwiderte Else abwesend. „Ich bin nur so überrascht. Warum hast du denn nicht geschrieben?”
„Habe ich”, sagte Karl. „Aber die Feldpost. Es herrscht ja schon lange überall ein heilloses Durcheinander.“
„Ich muss mit dir reden Karl”, raffte sich Else endlich auf. „Solange die Kinder noch draußen spielen. Bis zur Sperrstunde um achtzehn Uhr müssen sie ja wieder zuhause sein.“
„Ja, ja, zum Abendessen, Hast du ja schon gesagt”, gab Rosi ihren Senf dazu.
Jetzt wurde es spannend. Rosi stellte sich in Lauschpositur.
„Du kannst auch spielen”, sagte Else da. „Los, ab mit dir.”

Als die Kinder am Abend nach Hause kamen, saßen Else, Richard und Karl am Tisch. Keiner sagte ein Wort. Am Fliegenfänger zappelten die Fliegen. Ängstlich setzten sich die Kinder nebeneinander auf die Couch. Sogar Bertraud Johanna traute sich nicht zu Else, um wie gewohnt, auf ihrem Schoß herumzualbern.
„Komm her”, sagte Rosi, als sie sah, dass sie nicht wusste, wie sie sich verhalten sollte, und nahm sie auf ihren Schoß.
Auf dem Tisch stand kein Abendessen. Kein Trinken. Nichts. Karl saß neben Else. Richard saß ihnen gegenüber. Mit seinen großen Augen starrte er Else traurig an. Karl hatte besitzergreifend einen Arm um sie gelegt. ‚Es ist meine Frau‘, wollte er wohl damit ausdrücken.
Rosi beobachtete mit einem mulmigen Gefühl diese ungewöhnliche Situation. Karl hatte noch immer den abgetragenen, langen Militärmantel an. Und das Käppi auf seinen dunklen, streng nach hinten gekämmten Haaren. Wo war nur seine schneidige Uniform? Die stramme Haltung? Karl sah so zerlumpt aus, wie die anderen Rückkehrer auch, die Rosi täglich auf dem Bahnhof begegneten. Die, zu hunderten zusammengepfercht, in den überfüllten Gütertransportzügen standen, in Buttstädt ausstiegen oder weiterfuhren.
Mitleidig sah Rosi Karl von der Seite an. Er spürte wohl ihren Blick. Denn plötzlich stand er abrupt auf und lief in den Hof. Rosi setzte Bertraud Johanna auf die Couch und folgte ihm.
Karl stand auf einer hohen Leiter, die an dem Ziegenstall ohne Ziegen lehnte. Er schaute in den schon etwas dämmrigen Himmel. Über sein Gesicht liefen die Tränen.
„Bist du traurig Papa?” Rosi stellte sich an die Leiter. Vorsichtig nahm sie Karls Hand, die krampfhaft die Außenleiste umklammerte, und streichelte sie. „Ich auch, Papa”, versuchte sie, Karl zu trösten. „Du kannst doch trotzdem hier bleiben. Da muss der Richard eben weg.”
„Das geht nicht.” Karl stieg die paar Sprossen der Leiter hinab. Er nahm Rosi in seine Arme und sagte: „Das geht nicht. Deine Mutter hat sich von dem Kerl schwängern lassen.”
Was ist denn schwängern Papa“, wollte Rosi wissen.
„Schwängern? Ach so, ja “, stotterte Karl. „Deine Mutter, meine Frau, hat sich von dem Dingsda, dem Richard, ein Kind machen lassen”, sagte er wütend. „Von so einem Hergelaufenen. So einem Eindringling”, polterte er weiter.
„So wie du und Mama die kleine Bertraud Johanna?“
„Ja, genau so.” Jetzt liefen Karl wieder die Tränen übers Gesicht. „Und nun will sie sich scheiden lassen”, sagte er kaum hörbar. „Sie will den heiraten, von dem das Kind ist.”
„Es kann ja auch von dir sein”, versuchte es Rosi noch einmal.
„Nein, kann es nicht“, wurde Karl wieder wütend. „Ich war doch nach meinem letzten Urlaub nicht mehr hier. Und der liegt schon mehr als zwei Jahre zurück.”

Rosi verkroch sich im Verschlag unter dem Braunen Feldhasen und den Betenden Händen. Es war alles zu traurig. Was sollte sie nur machen? Jetzt, wo Karl endlich wieder da war und sie alle zusammen sein könnten, wollte ihn Else nicht mehr. Und alles wegen Richard. Dem Eindringling. Das sollte nun einer verstehen.
Rosi wusste nicht, wie lange sie, leise vor sich hinweinend, unter den Bildern gehockt hatte und wohl eingeschlafen war.
Sie schreckte erst auf, als sie Else, Richard und Karl die Treppe hinauf kommen hörte. Else verschwand wohl mit Karl im Schlafzimmer, denn Richard sagte zweimal: „Else, Else, das kannst du mir nicht antun.”
Dann klappte die Tür zur Kammer zu.


***

Fortsetzung folgt
 
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