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7 Seiten

LIEBE, WAS SONST? - Teil 4 von 5, Flucht

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Nur noch läppische 20 Kilometer bis Heilbronn. Ich weiß gar nicht mehr, was ich dort suche. Oder will ich mich einfach nur verstecken? Vor was verstecken? Im ersten Augenblick war ich natürlich geschockt und trat den Rückzug an. Aber so schlimm ist die Wahrheit gar nicht und ich sollte mit ihr leben können. Mittlerweile habe ich mich beruhigt und denke über den entscheidenden Rest nach:

Eine Woche später findet wieder ein Fest unter Freunden statt und diesmal herrscht richtig sommerliches Wetter.
Ich bin gerade in einer Gartenlaube und mische dort Salate zusammen mit Schafskäse und Thunfisch. Ich höre Stimmen; und ich kenne die Stimmen ...
„Du solltest es ihr bald sagen“, sagt die weibliche Stimme. „Es tut mir zwar leid, Georg, aber ich bin meinem Sohn verpflichtet und ich kann es nicht länger geheim halten.“
„Aber ich habe Angst davor“, sagt die männliche Stimme nach langem Zögern. „Es war doch ein Versehen, es ist einfach passiert.“
„Das stimmt und ich habe natürlich auch Angst davor. Aber ich möchte doch nur meinen Sohn beschützen, weil ich vielleicht nicht mehr lange...“ Die weibliche Stimme bricht ab.
„Ja, das verstehe ich natürlich. Aber Steff, was verlangst du da von mir?“
Ich lausche angespannt: Was geheim halten lassen? Was ist passiert? Und worum geht es eigentlich? Denn mittlerweile habe ich geschnallt, dass Georg und Stephanie - von ihm Steff genannt - sich dort unterhalten. Meine Eifersucht und möglicherweise auch meine Hormone sind wieder voll entbrannt. Was zum Teufel haben diese beiden miteinander! Am liebsten möchte ich dazwischenfahren, doch dann höre ich Stephanie sagen:
„Wenn sie erfährt, dass mein Thomas von dir ist ...“, sie macht eine Pause, bevor sie weiterspricht, „dann wird sie mir das vielleicht nicht verzeihen können. Aber ich will doch ihre Verzeihung. Sie ist meine beste Freundin und ich mag sie sehr. Warum habe ich ihr das nicht früher gesagt? Stimmt ja, ich hatte keinen Grund dazu, aber jetzt habe ich einen. Und es tut mir so leid, Georg, aber ich kann nicht anders.“
„Ich wusste es ja auch nicht, verdammt noch mal!“ Das ist die Stimme von Georg. „Sonst hätte ich es ihr natürlich gesagt. Und was soll ich jetzt tun? Ich habe einen Sohn! Wie zum Teufel soll ich damit umgehen? Natürlich verstehe ich dich. Oh ja, Steff! Und ich hoffe das Beste für dich und für uns alle.“
Ich habe genug gehört. Ich bin geschockt und ziehe mich zurück. Ich will nichts mehr wissen und will nichts mehr davon hören! Ich will nur noch denken und grübeln.
Also, diese beiden haben ein Kind miteinander, es gilt zwar als Kind des vor Kurzem noch mit Stephanie verheirateten Bäckermeisters, aber Georg ist der wirkliche Vater. Mein Georg? Oh nein, und ich dumme Nuss kriege in ein paar Monaten auch ein Kind. Ich muss weg von hier, hätte ich letzte Woche schon tun sollen.
An diesem Punkt fange ich an zu planen. Wo soll ich hin? Zu meiner Freundin Andrea, oder zu meiner Schwester Donnie? Beide wohnen im Ruhrgebiet. Oder zu Freund Ralf, der in Berlin studiert? Nein, auf keinen Fall zu Ralf, denn das ist reine Frauensache. Meine Tante Lisa kommt mir in den Sinn. Sie ist die jüngere Schwester meines Vaters und niemand wird mich bei ihr vermuten.
Wieder packe ich ein paar Sachen zusammen und überlege, ob ich eine kurze Notiz hinterlegen soll. Aber was sollte ich schon groß schreiben? So was wie: ‚Schon wieder hast du mich angelogen.‘ Damals war es sein Vermögensstatus, den er mir verheimlichte. Oder: ‚Ich bekomme ein Kind von dir, aber du hast doch schon eins.‘
Nein, nein, auch das will ich nicht, weder das eine noch das andere. Ich liebe ihn doch und er hat es ja auch erst vor Kurzem erfahren. Aber im Moment geht es nicht mit ihm zusammen. Also schreibe ich auf die altmodische Weise einen Brief an ihn. Und der ist ehrlich:
„Mein King,
ich liebe dich über alles. Aber ich muss jetzt überlegen. Ich weiß, dass du der Vater von Thomas bist. Ich habe es zufällig mitbekommen. Ich weiß aber nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich brauche Zeit. Vielleicht wenig, vielleicht ein bisschen mehr. Aber ich komme auf jeden Fall zurück, also suche nicht nach mir.
Dein Stern, der ich immer lieben wird.
PS: Und sag bitte Thomas, dass er nach den Katzen sehen soll, falls welche hungrig vor der Scheune stehen.“

Ja, es stimmt. Ich werde Thomas nicht aufgeben, ich mag ihn sehr und es ist mir egal, von wem er gezeugt wurde. Er kann schließlich nichts dafür.
Während die Landschaft schnell an mir vorbeizieht, denke ich an diese Zeilen. Ich habe die Wahrheit geschrieben und diese Wahrheit erleichtert mich ein bisschen. Und sie wird vielleicht auch Georg erleichtern, denn jetzt muss er sie mir nicht mehr beibringen. Das habe ich ihm erspart. Außerdem weiß er, dass ich nur noch eine Woche Urlaub habe und dann gewiss zurückkehren werde. Er kennt mein ausgeprägtes Pflichtbewusstsein.
Hilfe, ich glaube, dass ich gleich anfangen werde zu weinen. Nein, das passiert zwar nicht, aber ich muss nach der Kotztüte greifen, weil mich ein heftiger Würgereiz überkommt. Dem Himmel sei Dank ist mein Magen leer und ich kann die Tüte zur Seite legen. Ich bin aber auch verdammt leichtsinnig, denn alles Mögliche hätte passieren können. Nein, das Fahren werde ich einschränken müssen, denn kotzen auf der Autobahn könnte schwer in die Hose oder auf die Lenkung gehen. Also sollte ich mir was für die Rückfahrt überlegen. Mit dem Zug fahren und den Karmann stehenlassen? Nein, daran will ich noch nicht denken.
Ich will doch nur bei Georg bleiben, ich will doch nur überlegen. Aber ich komme zu keinem Ergebnis. Und unser Kind? Ich habe noch gar keine Vorstellung davon. Wird es ein Junge sein oder ein Mädchen? Kann ich eine gute Mutter sein, oder falle ich zurück in die Verhaltensweisen, die meine Mutter und deren Mutter immer praktiziert haben. Will heißen: Wenn der Nachwuchs nicht spurt, dann schlag ihm ins Gesicht. Und wenn er dann nicht weint, dann schlag ihm noch einmal ins Gesicht.
Nein, niemals! So will ich auf keinen Fall sein. Ich werde mein Kind lieben und beschützen. Aber noch habe ich gar kein Gefühl für das, was in mir heranwächst. Die Zukunft ist verschleiert. Alles ist jetzt ungewiss und meine Phantasie, die mir immer geholfen hat, ist hilflos der neuen Situation ausgesetzt.
Doch jetzt muss ich aufpassen, denn die letzte Autobahn-Ausfahrt ist erreicht, jetzt geht es nur noch über ein paar Dörfer und ich sollte mich nicht auf den letzten Kilometern verfahren.
Ich komme bei Tante Lisa an und fühle mich wie ein Häufchen Elend. Nein, das stimmt so nicht: Ich fühle mich wie ein richtig großer Haufen Elend.
Ich muss diesen Mist loswerden, muss darüber sprechen, sollte erfahren, was andere darüber denken. Wird Tante Lisa mich verstehen? Ich denke mal, sie hat sehr viel Feingefühl für so etwas.
„Betrügt er dich?“, fragt sie mich als Erstes. Stimmt ja, sogar der supertolle Onkel Nobbie, den alle Frauen mögen, unter anderem auch meine Schwiegermutter Hilde, hatte vor ein paar Jahren ein Verhältnis mit einer Expatientin und Tante Lisa fühlte sich sehr verletzt deswegen.
„Nein, das ist es nicht.“
„Aber was ist dann los mit dir? Komm, trink ein Glas Rotwein mit mir und wir sprechen drüber.“
„Ich sollte nichts trinken, obwohl ich es gerne möchte ...“, sage ich zögerlich. Gut, dass ich mir vor ein paar Monaten das Rauchen abgewöhnt habe. Es war schwer und ich musste unheimlich viele Tricks anwenden, um es auf Anhieb zu schaffen. Aber jetzt ist es gut für mich und das Kind. Und das Nichtsaufen sowieso.
„Das glaube ich nicht! Bist du etwa schwanger?“ Tante Lisa ist kinderlos und kümmert sich deswegen hingebungsvoll um all ihre Nichten und Neffen. Vermutlich als Kinderersatz.
„Stimmt! Und ich will das auch nicht glauben, aber mein Frauenarzt erzählte mir davon. Er hat mir sogar einen Mutterpass verpasst. Haha, Pass verpasst, wie witzig!“
Tante Lisa kommt auf mich zu und umarmt mich. Ich finde es zwar tröstlich, aber die Sache ist verzwackt. Ich kann das alles noch nicht realisieren, fange an zu weinen und kann gar nicht aufhören damit.
„Eigentlich ist das doch gut, was ist denn los?“, fragt Tante Lisa mich.
„Ja schon“, schluchze ich vor mich hin. „Alles ist gut, außer dass Georg mit meiner Freundin schon ein Kind hat. Ich habe es durch Zufall erfahren, als die beiden drüber gesprochen haben. Na gut, er wusste anscheinend auch nichts davon.“
Tante Lisa schweigt, muss sich wohl erst neu sortieren.
„Und jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll.“
„Das ist schlimm“, sagt sie.
„Der Witz an der Sache ist, dass sie meine beste Freundin ist. Und ich kenne das Kind und liebe es, es ist ein Junge und es ist Georgs Kind.“
Meine Tante sagt nichts, aber ich glaube, sie schaut mich mitleidig an.
„Und Georg weiß noch nichts von unserem Kind. Nein, das konnte ich ihm nicht sagen.“
„Komm mal her zu mir“, sagt Tante Lisa.
Ich will es zuerst nicht, aber sie zieht mich trotzdem an sich, sieht in mein verheultes Gesicht und das tröstet mich irgendwie. Meine Tränen versiegen allmählich und ich fühle mich besser.
„Und was wirst du jetzt tun?“, fragt sie mich.
„Wenn ich zwei oder drei Tage bei euch bleiben könnte? Das wäre schön. Ich muss überlegen, was ich tun soll. Ich kann aber nichts tun, es ist passiert ...“
„Natürlich kannst du bei uns bleiben, egal wie lange es dauert. Und ich denke, Georg ist ein guter Mann, ich kenne ja seine Mutter, die Hilde.“
„Wer mag Georg nicht? Vor allem die Frauen ... Ist genauso wie bei Hardy.“
Tante Lisa kennt Hardy ja durch seinen Vater, aber wieso sieht sie verlegen aus, als sie daraufhin sagt: „Wir haben zurzeit noch einen anderen Besucher im Haus. Also musst du mit dem kleinen Gästezimmer vorliebnehmen.“
Kleines Gästezimmer? Stimmt ja, es gibt noch ein großes Gästezimmer, nämlich das ausgebaute Dachgeschoss. Tante Lisa und Onkel Nobbie kann man zu den Begüterten zählen.
„Kein Problem“, sage ich erleichtert und richte mich im kleinen Gästezimmer ein. Natürlich bin ich müde, aber richtig schlafen kann ich nicht. Muss an so vieles denken.
-*-*-
Am nächsten Morgen treffe ich in der Küche auf den anderen Besucher und kann es nicht fassen. Zufall? Schicksal? Oder habe ich das selber angerichtet, indem ich Hardys Vater damals die Adresse von meinen Onkel Nobbie gegeben habe? Die beiden waren Studienkollegen, hatten sich aus den Augen verloren und ich habe sie wieder zusammengebracht. Himmel, die Vergangenheit lässt mich einfach nicht in Ruh.
Hardys Vater - auch Proff genannt - kommt auf mich zu, stutzt, als er mich erkennt und versucht mich zu umarmen. Wie soll ich reagieren? Ist doch alles vorbei. Aber ich lasse seine Umarmung zu. Ich hatte damals nicht die Gelegenheit, mich von ihm zu verabschieden, denn ich war total durcheinander, als ich Hardy endgültig verließ.
„Wie geht's dir, mein Billardschatz?“, fragt er mich. Stimmt, wir hatten uns im Keller seines Hauses kennengelernt, als ich aus Hardys Bett kam und am Billardtisch ein paar Stöße übte. Er sprach darüber, dass die Männer in seiner Familie in ihrem Leben nur eine einzige Frau lieben würden. Ich konnte das nicht glauben. Hardy und nur eine einzige Frau im Leben lieben? Hardy und überhaupt lieben? Hielt ich für unwahrscheinlich.
Ich schaue dem Proff fest in die Augen und behaupte tapfer: „Mir geht's gut.“
„Und wo ist dein Mann?“, fragt er mich daraufhin. Ha, er ist ja gut informiert über mich und Georg. Das geht ihn doch gar nichts an und ich gebe ihm keine Antwort darauf.
Was zum Teufel passiert hier? Zwei Frauenärzte in unmittelbarer Nähe? Mein Onkel Nobbie mit einer Praxis und der andere Professor der Gynäkologie im Krankenhaus? Beide werden mich schnell durchschauen, aber das werde ich nicht zulassen! Dem Himmel sei Dank hat der Proff heute anderes vor und verabschiedet sich bedauernd von mir. Und das ist gut so, ich will nämlich nicht mit ihm über die Vergangenheit sprechen, geschweige denn über meine Schwangerschaft.
Also lasse mich in die Aktivitäten fallen, die meine Tante Lisa für mich angemessen hält.
Ich lerne den Kraichgau kennen, eine schöne Landschaft, man kann gut wandern dort. Wandern hört sich blöd an, ich nenne es Spazierengehen. Es gibt viele Hütten, um dort eine Kleinigkeit essen oder trinken zu können. Oh ja, es ist schön hier, die Berge sanft gerundet. Das Klima ist - wie Onkel Nobbie mir erzählt - gemäßigt ohne großen Frost im Winter und angenehm warm im Sommer. Automatisch muss ich ans Weserbergland denken, da ist es lausig kalt im Winter und kühl sogar im Sommer. Auch wachsen hier im Kraichgau viele Laubwälder, die vermischt sind mit Tannen. Die gibt in meiner Heimat auch nicht oft, dort ist fast alles nach den Kriegen in einen monotonen Fichtenwald umgewandelt worden. Ein reiner Nutzwald, in dem das Holz schnell wächst und geerntet werden kann. Ist mir egal, ich liebe meinen Wald.
Trotz dieser klimatischen und landschaftlichen Unterschiede sind die Leute hier genauso freundlich wie die in meiner kargen kalten Heimat. Außerdem kann ich zwischendurch unauffällig in den Mischwald kotzen, ohne dass es jemandem auffällt. Aber das passiert selten.
Und ich sehe den Neckar und seine Weinberge. Auch das ist unmöglich an der Weser, dort gibt es keine warme Südseite und deshalb ist es sehr ungemütlich für Reben.
In einem Restaurant findet ein großes Grillessen statt, aber ich habe keinen Hunger auf Fleisch und esse Gemüse und Salat. Es gibt Komplimente vom Wirt, der mich bevorzugt behandelt. Tante Lisa sagt zu mir: „Der steht auf dich.“ Es bedeutet mir nichts, aber ich muss lachen. Wo hat sie diesen Jargon her?
Ich liege einsam in meinem Gästebett, vor mich hin grübelnd. Ich bin immer noch unentschlossen. Soll ich einen empörten Auftritt hinlegen oder soll ich allen Beteiligten verzeihen? Es gibt aber nichts zu verzeihen. All dies ist vor meiner Zeit geschehen. Ha, trotzdem hat Stephanie mir nicht die ganze Wahrheit gesagt. Sie hat zwar zugegeben, mit Georg geschlafen zu haben. Aber dass Georg der Vater von Thomas ist, davon hat sie mir nichts erzählt. Warum nicht? Es muss doch einen Grund dafür geben. Ich grübele weiter.

Zum Teil danach: http://webstories.eu/stories/story.php?p_id=129126
Zum Teil davor : http://webstories.eu/stories/story.php?p_id=129093
 
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