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5 Seiten

Le Catacombe dei Cappuccini

Kurzgeschichten · Erinnerungen
Wo der Tod zweitausend Gesichter hat!
Dove la morte ha duemila volti!


Prolog:

Liebe Leserinnen und Leser,
liebe Gothic-Orientierte,

ich weiß nicht was mit mir los ist.

Ich schaute vor einigen Tagen, ich glaube, es war letzten Sonntag, aus dem Fenster, die Wolken hingen tief und es regnete.
„Wo bleibt die Sonne“, ging es mir gleich durch den Kopf, während eine Post-Rosinenwaffel-Depression mich mit Trübsal erfüllte.
Diese negativen Vibrationen bekomme ich regelmäßig, wenn ich mehr als fünfzig Prozent meiner back frischen Rosinen-Waffelvorräte (niederl: Voorraad rozijnenwafels) aufgebraucht habe.

Und so ist es auch am Sonntag gewesen.

Köstliche selbst gebackene Sonntagswaffeln (niederl.: Rozijnenwafels op zondag) -

(Tipp: Waffeleisen auf Stufe 5 gestellt und dann den Rosinenteig genau 4 Minuten lang zwischen den Backplatten schmoren lassen! Kirschen und Schlagsahne nicht vergessen! )

- welche schon in den ersten Backminuten einen herrlichen Geruch (niederl: heerlijke geur) in der Wohnung verbreiteten. Da möchte man gar nicht mehr lüften.
Aber halt! Ohne Lüften geht es nicht.

Das hat man auch in den „Katakombe dei Cappuccini“ (Palermo/Sizilien) einst begriffen und dafür gesorgt, dass dort 24 Stunden lang täglich ein frischer Wind durch die Nekropole weht.

Wie komme ich jetzt vom Waffelbacken auf eine Begräbnisstätte?
Das ist doch krank, oder?
Nun, wenn ein Familienmitglied dies lesen würde, wäre die klare Antwort an mich: “Ist doch logisch. Wenn Du weiter so ungesund isst, landest Du da auch bald!“

Aber nun zu den Catacombe dei Cappuccini, bevor es dafür für mich zu spät ist:

Wenn man ein gewisses Alter im Leben erreicht hat, hat man in der Regel auch eine überschaubare Anzahl von Beerdigungen mitgemacht.
Festzustellen ist, dass in unserem Kulturkreis der Tod im Regelfall nur noch optisch versteckt von den Hinterbliebenen erlebt wird. Vom Todeszeitpunkt an wird der Leichnam vor den Blicken der noch nicht gestorbenen optisch meist verborgen. Oft haben die Angehörigen weder Möglichkeit noch großes Interesse den Toten vor der Beerdigung noch einmal aufgebahrt zu sehen. Je nach Qualität der sozialen Verhaltensweisen des Verblichenen zu Lebzeiten kann man dies im Einzelfall durchaus nachvollziehen.

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„Ist der Deckel erst mal zu,
hat man das Schlimmste hinter sich!“
(Zitat: mir unbekannter Beerdigungsunternehmer)
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Dies war in der mittelalterlichen bäuerlich-dörflichen Gemeinschaft auch Umstände bedingt anders, da dort der Tote manchmal durchaus 1 Woche in einem Raum noch in seinem Totenbett praktisch allen Angehörigen und Nachbarn zur Verabschiedung aufgebahrt war. Ohnehin hatte man in dieser Zeit ein anderes Verhältnis zum Tod, was unter anderem der hohen Kindersterblichkeit und dem begrenzten durchschnittlichen Lebensalter geschuldet war. Wer in mittelalterlichen Zeiten einen Unfall erlitt, ist daran mangels medizinischer Infrastruktur und Qualität weitaus häufiger gestorben als es heutzutage der Fall ist. Der Tod war zu diesen historischen Zeiten ein permanenter Begleiter der Menschen, welche sich durch ihre Lebensspanne kämpften.

Das es auch anders geht, als dass man die „Gesichter des Todes“ einfach verdrängt, kann man in den "Le Catacombe dei Cappuccini" (GPS Breite 38° 6'42.30"N Länge 13°20'24.63"E) erfahren. Einer italienischen Nekropole im chaotischen Palermo, welche ich persönlich vor über einem Jahrzehnt einmal besucht habe.
Vorausschicken muss ich hier, dass die Fahrt mit dem Leihwagen durch Palermo damals schon ein Abenteuer für sich war, da hier Verkehrsregeln von den Einheimischen als unverbindliche lästige Empfehlungen der Stadtverwaltung angesehen werden und nicht als Verhaltensanweisungen.
Dies führt unweigerlich dazu, dass man nach wenigen Minuten genauso selbstbewusst in die Pedale tritt wie die Einheimischen, wenn man nicht schon auf dem Fahrweg zur Nekropole ums Leben kommen will. Hier keinen Unfall mit Motorrollerfahrern zu bauen war keine Frage der eigenen Fahrkünste, sondern nur reiner Zufall.

Am Friedhof, welcher sich unterhalb des Kapuzinerklosters (convento die cappuccini) befindet, angekommen, wurde man damals gleich von einem selbsternannten Parkplatzanweiser empfangen, welcher sich optisch raffiniert mit einer gelben Signalweste eingekleidet hatte und wild gestikulierend den Touristen unbeauftragt den Weg zu einem freien kostenlosen Parkplatz (GPS Breite 38° 6'41.83"N Länge 13°20'21.32"E) zeigte. Dafür wollte er damals natürlich gleich 1 Euro abkassieren. Da mir der Kassierer des Eintrittsgeldes an der Nekropole mitteilte, dass es sich hier um einen arbeitslosen Familienvater handelte, welcher auf diese krumme Art und Weise etwas Geld verdienen wollte und der Eintritt in die Grabstätte nur ca. 2 Euro kostete, drückte ich diesem selbsternannten „Meister der Parkfläche“ das Geld in die Hand.

Nun aber wirklich zur Catakombe die cappuccini:

Es handelt sich dort um eine franziskanisch-kapuzinische Begräbnisstätte, also um einen „memento mori“, eine Mahnung an Demut, Buße und Vergänglichkeit.

1599 nC stellten die dortigen Kapuzinermönche fest, dass in ihrem sizilianischen Kloster die zur Verfügung stehenden Flächen für die Beerdigung der Klosterbrüder nicht mehr ausreichten.
Bei den Bauarbeiten zwecks Vergrößerung der Bestattungsfläche und den damit verbundenen Umbettungs-Arbeiten stellten die Kapuziner fest, dass die umzubettenden Alt-Leichen unerwartet kaum verwest waren.
Man entschloss sich u. a. deswegen, zukünftig alte und neue Leichen aufrecht stehend an den Gewölbewänden festzumachen bzw. dort festzunageln.

Im Laufe der Jahrhunderte (bis ca. 1670 nC erfolgten dort praktisch nur Bestattungen von Mönchen) sammelten sich in diesem außergewöhnlichen Friedhof somit u.a. an den Wandflächen über 2.000 Leichen an, welche bis heute für Touristen zu besichtigen sind (siehe hierzu auch: *1) Annex ganz unten).
Die älteste Mumie soll dabei bis heute der Kapuzinermönch Silvestro da Gubbio sein, welcher um 1599 nC herum dort gestorben und bestattet worden sein soll.

Spätestens ab ca. 1739 nC erkannten die Mönche, dass man mit dieser Art von Pseudo-Beerdigung gutes Geld verdienen kann, da sich immer mehr gut betuchte Interessenten der sizilianischen Mittel- und Oberschicht (ranghohe Militärs, Politiker, wohlhabende Stadtkriminelle, Ärzte ......) für eine dortige Ruhestätte interessierten.
Damals war man noch der Ansicht, dass die Beerdigung einer Zivilperson an einem solchen mystisch-religiösen Ort gleichzeitig auch einen persönlichen Vorteil beim Durchlaufen des Jüngsten Gerichts bedeuten würde. Weiterhin waren betuchte Zeitgenossen zu dieser Zeit davon fasziniert, dass man als Leichnam dort nur sehr langsam verweste.

Erst so um 1837 nC herum war es dann mit diesem Angebot zu Ende, da die dortige Bestattung in der dortigen extremen Sonderform den weltlichen Behörden nicht mehr zusagte. Im Zeitraum 1837 nC bis ca. 1881 nC durften Tote dort nur noch mit Särgen zu Grabe getragen werden.

Eine der weltweit bekanntesten Toten ist dort die kleine Rosalia Lombardo.
1920 nC soll diese im Alter von nur 2 Jahren an der Grippe gestorben sein. Diese wurde im verglasten Sarg so geschickt einbalsamiert, dass diese noch heute so aussieht, als würde sie dort nur schlafen und könnte jederzeit wieder aufwachen.
Ich kann dies bestätigen, denn ich habe mir Rosalia durch den Glassargdeckel damals genau angesehen. Ich gebe zu, es war zum Gruseln!
Ein Einbalsamierer namens Alfredo Salafia soll dafür gesorgt haben, dass der Leichnam von Rosalia Lombardo noch bis heute so gut erhalten ist. Angeblich soll er dazu eine Mischung aus u.a. Formaldehyd bzw. Formalin, Zinksalz und Glycerin angemischt haben.

Einige Tote sind in Glassärgen an den Hallendecken gebettet worden und schauen den Besucher direkt an, wenn man durch die sauber gefegte Gruft läuft. Es hat manchmal den Anschein, als würden diese dort jeden unserer Schritte verfolgen. Viele Tote, welche mit teilweise weit aufgerissenem Mund dort hängen, tragen dort noch die mittelalterliche Straßenkleidung und auch bisweilen Kopfbedeckungen (z. B. Dreispitz; vereinzelt noch mit leicht behaarten Schädeln). Kinder haben dort manchmal noch das Taufkleid an. Schon anhand der Kleidung kann/konnte man die ungefähre soziale Stellung des Verblichenen einschätzen.
Selbstverständlich wurden die Mumien dort u.a. nach Geschlechtern und Berufsklassen getrennt, etwas anderes hätte zur damaligen Zeit auch schnell Ärger gegeben. Einige Frauen haben noch einen Regen- oder Sonnenschirm in der skelettierten Hand und auch vereinzelt noch eine Handtasche. Einige Männer konnte man auch nach ihrem Tod nicht von ihrem Schwert oder Gehstock trennen.

Wer sich fragt, warum so viele Leichen dort nicht vollständig verwest sind, sollte sich vor Augen halten, dass manche chemisch einbalsamiert wurden und auch das das Tuffgestein und viel vorhandener Kalk die austretenden Leichensäfte aufgesaugt hat. Die Einbalsamierung erfolgte in vielfältiger Weise, je nach Geldbeutel und Wünsche der Hinterbliebenen sachkundig unter zu Hilfenahme von z.B. Arsen, Kalk, Kalkmilch, Venen-Formalin. Die dortige spezielle Mikroklima-Atmosphäre (es wird gut gelüftet!) tat mit ihrem Dehydriereffekt ein Übriges dazu.
Angeblich, so berichten bis heute ältere Anwohner, würde in den Gängen des Nachts das Gespenst des Grafen v. Cagliostro umherirren.

Fazit:
Absolut sehenswerte ober krasse Location, die aber auch absolut nichts für Leute mit Depressionen ist, da diese sich nach einem Besuch den Gang zum Psychiater für den Rest ihres Lebens wahrscheinlich sparen können. U.a. zum Schutz vor Beschädigungen durch geistig minderbemittelte Randalierer wurden viele Mumien durch Gitter geschützt. Auch eine Kameraüberwachung und ein nachvollziehbares Fotografier Verbot wurde dort realisiert.
Innerhalb der Katakomben hatte ich damals einen muffigen Verwesungsgeruch erwartet. Tatsächlich wehte dort aber ein geruchloser frischer Wind durch die Gänge. Zwei halbstarke Touristen mit roten Pausbacken, welche am Eingang der Gruft noch unangemessen redselig waren, traf ich später in einem der unterirdischen Gänge wieder. Das Blut war ihnen aus dem Gesicht gewichen und mit käseweißem Gesicht schienen sie plötzlich wortkarg geworden froh zu sein, den Ausgang wieder erreicht zu haben. Ihnen dürfte die Zweifelhaftigkeit des Spruchs

"STERBEN TUN IMMER NUR DIE ANDEREN"

vielleicht dort klar geworden sein.


E N D E



A n n e x

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Weiterer ähnlicher Besichtigungsvorschlag:
Catacombe di San Gaudioso Piazza Sanità,
14, 80100, Neapel Italien
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*1)
Wer einen visuellen Film-Vorgeschmack über diesen
Friedhof haben möchte, sollte im Google-Suchfeld
einfach einmal „youtube Catakombe die cappuccini“
eingeben.
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