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Der Wal (Tesserakt 3)

Romane/Serien · Fantastisches
Storybild
Das gesamte Viertel war zur Sperrzone erklärt worden. Sämtliche Straßen waren abgesperrt, die Häuser ganzer Straßenzüge evakuiert worden. Zudem war ein hoher Zaun gezogen, damit bloß niemand hineingelangen konnte. Sogar Wachen gab es.
All das konnte ich von einer Wohnung in einem oberen Stockwerk eines Hauses einer angrenzenden Kreuzung aus beobachten. Auch in der Umgebung der Sperrzone, genaugenommen im gesamten Bezirk waren Menschen aus Angst weggezogen, hatten ihre Wohnungen aufgegeben, sind an vermeintlich sicherere Ort geflohen.
Das hatte sicher auch damit zu tun, dass die Erde unter Berlin seit dem Auftauchen des Würfels regelmäßig bebte. Der Asphalt der Straßen war an vielen Stellen aufgebrochen, nicht wenige Häuser hatten Risse bekommen. Vollkommen klar, dass das die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, vor allem, weil ihnen nach wie vor niemand mit Sicherheit sagen konnte, was es mit den Würfeln auf sich hatte.
Während ich am Fenster stand und meinen Blick über die inzwischen in Dunkelheit gehüllte Stadt streifen ließ, musste ich an Bilder aus der Zeit vor der Wende denken. Damals war es hier in Berlin eine Mauer gewesen, mitten durch Deutschland aber ebenso ein unüberwindbarer Zaun. Nur war der damals nicht gebaut worden, um Menschen zu schützen.
Ob das auf diesen Zaun zutraf, bezweifelte ich inzwischen allerdings auch. Sicher, vor einigen Monaten, als mein Bruder und ich zur Beerdigung unseres Vaters nach Berlin gekommen waren, hatte ich den Würfel auch als absolute Bedrohung angesehen. Vor allem, nachdem er meinen Bruder sozusagen verschluckt hatte. Was sonst hätte ich auch denken sollen?
Heute war ich mir da nicht mehr so sicher. Viel war seitdem geschehen. Zunächst einmal die Berichte, dass die Würfel, die Tesserakte, wie sie genannt wurden, überall auf der Welt aufgetaucht waren. Aus allen Teilen der Erde hatte es Berichte über Menschen gegeben, die das gleiche Schicksal ereilt hatte, wie meinen Bruder. Was es mit den Würfeln auf sich hatte, darüber gab es damals wie heute nur Spekulationen. Oder aber die Regierungen sagten uns nicht alles, was sie wussten.
In den Nachrichten hatte ich einen Bericht über eine große Sicherheitskonferenz hier in Deutschland gesehen. Politiker, Vertreter des Militärs, Wissenschaftler und wer weiß wer noch alles hatten über die Würfel diskutiert und angeblich versucht, gemeinsame Strategien zu entwickeln. Herausgekommen ist dabei letztlich nichts.
Hier bei uns wurden die Areale um die Würfel evakuiert und großräumig abgesperrt, in anderen Teilen der Erde war die Zerstörung so groß, dass die Gebiete sowieso unbewohnbar geworden waren, in wieder anderen hatte man nur Warnschilder aufgestellt, weil man sicher war, es würde sich ohnehin niemand in die Nähe wagen.
Einige Tage nach der Konferenz war im Internet allerdings ein Video aufgetaucht, das sich ziemlich schnell verbreitet hatte. Ein indischer Wissenschaftler erklärte darin, er habe das Blinken im Inneren des Würfels dekodiert. Dieses Blinken hatte ich damals mit eigenen Augen gesehen. Ich wusste, dass im Inneren des Würfels etwas vor sich ging, für das ich natürlich keine Erklärung hatte. Dieser Wissenschaftler aber behauptete, es sei eine Botschaft an die Menschheit. „Wir sind gekommen, um euch zu retten, der große Wal wird euren Planeten verschlingen“ oder so ähnlich.
Natürlich habe ich wie die meisten das als völligen Irrsinn abgetan, als Verschwörungstheorie, als Geschwurbel. Im Internet wurde sich darüber lustig gemacht, viele Medien griffen das Thema auf und taten es ebenso als Humbug ab. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal mehr, warum es so viral ging, vielleicht einfach, weil es so absurd war.
Draußen war es jetzt vollkommen dunkel geworden, so dass ich das Fenster schloss und meinen gepackten Rucksack ergriff. Durchs Treppenhaus ging ich nach unten, angespannt und voller Gedanken, die ich im Kopf bewegte. Nach wie vor war ich unsicher, ob ich das Richtige tat. Aber auszuharren und abzuwarten war für mich keine Alternative mehr.
Zu gerne hätte ich meine Mutter mitgenommen. Sie aber war nach dem Verschwinden meines Bruders so mutlos gewesen, dass sie Berlin kurz darauf verlassen hatte. Von meinen Plänen wollte sie nichts wissen, ihr kam es nur darauf an, möglichst weit weg von diesem unheilvollen Würfel zu sein. Ein Stück weit konnte ich sie verstehen.
Mein Weg aber war ein anderer. Er führte mich in den Hinterhof des Hauses und dann durch schmale Gassen zwischen den Gebäuden immer näher an den Zaun heran. Die Route hatte ich mir auf Google Maps zuvor sehr genau angesehen, mir genau überlegt, welcher Weg wohl der sicherste war.
Die meisten Häuser hier standen wie gesagt leer, doch es gab Wachen am Zaun und auch Polizeistreifen, die hier Patrouille fuhren. Ihnen durfte ich auf keinen Fall in die Arme laufen.
Gerade zwängte ich mich durch einen engen Durchlass zwischen zwei Gebäuden, der vermutlich nicht mehr als eine Brandschutzmaßnahme gewesen war. Links und rechts von mir ragten unverputzte fensterlose Mauern bis in den Nachthimmel auf. Es wirkte durchaus gespenstisch, aber auf der Karte hatte ich diesen Durchgang gesehen, der mich bis an den Zaun bringen würde.
Einmal musste ich noch eine Straße überqueren, dahinter aber gab es einen weiteren Durchlass zwischen den Häusern. Womit ich leider nicht gerechnet hatte, waren die Mülltonnen, die hier standen. Sie waren eingekeilt zwischen den Hauswänden, ließen sich nicht schieben. Vielleicht eine Folge der Erdbeben. Auf jeden Fall blieb mir nichts anderes übrig, als drüber zu klettern.
Wenn mich dabei jetzt jemand sieht, weiß er, dass ich etwas Verbotenes vorhabe, schoss es mir durch den Kopf. So hob ich zuerst meinen Rucksack über das Hindernis, schwang mich dann auf den Plastikdeckel der Tonne, wobei ich hoffte, dass er mein Gewicht aushielt, sprang an der anderen Seite wieder hinunter. Obwohl ich im normalen Leben nicht sonderlich viel Sport machte, gelang es mir nahezu lautlos.
Lautlos war auch der Wal gewesen, den Astronomen irgendwann in den Weiten des Weltalls entdeckt hatten. Auch hier hatte es Videos gegeben, die im Internet viral gingen. Auch hier hatte es Fernsehberichte gegeben, die diesmal allerdings einräumen mussten, dass besagtes Video nicht als Fälschung überführt werden konnte.
Wenige Wochen später hatte die Welt dann die Gewissheit. Es tauchten mehr Aufnahmen jenes seltsam schimmernden riesigen Wesens auf, das unwiderlegbar in unsere Galaxie eintauchte. Der schillernde Wal war mit Teleskopen erkennbar, noch etwas später dann sogar mit bloßem Auge. Seitdem leuchtete er in den Farben eines Regenbogens am Nachthimmel und kam uns immer näher.
In den Medien wurde darüber berichtet, dass er den Neptun verschlungen habe, spätestens jetzt wurden Menschen panisch. Es wurde von einem Wesen gesprochen, das sich niemand erklären konnte, trotzdem trafen einige Staaten Vorkehrungen, Atomwaffen ins All abzufeuern. Die schiere Größe des Wals legte nahe, dass ihm keine Waffe eines Planeten, der gerade einmal so groß wie sein Auge war, ihm je etwas anhaben könnte.
Geduckt rennend überquerte ich die Straße, quetschte mich durch die nächste Gasse und konnte den Zaun bereits sehen. Ein hoher Metallzaun, der grundsätzlich niemanden abhielt, der unbedingt hindurch wollte, aber ihn wohl lange genug aufhielt, so dass Wachleute ihn entdecken konnten. Diesen Zweck erfüllte er.
Das wusste ich natürlich und hatte mich darauf vorbereitet. Deshalb ja dieser Weg zur Grenze des Sperrgebietes. Da das mitten in der Stadt lag, hatte in der Kürze der Zeit kein durchgehender Zaun gebaut werden können. Es gab etliche stellen, in denen er an Hauswände grenzte, diese Mauern den eigentlichen Zaun ersetzten. Doch wo der Zaun an eine Mauer stieß, musste eine Schwachstelle sein.
Sehr genau hatte ich mir Berichte über das Sperrgebiet und insbesondere über den Bau des Zauns angesehen. In einigen Videos meinte ich zu erkennen, dass die Zaunelemente nur notdürftig an den Hauswänden angebracht waren. Meine Hoffnung war, dass ein Zaunelement vor einem solch engen Durchschlupf, wie ich ihn nutzte, noch weniger Beachtung gefunden hatte, als an anderen Stellen.
Als ich den Zaun erreichte, hatte ich die Gewissheit. Das Metall war in der Wand verankert worden, aber an beiden Seiten jeweils nur an zwei Stellen. Im Rucksack schleppte ich einiges Werkzeug mit, ein Bolzenschneider, den ich im Keller unserer Eltern gefunden hatte, würde mir ausreichen.
Trotzdem musste ich vorsichtig sein. Zunächst einmal spähte ich auf das Gelände hinter dem Zaun. Auf den ersten Blick sah es zwar noch aus wie eine ganz normale Stadt, bei genauerer Betrachtung waren aber tiefe Risse in den Gebäuden erkennbar, die Straßen waren durch das stetige Beben der Erde aufgebrochen, an einigen Stellen trat Wasser aus, weil wohl auch alle Leitungen geborsten waren.
In der Ferne erkannte ich zwei Gestalten in dunklen Uniformen, die dort patrouillierten. Sie entfernten sich von mir. Daher hockte ich mich hin, setzte den Bolzenschneider an der Verankerung dicht über dem Boden an. Es kostete mich einige Kraft, dann aber gab es ein Knacksen, das mir in der Stille der Nacht ohrenbetäubend vorkam.
Ein Blick zu den Wachen bestätigte meine Befürchtung. Die beiden hatten sich umgedreht, sahen sich suchend um. Sie redeten miteinander, wobei ich nicht verstehen konnte, was sie sagten. Unweigerlich hielt ich kurz dem Atem an, als ich sah, dass die beiden sich daraufhin in meine Richtung in Bewegung setzten.
Je näher der Wal der Erde kam, desto aufgeregter wurde in den Medien darüber berichtet. Natürlich wurde auch bald wieder über die These der indischen Wissenschaftler diskutiert. Sie hatten den Wal ja sozusagen vorausgesagt. Damit war ihre These, also ihre Entschlüsselung der pulsierenden Würfel dann auch bewiesen.
So naheliegend dieser Schluss war, so hoffnungsvoll hörte er sich auch an. Kein Wunder also, dass Scharen von Menschen jetzt zu den Würfeln pilgerten, um sie zu berühren. Es kam zu wahren Völkerwanderungen und oftmals auch zu Kämpfen, wer denn als erster am Ziel war. Das war etwa drei Wochen her und damals wollte jeder zu den Erretteten gehören.
Wieder waren es die Medien, die zur Vorsicht mahnten und Wissenschaftler ins Rampenlicht zerrten, die zu bremsen versuchten. Es sei absolut nicht sicher, dass der Wal die Erde verschlingen würde, sagten sie, es sei absolut nicht sicher, dass die Würfel wirklich die Rettung davor waren. Ebenso konnte es auch sein, dass die Tesserakte die Zerstörung brachten und der Wal die Welt durch ein Verschlingen würde retten können. Nichts könne man mit Sicherheit sagen. Allerdings hatte der Wal inzwischen auch Uranus, Saturn, Jupiter und den Mars verschlungen.
Zur gleichen Zeit gab es aus vielen westlichen Ländern Berichte darüber, dass die Regierungen entschieden, wer sich zuerst den Würfeln nähern dürfe. Allen voran hatten sich etliche reiche Unternehmer dieses Recht erkauft. Sie und ihre Familien wurden zu den Würfeln gelassen, während Sperrzonen errichtet und alle anderen dadurch abgehalten wurden.
Natürlich waren es auch nicht alle Superreichen, die an die Errettung glaubten. Einigen wurde bewusst, dass sie ihren Reichtum hier zurücklassen mussten, und sie zogen es vor, sich eine Rettung der Welt einzureden. Doch den Reichen folgten hohe Regierungsmitglieder, angesehene Prominente und schließlich ein paar Nobelpreisträger. Von ihnen hieß es, sie seien von den Regierenden gebeten worden, mitzukommen, da man ihre Fähigkeiten auf der anderen Seite brauchen würde.
Niemand wusste natürlich, was diese andere Seite war, ob es sie überhaupt gab. Die Eile aber, mit der die, die es sich leisten konnten, das sinkende Schiff verließen, überzeugte viele und am Ende auch mich, dass die Flucht, dass die Würfel unsere einzige Chance war. Nur wurde zu dieser Zeit schon kaum noch jemand durchgelassen, da viele glaubten, dass es dort zu eng werden könnte.
Die beiden Wachleute kamen weiter auf mich zu. Ich hatte mich flach auf den Boden, wagte es kaum, den Kopf zu heben. Zum Glück wucherte hier im Durchgang das Unkraut. Sie leuchteten mit Taschenlampen, ich konnte jetzt ihre Stimmen hören. Bloß ein Geräusch, hörte ich sie schlussfolgern, es hätte alles sein können. Erleichtert atmete ich auf, als sie endlich wieder abzogen und ihren Kontrollgang fortsetzten.
Diesmal wartete ich, bis sie außer Sichtweise waren. Dann durchtrennte ich den zweiten Bolzen, legte mich sofort wieder flach auf den Bauch. Sie kehrten nicht zurück. Also drückte ich den Zaun so weit von der Hauswand, dass ich hindurchschlüpfen konnte. Noch einmal sah ich mich um. Niemand war zu sehen.
Ein kurzes Stoßgebet, dann rannte ich gebückt los. Nach kaum zwanzig Metern hörte ich Stimmen hinter mir, die Wachen hatten mich bemerkt und die Verfolgung aufgenommen. Sie riefen mir zu, ich solle stehenbleiben, sonst müssten sie schießen. Zum Glück gab es genug Hausecken und zum Glück wusste ich genau, wo sich der Würfel befand. So schnell ich konnte, rannte ich dorthin. Alles andere war egal.
Das Licht im Inneren des Würfels pulsierte immer noch so, wie ich es vom ersten Abend in Erinnerung hatte. Diesmal jedoch ängstigte es mich nicht, sondern erschien mir wie ein hoffnungsvolles Leuchten in dunkler Nacht.
Unwillkürlich wurden meine Schritte langsamer. Fast ehrfurchtsvoll näherte ich mich den Würfel. Er sollte mich vor dem Wal retten. Daran glaubte ich fest, weil ich es glauben musste. Was sonst gab es noch für eine Hoffnung? Wenn das, was die Tesserakte uns zu sagen versuchten, wahr war, konnte ich so dem Wal entkommen, bevor er die Erde verschlang. Wenn nicht, könnte diese Berührung mein Ende sein. Ganz rational war es eine Fünfzig-Fünfzig-Chance. Emotional würde ich, egal, was gleich passierte, zumindest dort sein, wo auch mein Bruder war.
Am Ende der Straße tauchten die beiden Wachleute auf. Wieder riefen sie mir zu, ich solle stehenbleiben, den Tesserakt auf keinen Fall anfassen. Ein kurzer Blick nach hinten zeigte mir, dass sie ihre Waffen auf mich gerichtet hatten. Es blieb mir also keine Zeit, meine Entscheidung noch einmal zu hinterfragen. Außerdem hatte ich sie ohnehin längst getroffen.
Langsam streckte ich den Arm aus, ging einen Schritt nach vorne. Dann berührte ich mit der Fingerspitze zögerlich die Oberfläche des Würfels.
 
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