
Spike outete sich sofort als Nichteingeborener, als er am Ortsausgang von Oldcem eine Greisin fragte, ob es auch einen anderen Weg nach Shothouse außer der Hauptstraße geben würde.
„Einen anderen Weg?“, fragte das Weiblein sichtlich entsetzt und guckte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Da werden sie doch nicht hergehen wollen!“ Kopfschüttelnd und vor sich hin murmelnd ging das Weiblein weiter.
„Was zum Teufel ist los mit diesem Weg, Kitten?“, fragte Spike Andy. „Die spinnen hier, die alten Weiber“, sagte Andy. „Die finden, der Wald ist unheimlich und die Straße ist sicher. Ist doch Quatsch! Hier gibt es nichts außer... vielleicht Wildschweinen.“ Andy schüttelte sich ein wenig, denn eigentlich hatte sie eine panische Angst vor Wildschweinen, eine Angst, die sie aber nie zugeben würde.
„Wildschweine?“, fragte Buffy auch nicht gerade begeistert. „Zu dieser Zeit sind sie nicht gefährlich, sie haben noch keinen Nachwuchs und zu fressen gibt es auch genug“, erklärte Andy. Trotzdem sah sie etwas besorgt aus.
Der fabelhafte Waldweg entpuppte sich als ein breiter nicht asphaltierter Weg, der parallel zur Straße verlief. Man konnte die Straße zwar nicht sehen, aber Spike hatte das Gefühl, dass sie nicht weit wäre.
Sie schlenderten langsam den ausgetrockneten Waldweg entlang. Der Wald an der Ostseite von Newcem bestand aus Fichten und Kiefern. Ein richtiger Märchenwald. Spike hatte zwar noch nie eine Fichte von einer Tanne unterscheiden können, so wie er keinen Ahorn von einer Platane unterscheiden konnte, aber hierbei war er sich sicher. Das waren Fichten. Für Tannen wäre das Klima zu trocken und zu rau gewesen, und Kiefern wuchsen auch unter den bescheidensten Ansprüchen, ähnlich wie Birken, von denen es auch ein paar gab. Teilweise sah man dichtes Unterholz, eideartige Flecken mit Sträuchern, die reife Brombeeren trugen, teilweise gab es auch Flecken mit Blaubeeren. Aber alles in allem schien es ein spartanisches Land zu sein. Und wenn hier nicht soviel Wald gewesen wäre, dann hätte man die hohen Berge hinter dem Wald sehen können.
Sie wanderten schweigend dahin. Sogar Morgan war sehr ruhig für ihre Verhältnisse. Sie untersuchte gerade einen großen Ameisenhaufen, und Spike überlegte, ob das gefährlich werden könnte. Er dachte an 'Marabunta', den Ruf, den die Eingeboren in Südamerika ausstoßen, wenn sich die wilden Kriegsameisen auf ihren zerstörerischen Weg machen und ganze Landstriche kahl zurücklassen. Diese Ameisenvölker schleifen ihre Königin immer mit sich herum und fressen alles - auch größere Tiere - was sie auf ihrem Wege finden ... Grässlicher Gedanke, fand Spike und scheuchte diesen Gedanken weg. Denn diese Ameisen schienen relativ harmlose rote Waldameisen zu sein. Allerdings sollte man sich nicht in so einen Ameisenhaufen setzen...
„Uuuii schaut mal!“ Alle wurden von Buffys Stimme aufgeschreckt. „Da sind Hasen!!! Richtige Hasen!!! Und so große!!!“
Spike und Andy blickten umher, konnten aber beim besten Willen keine Hasen sehen, sondern nur ein paar zierliche Rehe. Vielleicht war Rehe nicht das richtige Wort, vielleicht war es Hirsche, Damwild oder ähnliches, aber Hasen waren es mit Sicherheit nicht. „Brauchst du 'ne Brille?“, fragte Spike und sah sie besorgt an. „Aber das sind doch Hasen“, Buffy verharrte stur auf ihrer Meinung. „Du brauchst wirklich 'ne Brille, Buffy.“ „Und was soll das sonst sein?“, fragte Buffy unsicher geworden.
„Kennst du die berühmten Hirschhasen? Die wachsen nur in der Gegend von Newcem. Und nur ein Mädel namens Buffy kann sie sehen.“ Spike amüsierte sich köstlich. Buffy war einmalig. Eine Jägerin, die ein Reh nicht von einem Hasen unterscheiden konnte. Okay, es gab natürlich auch Hirsche und Damwild, aber so genau knannte er sich auch nicht damit aus. Buffy schwieg daraufhin ein wenig verlegen.
Die zwei Meilen nach Shothouse zogen sich ganz schön hin. Buffy rangierte Gwydions leichten Kinderwagen auf dem holprigen ausgetrockneten Waldweg herum, und Spike trug schließlich Morgan, denn die Kleine konnte noch nicht so weit laufen.
„Ich glaube, wir sind da“, sagte Andy nach einer Stunde schließlich. „Da ist es!“
„Da ist was!?“, fragten Buffy und Spike wie aus einem Munde, denn sie sahen... nichts. Oder doch, bei genauerem Hinsehen, allerdings nur von Spike, (für Buffys Hinsehen wollen wir keine Garantie geben), sah er doch tatsächlich eine Ansammlung von vier (4?) Häusern, und auch bei genauerem Hingucken wurden es nicht mehr.
„Hier steppt der Bär“, sagte Spike schließlich. „Hier kommt kein Bär hin“, sagte Buffy.
Andy fühlte sich ein bisschen schuldig, weil hier so absolut nichts war. Diese verdammten Städter erwarteten immer so spektakuläre Sachen. Und urplötzlich verspürte Andy Sehnsucht nach Ricky, nach Ricky, der die Gegend hier kannte und überhaupt nichts von dieser Gegend erwartete. Und Spike, obwohl sie in ihn verliebt war, schien ihr auf einmal furchtbar fremd zu sein. Oder war sie nur in ihn verliebt, weil er so fremd war? Jedenfalls konnte sie mit Ricky schweigen, ohne dass es einem von ihnen peinlich war, und bei Ricky brauchte sie nicht so zu tun, als wäre sie interessant und intelligent - Und vor allem älter als sie in Wirklichkeit war.
„Nein, das gibt’s nicht!“, sagte Spike entgeistert, nachdem sie das zweite Haus des Ortes erreicht hatten, oder vielmehr den Anbau des zweiten Hauses des Ortes. Und Spike, neugierig wie er nun mal war, hatte die grobgezimmerte Holztür geöffnet und auch hineingeschaut.
„Was ist das?“, fragte Buffy vorsichtig und rümpfte die Nase, denn es roch hier nicht gut.
„Das, meine liebe Buffy, ist eine der Segnungen aus uralter Zeit, na ja, damals war es wohl eine Segnung. Man nennt es Plumpsklo!“ „Du meinst“, Buffy schaltete schnell nach Jägerinnenart, „Plumpsklo, weil es plumpst, wenn da was reinfällt?“
„Das ist voll korrekt“, sagte Spike grinsend. „Und ich hatte recht: Shothouse heißt in Wirklichkeit Shithouse.“
„Und wieso hat dieses Plumpsklo....“, Buffy war fasziniert von dem dunklen Kabuff und konnte sich von dem Anblick kaum losreißen, „zwei Sitze?“
„Zwei Löcher, Buffy. Nur zwei Löcher. Klodeckel gibt es nicht. Und es gibt außerdem kein Licht und bestimmt jede Menge Spinnen“. Wieder musste Spike grinsen. „Nun, ich denke mal, es hat zwei Löcher von wegen der Geselligkeit ...“
Das brachte Buffy zum Verstummen, zum einen wegen der Spinnen, zum anderen wegen der Geselligkeit.
Sie fanden übrigens heraus, dass das vierte Haus ein Gasthaus war, setzten sich auf die hölzernen Bänke, die draußen vor dem Haus standen und bekamen von einem freundlichen Wirtsehepaar kalte Limonade und kaltes Bier Cemforts Lager) serviert. Natürlich kannte das Wirtsehepaar Andy. Und sie kannten natürlich auch Bill Castaway und seinen Sohn Gwydion. Auch Buffy und Morgan kannten sie, denn der Dorfklatsch war nicht auf Newcam beschränkt, sondern hatte weite Kreise gezogen.
Auf der großen stillen Wiese, die direkt am Waldrand lag, tauchten übrigens nach einiger Zeit mehrere sogenannte Hirschhasen auf, was Spike und Andy zu wahren Heiterkeitsstürmen hinriss, die so laut waren, dass sie die schreckhaften Hirschhasen vertrieben. Und sogar Buffy musste lachen.
Nach zwei sehr lustigen Stunden hielten sich fast alle für zu müde, um zu Fuß nach Newcem zurückzulaufen, egal ob auf der Hauptstraße oder auf dem ‚gefährlichen’ Waldweg. Andy, die einzige, die zurücklaufen wollte, rief schließlich über das Telefon der Waldschenke Ricky an und bat ihn händeringend, sie alle mit dem Landrover abzuholen.
Ricky war natürlich nicht gerade begeistert, und es dauerte fast eine Stunde, bis er sich endlich bequemte, zu erscheinen. h erschien. Er wollte wohl kundtun, dass er Besseres zu tun hatte, als Leute abzuholen, die in ihrer Selbstüberschätzung zu weit durch den Wald gelaufen waren.
Nachdem er Spike beim Einladen des Kinderwagens geholfen hatte, setzte Andy sich zu ihm nach vorne und erzählte ihm von Buffys Hasen. Ricky musste lachen und schaute sich amüsiert nach Buffy um. Andy fühlte sich aus ihr unbekannten Gründen erleichtert und entspannt. Es musste wohl an Ricky liegen. Die Stadtmenschen waren so kompliziert, und man wusste nie, wie man sie zufrieden stellen konnte.
Buffy und Spike saßen müde mit den Kinder hinten im Landrover und wollten eigentlich nur noch nach Hause. Buffy war erschöpft, aber angenehm erschöpft, und ihr Kopf berührte leicht Spikes Schulter. Und er duldete es, fürwahr ...
Außerdem hatten sie alle einen wahrhaft grandiosen Hunger und langten beim Abendessen mächtig zu. Aber Cholesterin war ja kein Thema hier.