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3 Seiten

Katzenaugen

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Jeden Tag wache ich auf, springe von der geblümten Bettdecke und laufe zu meinem Futternäpfchen. Esse Huhn in Gelee, knapper ein paar Breckies und tauche meine Zunge in eine Schale Wasser.
Seitdem ich denken kann, wohn ich hier, hab meinen eigenen Baum, ein Korbbett, viele kleine, unbewegliche Mäuse und eine liebe Menschenfrau, die mir auf Befehl mein Fell durchwuschelt und das Essen besorgt.
Jetzt gerade schläft sie. Es ist 10:00 Uhr. Eigentlich müsste sie schon längst wach und weg sein, aber sicher ist Sonntag und sie kann länger schlafen.
Die letzten Tage schlief sie schnell ein. Nur kurz hatte sie da Zeit, mit ihrer Hand durch mein Fell zu streicheln. Mir kommt es so vor, als wären ihre Liebkosungen mit den Jahren schwächer geworden. Fast fühle ich ihre Berührungen nicht, aber ich schnurre, denn ihr Lächeln streichelt mich dafür um so kräftiger.
Sie riecht so anders. Irgendwie nach altem Kleiderschrank und neben dem Bett, auf dem Stuhl liegt eine Schachtel mit Kugeln. Klitzekleine bunte Kugeln, die sie vor dem Schlafen isst.
Manchmal scheint es ihr nicht zu bekommen, dann steht sie Nachts auf, ich muss von der Decke und auf der Toilette hört man sie dann speien.
Das ist sehr stressig, weil es meine Nachtruhe unterbricht, aber ich kann mich daran erinnern, dass es auch mir einmal sehr schlecht ging. Damals hatte ich mir, durch einen Sturz aus dem vierten Stock, das war aber auch rutschig, eine Hüfte gebrochen. Mehrere Wochen musste ich in einem Kasten ausharren, Bewegung war mir streng verboten. Die Hinterläufe versagten, noch heute zwicken sie manchmal, bei den kleinsten Bemühungen sie zu bewegen.
Da war sie es, die mich jeden Abend in den Schlaf streichelte, meine kleinen und großen Geschäfte aus meiner Schmusedecke entfernte und meine Kiste, den Kasten neben ihr Bett stellte.
Doch mir scheint es, als wäre sie nun kränker als ich damals. Ihre Hüfte funktioniert, aber irgendwas ist in ihrem Körper. Die Futterdosen kommen nicht mehr im Dutzend, sondern werden von ihr einzeln in den vierten Stock getragen. Ich weiß, dass es ihr schwer fällt. Würde ja auch selbst holen gehen, aber die Menschenwelt lässt unsere Intelligenz nicht zu und so geht es nicht.
Draußen scheint die Sonne. Zwitscherer fliegen von den Dächern und hastig beeilen sich die Menschen. Das ist das Fensterbrett von dem ich rutschte. Seit dem das damals passierte, trau ich mich nicht mehr darauf. Da kann das Fenster noch so weit geöffnet sein. Ich halte nur meine Nase in die Luft und genieße und erforsche all die Gerüche, die von der Straße aufsteigen. Am schönsten ist es im Frühling, wenn man all die Blüten riecht, wenn läufige Kätzchen durch die Gärten schreien und die Sonne warm in mein Körbchen scheint.
Doch es ist Winter. Schnee liegt als grauer Matsch an den Straßen. Kinder kratzen ihre Namen auf Autoscheiben und es ist viel zu kalt.
Habe eben miaut, weil ich noch einmal Hunger bekommen habe und der Napf leer ist, doch nichts regt sich unter der Bettdecke. Sie schläft weiter. Sie muss tief schlafen. Sonst hört sie das, steht auf und füllt die Näpfe auf. Komisch, miau ich halt weiter bis sie aufsteht.

Nun mach ich mir Sorgen, es ist 13:00 Uhr, meine Stimme ist fast weg und sie liegt noch immer in der gleichen Position. Hab mich auch neben ihr auf das Kissen gesetzt und ihr über das Gesicht geleckt. Das mag sie doch nicht, aber irgendwie duldet sie es jetzt. Vielleicht mag sie es ja doch. Werd mich mal auf ihren Körper legen. Ganz kalt ist sie. Kalt wie der Schnee, der draußen liegt. Aber die Heizung ist ja auch nicht an.
Es war nicht einfach unter die Decke zu kommen, aber ich hab ein paar mal gekratzt und nun liege ich auf ihrem Bauch. Der gluckert gar nicht. Gluckert sonst immer, aber dass ist gut, glaub ich. Sie ist wirklich kalt. Oder bin ich zu warm und fühle es nur als Kälte?

Hab wohl selber geschlafen. Bin gerade unter der Bettdecke heraus und draußen ist es dunkel geworden. Sie liegt immer noch so, schaut mich irgendwie an, aber irgendwie sprechen ihre Augen nicht mit mir. Nicht wie sonst.
Sonst schaut sie mich an und ich weiß wie es ihr geht. Das fühle ich irgendwie und schmieg mich dann an sie, wenn es ihr nicht gut geht. In den letzen Tagen hab ich das oft gemacht. Jetzt sagen die Augen irgendwie nichts. Was aber auch nicht schlecht ist, weil wenn ich nichts lesen kann, es auch bedeutet, dass es ihr nicht schlecht geht.
Was ist aber jetzt mit meinem Futter? So was gab es noch nie! Warum schläft sie den ganzen Tag und legt mir kein Futter hin. Das ist nicht nett. Ansonsten ist sie doch immer pünktlich. Hunger kenn ich gar nicht und ich glaube, dieses Bauchdrücken gerade muss Hunger sein.

Aber wenn es ihr nicht gut geht? Ist ihre Hüfte kaputt? Ja das muss es sein. So wie ich damals in meinem Kasten, liegt sie jetzt in ihrem Bett. Kann sich nicht bewegen. Genau wie ich einst.

Dann bin ich jetzt dran mich zu kümmern.
 
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Kommentare  

Eine sehr geile Idee von dir, mal eine ganz andere Darstellung des Todes, und schoen auch dieses Nichtbegreifen der Katze, wie sie aus ihrem Erfahrungsschatz graebt und erst langsam merkt, dass mit ihrem " Dosenoeffner " jetzt ehrlich was nicht stimmt.
Aber !!!
*g* ein aber gibts ja immer !
Ich finde deine Katze koennte katzischer sein, staende da nicht ab und zu etwas von miauen und Breckies, koennte es auch ein Hund sein.
Die kuehle Distanziertheit, die UNabhaengkeit kommt mir nicht genug raus.
Dennoch 4 Pkt fuer eine schoene Idee und eine ordentlich Umsetzung
Carpe Noctem


Ta[k]isis (27.10.2003)

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