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12 Seiten

Der alte Mann und die Finsternis - Kapitel 5-7

Romane/Serien · Amüsantes/Satirisches
Der alte Mann und die Finsternis - Kapitel 5-7

Kapitel 5

„Ich stehe immer besonders früh auf",

sagt er, als wir gegen 5 Uhr am nächsten Morgen wieder an dem kleinen Tisch sitzen, an den nur zwei Personen passen, an dem wir 2 Personen sind.

„Ich stehe immer besonders früh auf, obwohl ich eigentlich den ganzen Tag schlafen könnte, verstehen Sie?",

fragt er mich und ich nicke, während ich versuche meine Müdigkeit zu verbergen.

„Doch was ist schon Schlaf",

spricht er weiter, wobei er mich aufmerksam betrachtet.

„Sehen Sie, ich bin heute ohne Schmerzen erwacht, was merkwürdig ist, aber wahrscheinlich daran liegt, dass die letzte Nacht so schmerzvoll war."

„Es tut mir leid",

sage ich, weil ich jene Anspielung erwartet habe, und

„es tut mir wirklich leid",

weil es mir wirklich leid tut, doch er wischt meine Entschuldigung mit einer Handbewegung beiseite.

„Sie sind boshaft",

sagt er,

„es wäre wahnsinnig sich dafür zu entschuldigen, sehen Sie, ich, ich habe mich noch nie entschuldigt und wissen Sie warum? Weil Entschuldigen Schwäche ist, weil Entschuldigungen Heuchelei sind; all dieses

‚das-wollte-ich-nicht'

‚da-konnte-ich-nichts-für'

‚das-wusste-ich-nicht',

all dies ist nichts als das Eingeständnis, dass man determiniert ist, determiniert wie ein tollwütiger Hund oder die Gestapo. Sind Sie ein tollwütiger Hund?
Nein, schütteln Sie ruhig mit Ihrem nassen Fell.
Nein, schütteln Sie ruhig mit dem Kopf, wehren Sie sich, ich greife Sie an, nein, Sie sind nur boshaft, darauf sollten Sie stolz sein.
Nicht jeder kann boshaft sein",

sagt er leise,

„während es selbst dem Teufel ein Leichtes wäre sich barmherzig zu zeigen. Barmherzigkeit ist die höchste Form der Verachtung, müssen Sie wissen.
Wissen Sie es? Wie sehr muss man jemanden verachten, um ihm etwas zu schenken, denken Sie einmal darüber nach, oder lachen Sie, wenn Sie mir nicht glauben, lachen Sie, zeigen Sie mir Ihre Zähne."

*

„Sie schlafen übrigens zu tief",

sagt er, nachdem er eine Weile gelacht und darauf wiederum eine Weile geschwiegen hat.

„Es ist gefährlich zu tief zu schlafen, verstehen Sie, es birgt Gefahr."

Ich widerspreche nicht und er erläutert seinen Gedanken nicht näher, stattdessen schweigen wir eine Weile, dann erhebt er sich auf einmal, stützt sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab und starrt mir dabei geradewegs in die Augen.

„Ich habe Ihnen von meinem Traum erzählt, erinnern Sie sich, natürlich erinnern Sie sich. Es war falsch Ihnen von diesem Traum zu erzählen, und auch nur die außergewöhnlichen Umstände haben mich dazu verleitet. Sie sind boshaft, oh ja, das weiß ich jetzt, aber es ist mein Traum, hören Sie, vergessen Sie meinen Traum und ich werde versuchen zu vergessen, dass ich ihn Ihnen erzählt habe. Ich werde Sie mit etwas anderem ablenken."




Und der alte Mann sprach:

„Sehen Sie, alle Menschen halten sich für einzigartig, das ist das große Problem des Menschseins. Ich finde, es ist eine viel spitzfindigere Definition als die Geschichte vom animal rationale, denn was ist schon die Vernunft? Selbst Tiere denken doch in gewissen Bahnen vernünftig: Ein Schimpanse kann einen stärkeren Schimpansen mit einem Stock erschlagen, eine Schlange weiß, wie sie ihr Gift dosiert, aber denken Sie, ein Schimpanse käme auf die sinnlose Idee sich für einzigartig zu halten? Wie anders ist hier der Mensch?
Überall wo man hingeht, in jedem Text, den man liest, wohlgemerkt in allen menschlichen Texten, in jedem noch so kleinen Eindruck, den ein Mensch bei mir hinterlässt, da ist er, dieser unbedingte Wille nach Einzigartigkeit, verstehen Sie, darum ist der Kommunismus gescheitert, darum hat es den Kommunismus gleichsam überhaupt gegeben, verstehen Sie, nein, nicken Sie nicht, versuchen Sie nicht mich darüber hinwegzutäuschen, dass Sie nicht im Geringsten begreifen, worauf ich hinauswill.
Er widert mich an, jener Gedanke der Einzigartigkeit, den man heute gemeinhin Individualität schimpft, denn er birgt nichts als Heuchelei, und nichts ist mir verhasster als Heuchelei und Konvention, geheuchelte Konvention und konventionalisierte Heuchelei. Wo sind diese Menschen einzigartig? Nicht einmal ich bin einzigartig, das habe ich schmerzhaft erkannt, ich bin viele; haben Sie einmal erfahren, wie schmerzhaft dieser Gedanke ist, schütteln Sie mit dem Kopf, schütteln Sie ihn. Meinen Sie etwa, Sie sind einzigartig",

fragt er mich und ich schweige.

„Es gab eine Zeit, da habe ich noch an Gott geglaubt",

sagt er, während er in einen Apfel beißt, den er aus einer Tasche gezogen hat,

„und glauben Sie nicht, ich hätte meinen Glauben im Krieg verloren. Im Krieg werden selbst die Ungläubigen gläubig und es gibt nur so wenige Ungläubige auf dieser Welt. Glauben Sie nicht, es wären die Leichen gewesen, die wir Körper um Körper in den gefrorenen Boden gestapelt haben, oder jene, die wir wieder ausgruben und verbrannten, weil der Boden voll von ihnen war.
Nein, dies waren die Momente, wo ich in meinem Leben am festesten, am unwiderlegbarsten, am verzweifeltsten an Gott geglaubt habe, und es war ein zorniger Gott, zu dem ich nachts gebetet habe, ein rächender, ein unbarmherziger Gott, für den ich meine jugendlichen Hände gefaltet habe. Verstehen Sie, es war alles eins,
Leichen, Kalk und Gott, merken Sie sich diese Worte,

Leichen, Kalk und Gott.

Nein, mein Glaube wurde nur dann schwach, wenn ich etwas Schönes gesehen habe, etwas Schönes, das diese boshafte Welt in Frage gestellt hat und das doch, nach unwiderruflichen Prinzipien, dem Tod entgegenwächst,
verstehen Sie meinen Gedanken? Nein, wie könnten Sie auch. Sie haben noch nichts Schönes in Ihrem Leben gesehen und ich bin zu geizig, um Ihnen von dem meinen zu erzählen. Sie aber haben barmherzig geblickt, verstehen Sie, Heuchelei bestaunt, die vorgab schön zu sein. Ich bemitleide Sie",

sagt er und beißt ein weiteres Mal in den Apfel.

*

„Ich habe sogar eine Tochter",

sagt er auf einmal,

„verwundert Sie das, macht Ihnen das Angst?"

fragt er weiter und ich sage:

„Nein, das macht mir keine Angst."

„Ich wollte niemals Kinder",

meint er weiter,

„selbst in meinen nachdenklichsten, meinen deprimierendsten, meinen religiösesten Momenten wollte ich kein Kind, doch meine Frau, und zu diesem Zeitpunkt war sie nichts als eine Hure, meine Frau, diese Hure, hat mich betrogen, hat dieses Kind, mein Kind, hat dieses Kind in sich heranwachsen lassen und es mir nicht gesagt. Verstehen Sie das? Als es nicht mehr zu verbergen war, da habe ich ihr gedroht, habe sie angefleht, angeschrien, den sich rundenden Bauch angeschrien, damit dieses Kind, dieses Hurenkind wusste, dass es nicht erwünscht war. Ich habe es verflucht, habe getobt, ich habe es niemals gesehen,
müssen Sie wissen, habe es niemals gesehen, weil ich es niemals sehen wollte, doch man hört mehr, als man sieht, verstehen Sie",

fragt er mich und ich nicke, weil ich weiß, was er meint.
Glauben Sie ja nicht, dass ich mich deswegen schlecht fühle, glauben Sie nicht, dass ich Schuld empfinde, denn ich kann keine Schuld empfinden, aber das wissen Sie, oh ja, das wissen Sie. Empfinden Sie niemals Schuld",

rät er mir und senkt seine Stimme, so dass man ganz genau hinhören muss.

„Empfinden Sie niemals Schuld",

sagt er noch einmal,

„und wenn Sie ahnen, dass dort etwas ist, das Schuld werden könnte, vergraben Sie es, verstehen Sie, wie ich es meine, vergraben Sie es so tief als nur möglich, versenken Sie es in ihrer Finsternis, denn jeder trägt Finsternis in sich, man muss sie nur finden, diese Finsternis, finden und darin wohnen. So ist meine Pietät, das ist meine Finsternis."

*

„Ich finde nicht, dass man alle Schwuchteln unbedingt töten muss",

sagt er einfach so, ohne Zusammenhang.

„Es würde schon reichen sie zu kastrieren, diese Schwuchteln, kastrieren, bloß nicht zu wenig abschneiden, damit sie aussterben, so wie es ihre Natur wäre auszusterben.
Sie wollen Akzeptanz, ihnen reicht es nicht, wenn man sie am Leben lässt, verstehen Sie? Meinen Sie, ein Krebskranker würde darauf bestehen, dass man seinen Zustand so akzeptiert, wie er ist, meinen Sie, meine Frau hätte es gewollt, dass ich sie so akzeptiere, wie sie war, meinen Sie, Sie wäre mit einer Fahne voller Tumore durch unsere Stadt gezogen, nein, sie wollte geheilt werden, weil es menschlich ist, dass man geheilt werden möchte, ebenso, wie dass man das ausgrenzt, was einem krank und verdorben erscheint. Nur ich, ich möchte nicht geheilt werden, aber ich bin auch keine Schwuchtel, oder meinen Sie, dass ich eine Schwuchtel bin? Ich bin keine Schwuchtel, schütteln Sie mit dem Kopf, schütteln Sie ihn ruhig heftiger. Man sollte sie alle kastrieren, diese Schwuchteln. Wissen Sie, damals, noch lange vor Ihrer, lange vor meiner Zeit: warum gab es die Pestkolonien, warum gab es die Krebskolonien, die Hexenverbrennungen, die Judenverbrennungen, auch das ist menschlich, verstehen Sie, warten Sie, ich habe die Kreuzzüge vergessen, Hiroshima, Vietnam, immer ging es darum, die Rasse reinzuhalten, verstehen Sie diesen Gedanken, die Reinigung der eigenen Rasse, wobei es egal ist, ob man gelb, weiß, oder ein Nigger ist, verstehen Sie, jede Rasse muss sich reinhalten, säubern vom Unrat, der sich an den Rändern des Volkskörpers absetzt, reinigen von dem Pesthauch der Fremde, der Influenza der Andersartigkeit, verstehen Sie, Ideologie gegen Ideologie, System gegen System,
Mensch gegen den Menschen, der anders ist, nicken Sie. Es ist unsere Natur und, nein, es ist nicht einmal unsere Natur, wir sind die ihren, verstehen Sie das?
Die Natur steht über allem, die Natur ist Gott, verstehen Sie, das Naturrecht muss Naturgesetz werden, die Menschenrechte sind nichts anderes als eine christlich-jüdische Verschwörung und gleichsam die gewaltigste, die gemeinste Lüge, die es gibt.
Konventionalisierte Heuchelei. Das einzige Menschenrecht ist das Recht zu sterben, wenn man zu schwach zum Leben ist, oder wird."

Er hustet einige Male sehr heftig und als er danach Luft holt, höre ich jenes Geräusch, das er beschrieben hat und es klingt wirklich wie ein Tropfen Schleim, der aus einiger Höhe auf eine glatte Oberfläche schlägt, und ich stelle mir vor, wie sein Blut aus dem Körper in die Lunge und zurück aus der Lunge in den Körper sickert.

„In allen meinen Körpersäften ist Blut",

sagt er leise und ich bin für einen kurzen Moment betrübt und weiß nicht warum.

„Möchten Sie einen Kaffee",

frage ich und er nickt müde, weist mit der Hand über seinen Rücken hinweg auf die kleine Türe neben dem ausgestopften Bären.

„Sie wissen ja, wo alles ist",

sagt er und ich nicke, obwohl ich nicht im Geringsten weiß, wo alles ist und gehe hinüber in die kleine Küche, den einzigen Raum der Wohnung, der mir bisher unbekannt geblieben ist.


Kapitel 6

Dunkelheit schlägt mir entgegen und ich taste erst eine Weile mit der Hand an der Innenwand, bis ich einen Schalter finde und eine nackte Glühbirne sich über mir mit Licht füllt.

„Es ist eine spartanisch ausgestattete Küche und es ist eine heruntergekommene, verlebte, verbrauchte Küche, eine geradezu ekelerregende Küche",

denke ich, als ich an das schmucklose Holzregal trete,
dessen grobe Bretter in den verschiedensten Farben aufgequollen und verzogen sind. Zwischen unförmigen, längst abgelaufenen, zum Teil bereits angerosteten und übergequollenen Konservendosen finde ich ein halbvolles Glas mit Instantkaffee, den ich in zwei scheinbar saubere Tassen schütte, während ich versuche durch den Mund zu atmen, weil jener süße wesende Geruch in meinem Kopf schmerzt.

„Es ist viel sinnvoller durch die Nase zu atmen",

denke ich,

„weil die dort wachsenden kleinen Härchen die giftigen Stoffe aus der Luft filtern",

denke ich weiter und atme probeweise wieder durch die Nase und denke dann, dass ich wieder durch den Mund atmen werde, während ich den Wasserkocher, der derart verkalkt ist, dass er mich an einen Stalagmiten erinnert, mit Wasser fülle.

Als ich an den Kühlschrank trete, um trotz besseren Wissens nach Milch zu suchen, entdecke ich ein Bild, das fein säuberlich mit vier Tesafilmstreifen in der Mitte der Tür ungefähr auf Brusthöhe angeklebt ist.

Es ist ein grausames Foto, eines dieser Bilder, das geradezu leuchtet von dem ganzen Fleisch, das aufgeplatzt und überbelichtet geradezu so wirkt, als wolle es einem entgegenspringen. Es ist der Oberkörper einer Frau, beginnend knapp über dem Bauchnabel. Am Hals ist das Foto mit einem krummen Schnitt mit der Schere abgetrennt.
„Überall sind Tumore",

denke ich,

„hässliche, besorgniserregende Tumore, teils im Oberkörper versenkt, dass sie die Haut wie Krater in die Höhe drücken, teils offen, aufgeplatzt, hühnereigroß, ein Loch, in dem Eiter, Blut und Fäule um die Wette leuchten. Eine geradezu morbide, groteske menschliche Mondkraterlandschaft",

denke ich,

und der Gedanke, dass es wohl dieser Körper war, der eine mir unbekannte Zeit drüben auf dem ausklappbaren Bett gelegen hat, jagt mir einen kalten Schauder über den Rücken.
Während der Wasserkocher lauter und lauter pfeift und ächzt, bemerke ich, dass er mit einem Bleistift etwas auf das Bild gezeichnet hat und ich beuge mich ein Stück hinunter, um es genauer zu betrachten.

„Er hat ihr einen Orden auf die Brust gezeichnet",

denke ich und blicke noch einmal genauer hin.

„Warum hat er ihr einen Orden auf die zerfressene Brust gezeichnet?",

frage ich mich und wende mich ab, gieße Wasser in die beiden Becher.

„Er ist wahnsinnig",

denke ich

„nichts als wahnsinnig und böse, finster",

denke ich und trete wieder hinaus in das halbdunkle Wohnzimmer, setze mich ihm gegenüber auf meinen Platz an den kleinen Tisch.

*

„Haben Sie meine Frau gesehen, als Sie in der Küche waren",

fragt er mich und ich sage:

„ja",

während jenes grausame Bild noch Detail für Detail vor meinen Augen flimmert, jenes obszöne Bild.

„So war sie, meine Frau,

sagt er,

„was meinen Sie, warum ich dieses Foto von ihr dort hingehängt habe?",

fragt er und schaut mir dabei fest in die Augen.

„Hat es Sie erschreckt, oder gefällt sie Ihnen, diese Hure, nein, sagen Sie nichts, es interessiert mich nicht, ich will es nicht wissen, Sie wissen es ja auch nicht."

Er lacht böse.

„Ich habe es dort nicht hingehängt, weil ich krank bin, das denke Sie doch. Denken Sie, dass ich krank bin? Schütteln Sie ruhig mit dem Kopf, oder wagen Sie es zu nicken, nein, ich bin nicht krank, nicht in dieser Hinsicht, nein, es ist tatsächlich das einzige Foto, das ich von meiner Frau besitze, warum hätte ich auch ein Foto machen sollen? Der Arzt hat es mir geschenkt, ich weiß nicht warum, vielleicht war er wie Sie, vielleicht war er boshaft. Es ist auch nicht so, dass ich nostalgisch bin, nur weil ich mich nach einem Krieg sehne, einem heftigen, einem erbitterten Krieg, nein, ich fand, dass dieses Bild dahin gehört und es ist Wahrheit in diesem Bild, weil die letzten Jahre des Lebens, die qualvollsten Jahre des Lebens, die sind, die sich in die Köpfe derer einbrennen, die überleben, alles andere verschwindet. Wenn ich an meine Frau denke, dann sehe ich sie so, wie sie zuletzt war, die letzte Erinnerung, begreifen Sie, ich sehe Blut und Eiter und Tumore, schwarze Stellen in der Haut, aufgeplatztes, sterbendes Fleisch. Kein Mensch ist so gefoltert worden, wie meine Frau gelitten hat, und ich habe ihr nie verziehen, dass sie solange durchgehalten hat, während ich ihre Hand hielt, lachen Sie bloß nicht,
während ich ihre Hand hielt und ihr erklärt habe, dass sie sterben soll, dass ich will, dass sie stirbt, dass sie will, dass sie stirbt, weil da nichts mehr war, als Schmerzen und Leid, Schamlosigkeit und Selbstaufgabe, Angst und Schrecken, verstehen Sie, wie ich es meine?",

fragt er mich und ich nicke, weil er mich streng dabei ansieht.

*

„Manchmal bedaure ich es, dass ich ihr Gift gegeben habe, so wie ich jetzt mir Gift gebe, nur in stärkeren Dosen, dieser Hure, denn dann wäre sie vielleicht heute noch da und ich bräuchte keinen gekauften Freund, hören Sie, ich hätte Sie nicht gebraucht, wenn ich ihr kein Gift gegeben hätte, dieser Hure, über Jahre hinweg Gift gegeben hätte, ohne dass sie es auch nur geahnt hätte; ich habe Ihnen ja gesagt, dass sie naiv war, diese Hure. Immer öfter hat sie mir gesagt, dass es ihr schlecht ginge, doch ich habe ja nicht mit ihr gesprochen. Sie wissen es, ich habe es Ihnen gesagt,
warum hätte ich auch mit ihr reden sollen?"

Er schüttelt den Kopf.

„Ich habe nie mit ihr gesprochen, kein Wort kam über meine Lippen, wenn sie gesagt hat, dass ihr Kopf schmerzt, ihre Beine schmerzen, ihr Oberkörper, Sie kennen ja ihren Oberkörper",

sagt er und ich nicke, weil ich ihren Oberkörper kenne.

„Und ich bin in den Jahren ein hervorragender Giftmischer geworden, ein Alchimist geradezu, und ich habe ihr Schmerzen gezaubert, so wie ich selbst Schmerzen hatte, mein Leben lang, die mir vielleicht auch irgendwann einmal jemand zugezaubert hat, verstehen Sie?"

Er lacht und schlägt mit der Faust auf den Tisch.

„Wissen Sie, manchmal habe ich den Gedanken, dass auch meine Frau mich vergiftet hat, Jahr für Jahr Gift war, das mich ausgezehrt hat, aber niemals töten konnte. Wie hätte sie mich auch töten können, dieses schwache Geschöpf, diese Hure, aber sie hat es versucht, glauben Sie mir, sie hat es versucht."

*

„In meinem Körper tobt ein Kampf",

sagt er auf einmal mit pathetischer Stimme,

„und glauben Sie nicht, dass ich damit nur sagen möchte, dass in allen meinen Körpersäften Blut ist.
Sehen Sie, alle Krankheiten, die ich habe, und ich habe so ziemlich jede erdenkliche, erdenkbare Krankheit, wissen Sie, alle diese Krankheiten kämpfen sich zu meinem Herzen vor, und ich bin davon überzeugt, dass ich nur noch lebe, weil meine Krankheiten es nicht fertigbringen sich gegen mich zu verbünden, verstehen Sie, eine Infektion frisst die andere, sie bekriegen sich gegenseitig um mein schwaches Immunsystem und an dem Tag, an dem sie sich verbünden, werde ich sterben. Begreifen Sie, wie wahnsinnig das eigentlich ist, wo doch letztendlich jede Krankheit dieselbe Wurzel hat. Jede Krankheit resultiert aus Schwäche, verstehen Sie, deshalb ist niemand unschuldig an seinem Leid. Nehmen Sie meine Frau, diese Hure, sie war schwach und sie war krank, sehen Sie mich an, sogar ich bin krank, obwohl ich nicht schwach bin, doch die Starken leiden am längsten, leiden und darben, bis sie begreifen, dass auch sie schwach sind, denn selbst der stärkste Wille ist in schwaches Fleisch gegossen, schwaches Fleisch, das auf den Tod zuwächst, das faulen wird, irgendwann, egal wie genial, egal wie erhaben der Geist diesen Körper lenkt. Er ist darauf angewiesen, der Geist auf das Fleisch, ebenso wie das Fleisch auf den Geist, doch was ist schon Geist? Geist ist nichts als der Versuch unsere Triebe zu verleugnen und ich weiß, dass unsere Triebe wichtiger, reiner und natürlicher sind als jener Geist, jene Triebe, die uns durch Tausende von Jahren Evolution geführt haben, begreifen Sie eigentlich wie rein unsere Triebe sind? Drücke ich mich klar aus? Nicken Sie ruhig, wenn Sie mir zustimmen, nicken Sie, ja, nicken Sie."


Kapitel 7


Und der alte Mann sprach:

„Wussten Sie, dass die Mathematiker die grausamsten Menschen sind?",

fragt er mich und ich schüttele den Kopf, weil mir dieser Gedanke neu ist.

„Die Mathematiker sind mit Abstand die grausamsten Menschen, weil die abstraktesten, die unmenschlichsten
Menschen, und wenn ich von unmenschlichen Menschen spreche, dann meine ich es wortwörtlich, unmenschlich sind sie, weil sie an Zahlen glauben.",

fügt er bedeutungsvoll hinzu, während er ein langes, spitzes Stück Metall in die Hand genommen hat und sich damit die Fingernägel reinigt.

„Es gibt keine Zahlen",

sagt er,

„das weiß doch jeder und damit meine ich nicht dieses neuphilosophische Geschwätz um Intension und Extension.

Es gibt keine Zahlen",

schreit er auf einmal,
„weil das Schlechte nur qualifizierbar, nie quantifizierbar ist, verstehen Sie, es geht um die Qualität, um die Schwärze der Finsternis.
Können Sie die Schwärze meiner Finsternis berechnen?",

fragt er mich und gibt selbst die Antwort:

„Nein, Sie können es natürlich nicht, genauso wenig, wie Sie berechnen können, wie rot ein Apfel, wie ekelerregend der liberale Gedanke ist. Es gibt keine Zahlen, Zahlen sind Heuchelei. Ist es ein Schmerz, der mich quält, oder sind es viele Schmerzen? Viele Schmerzen in der gleichen Form, oder ein Schmerz, der in verschiedenen Varianten als Blut in meinen Körpersäften ist? Mathematiker sind ebenso grausam, wie sie borniert sind, ebenso borniert wie gleichgeschaltet, verstehen Sie, was ich mit gleichgeschaltet meine?
Nicken Sie, nun nicken Sie doch schon, ja, so ist es gut.
Man könnte sagen, dass es keine Mathematiker gibt, weil es keine Zahlen gibt, ebenso wie, dass Mathematiker grausam sind, so wie Zahlen grausam sind, doch kann etwas grausam sein, das es nicht gibt? Ich bin 82 Jahre alt",

sagt er,

„doch was bedeutet das, nichts bedeutet es, weil ich den Tag meines Todes nicht kenne, verstehen Sie?"

*

„Wahrheit macht frei!"

sagt er,

„hören Sie, was ich sage? Wahrheit macht frei und nichts trägt mehr Wahrheit als ein aufgesetzter Kopfschuss. Wahrheit macht frei und so war ich gefangen, als ich sie belogen habe, meine Frau, gefangen, während sie frei war. Nur die stärksten Menschen bringen es fertig immer die Wahrheit zu sagen, während die Schwachen über ihre Schwäche belogen werden wollen. Das sind die Menschenrechte, das ist es, was ich mit konventionalisierter Heuchelei meine, verstehen Sie? Ich selbst war nicht stark genug, um die Wahrheit zu sagen, wobei man nie vergessen darf, dass die größte Wahrheit stets die Tat, die rücksichtlose Tat ist, weil bei der Rücksicht bereits die Heuchelei beginnt. Rücksicht ist Schwäche, egoistische Schwäche. Rücksicht ist der Gedanke:
‚Wie würde ich empfinden, wenn ich so schwach wäre?'
Rücksicht ist das Zurückziehen der erhobenen Faust.
Verstehen Sie? Kant hat die Menschheit kastriert, so wie man die Schwuchteln kastrieren sollte, verstehen Sie, weil der kategorische Imperativ nichts als eine Ausformulierung eben dieser Schwäche ist. Was kümmern den die allgemeinen Gesetze, der stark genug ist, nach eigenen Prämissen zu leben. Was scheren den einen Menschen die anderen, die sich in ihrem tiefsten Innern ja doch nur einen Dreck um den scheren, der diesen Gedanken denkt.
‚Handle so, dass Dein Handeln Dir zum Vorteil gereicht',
das ist mein kategorischer Imperativ, nein, er ist nicht einmal kategorisch, er ist nackt, mein nackter Imperativ, meine Pietät. Begreifen Sie langsam das Wesen meiner Pietät? Die Menschen sollen leben oder sterben, es kümmert mich nicht, nein, sie sollen sogar leiden, wenn sie es wollen, sollen sich foltern, auslöschen, ihren Trieben folgen, ebenso wie ich meinen Trieben folge. Die Schwachen sterben, während sich die Starken paaren, das ist meine Pietät. Ich habe nur Verachtung für schwaches Fleisch, verstehen Sie, nichts als Verachtung für schwaches Fleisch. Sind Sie schwach, nein, ich weiß es, Sie sind boshaft, vergessen Sie nie, dass Sie boshaft sind, wenn Sie eine Heimat suchen. Und achten Sie darauf, dass es dort finster ist, wo Sie ihr Haus bauen, finster, aber nicht dunkel, verstehen Sie, es kann so viel Finsternis im Licht liegen.
Verwechseln Sie nie die Finsternis und das Dunkel und bauen Sie ihr Haus groß genug, so dass auch ihre Triebe Platz darin finden, denn sonst sprengen diese eines Tages ihr Haus. Nutzen Sie Ihre Triebe, um Ihre Finsternis zu verwurzeln, dann bauen Sie ein stabiles Haus, das auch die größte Grausamkeit, die tiefste Einsamkeit überdauert. So ist mein Haus gebaut und es steht noch dort, wo so viele ihr Lager abgebrochen haben. Merken Sie sich meine Worte.
Das ist meine Pietät. Das ist meine Finsternis.


*

„Sie haben sich bestimmt gefragt, warum ich eine Uhr besitze, wo ich Ihnen doch gesagt habe, dass Zahlen Heuchelei und damit Zeit nichts als Lüge und Illusion ist? Verstehen Sie, eben darum besitze ich diese Uhr, diesen Wecker hier und eben diese Uhr, die zudem ein Erbstück meines grausamen
Vaters ist, meines unmenschlichen Vaters, und Sie wissen, wie ich das Wort ‚unmenschlich' gebrauche.
Ich sage nicht, dass mein Vater ein Dämon war, aber er hatte kein Herz, er hatte nur Zorn, aber einen kindischen, traurigen Zorn, keine Finsternis, hören Sie, nichts als Zorn über die eigene Unzulänglichkeit. Darum wollte ich nie Kinder, verstehen Sie, weil ein Teil seines Hasses mit den Jahren mein Hass geworden ist, meine Finsternis vergiftet hat, denn sein Zorn war nicht rein.
Umso schwerer wiegt der Betrug meiner Frau, dieser Hure. Möchten Sie mit mir zu ihrem Grab spazieren,
es ist nicht weit und doch war ich seit Jahren nicht dort, einfach, weil ich diesen Ort nicht mit ihr verbinde. Außerdem sehe ich sie jeden Tag, Sie haben ja das Bild an meinem Kühlschrank gesehen, den Orden, den ich ihr für ihren Betrug verliehen habe, jenen Betrug, der in seiner Boshaftigkeit das größte und gewaltigste war, das sie in ihrem kleinen Leben jemals verbracht hat, diese Hure. Aber es gibt eine schöne Bank dort, sehen Sie mich nicht so an, auf dem Friedhof, eine Bank unter Birken, nein, natürlich ist es dort nicht schön, verstehen Sie das Wort nicht falsch, nicht im herkömmlichen Sinne, aber ich kann dort freier atmen. Kommen Sie schon, vergessen Sie den Rollstuhl, wollen Sie mich beleidigen? Ich habe noch genug Kraft, um auf meinen eigenen Beinen das Grab meiner Frau zu erreichen, nein, ich werde keine Schwäche zeigen, wo ich sie so oft wegen ihrer Schwäche verachtet, gehasst habe, kommen Sie schon, stehen Sie auf. Es ist an der Zeit aufzubrechen."
 
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Kommentare  

DANKE!!!

anonym (30.05.2008)

Sehr beeindruckend !!!

anonym (30.05.2008)

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