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Die Fabel vom Efeu und der Kiefer

Poetisches · Amüsantes/Satirisches
Mitten im Wald, wo er tief wird und tiefer,
wo kaum noch Sonne den Boden erreicht,
wächst im Verborgenen sacht eine Kiefer,
langsam und mühsam – es fällt ihr nicht leicht.
Denn in der Dämmerung wächst es sich nicht. –
Es fehlt ihr das Licht!

Unter der Kiefer ein Efeu hinkümmert,
kühl ist es hier zwischen Farnen und Moos.
Kärglich das Licht, kaum ein Sonnenstrahl schimmert,
klein bleibt der Efeu und wär so gern groß.
Gierig späht er an der Kiefer hinauf:
Da müsste man rauf!

„Darf ich dein Partner sein?“, flüstert die Ranke,
„wachsen gemeinsam wir hoch wie ein Turm!“
„Gern“, sagt die Kiefer, „ein guter Gedanke,
stütz mich – dann trotzen wir jeglichem Sturm!
Wenn wir zusammenstehn, werden wir groß.“
Schon wachsen sie los.

Und so beginnt ihr gemeinsames Leben.
Schnell wächst die Kiefer, vom Efeu gestützt,
kann bis ins Blätterdach kraftvoll sich heben,
dort, wo die Sonne die Wipfel durchblitzt.
Platz an der Sonne – mit doppelter Kraft
ist's endlich geschafft!

Bald jedoch hört man die beiden sich streiten.
Jeder beansprucht mehr Sonne für sich,
drängelt und schiebt, um sich weit auszubreiten.
Freunde von einst lassen so sich im Stich,
zanken sich hart um den Sonnen-Platz-Sieg,
erklär'n sich den Krieg.

Doch weil der Efeu sich schlängelt und windet,
hat er schon bald alle Sonne allein.
Nichts bleibt der Kiefer mehr übrig, sie findet
fast keinen Zugang mehr zum Sonnenschein.
Kühn wächst der Efeu, gewaltig und forsch.
Die Kiefer wird morsch.

Als dann ein Sturm aufzieht, kommt's zum Finale:
Schnell bricht der wacklige Kiefernstamm weg,
reißt auch den Efeu mit. Mit einem Male
liegen die Streithähne nutzlos im Dreck.
Und die Moral von der langen Geschicht?
Krieg lohnt sich nicht.

http://www.wolfgang-reuter.com, 18. 07. 2009
 
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Kommentare  

hallo, wolfgang, tja, wie uns das passieren konnte. schön, dass du es korrigiert hast, allerdings war dein tag am 1. august. lach. es ist unglaublich!
gruß von


rosmarin (03.08.2009)

Wie versprochen, habe ich den Text jetzt korrigiert.

Wolfgang Reuter (03.08.2009)

Na klasse. Dann reihe ich mich mal ein und kassiere mir eine 6 für Textverständnis.

Killing Joke (28.07.2009)

Nach 139 Zugriffen, 8 Kommentaren und 21 grünen Karten
muss ich mich doch noch einmal zu Wort melden:
Ein Freund machte mich darauf aufmerksam, dass ich
- in den Strophen 1 bis 4 von einer Kiefer erzähle,
- die dann in den letzten zwei Strophen zur Fichte mutiert.

Es ist unglaublich, wie mir so etwas passieren konnte!
Es ist noch unglaublicher, dass dies bisher niemand
in „Webstories“ bemerkt hatte.
Ich verstehe die Welt nicht mehr!

Ein botanischer Volltrottel.
(Den Text korrigiere ich erst am 01. August!)


Wolfgang Reuter (27.07.2009)

Tja, auf nichts kann man sich verlassen. Nicht einmal auf einen - eigentlich so anständigen - Efeu. *Schmunzel* Sehr schönes kleines Friedensgedicht und ganz besonders gut geeignet für Kinder.

doska (27.07.2009)

Hallo Wolfgang,
echt gut gelungen und das gilt, wie ich meine, ja nicht nur für Krieg, das passiert in allen Lebensbereichen


Jochen (26.07.2009)

hallo, wolfgang, wieder eine tolle geschichte, in stimmigen versen erzählt. und ein lapidarer, uns allen bekannter, schluss. danke auch für den tipp.
gruß von


rosmarin (25.07.2009)

Hallo, Ihr Wohlmeinenden,
da danke ich aber sehr für die Blumen!
Dass ich Fabeln sehr mag, konnte man wohl schon merken an
„Die Fabel vom Lauch und den Rosen“.
Und weil ich bisher nur Fabeln mit Tieren kannte,
versuche ich es halt mal (revolutionär?!) mit Pflanzen.

Übrigens: Diese Fabel und auch „Krieg spielen“ und „Soldatin“
sind meine Beiträge zur Berliner „Friedenslesung 2009“,
an der sich jeder (also auch Ihr!!!) beteiligen kann.
Schaut mal rein bei http://www.friedenslesung-berlin.de/
und schickt dann Eure Texte an kulturforum@kulturring.org!
Nur noch bis zum 31. Juli 2009 ist Zeit dafür.


Wolfgang Reuter (25.07.2009)

lieber Wolfgang,
wieder einmal eine gelungene Fabel.Glückwunsch! Eignet sich gut zur Friedenslesung, dann profitieren noch weitere Literaten von Deiner Lyrik.
Brunhild


Brunhild Hauschild (25.07.2009)

Wie der Mann es doch schafft mit leichter, seichter Poesie am Ende noch mit vier Worten den Holzhammer hinterherzuschieben.

Zur erklärung: Beim ersten lesen ratete ich noch - Schleswig Holsteinischer Koalitionskindergarten? Nein, das paste nicht. Die Allseits beliebten Bankerburschenschaften? Möglich aber unwahrscheinlich. Ich kam vor dem Ende nicht auf das Thema Krieg, da hat die letzte Zeile gut gewirkt.

Erbsenzählerei: Das parasitäre Verhalten der Efeupflanze ist weniger ein Krieg als eher Nahrungsdiebstahl mit tödlichen Dimensionen. Krieg dagegen ist einfach Sc...ße.


Killing Joke (24.07.2009)

Hallo Wolfgang.
Da hast du aber ein richtiges Meisterwerk fabriziert. Es liest sich so locker und flüssig, als hättest du gar nichts Gereimtes, sondern nur eine kleine Geschichte geschrieben. Erst wenn man es noch einmal liest, merkt man wie melodisch es klingt. Schöne Metapher als Aufruf für mehr Zusammenhalt in der Welt.


Petra (24.07.2009)

Das find ich großartig dargestellt mit den Pflanzen. Das sagt alles. Deine Art, ernsthafte Dinge/Themen mal in ganz anderer Form und Weise zu präsentieren ist einfach genial.

Fan-Tasia (24.07.2009)

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