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Die Fliege

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Doch, doch, Sie sehen richtig. Dieser Brief ist ganz mit dunkelrotem Blut geschrieben worden und als Stift hab ich meinen Zeigefinger bis auf den Knochen abgefressen. Hat nicht gut geschmeckt, aber den Zweck erfüllt.
Ich bin mir sicher schon tot zu sein. Ich habe keinerlei Schmerzen, schlafe nicht und ständig fliegen mit mir hundert Fliegen durch den Nachthimmel. Das ich fliegen kann, ist natürlich schon alleine eine eigenartige Sache, aber das ich von Fliegen dabei verfolgt werde gab mir zuerst ein zusätzliches Rätsel auf.
Heute weiß ich, dass es daran liegt und lag, dass ich seit meinem Unfall verfaule und damit Fliegen anlocke. Diese legen ihre Eier in mich hinein, Maden schlüpfen, fressen Gänge in mich und werden dann zu weiteren Fliegen, die mich dann als ihren Lebensmittelpunkt sehen.
Ich denke, ich bestehe zeitweilig mehr aus Maden als aus noch vorhandenem Fleisch.
Warum ich nicht einfach tot bin und tot bleibe, weiß ich nicht. Es gibt eigentlich keinen trefflichen Grund. Ich bin mit allen Lebenden im Reinen und ein Übergang ins Paradies oder nach unten wäre jederzeit ok. Auch bin ich nicht verwirrt oder so.
Gut, am Anfang hat mich meine Situation schon sehr mitgenommen. Man wacht ja nicht jeden Tag unter der Erde auf und muss sich irgendwie an die Oberfläche kämpfen. Was übrigens sehr schwierig ist, weil man ja nicht weiß wo oben und unten ist. Hab aber ein wenig Erde ausgehöhlt, gespuckt und als die Spucke wieder in meinem Gesicht gelandet ist, wusste ich das über mir oben ist. Es war auch nicht, wie in so Filmen, Nacht sondern heller Tag und eine Oma staffierte das Nebengrab gerade mit Stiefmütterchen aus. Sie beobachtete meine Selbstausbuddlung und kniff mich dann in die Wange, wobei sie zwischen ihren alten Fingern ein wenig Wange zurückbehielt. „Machen Sie schnell, dass Sie hier wegkommen. Die Friedhofsgärtner sehen es nicht so gerne, wenn man die Gräber aufschüttet“ meinte sie leis.
Die Tage brauch ich nicht mehr zählen. Eigentlich habe ich pro Tag auch zwei Tage, weil die Nacht für mich ja keine Ruhezeit ist. Das summiert sich gefühlsmäßig.
Menschen meide ich, weil sie mich wegen meines Geruches und den Fliegen meiden. Meine Gestalt an sich habe ich in drei übereinander geschlagenen Saris verhüllt und eine Nylonmaske übergezogen. Wenn ich doch mal in meine Menschenmasse muss verhülle ich mich und die Fliegen zudem in Plastikfolie die ich mir um den Leib klebe.
Mit dieser gesellschaftlichen Abkapselung hatte ich eigentlich am meisten zu kämpfen, aber es wird besser. Denn je mehr ich mein Fleisch verliere und sich dafür Fliegen in mir sammeln verliere ich auch das Bewusstsein Mensch zu sein und nur ein Mensch kann andere Menschen vermissen. Oder eben ein Hund der durch langen Menschenkontakt denkt, er sei selbst ein Mensch.
Ich hab aber Bewusstsein und bin jetzt schon mehr Fliege als alles andere.
Ich akzeptiere das und muss es auch, weil es unaufhaltbar ist und ich ansonsten zugrunde gehe wenn ich mich am Menschsein zu sehr festhalte.
Und genau aus diesem Grunde liegt dieser Brief auf Deinem Fensterbrett. Jeden zweiten Tag bringst Du einen Müllbeutel hinaus und ich wollte Dich einmal bitten, dass Du diesen unverschlossen neben die Tonne stellst. Meine Finger, außer der mit dem ich gerade schreibe, sind alle schon zu Fliegen verfressen und mit einem Finger kann man schlecht Müllbeutel öffnen. Schön wäre es auch, wenn Du vielleicht den Katzensand unten dann aufmachst. Danke.
 
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Kommentare  

Hihi, herrlich, der Schluss mit dem Katzensand. Ja, dein Untoter hat irgendwie sowas Liebes und ich glaube deswegen erschrecken sich die anderen auch vor ihm nicht.

Petra (29.07.2009)

Tolle fantastische Geschichte. Hatte ich zunächst nicht gedacht. Am Anfang hatte ich den Eindruck, es würde nur irgendeine Blödelei, aber es ist eine witzig - spannende Story über einen "Untoten" geworden, von dem ich glatt noch ein zweites Kapitel lesen könnte.

doska (29.07.2009)

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