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Marzahn-Loblied: ICH MAG DIE PLATTE!

Poetisches · Aktuelles und Alltägliches
Wie hat’s mir damals gut getan;
da sprach mein BGLer*:
„Du kriegst ’ne Wohnung in Marzahn
mit Vollkomfort und Keller.“

Da hab ich einen drauf gemacht
und schnallte spät erst in der Nacht,
was für ein großes Glück ich hatte:
Ich mag die Platte!


Zwar ham wir weder KaDeWe,
noch ’ne Elite-Schule;
doch dafür einen Bagger-See
und unser Flüsschen Wuhle.

Mein Nachbar kommt gern auf ein Bier,
und viele sagen „du“ zu mir.
Hier bin dein Mann ich, nicht dein „Gatte“.
Ich mag die Platte!


Von Hellersdorf und von Marzahn
kommt man ratz-batz nach Mitte
mit S-Bahn, U-Bahn, Straßenbahn
und Fahrrad auch – na bitte!

Und raus ins Grüne geht’s hier leicht,
weil Wald und Flur man schnell erreicht.
Die Landluft lockt, die satte, glatte ...
Ich mag die Platte!


Wir haben manchmal wenig Geld
und leben gern mit Hunden.
Die Gärten aus der ganzen Welt
kann man bei uns erkunden.

Auch Arbeitslose gibt es hier,
die leben mühsam von „Hartz IV“,
doch niemals in der Hängematte.
Ich mag die Platte!


Wir sind der Osten von Berlin,
wie damals – so auch heute.
Minister zieht’s hier selten hin,
hier leben kleine Leute ...

... und mancher, der gut russisch spricht.
Wer neureich ist, der wohnt hier nicht,
packt lieber westwärts sich in Watte! -
Ich mag die Platte!


Wolfgang Reuter, 16. 05. 2010

* „BGLer“ nannte man den Chef der Betriebs-Gewerkschafts-Leitung, die auch die damals begehrten Neubau-Wohnungen vergab (Plattenbauten mit Fernheizung, fließend Heißwasser, Einbauküchen ...)
Zum vorliegenden Text gibt es eine Vertonung, die ich bei meinen „Lesungen am Klavier“ oft vortrage.
 
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Kommentare  

Gefällt mir, wie du ins Schwärmen gerätst. Ich glaube, es ist einfach wichtig, was man aus seinem Leben macht. In diesem Fall, dass man viel spazieren geht in die nahe Umgebung, die wohl noch sehr schön ist, und dann hat man den Ausgleich. Da muss ich Jochen zustimmen. Andererseits habe ich schon sehr viel Schlechtes gerade über Plattenbauten gehört. Aber bei dir wird es wohl nicht so gewesen sein. Süße Schwärmerei, da wird man ganz kuschelig und muss schmunzeln und wie immer hast du alles meisterhaft gedichtet.

Petra (25.06.2010)

Hallo, Ihr Lieblichen,

heißen Dank für viele gute zusätzliche Gedanken. Ich gestehe, dass mich das (vor allem durch Medien) weit verbreitete schlechte Platten-Image gereizt hat, dagegen zu halten. Denn es ist und bleibt wahr: Von außen betrachtet, mögen Platten-Siedlungen „unkuschelig“ wirken - wer aber je darin gewohnt hat, weiß es besser.

Und was das Satirische betrifft, liebe RosMarin, da hast Du ja Recht. Aber die angebotenen Kategorien schienen mir allesamt unpassend. Da habe ich halt gewohnheitsgemäß die Satire gewählt. Dort fühlte ich mich noch am besten aufgehoben, weil mein Loblied ja nicht in hehren Phrasen tönt, sondern recht bodenständig „schnoddert“. - Und ich versichere: Ich mag die Platte!

Noch eine kleine Episode: Nachdem der Text in ein paar kostenlosen Marzahner Anzeigen-Zeitungen veröffentlicht worden war, sprach mich eine Migrantin aus Russland an: Es sei der erste ihr bekannte Text, in dem die Rede sei von „und mancher, der gut russisch spricht“. Das sei eine große Freude für sie, nun endlich in Marzahn als Einheimische akzeptiert zu werden ...


Wolfgang Reuter (23.06.2010)

hallo, wolfgang, mal wieder ein kleines meisterwerk aus deiner reimschmiede. alles, was du beschreibst, ist mir vertraut. und aus der platte sind sehr schöne wohnungen entstanden. aber, mir wäre es lieber, du hättest es nicht unter satirisches gepostet, denn es stimmt. und es ist nichts überzogen. es klingt wie ein etwas wehmütiges liebeslied an ein zuhause.
satire ist eine spottdichtung, die mangelhafte tugend oder gesellschaftliche missstände anklagt. (wikipedia) und ich nehme nicht an, dass du die platte und das grüne marzahn verspotten willst.
hier kommen ganz liebe grüße an dich


rosmarin (23.06.2010)

Stimmt! Wenn man gut und preiswert wohnen will, geht's noch am ehesten in Marzahn. Man kann auf grüne Berge klettern und die Wuhle lang spazieren, kilometerweit, praktisch von S-Bahn zu S-Bahn zu U-Bahn zu S-Bahn ... und die Vögel dabei piepen hören!

Sven Jaelin (22.06.2010)

Ist schon erstaunlich, denn viele mögen sie nicht. Mal was anderes, deine Meinung. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass die Natur, sofern man sie rasch errreichen kann, ein guter Ausgleich dazu ist. Bewunderswert, wie du uns deine Meinung stets in perfekt gereimter Form mitteilen kannst und als Lied müsste sich das Ganze wohl noch besser anhören.

Jochen (22.06.2010)

Gibt uraltes Sprichwort wat du sicher kennst. "Ob Ost ob West tu hues is best!" Das kann man wirklich zu deinem Gedicht sagen. Hat mir sehr gut gefallen, deine kleine Hommage an die vertraute Umgebung, die man nicht missen möchte.

doska (22.06.2010)

Huhu, das hat mir auch gefallen. Wenn man's genau nimmt, bin ich in einer "Wessi-Platte" groß geworden. Immer eine Horde von Kindern um den Häusern, inklusive Abenteuerspielplatz, Tarzanschaukel, Cowboy-und Indianerspiele, schnell eine Pommes holen im "Grill 2000", die ersten "Feten mit Musik" im Wäschekeller.
Liebe Grüße Dubliner Tinte


Pia Dublin (22.06.2010)

Hallo Wolfgang,

hat mir sehr gefallen, dein Gedicht.
Auch ich wohne seit 23 Jahren in der Platte. und kann nicht klagen. Da ist wenigstens noch ein gewisser Zusammenhalt.
Ich finde es prima, dass du in deinem Gedicht die alten Zeiten wieder ins Gedächtnis zurückgerufen hast, und interessante Vergleiche mit der Gegenwart gezogen hast.
LG. Michael


Michael Brushwood (22.06.2010)

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