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4 Seiten

VOLKSSPORT NR. 1

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
>>>>>... und da es sich um ein relativ neues Hobby handelt, das aber stark im Kommen ist, geben wir für diesen vergnüglichen Volkssport ein kleines Brevier heraus, damit alle Beteiligten auch so richtig Spaß daran haben, denn stümperhaftes plumpes Mobben ist geistlos, leicht durchschaubar und vor allem LAAANGWEILIG.

Fürs erste nehmen wir uns den Arbeitsplatz vor, dieser ist geradezu ideal zum Mobben.

Was solltest du als angehender Mobber also beachten?

1.) Es kann nahezu jeder gemobbt werden, aber bei gewissen Leuten macht es gewaltig viel mehr Spaß als bei anderen. Es sollte eine Person sein, die intelligent genug ist, um gewisse Minderwertigkeitskomplexe zu verspüren, sie sollte gut erzogen und höflich sein, denn dann wird sie sich nicht groß wehren.

2.) Bevor man mit dem Mobben anfängt, sollte man sich der Unterstützung seines Chefs (Abteilungsleiters u.s.w.) sicher sein. Am besten vorher durch ein paar Bemerkungen antesten, wes Geistes Kind er oder sie ist. Die Unterstützung der restlichen Mannschaft kommt ganz von alleine. Man nennt das den Mitzieh-Effekt.

3.) Dann gucke man sich ein Opfer aus und gehe dabei nach folgenden Auswahlkriterien vor:
Jemand ist zu dick, zu dünn, zu groß, zu klein, zu schwarz, zu extravagant, zu faul, zu fleißig, ohne die richtige Nationalität, ohne die richtige Religion, ohne die richtigen Eltern, Geschwister, Antworten, Kleider, ist schwul, lesbisch, bi oder hetero, hat zuviel oder zuwenig Sex, kann etwas besser als du - oder einfach nur, weil seine Nase dir nicht passt.

Man hat also das Opfer ausgesucht. Nun sollte man sich ein Konzept überlegen.
Wenn das Opfer arbeitsmäßig gut ist und fast unentbehrlich erscheint, dann kann man die Arbeit des Opfers madig machen, sie zum Beispiel als künstlich erzeugte Arbeitsbeschaffungs-Maßnahme bezeichnen, die vollkommen überflüssig wäre. Seine eigene Arbeit hingegen sollte man als firmenerhaltend und konstruktiv hinstellen und dieses auch immer wieder dem Chef (Abteilungsleiter u.s.w.) einflüstern.
Man kann natürlich auch privat den Hebel ansetzen. Kleines Beispiel: Wenn eine Mitarbeiterin nicht mindestens dreimal am Tag mit ihrem Mann innige und vor allem lange Telefonate führt, dann ist das ein sicherer Hinweis auf eine zerrüttete Ehe - und sehr vielversprechend!
Falls Arbeit und Privatleben allerdings überhaupt nichts hergeben, dann kann man dem Opfer als letzte Möglichkeit Drogensucht vorwerfen. Das klappt immer!

Tipp: Es ist besser, vorher mit dem Opfer Brüderschaft getrunken zu haben, denn dann kannst du es duzen. Beim Siezen ist die Hemmschwelle zu hoch, um gute Gemeinheiten zu produzieren.
„Sie sind ein abartiges Wesen! (Schwach, absolut nicht überzeugend!)
„Du bist ein perverses Schwein!" (Viel besser!)

Du solltest auch nicht permanent auf dem Opfer herumhacken, dadurch könnten Mitleidsgefühle (das soll tatsächlich vorkommen, ist aber selten) bei den anderen entstehen. Besser ist es, ab und zu das Opfer um Rat zu fragen und sich bei ihm über andere auszulassen. Das Opfer wird dadurch eingelullt, es ist froh, einen Augenblick lang Ruhe vor dem Mobber zu haben und wird einen Tag (eine Stunde, eine Minute) später umso härter durch eine unverfrorene Bemerkung vom Mobber frontal getroffen. Das ist die hohe Kunst des Mobbens!
Ferner darfst du dich ruhig bestechen lassen von dem Opfer. Man kann von diesem minderwertigen Kroppzeug ruhig Süßigkeiten, Bücher und kleine und größere Gefälligkeiten annehmen. Bei Gefälligkeiten sollte man das allerdings nur tun, wenn man mit dem Opfer alleine ist. Falls das Opfer dir in Gesellschaft eine Gefälligkeit anbietet oder dich um einen Gefallen bittet (weil du ihm das just gestern angeboten hast), dann weise dieses unverschämte Ansinnen empört von dir. Das Gesicht des Opfers wird es wert sein.

Weiter: Du solltest nicht zwei Leute auf einmal mobben, es könnte zu Fraktionsbildungen bei den Opfern kommen, und das wollen wir ja nicht. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit der Fraktionsbildung unter Opfern verschwindend gering, denn eines von beiden wird sich nicht so stark gemobbt fühlen wie das andere, und dieses nicht so stark gemobbte möchte mit dem anderen Loser nichts zu tun haben. Unglück steckt nämlich an... Besser ist es, sich nach und nach neue Opfer herauszupicken. Das alte Opfer wird ein enormes Gefühl der Erleichterung verspüren, wenn dein erbarmungsloser Druck nicht mehr voll auf ihm lastet, es wird dein williges Werkzeug werden, und es wird auf dem neuen Opfer mit Hingabe herumhacken. Tja, so sind die Menschen halt...

Das war natürlich nur eine kleine Einführung in die Hohe Schule des Mobbens. Bald wirst du selber alle Tricks und Kniffe beherrschen. Natürlich sind die Feinheiten des Mobbens deiner Fantasie überlassen. Du musst nur einen Blick für die Opfer und ihre Empfindlichkeiten haben, denn Mobben ist reine Psychologie. Und wir wollen das Mobben doch auf keinen Fall stümperhaft betreiben, wir wollen dem Opfer nicht nur die reine Kindergartenzeit, die Schulzeit und die Arbeitszeit vermiesen, nein, wir wollen ihm auch die Zeit zwischendurch vermiesen. Es soll immer an uns denken, immer an die Attacken denken, die da noch kommen werden und von denen es sich keinerlei Vorstellung macht. Und auch wenn es sich davon Vorstellungen macht, so werden seine Erwartungen immer übertroffen werden. Natürlich im negativen Sinne.

Also dann, wir wünschen viel Erfolg beim Mobben! <<<<<

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Bernd Elzebupp legte das kleine Büchlein kurz beiseite und musste heftig grinsen. Wieder mal was dazu gelernt...

Er drehte sich auf seinem Stuhl herum und rief: "Hey Clancy, Sie abartiges Wesen, kommen Sie doch mal her, ich will mit Ihnen Brüderschaft trinken!" Er nahm das kleine Büchlein wieder in die Hand, um auch noch das Nachwort zu lesen. Aus den Augenwinkeln heraus sah er, wie Clancy angedackelt kam. Das feige Schwein!
Leider bemerkte er nicht, dass Clancy eine dieser portablen Gartenäxte in seinen Händen hielt, er sah nur noch, wie ein stählerner scharfer Schatten auf seinen Schädel zuraste, hörte ein dumpfes Geräusch, irgendetwas knackte laut, und dann konnte er auf einmal gar nichts mehr sehen, geschweige denn denken.

Clancy atmete auf, zu seinen Füßen lag Elzebupp, blutüberströmt und anscheinend ziemlich tot, auch im Tode hielt er immer noch das kleine Buch fest.
Clancy bückte sich und nahm es an sich. Nachdenklich wog er es in seiner Hand. Dann schlug er zielsicher die letzte Seite auf und las laut:

NACHSATZ: Für die Opfer.

Leider kann der Verfasser dieses Breviers euch keinen guten Tipp geben außer:
Wenn Ihr dem Mobber in den Hintern kriecht, verlängert das nur Eure Leiden, denn so werdet Ihr ihn NIE los.
Und hört endlich auf damit, bei anderen Leuten Hilfe zu erflehen, denn es wird euch sowieso keiner helfen.
Fangt an, euch zu wehren denn was habt Ihr schon groß zu verlieren! Also wehrt euch mit allen Mitteln - und diese Mittel bleiben nun EURER Kreativität überlassen...
 
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Kommentare  

Auch ich war in eine derartige Situation geraten, und kann die gemachten Aussagen nur unterstreichen. Dieses war auch der Grund, weshalb ich meine Geschichte "Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit" geschrieben habe. Ich wollte die Leser für dieses hochwichtige Thema sensibilisieren, und du - Ingrid - sicherlich auch.
LG. Michael


Michael Brushwood (05.08.2011)

@ parallaxe, es gibt kaum eine lösung, die meisten opfer sind seelisch kaputt und können nicht mehr arbeiten. es ist auch schwierig, über so ein thema zu schreiben, satire funktioniert nicht, denn die wirklichkeit ist viel schlimmer...
@ gerald, holzhammer, auch nicht schlecht... ;-)


Ingrid Alias I (05.08.2011)

Tja, "sich wehren" ist ein guter Rat, aber Unterstützung von anderen ist auch nicht schlecht. Wer von aller Welt im Stich gelassen wird, wehrt sich auch nicht mehr.

Parallaxe (04.08.2011)

Also, das mit der Axt, finde ich nun wieder genial. Da kann man nicht gerade sagen, der Gemobbte gebärdete sich, wie die Axt im Walde" ;-)Er hatte nur eine mit und er nutzte sie auch nicht im Wald. Aber die Holzhammermethode ist manchmal auch nicht schlecht, damit die Mobber das endlich reinkriegen in ihre aggressiven Köpfe. Sehe das schon bildhaft vor mir. Amüsante Story gut gewürzt mit beißendem Humor.

Gerald W. (04.08.2011)

ein großes danke schön fürs lesen und kommentieren! ;-)
@ doska, jau, genauso läuft datt ab, @ dieter, wir brauchen mehr äxte!!!, else08, hab' ich also nicht übertrieben mit dieser studie..., @ geminus, das büchlein wirkte also echt? das ist guuut..., @ michael, du meinst bestimmt auch die seelisch leicht zerbrechlichen, das stimmt, sie haben kaum eine möglichkeit, sich zu wehren.
lieben gruß an euch


Ingrid Alias I (04.08.2011)

Mit dieser Geschichte ist es dir glänzend gelungen, dieses sehr ernste Thema wieder einmal - ich denke da an deine Geschichte, in der du dich mit dem Leben auf dem Planet Merde auseinandergesetzt hast - auf heitere Art zu beleuchten.
Auch dem Schlussteil möchte ich ausdrücklich zustimmen.
Wehren zeigt in einer derart verfahrenen Situation den einzig möglichen Ausweg auf.
Leider sind sehr gebrechliche Menschen heutzutage oft nicht mehr dazu in der Lage.
LG. Michael


Michael Brushwood (04.08.2011)

Bis zu dem Abschnitt mit der Gartenaxt, am Ende des Textes, hatte ich mir schon ein Opfer sowie ein kreatives Konzept ausgedacht!

Jetzt werde ich noch mal drüber nachdenken...

gefällt mir!


Geminus (03.08.2011)

Sehr schön, dass du diese Fieslinge mal so richtig auf`s Korn nimmst. Ich musste Mobbing am eigenen Leibe erfahren. Es ist tatsächlich so, dass einst selber Gemobbte sich ganz erleichtert auf das neue Opfer stürzen und sogar auch noch besonders fies zu ihm sind. Klasse Text.

Else08 (02.08.2011)

Ein gutes Thema. Und das Ende habe ich Bernd Elzebupp niederträchtigerweise so richtig gegönnt. Wer mit den anderen umspringt, wie die Axt im Walde, der braucht sich nicht zu wundern, dass ihn diese Axt eines Tages selber trifft.

Dieter Halle (02.08.2011)

Deine Story trifft total den Kern. So läuft das doch wirklich ab. Am Schluss musste ich lauthals lachen. Sehr gelungen.

doska (02.08.2011)

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