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Familienkutsche mit fünfzig Pferden

Poetisches · Erinnerungen
Ich will Euch die Geschichte erzählen von einem kleinen Automobil, es war zwar nicht einzigartig auf Erden doch mir bedeutete es sehr viel. Gerne denk ich an die Zeit zurück, wir hatten mit ihm einige Sorgen doch auch zahlreiche Stunden voller Glück. Das kleine Auto hatte im Arsch eine Menge Pfeffer, es war ein VW-1302-LS, im Volksmund auch bezeichnet als Käfer.

Es gibt zahlreiche Autos auf der Welt, manche bekommt man für viel, andere für wenig Geld. Der Kauf des kleinen Autos kostete uns fünfzehntausend D-Mark, sein Zustand war nicht gerade neuwertig aber sein Herz das war stark. Es war ein Boxermotor mit eintausendsechshundert Zentimetern im Kubik, sein Bullern um Leerlauf klang für mich wie Musik. Am Heck war ein quer liegendes Auspuffrohr, dessen Anblick kam mir wie ein Fremdkörper vor.

Die Formalitäten waren erledigt, der Wagen zur Ausfahrt bereit, doch bald machte erste Ernüchterung sich breit. Die Ausstattung des Armaturenbretts war spartanisch, eine Bedienungsanleitung für den Wagen gab es gar nicht. Die Bedienelemente für Frischluft, Scheibenwischer und Heizung fanden wir durch Probieren, es wäre wohl weise gewesen ein Geschichtsbuch zu studieren. Schließlich beherrschten wir die Armaturengalerie. Doch wo zum Teufel war die Batterie?

Nach Stundenlangem Suchen haben wir die Batterie entdeckt, unter der Rückbank hatten die Erbauer sie versteckt. Nachdem die Familie mit dem Wagen vertraut nun wart starteten wir zu unserer ersten gemeinsamen Fahrt. Als wir den Parkplatz des Autohauses verließen taten wir fast wie ein Kettenhund vorwärts schießen. Der kleine Motor mit fünfzig PS zog so barsch, es fühlte sich beim Beschleunigen im ersten Gang an wie ein Tritt in den Arsch.

Wie bei anderen Autos im ersten Gang war bei unserem in zweiten der Vorwärtsdrang, der Dritte fühlte sich an wie ein zweiter und auch im Vierten ging es so weiter. Auf die Autobahn kamen wir nach kurzer Zeit, schnell waren erreicht einhundertundzwanzig Stundenkilometer Geschwindigkeit. Bei einhundertunddreißig war dann Schluß, da äußerte der Motor mit lautstarkem Röhren bei hoher Drehzahl seinen Verdruß. Die Öltemperatur überstieg schnell die einhundertundzwanzig Grad, lange Fahrten bei Höchstgeschwindigkeit der Wagen nicht mögen tat.

Nach unserer ersten Fahrt brachten wir das Auto zu einer vertrauten Werkstatt um prüfen zu lassen ob es wirklich seinen Wert hat. Nach ein paar Tagen hat uns unser Mechaniker erzählt warum es dem kleinen Wagen an Ausdauer bei Höchstgeschwindigkeit fehlt. Das gewaltige Drehmoment und bei Höchstgeschwindigkeit der Hitzestreß war nun einleuchtend für den kleinen Motor mit fünfzig PS. Der letzte Besitzer hatte anscheinend den Motor mit einem Getriebe für einen Motor mit vierunddreißig PS vereint.

So war auch diese Frage geklärt warum der Motor zieht wie ein Kettenhund aber der Wagen nicht schneller als einhundertunddreißig fährt. Wir beschlossen die Motor- Getriebekombination so zu lassen, eine kurzzeitige Höchstgeschwindigkeit von einhundertunddreißig ist doch ausreichend für deutsche Straßen. Außerdem brauchten wir den Wagen hauptsächlich in der Stadt und in diesem Terrain er mehr als genug Leistung hat. Der Rest des Wagens war schnell instandgesetzt, ein zuverlässiges Auto hatten wir jetzt.

So begleitete uns der Wagen einige Zeit, er war stets wenn wir ihn brauchten bereit. Auch im Winter streikte er nie, denn unter der Rückbank war vor Kälte geschützt die Batterie. Der Wagen kam zwar nicht so schnell wie die anderen voran, doch weiß man das so paßt man seine Fahrweise an. Man muß ja in den Urlaub nicht rasen, es geht auch gut mit neunzig Stundenkilometern voran auf idyllischen Landstraßen. Das Platzangebot war zwar bescheiden doch taten wir stets das Reisen mit unnötig viel Gepäck vermeiden.

Es war eine schöne Zeit, wir liebten den Wagen, es war für uns das beste Auto weit und breit. Als mein Vater dann eines Tages starb, meine Halbschwester den Wagen von uns erwarb. Mein Bruder hatte kein Interesse dran, Mutter und ich keinen Führerschein, so reihte sich meine Halbschwester in die Liga der Käferfahrer ein. Seit dem habe ich den kleinen Wagen lang nicht mehr gesehen, ich hoffe er wird gut behandelt, es soll ihm gut ergehen.
 
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